{"id":59182,"date":"2020-10-10T00:01:34","date_gmt":"2020-10-09T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59182"},"modified":"2021-01-23T12:58:12","modified_gmt":"2021-01-23T11:58:12","slug":"verbrannte-wurzeln","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/10\/verbrannte-wurzeln\/","title":{"rendered":"Verbrannte Wurzeln"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es d\u00e4mmert, als Adelhaid den alten abgebrannten Hof erreicht. Sie dreht ihre Runden, verst\u00f6rt, verwirrt. Nur langsam und in kreisf\u00f6rmigen Bewegungen n\u00e4hert sie sich dem Hof, der zu Teilen in Schutt und Asche daliegt, genau wie damals in ihrer Kindheit. Sie schreitet noch einmal alles ab. Zun\u00e4chst das Hauptgeb\u00e4ude, das Haus. Es war konstruiert wie andere Bauernh\u00e4user auch. Neben einem Wohntrakt, in dem sie, die Schwester, die Mutter, der Bruder und die Gro\u00dfmutter gemeinsam lebten, gab es einen Stall f\u00fcr die Tierhaltung, einige Lager sowie einen Unterstand f\u00fcr ihre Ger\u00e4te, den Pflug, die \u00c4xte, das Geschirr f\u00fcr die Pferde. Daneben umfasste der Hof zwei weitere kleine Wohn- und Wirtschaftsh\u00e4user, zwei Stallungen, eine Scheune, einen Schuppen sowie ein G\u00e4rtchen mit Brunnen. Ein Teil der Stallungen ist immer noch erhalten, wie sie beruhigt feststellt. Weiter hinten haben sich die Speicher zur Lagerung oder Zwischenlagerung von Futtermitteln und \u00c4hnlichem befunden, erinnert sie sich. Davon ist nur noch einer in Teilen \u00fcbrig. Adelhaid starrt zu Boden. Sie kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Ihr Atem geht sto\u00dfweise und schnell. Wie allein ihre Mutter gewesen sein muss, nach dem Tod ihres Mannes, denkt sie auf einmal. Allein wie sie selbst, Adelhaid.Sie erinnert sich an \u00bbSalome\u00ab, an die niederschmetternde Musik, das Ziehen in ihrem Herzen, das diese ausgel\u00f6st hat. Es kommt ihr vor, als g\u00e4be es keinen Platz in der Welt f\u00fcrsie. Erl, der Letzte, der ihrem Herzen teuer war, hat sie ein Leben lang betrogen. Und Anna ist tot. Ob sie mehr \u00fcber den Mord gewusst hat? Ihr schaudert. Was mag die g\u00fctige Frau dar\u00fcber gedacht haben? Immer war sie sanft, erinnert sich Adelhaid, immer hat sie mit ihrer Gutm\u00fctigkeit die Stimmung im Haus milde gemacht, hat Hoffnung gegeben, hat die Menschen um sich herum gest\u00e4rkt. Adelhaid sp\u00fcrt, wie ihre Knie weich werden, wie sie langsam nachgeben. Sie muss sich setzen.Im G\u00e4rtchen, neben dem steinernen Brunnenrest, nimmt sie Platz. Die Birken aus ihrer Kindheit fallen ihr ein, und es scheint, als dringe ihr Rauschen bis in die Gegenwart zu ihr her\u00fcber. Dabei wei\u00df sie: Auch die B\u00e4ume sind mit ihrer Mutter, der Schwester, dem kleinen Johann und der Gro\u00dfmutter verbrannt. Adelhaid m\u00f6chte etwas f\u00fchlen, aber da ist nichts zu finden. Nur immer wieder die alten Bilder, die ihr zwischen die Gegenwart schie\u00dfen: K\u00e4fer, Feuer, Brandgeruch, das Knacken von loderndem Holz. Adelhaid sucht nach einem st\u00e4rkenden Gedanken, nach etwas, das sie an das Leben binden k\u00f6nnte. Doch es ist nichts \u00fcbrig. Einzig die verzerrte Fratze Simons aus ihrem Traum, die vor ihrem geistigen Auge auftaucht und die sie mit einem Mal an ein Monster erinnert, existiert noch. \u00bbGeh weg von mir\u00ab, sagt Adelhaid, und sie merkt nicht einmal, dass sie mit sich redet. Aber ihre Worte sind ohne Gef\u00fchl, der Schock ist zu gro\u00df, es ist, als w\u00e4re ihr Kopf in Watte eingeh\u00fcllt. Sie sitzt lange einfach nur da und starrt ins Leere. Dann \u00f6ffnet sie die Hand.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das stumme Tal<\/strong>, von Sophie Reyer, Emons Verlag, 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-59179\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Tal.jpg\" alt=\"\" width=\"209\" height=\"318\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Tal.jpg 418w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Tal-197x300.jpg 197w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Tal-260x395.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Tal-160x243.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 209px) 100vw, 209px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wienerin Sophie Reyer hat sich in die schaurige Welt des Alpenlandes begeben und dort die Partnerstadt von <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/05\/26\/die-mutter-aller-serien\/\">Twin Peaks<\/a><\/em> entdeckt. Feuer ist es, das die vierj\u00e4hrige Adelhaid aus ihrem Heim im Bergbauernhof in Stumm vertreibt. Bald stellt sich jedoch heraus, dass ihre Familie nicht in den Flammen, sondern bei einem grauenhaften Raub\u00fcberfall starb. Sind die T\u00e4ter tats\u00e4chlich die zwei jungen L\u00f6ter, die durch das Dorf zogen? Oder verbirgt sich hinter dem Verbrechen ein viel dunkleres Geheimnis?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<h4 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h4>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Portr\u00e4t von Sophie Reyer findet sich\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=18115\">hier<\/a>. In ihrem preisgekr\u00f6nten Essay\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17985\"><em>Referenzuniversum<\/em><\/a>\u00a0geht sie der Frage nach, wie das Schreiben durch das schreibende Analysieren gebrochen wird. Vertiefend zur Lekt\u00fcre empfohlen, das Kollegengespr\u00e4ch\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>\u00a0von Sophie Reyer und A.J. Weigoni zum Projekt\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>. H\u00f6ren kann man einen Auszug aus der\u00a0<em>Wortspielhalle<\/em>in der Reihe\u00a0<a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/wortspielhalle.htm\">MetaPhon<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es d\u00e4mmert, als Adelhaid den alten abgebrannten Hof erreicht. Sie dreht ihre Runden, verst\u00f6rt, verwirrt. 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