{"id":59063,"date":"2017-06-02T00:01:37","date_gmt":"2017-06-01T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59063"},"modified":"2022-02-23T12:06:08","modified_gmt":"2022-02-23T11:06:08","slug":"um-die-kalten-ecken","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/06\/02\/um-die-kalten-ecken\/","title":{"rendered":"Um die kalten Ecken"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Zum 10. Todestag erinnert KUNO an Wolfgang Hilbigs zweiten Roman \u201eIch\u201c<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn es am Anfang teils hakte und ziepte und man sich vor allem bei den essentiellen Textformen Wolfgang Hilbigs (B\u00e4nde 1 und 2 der Ausgabe) zuweilen etwas mehr \u00dcberblick gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ist es mittlerweile nicht von der Hand zu weisen \u2013 die vom S. Fischer Verlag seit 2008 betriebene Sammlung des Hilbig\u2019schen Werks d\u00fcrfte sich in der R\u00fccksicht als <em>die<\/em> triftige Gesamtschau hoffentlich aller Texte dieses ungeheuerlichen Autors erweisen, der zu den gro\u00dfen mitteldeutschen Dichtern in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu z\u00e4hlen ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wucht dieses Werks ist am nachvollziehbarsten in den Gedichten, den Erz\u00e4hlungen und Novellen anwesend; die Romane Hilbigs, in der Ausgabe die B\u00e4nde 4 bis 6 belegend, m\u00f6gen nicht seine ausgewiesene \u201aMeisterform\u2018 gewesen sein, sie begr\u00fcndeten allerdings so etwas wie seinen endg\u00fcltigen Durchbruch als Schriftsteller Ende der 1980er-Jahre: das Romandeb\u00fct \u201eEine \u00dcbertragung\u201c (1989) wird mit dem Bachmannpreis geadelt, auf der Welle dieses Ruhms entstehen die elementaren Novellen \u201eAlte Abdeckerei\u201c sowie \u201eEr, nicht ich\u201c und eben der \u201eIch\u201c-Roman, Hilbigs erfolgreichstes Buch. 1993 erschienen, markiert \u201eIch\u201c den Scheitelpunkt der Hilbig\u2019schen \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Anders als die oberlehrerhaften Vorgaben des literaturbetrieblichen Roman-Wahns vermuten lassen, sind die drei Gro\u00dftexte Hilbigs nicht als Kr\u00f6nung seines Werks zu begreifen. Eher haben sie einen Status als Beigeordnete inne, die ihren Ursprung in den k\u00fcrzeren, konzentrierteren Formen haben. Poe war dem Dichter viel n\u00e4her als Stendhal, und man kann vor allem Hilbigs letztem Roman \u201eDas Provisorium\u201c ansehen, welche M\u00fche es ihn gekostet haben mag, aus der solarplexusgem\u00e4\u00dfen Distanz auszubrechen, die sich um die langen Novellen der 1980er- und 1990er-Jahren gruppiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So ist denn auch \u201eIch\u201c in drei Teile, \u201aSch\u00fcbe\u2018 eher, gegliedert, die sich durch den Wechsel in den Perspektiven etwa verdeutlichen. Gleichzeitig aber ist in diesem Wechsel auch ein Symptom der Zerrissenheit des Protagonisten ausgedr\u00fcckt, der, quasi Doppelagent zwischen Schriftstellerei und Geheimdienstarbeit, wiederum in eine Hilbig-typische Vermischung der Realit\u00e4ten ger\u00e4t. Orte der Blicke und Erw\u00e4gungen sind der Berliner Untergrund, die Keller und Kaschemmen der geteilten Hauptstadt, ihres Ostteils. Die Schizophrenie dieser Existenz dr\u00fcckt sich bereits im Titel des Werks aus: \u201eIch\u201c muss prononciert in G\u00e4nsef\u00fc\u00dfen gef\u00fchrt werden, weil stets auch die Widerspiegelung des Ich, das Anders-Ich um die kalten Ecken der Berliner Katakomben wehen kann. Das gespaltene Tun lappt schlie\u00dflich in die Vorwehen des Umbruchs hinein, der Irrwitz sperrt sich noch gegen das Unvermeidliche, das alles Gewohnte mit sich rei\u00dft.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der geb\u00fcrtige Meuselwitzer Hilbig, dessen Mythos sich seit seinem Ableben wenigstens verdoppelte, hat, obwohl er sich nach eigener Aussage vor solcher Sammlung f\u00fcrchtete, an dieser kurz vor seinem Tod noch mitprojektiert, es ist alles im Sinne Hilbigs gerichtet. Wichtig und interessant sind die Neben- und Erg\u00e4nzungstexte im Anhang jedes Bands: Bei \u201eIch\u201c etwa das Expos\u00e9 zum Roman, das wiederum \u00fcber die urspr\u00fcngliche Verfasstheit des Stoffs als lange Novelle respektive Romanino berichtet und Einblicke in Grund-Bewegung und Arbeitsstand desselben gibt. Flankiert von einem schlanken Nachwort des Leipziger Erz\u00e4hlwunderkinds Clemens Meyer, zeigt sich \u201eWerke 5\u201c wenn auch nicht als Kern-, so doch als Gelenk- und Kapselband der Edition.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein wichtiger Aspekt des \u201eIch\u201c-Romans ist noch zu benennen \u2013 in ihm wird endlich der m\u00f6gliche Bruch in die Ironie vorgenommen, um den Hilbig lange gerungen hat und der unter anderem als Mittel zum Aushalten der Janusgesichtigkeit der Hauptfigur dient. Ein Teil dieser Ironie f\u00e4rbt in das verbleibende Werk ab, das noch einmal die verlorenen Landschaften aufgreift und letztlich in Selbstabsage endet.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<div id=\"attachment_99806\" style=\"width: 224px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-image-99806 size-full\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"272\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel.jpg 214w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/04\/Andre\u0301-Schinkel-160x203.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/><p id=\"caption-attachment-99806\" class=\"wp-caption-text\">Andr\u00e9 Schinkel, portr\u00e4tiert von J\u00fcrgen Bauer<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong> Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum 10. 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