{"id":59136,"date":"2023-11-30T00:01:54","date_gmt":"2023-11-29T23:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59136"},"modified":"2022-02-26T09:48:19","modified_gmt":"2022-02-26T08:48:19","slug":"das-klopfen-der-kaefer-im-gebaelk","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/30\/das-klopfen-der-kaefer-im-gebaelk\/","title":{"rendered":"Das Klopfen der K\u00e4fer im Geb\u00e4lk"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Nimbus dieses Autors ist seltsam umwittert, die Wahrnehmung von Thomas Hettche, den man mit allem Recht einen der beeindruckendsten Sprachakrobaten seiner Generation zu nennen hat, findet sich in einer seltsamen Ambivalenz wieder, die bedr\u00fcckend sein kann, in verschiedene Richtungen der Betrachtung zumal. Hettche, der sich in merkw\u00fcrdigem Spagat zwischen dem Nachruch des alt-bundesrepublikanischen Literaturbetriebs und dem v\u00f6lligen Dar\u00fcberstehen, der beherzten Autonomie eines sich mehrenden, f\u00fcllenden Werks befindet, vermag mit seinen Romanen nach wie vor zu polarisieren \u2013 vor allem in den (und das sind sie nur vermeintlich, es w\u00e4re kl\u00fcger, in ihnen eine Hauptform zu erkennen) \u201aNeben-B\u00fcchern\u2018 gelingt es ihm, immer wieder zu \u00fcberraschen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend der Literaturbetrieb auf geradezu h\u00fcndische Weise versucht, die Pfr\u00fcnde in <em>einem<\/em> Paket zu halten, riskiert Hettche immer wieder, in die Ungelesenheit zu geraten. Nach dem fulminanten Deb\u00fct von 1989, das durchaus zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst, publizierte der Autor seine stilistisch vielleicht bedeutendsten B\u00fccher \u2013 \u201eInkubation\u201c und \u201eNox\u201c. Ein gro\u00dfer Erfolg war ihm damit nicht beschieden, handelte es sich doch um eine Sammlung ineinander verwobener Erz\u00e4hlungen und einen Miniroman, eine Novelle eher; und so hat man den Hettche der 1990er-Jahre wohl eher als Bachmann-Juror in Erinnerung denn als den vielleicht sprachlich am besten temperierten Ausblick in ambitionierter Prosa f\u00fcr das ganze Jahrzehnt. Ein gewaltiger Erfolg ist der \u201eArbogast\u201c-Roman von 2001, dann wird es stiller um Hettche, die Nachfolgeromane werden gemischt aufgenommen. Die gro\u00dfe Form, soll k\u00fchn behauptet sein, ist nicht die eigentliche dieses Virtuosen, auch wenn er sie mit k\u00fchler Verve und dem \u00e4u\u00dferlich gedimmten Ton des Wissenden beherrscht. Der Umstand, auch die Umlaufbahn im \u201aBetrieb\u2018, d\u00fcrften ihn mit Koeppen und Hilbig verbinden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hettches Essayistik erf\u00e4hrt in seinem j\u00fcngsten Buch \u201eTotenberg\u201c wom\u00f6glich die Vollendung eines Dreisprungs: nach dem geb\u00fcndelten Blick der \u201eAnimationen\u201c (1997), der Zerstreuung und dem Abstecken der \u00e4u\u00dferen Claims im \u201eFahrtenbuch\u201c (2007) erkundet sie im neuesten Opus die Dimensionen des Eigenen, die Entwicklung, Formung, Deformation der inneren Umst\u00e4nde, zu dem zu werden, der man ist; die wichtigen Einfl\u00fcsse und Begegnungen, die diese Entwicklung begleiten. Dabei geht es durchaus kontrovers zu, am imponierendsten, frappierendsten ist dieser Weg der Sichtung allerdings, wenn er sich aus dem Beobachten und Kolportieren heraus den pers\u00f6nlichsten Angelegenheiten zuwendet: \u201eIch begriff nicht, warum, doch dann sch\u00e4mte ich mich pl\u00f6tzlich, und zwar, ohne zu wissen weshalb, f\u00fcr ihre Scham, die widerstandslos in mich hinein sich spiegelte.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wuchtig, dieser Satz, in einem an starken S\u00e4tzen nicht armen Buch. Dem voraus geht eine der offensten Szenen, die man in den letzten Jahren zu lesen bekam: der R\u00fcckschluss an die Geborgenheit eines S\u00e4uglings bei der Mutter wird durch das heranwachsende Kind versucht. Diese Geborgenheit, sie ist unm\u00f6glich, da sie bereits der Mutter verloren ging. Gespiegelt in die b\u00fccherlose Starre der Kindheit, die sich um die leeren Vertriebenen-Koffer, die staubig und mit den Namen nun unerreichbarer Orte auf den Dachboden im hessischen Outback herumlungern, dreht, er\u00f6ffnet sich, so ist \u201eTotenberg\u201c zu lesen, als Aussicht die Literatur. Das Kreisen um sich, die Frage nach dem Woher und Wohin, bekommt eine Antwort; in den einzelnen Essays werden die formenden Elemente vorgef\u00fchrt, am eindr\u00fccklichsten in den Texten, die den Schutz der Gespr\u00e4che verlassen und sich in die Auslieferung der Selbstschau begeben, in \u201eUnsere eigene Gestalt\u201c oder \u201eEcho\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die gesamte Vertracktheit der Existenz ger\u00e4t dabei in den Fokus des Gefangenseins in sich und den Pr\u00e4gungen, die l\u00e4ssliche Verlorenheit des Beginns strahlt aus in alle Regungen, ja, sogar die Begegnungsgeografie des Erwachsenen, der man notgedrungen wird, ohne darin einen Nutzen zu erkennen. Die entlarvende, kristalline Sprache dieses verehrungsw\u00fcrdigen \u201aDichters in Prosa\u2018 kippt an solchen Stellen in den kahlen Frost der Versprengung, und die Trag\u00f6die der vorausgehenden Generation \u00fcbertr\u00e4gt sich, als h\u00e4tte sein junger essayistischer Held sie mit der Muttermilch aufgenommen, die er nicht mehr bekommt. Man h\u00f6rt in dieser Sammlung das Klopfen der K\u00e4fer im Stoff- und Blick-Geb\u00e4lk eines Schriftstellers \u2013 mit aller Offenheit, tastend, am Verfasser wie an sich selbst erstaunend, widerf\u00e4hrt dem Leser die Ein\u00fcbung im Begehen diverser ungesch\u00fctzter Terrains.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und immer wieder verwischt Hettche die klaren Momente: erschrocken, ertappt, als w\u00e4ren die Feststellungen einem Zwischenterrain entnommen, das den Sprecher treibt und das ihm \u00fcberbordet, das er zugleich wie unter der Decke behalten will. Das vordergr\u00fcndig gemiedene Pathos wird dabei von einem geschickten, punktuell gesetzten \u201aPathos des Understatements\u2018 konterkariert, ein wenig anr\u00fcchig wom\u00f6glich in den Augen mancher (oder vieler) mit den Gestalten Hans-J\u00fcrgen Syberbergs und Ernst J\u00fcngers, deren Wirken sich nicht \u00fcber den kurzen Blick einordnen l\u00e4sst; ber\u00fchrend im Fall Christa B\u00fcrgers, der akademischen Lehrerin Hettches, die mit dem eigenen Haus, Heimat und Bunker in einem, scheinbar versinkt. Grandios: die Querung der Biografien mit dem Eigenen, das einerseits, durch die Gefahr der Bezugslosigkeit, auf der anderen Seite durch die Blicke und Begegnung, die zur Selbsterkundung f\u00fchren, gepr\u00e4gt ist; das Individuum geformt in den Gebresten der Zeit, die Zeit durch die Augen des Individuums gebrochen, in steter Nach- und Wechselwirkung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Paradox \u2013 im Zeitalter der Selbstbespiegelung erregt eben diese Widerspruch, zumal wenn sie ernsthaft und seri\u00f6s betrieben wird. Wir erfahren etwas \u00fcber die Scheu des Essay-Ichs vor dem Osten, seine Zentriertheit gen Westen: in der Spiegelung der Br\u00fcche, die die Eltern-Generation erfahren, an es weitergegeben und in es projiziert haben mag, wird sie plausibel. In gewisser Weise vollzieht Thomas Hettche, lediglich im Genre wechselnd, mit diesem Buch, nach dem Hausberg seines Heimatdorfs benannt und gleichsam von einem f\u00fcr die Herkunft aus einem katastrophischen Jahrhundert ungeheuerlichen Symbolwert im Titel, den f\u00e4lligen Anschluss an die brillanten Text-Observationen der \u201eInkubation\u201c. Und der Leser, wenn es ihn (nach einem Wort Wolfgang Hilbigs) denn gibt, folgt auf ihm einem ungeheuerlichen Pfad ins Innere, den Hettche, mit einer eigent\u00fcmlichen Mischung aus Widerstreben und Heraufbeschw\u00f6ren, gelegentlich gew\u00fcrzt mit einem falben Anklang Bernhard\u2019schen Erz\u00e4hl- und Anschw\u00e4rz-\u00dcbermuts, tats\u00e4chlich freigibt. Was f\u00fcr ein Buch.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein R\u00fcckblick auf <strong>Totenberg<\/strong>. Essays von Thomas Hettche. Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln 2012.<\/p>\r\n<figure class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"275\" height=\"454\" class=\"wp-image-59140 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Totenberg.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Totenberg.jpg 275w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Totenberg-182x300.jpg 182w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Totenberg-260x429.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/Totenberg-160x264.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 275px) 100vw, 275px\" \/><\/figure>\r\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a> Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Nimbus dieses Autors ist seltsam umwittert, die Wahrnehmung von Thomas Hettche, den man mit allem Recht einen der beeindruckendsten Sprachakrobaten seiner Generation zu nennen hat, findet sich in einer seltsamen Ambivalenz wieder, die bedr\u00fcckend sein kann, in verschiedene&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/11\/30\/das-klopfen-der-kaefer-im-gebaelk\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":40,"featured_media":99806,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[794,1942],"class_list":["post-59136","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-andre-schinkel","tag-thomas-hettche"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59136","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/40"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=59136"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59136\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100824,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/59136\/revisions\/100824"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99806"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=59136"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=59136"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=59136"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}