{"id":59145,"date":"2020-02-19T00:01:00","date_gmt":"2020-02-18T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59145"},"modified":"2020-11-26T07:45:59","modified_gmt":"2020-11-26T06:45:59","slug":"heimsuchung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/19\/heimsuchung\/","title":{"rendered":"Heimsuchung"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbstverst\u00e4ndlich wird dem Begriff Heimsuchung allgemein eine andere Bedeutung zugedacht. Dennoch trifft er in gewisser Hinsicht auch &#8211; jedoch nicht nur als leidvoll zu ertragendes Schicksal &#8211; auf den Inhalt von Saskia Lukas Roman \u201eTag f\u00fcr Tag\u201c zu. Maria, die Zigarillos rauchende Protagonistin dieses ber\u00fchrenden Familien-Romans sucht einerseits ihre Heimat und wird zugleich von ihren dortigen Erlebnissen immer wieder heimgesucht. Kurz bevor ihr Mann unerwartet fr\u00fch starb, holte die trauernde Maria ihre Mutter Lucia aus einem entlegenen kroatischen Dorf zu sich nach Bayern. Anna, Marias 17-j\u00e4hrige Tochter, genie\u00dft die Anwesenheit ihrer Gro\u00dfmutter, w\u00e4hrend Maria sich mit dem Dreigenerationenhaushalt \u00fcberfordert f\u00fchlt und zun\u00e4chst kaum einen emotionalen Zugang zu ihrer alten Mutter und deren alten und neuen Gewohnheiten findet. Neben der m\u00fchsamen Hausarbeit gilt es f\u00fcr Maria vor allem, jene scheinbar unl\u00f6sbaren Konflikte, die sich aus dem Generationen- und Herkunftsunterschied der Dreifrauengemeinschaft ergeben, auszuhalten oder gar zu bew\u00e4ltigen. Es f\u00e4llt ihr sehr schwer, den Tod ihres Mannes zu verarbeiten. Zudem wird sie durch ihre Mutter von ihrer kroatischen Kindheit immer wieder eingeholt. Als dann auch ihre Mutter stirbt f\u00e4hrt sie in deren Heimatdorf, um sie dort zu begraben und noch eine Zeit lang im Haus der Mutter zu bleiben. Die beeindruckende kroatische Gebirgslandschaft, deren Ruhe und die Stille sowie die Einfachheit des Dorflebens und die Weiten des Mittelmeeres helfen ihr bei der Trauer. Allm\u00e4hlich kommt sie zu sich und es gelingt ihr, sich auf neue Hoffnungen einzulassen. So findet Maria, obwohl sie mit dem Tod ihres geliebten Mannes und dem ihrer zu Lebzeiten \u00e4u\u00dferst eigenwilligen Mutter zun\u00e4chst die jeweilige Heimat verlor, bei ihrer R\u00fcckkehr nach Deutschland zu der kaum erwarteten Gewissheit, auch an durchaus verschiedenen Orten heimisch sein zu k\u00f6nnen. Saskia Luka, 1980 in K\u00f6ln geboren, lebt heute in Berlin und auf der dalmatinischen Insel Brac. Sie l\u00e4sst ihre Romanheldin Maria als Malerin ihre jeweilige Umgebung<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">eingehend beobachten und zu Bildern umgestalten, die stets unmittelbar aus ihren genauen Beobachtungen und tiefen Gef\u00fchlen entstehen. Somit k\u00f6nnen die Leser*innen nahezu distanzlos an ihrer zweiweise inneren Zerrissenheit, an ihrer Trauer und den Konflikten mit ihrer Tochter und Mutter teilhaben. Eindrucksvoll versteht es die Autorin, im Haus der Mutter Lucia, in der Abgelegenheit des Dorfes und unter den dort beteiligten Menschen eine Atmosph\u00e4re aufzubauen, die durch einfache Szenen besticht und tief in das Leben von Gro\u00dfmutter, Mutter und Tochter sowie in deren Umgebung hineinzieht: \u201eDer Heimweg lag in der Abendsonne, die B\u00e4ume am Stra\u00dfenrand warfen lange Schatten, Marias Sommerkleid flatterte. Lucia hatte offenbar Gefallen an ihrer Kutsche gefunden und ihr Gesicht in Freundenfalten gelegt. Sie thronte auf der Sitzbank und sang. Den Refrain sangen auch Anna und Maria mit. Anna legte theatralisch die Hand auf ihr Herz und verschluckte den Text mit ihrem Lachen&#8230; \u201eDabei bem\u00fcht sich Maria immer wieder, mit Vernunft die eigenen Gef\u00fchle zu b\u00e4ndigen, bis sie sich endlich ganz auf sie einlassen kann. Der Familienroman \u201eTag f\u00fcr Tag\u201c vermittelt und vermischt sowohl Migrationserfahrungen als auch die Auseinandersetzungen bei durchaus heftigen Generationskonflikten. Damit ist er ein absolut liebenswertes Bekenntnis zu einem Leben mit unvermeidbaren Ereignissen, Fehlentscheidungen, Trauer und Abschieden, bis er schlie\u00dflich auch die Leser*innen zur R\u00fcckkehr in die eigene Kindheit und zu einem mutigen Neuanfang voller Lebenslust verf\u00fchren kann. Auch wenn darin vor allem Frauen versuchen, ihr Leben zu meistern, ist er dennoch kein reiner Frauenroman. Immerhin sind Nebenrollen mit einf\u00fchlsamen M\u00e4nnern besetzt, die nicht als die \u00fcblichen Frauenversteher ihren Vorteil suchen. Sie tragen daher wesentlich zum Gelingen ihres und des Lebens der drei Frauen bei. Nicht zuletzt deswegen ist \u201eTag f\u00fcr Tag\u201c Leserinnen und Lesern auch als emotional aufbauende Lekt\u00fcre zu empfehlen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-59149\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Cover_TagFuerTag-633x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"158\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Tag f\u00fcr Tag<\/strong>, Roman von Saskia Luka, Verlag Kein &amp; Aber, Z\u00fcrich, 2019, 303 Seiten, \u20ac 20.-<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbstverst\u00e4ndlich wird dem Begriff Heimsuchung allgemein eine andere Bedeutung zugedacht. 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