{"id":59014,"date":"2003-08-30T00:01:18","date_gmt":"2003-08-29T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=59014"},"modified":"2026-10-08T19:01:58","modified_gmt":"2026-10-08T17:01:58","slug":"bang-bang-my-baby-shot-me-down","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/08\/30\/bang-bang-my-baby-shot-me-down\/","title":{"rendered":"Bang Bang (My Baby Shot Me Down)"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Wir sehen einer neuen Form des Kinos zu, das sich aus unendlich vielen Versatzst\u00fccken zusammensetzt, oder sehen wir dem Auseinanderfallen des Kino-Epos in seine Bestandteile zu?<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kinematograph der Jahrtausendwende ist kein Ort der Sch\u00f6pfung mehr, sondern eine Operationsbasis. Wenn der Vorhang sich f\u00fcr Quentin Tarantino hebt, betreten wir nicht das Reich der Mythen, sondern das Sezierzimmer. <em>Kill Bill<\/em> ist der Triumph der chirurgischen Naht \u00fcber den lebendigen Organismus. Nichts an diesem Werk atmet die Frische einer ersten Sch\u00f6pfung; es ist die Elektrizit\u00e4t des Zitats, die einen toten K\u00f6rper ins Galoppieren bringt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das gelbe Gewand ist direkt vom Leib Bruce Lees aus Mein letzter Kampf (Game of Death, 1978) gerissen. Es ist die Uniform des K\u00f6rpers, der sich gegen die Vernichtung wehrt.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier wird offenbar, was die b\u00fcrgerliche \u00c4sthetik in ihrer Angst vor dem Plagiat stets verschweigt: Das Neue ist das perfekt reorganisierte Tr\u00fcmmerfeld des Alten. Tarantino ist nicht der Vater dieses Werks, er ist sein Viktor Frankenstein. Seine Kreatur, zusammengeflickt aus den Leichenteilen ausrangierter Genres \u2013 dem abgehackten Glied des Shaw-Brothers-Kung-Fu, dem staubigen Auge des Italowesterns, dem nerv\u00f6sen Herzen des Yakuza-Films \u2013, verlangt nicht nach Bewunderung f\u00fcr ihre Sch\u00f6nheit, sondern nach Entsetzen \u00fcber ihre Machart. Jede Nahtstelle ist sichtbar, jede Narbe im Zelluloid schmerzt vor Absicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Motiv der Rache stammt aus Fran\u00e7ois Truffauts <em>Die Braut trug schwarz<\/em> (1968), doch die emotionale K\u00e4lte und die unbarmherzige H\u00e4rte wurden in den Ofen des japanischen Kinos geworfen. Toshiya Fujitas <em>Lady Snowblood<\/em> (1973) liefert nicht nur die Struktur der Racheliste, sondern auch die wei\u00dfe Winterlandschaft, in der das Blut wie Tusche auf Papier spritzt.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Sammler, so wusste man einst, rettet die Dinge vor dem Vergessen, indem er sie in der Vitrine erstarrt. Tarantino aber ist der Sammler als Brandstifter. Er bricht die Vitrinen auf, nicht um die Relikte zu besitzen, sondern um sie dem Feuer einer radikalen Montage zu \u00fcberantworten. <em>Kill Bill<\/em> ist das Meisterwerk des Trashs, weil es den Schund adelt, indem es ihn isoliert und in einen sakralen Kontext stellt. Das Kino reflektiert hier nur noch sich selbst. Es ist ein Karussell der Zitate, das sich so schnell dreht, bis die Herkunft der Bilder verschwimmt und am Horizont das Trugbild einer neuen, wilden \u00c4sthetik erscheint. Das Monster Frankensteins entstand auf dem Seziertisch aus Fleisch, das dem Grab entrissen wurde; dieser Film entsteht am Schneidetisch aus Filmmaterial, das im Keller der Kinemathek verrottete.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Auge der Vorsehung<strong>:<\/strong> Wenn Daryl Hannah als Elle Driver mit der Augenklappe durch das Hospital pfeift, dann ist sie die direkte Reinkarnation von Christina Lindberg aus dem schwedischen Exploitation-Klassiker <em>Thriller \u2013 ein unbarmherziger Film<\/em> (<em>Thriller \u2013 en grym film<\/em>, 1973).<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die Braut in ihrem gelben Trainingsanzug \u2013 selbst nur die abgezogene Haut Bruce Lees aus <em>Mein letzter Kampf<\/em> \u2013 das Katana schwingt, dann ist das keine Urgewalt. Es ist das Zucken einer Leiche unter den galvanischen Str\u00f6men der Popmoderne. Das Plagiat wird hier zur h\u00f6chsten Form der Piet\u00e4t: Man stiehlt nur, was man zu erwecken bereit ist. Der Regisseur steht inmitten von verwaisten Requisiten des Kinos: Italo-Western, Hongkong-Wuxia, Samurai-Epen und europ\u00e4ischer Trash. Er schaut die Dinge an, bis sie ihr Altes verlieren und bereit sind f\u00fcr das Spiel. Das Rollenspiel ist total. Die Musik von Ennio Morricone untermalt keine W\u00fcste, sondern das verschneite Tokio. Der Text ist ein musikalisches Sampling, die Performance eine Geste im luftleeren Raum. Es ist ein meisterhafter Betrug, weil wir sehenden Auges betrogen werden wollen. Wir fallen auf die Illusion herein, weil die Rekonstruktion z\u00e4rtlicher ist als das meiste, was sich heute \u201eauthentisch\u201c nennt.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">RZA begreift die Filmgeschichte genau wie Tarantino als einen Steinbruch f\u00fcr Beats und Loops. Er nimmt das asiatische Shaw-Brothers-Kino, schneidet es auseinander und unterlegt es mit schweren B\u00e4ssen.<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Frankensteins Monster flieht vor seinem Sch\u00f6pfer, weil es erkennt, dass es nur aus Fragmenten des Vergangenen besteht. Die Braut tut das Gegenteil: Sie jagt ihren Sch\u00f6pfer \u2013 Bill \u2013, um die Schuld ihrer eigenen Monstrosit\u00e4t zu tilgen. Der Film reflektiert so seine eigene Genesis. Er ist eine Kreatur, die wei\u00df, dass sie aus dem Abfall der Kulturindustrie gemacht ist, und gerade in dieser K\u00fcnstlichkeit ihre radikale Wahrheit findet.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Musik illustriert nicht, sie schl\u00e4gt um sich. Sie bricht mit jeder Erwartung von Authentizit\u00e4t und schafft gerade in dieser Zerrissenheit eine v\u00f6llig neue, berauschende \u00c4sthetik des Zitats: Bang Bang (My Baby Shot Me Down).<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt kein Zur\u00fcck zur Unschuld des Bildes. Am Ende steht die Erkenntnis, dass das Kino l\u00e4ngst ein Friedhof ist \u2013 und Tarantino der einzige Totengr\u00e4ber, der die Leichen so geschickt zu tanzen lehrt, dass wir sie f\u00fcr lebendig halten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Kill Bill, <\/b>zusammengeklaut aus der Filmgeschichte, mit einem Quentchen <span class=\"mw-page-title-main\">Tarantino, 2003<\/span><\/p>\r\n<div id=\"attachment_106221\" style=\"width: 226px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-106221\" class=\"wp-image-106221 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2003\/08\/kill-bill-volume-1-216x300.jpg\" alt=\"\" width=\"216\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-106221\" class=\"wp-caption-text\">Die Braut haut ins Auge<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Dem Begriff <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/01\/trash-eine-einfuehrung\/\"><em>Trash<\/em><\/a> haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der nur ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Dieser angeschmutzte Realismus entzieht sich der Rezeption in einer \u00f6ffentlichen Institution. In der Reihe Gossenhefte zeigt sich, was passiert, wenn sich literarischer Bodensatz und die Reflexionsm\u00f6glichkeiten von popul\u00e4rkulturellen Tugenden nahe genug kommen. Der Essay <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=35655\"><em>Perlen des Trash<\/em><\/a> stellt diese Reihe ausf\u00fchrlich vor. Erweiternd dazu ein Portr\u00e4t von Eva Kurowski, der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/11\/23\/die-queen-of-ruhrgebeat-trash\/\">Gorgeous Queen of Ruhrgebeat-Trash<\/a>. 1989 erscheint das Deb\u00fct der singenden Herrentorte, Helge Schneiders allererste Schallplatte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26990\"><em>Seine gr\u00f6\u00dften Erfolge<\/em><\/a>, produziert von Helge Schneider und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/01\/05\/phonokratie\/\">Tom T\u00e4ger<\/a> im Tonstudio\/Ruhr in \u201eBad\u201c M\u00fclheim, einem Nebenarm des Gutenberggalaxis. Luther Blissett beschreibt den Weg von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26080\">Proust zu Pulp<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sehen einer neuen Form des Kinos zu, das sich aus unendlich vielen Versatzst\u00fccken zusammensetzt, oder sehen wir dem Auseinanderfallen des Kino-Epos in seine Bestandteile zu? 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