{"id":59486,"date":"2019-12-02T00:01:38","date_gmt":"2019-12-01T23:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59486"},"modified":"2022-03-01T13:37:51","modified_gmt":"2022-03-01T12:37:51","slug":"aussenseiter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/02\/aussenseiter\/","title":{"rendered":"Au\u00dfenseiter der demokratischen Gesellschaft"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHeute sind K\u00fcnstler nicht nur \u201aAu\u00dfenseiter der Gesellschaft\u2019 (\u2026), sondern sie sind \u201aAu\u00dfenseiter der demokratischen Gesellschaft\u2019 (\u2026). Mit dieser lapidaren Feststellung pl\u00e4diert die Autorin in ihren didaktisch-methodischen Reflexionen \u00fcber m\u00f6gliche Darstellungsweisen von Kunstwerken f\u00fcr flexible Ausdrucksweisen im Umgang mit autonomen K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten. Doch von welchen Leitlinien geht die Autorin, Verfasserin mehrerer fachspezifischer Publikationen zum Thema, in ihrem Ratgeber aus?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer Einleitung sind es vor allem drei Fragekomplexe, mit derjenige zu tun habe, der sich mit der neuen Kunst besch\u00e4ftigen wolle: Das Besondere, das Sinnvolle an einem neuen Gegenstand und wie \u201eSchreiben bei neuer Kunst sinnvoll\u201c sei (S. 9). Das verweist zun\u00e4chst auf eine beinahe tautologische Vorgehensweise, denn das Besondere, das Sinnvolle und das sinnvolle Schreiben \u00fcber neue Kunst liegen in ihrer semantischen und pragmatischen Funktionsweise so eng beieinander, dass der aufmerksame Leser zun\u00e4chst inneh\u00e4lt, um sich die Gliederung\u00a0 des ganz in einem dottergelben Paperback-Umschlag gestalteten Bandes genauer zu betrachten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Vorspann zu ihrem Ratgeber \u00fcber \u201eAlte und neue Ratgeber\u201c rechnet die Autorin mit der \u201eunvorhersehbaren Klugheit ihrer Leser\u201c. Deshalb m\u00f6chte sie auch kein Ratgeberbuch schreiben, in dem sie etwas vorschreibt. Vielmehr verl\u00e4\u00dft sie sich mit ihrer Erfahrung von \u00fcber 40 Berufsjahren auf die immer neuen Verfahrensweisen im Kunstbetrieb und versucht, ungeachtet ihrer eingeschr\u00e4nkten Kenntnis von Weltkunstszenen etwas zu schreiben, was dieser neuen Kunst \u201eangemessen ist\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was aber sind alte und neue Ratgeber in einem Kunstbetrieb nach 1800, der nach A. Janhsen die Bezeichnung \u201aneue Kunst\u2019 tr\u00e4gt, seit 1910 ungegenst\u00e4ndlich wurde und nach 1945 wachsende Schwierigkeiten bei seiner Beschreibung bereitete? Ihre Empfehlungen reichen von Gilda Williams (\u201eHow to write about contemporary art\u201c, 2014), Arnold Gehlen (\u201eZeit-Bilder. Zur Soziologie und \u00c4sthetik der modernen Kunst\u201c, 1960) bis zu Michel Foucault und Peter Sloterdijk, deren kunsttheoretische Abhandlungen sie unter verschiedenen Rubriken anf\u00fchrt. Jedoch scheut sich Janhsen, irgendwelche bestimmte Ratschl\u00e4ge denjenigen zu geben, die das Schreiben \u00fcber neue Kunst praktizieren. Vielmehr entwirft sie in ihrem Kapitel \u201aneue Kunst\u2019 eine Reihe von Kriterien f\u00fcr den Umgang mit dieser inkommensurablen Kunstproduktion. Es sind Vielfalt, \u00c4hnlichkeit, variierende Gruppierungen, Markenzeichen, Erkl\u00e4rungsbedarf, Provokationen, Ohne Titel, Immaterielles, Interaktives und Partizipation. Die Liste umfasst mehr als zwanzig Merkmale, deren Beschreibung stets mit Verweisen auf Akteure, Publikationen und Theoretiker\/innen verbunden ist. Sie sind unter bestimmten Blocks am Ende der Publikation zu finden. Besonders zu empfehlen ist die Checkliste mit 24 Punkten, die wesentliche Fragen zur Vorbereitung und Durchf\u00fchrung von Kunstausstellungen enth\u00e4lt, ohne Gew\u00e4hr auf ihre Vollst\u00e4ndigkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201aMisstrauen gegen\u00fcber Sprache\u2019 \u2013 mit dieser Beobachtung setzt das Kapitel ein, das von der Behauptung ausgeht, dass nichts aus der Bildenden Kunst sich in Sprache \u00fcbersetzen l\u00e4sst und umgekehrt. Und was nun? Eine Sprache f\u00fcr \u201eNicht-Sprachliches\u201c schaffen? Wieder Kunstgespr\u00e4che wie zur Bl\u00fctezeit der Romantik f\u00fchren? Den konstatierten Verlust von Sprache in der Moderne und den Verlust von kunstkritischen Kategorien als Ausgangs\u00fcberlegungen f\u00fcr offene Festlegungen wie Anspruch, Haltung und Authentizit\u00e4t zu benutzen? Oder vollst\u00e4ndig auf das Schreiben verzichten, wenn Schreiben sowieso nur \u201esekund\u00e4r\u201c ist? Doch dieses \u201eSekund\u00e4re\u201c, also das elektronisch Geschriebene, unterliege, so Janhsen, im Zeitalter des Internets der Gefahr, das Erfahrbare verschwinden zu lassen. Und daraus w\u00fcrden neue Kunstformen entstehen, \u201edie mit solchen Bedingungen spielen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein unerm\u00fcdliches Zirkelschlu\u00dfverfahren, dem sich die Autorin nach einem dialogischen Verfahren hingibt, dass den nach schl\u00fcssigen Informationen suchenden Leser in ein Labyrinth \u00e4hnliches Argumentationsverfahren schickt, in dem f\u00fcr ihn immer andere, vorl\u00e4ufige Erkenntnisschritte m\u00f6glich sind. So pr\u00e4sentiert sie ein f\u00fcnf Schritte-Verfahren (Erkl\u00e4ren \u2013 interpretieren \u2013 \u00fcbersetzen \u2013 weitergeben \u2013 beschreiben) mit dem Ergebnis, dass \u201eErkl\u00e4ren und Interpretieren und \u00dcbersetzen [bei neuer Kunst] suspekt\u201c sind. \u201eWeitergeben von Informationen oder Beschreiben dessen, was zu sehen ist, \u2026 vielleicht n\u00fctzlich\u201c (S.107) ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sp\u00e4testens an dieser Stelle w\u00e4re es angebracht gewesen, ein Beispiel f\u00fcr eine \u201en\u00fctzliche\u201c Beschreibung zu geben. Allein die Hinweise auf Max Imdahls Interpretation von Martin Heidegger wie auch die Hans-Georg Gadamer-Lekt\u00fcre in der Rubrik \u201aWeiterlesen\u2019 erweisen sich als wenig ermutigend. Deshalb f\u00fchrt die Lekt\u00fcre des Kapitels II in die Uferlosigkeit der neuen Kunst, obwohl die Autorin ihre verwirrten Leser damit tr\u00f6stet, dass es auch heute m\u00f6glich sei, \u201egut\u201c \u00fcber diesen vertrackten Gegenstand zu schreiben. \u00a0Deshalb f\u00fcgt sie das Kapitel III hinzu, in dem es nun \u00fcber das \u201eGut schreiben \u00fcber neue Kunst\u201c geht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Schreiben ist trotz aller Gelassenheit noch lange kein konstruktives Schreiben, es sei denn, \u201eman\u201c habe vom Sprechen \u00fcber die neue Kunst gelernt \u2013 so lautet die Pr\u00e4misse, es sei denn, der \u201eLehrling\u201c habe sich immer wieder die wegweisenden Schriften jener \u201eTop Ten\u201c (vgl. S. 131) kritisch zu Gem\u00fcte gef\u00fchrt. Und die weiteren Schritte beim Entwerfen eines Textes? Bedingungen zum Schreiben pr\u00fcfen, das eigene Thema kennen, recherchieren, K\u00fcnstler kennen, alles kennen \u2026 Die Liste der vorbereitenden \u00dcberlegungen k\u00f6nnte noch l\u00e4nger werden, zumal die Autorin immer wieder auf das Terrain der Belletristik ausweicht. Dann aber folgt das Kapitel \u201aSchreiben \u00fcber die neue Kunst\u2019 mit einer F\u00fclle von pragmatischen Vorschl\u00e4gen. Die folgenden rund 40 Seiten (S. 154ff.) enthalten \u00dcberlegungen, Empfehlungen und Anweisungen zum Gebrauch von Begriffen, verweisen auf Textsorten und Stile, in denen bestimmte Texte verfasst werden und sie setzen sich mit der Stimmigkeit von Begriffen auseinander. Sie enthalten, eingedenk der zahlreichen Hinweise auf die Fallgruben bei der Konstruktion von Texten \u00fcber die neue Kunst, die eigentliche Essenz der vorliegenden Lehrschrift: Du mu\u00dft immer wieder Alternativen bilden, wenn es um die umfassende Beschreibung Deines Zielobjekts geht. Und dieses Objekt erh\u00e4lt in der vorliegenden Empfehlung eine umfassende, wenn auch zuweilen \u00fcberbordende Darlegung aus der Feder einer erfahrenen Kunsthistorikerin.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gut schreiben \u00fcber neue Kunst<\/strong>, von Angeli Janhsen Berlin (Dietrich Reimer Verlag) 2019<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-59490 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Kunst-198x300.jpg\" alt=\"\" width=\"198\" height=\"300\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Zusammenhang, ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/15\/nachdenken-ueber-kunst\/\">Hinweis<\/a> auf <strong>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/strong> von Stefan Oehm, K\u00f6nigshausen und Neumann, 2019 &#8211; Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Vertiefend auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00fcnstlerb\u00fccher sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eHeute sind K\u00fcnstler nicht nur \u201aAu\u00dfenseiter der Gesellschaft\u2019 (\u2026), sondern sie sind \u201aAu\u00dfenseiter der demokratischen Gesellschaft\u2019 (\u2026). 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