{"id":57339,"date":"2020-11-11T00:01:40","date_gmt":"2020-11-10T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57339"},"modified":"2020-09-20T07:36:57","modified_gmt":"2020-09-20T05:36:57","slug":"hoch-zu-ross","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/11\/hoch-zu-ross\/","title":{"rendered":"Hoch zu Ross"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Um ehrlich zu sein: Ich hab das Gewese, das die christlichen Kirchen um Martin von Tours vulgo Sankt Martin seit \u00fcber 1500 Jahren machen, nie so recht begriffen:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eben jener Martin war nicht irgendein namenloser Soldat Roms, stationiert im unwirtlichen Norden Galliens \u2013 er war Mitglied der Kaiserlichen Garde, Soldat der Reiterei und Sohn eines namhaften r\u00f6mischen Milit\u00e4rtribuns, also eines hohen Offiziers. Eben dieser Martin, so will es die Legende, begegnete, hoch zu Ross sitzend, an einem Wintertag am Stadttor des heutigen Amiens einem armen, unbekleideten Mann. Er erbarmte sich seiner, nahm seine Chlamys, seinen aus zwei Teilen bestehenden und mit Schaffell gef\u00fctterten Umhang, zerteilte ihn mit seinem Schwert und reichte ihn dem bitterlich Frierenden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So weit, so gut. Klingt nach einer vorbildlich barmherzigen Tat. Doch da gibt es so manches, was einen stutzen l\u00e4sst: Bei Martin handelte es sich ja wie gesagt nicht um irgendeinen gew\u00f6hnlichen Soldaten, der sich inmitten eines Kohorte einfacher Soldaten durch den winterlichen Matsch zu k\u00e4mpfen hatte. Als Mitglied der Kaiserlichen Garde war er privilegiert, ragte aus der Masse heraus. Er sa\u00df hoch zu Ross, dem er die Sporen geben, so der klirrenden K\u00e4lte rasch entfliehen und in seine Garnison eilen konnte, wo auf ihn, davon ist auszugehen, zumindest ein w\u00e4rmender Ofen, Speis und Trank warteten. Zudem befand sich diese Garnison nicht Meilen entfernt vom Ort des barmherzigen Geschehens, Martin musste also nicht sp\u00e4rlich bekleidet mit seinem Pferd, den schneidenden Winterst\u00fcrmen trotzend, durch die verschneite Landschaft Nordgalliens reiten. Nein: Die Szene spielte sich am Stadttor von Amiens ab, also gerade mal einen Steinwurf vom w\u00e4rmenden Ofen entfernt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was tat nun dieser r\u00f6mische Milit\u00e4r, der praktisch vor seiner eigenen Haust\u00fcr diesem Mann begegnete, der, seltsam genug, im tiefsten Winter nicht, wie man es bei einem armen, bed\u00fcrftigen Menschen h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, in viel zu d\u00fcnner, ungeeigneter Kleidung vor der Toren sitzt, sondern nackt? Er tut <em>nicht<\/em> das, was von einem Heiligen zu erwarten gewesen w\u00e4re: Er steigt <em>nicht<\/em> ab, um sich um ihn zu k\u00fcmmern. Er l\u00e4dt ihn <em>nicht<\/em> zu sich ein, um sich aufzuw\u00e4rmen. Er bietet ihm <em>keine<\/em> w\u00e4rmende Suppe an. Er bedeckt ihn <em>nicht<\/em> mit seinem Umhang. Nichts dergleichen. Das einzige, was ihm einf\u00e4llt, ist, seinen Umhang zu zerteilen und dem armen Mann die H\u00e4lfte der zerschnittenen und damit eigentlich zerst\u00f6rten Mantels zu geben. Was, und das wird in dieser herzzerrei\u00dfenden Geschichte immer gerne unterschlagen, vice versa bedeutet: Er beh\u00e4lt die andere H\u00e4lfte f\u00fcr sich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was hat die Menschen blo\u00df dazu gebracht, diesen zwar mitf\u00fchlenden, aber ganz und gar nicht selbstlosen Soldaten zum Sinnbild des barmherzigen Samariters zu erheben und als Schutzheiligen der Reisenden und der Armen und Bettler sowie der Reiter, Fl\u00fcchtlinge, Gefangenen und Soldaten zu verehren?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2020<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignright\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44273&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Essays <\/em>von Stefan Oehm auf KUNO kann man als eine Reihe von Versuchsanordnungen betrachten, sie sind undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verleihen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?<\/strong> von Stefan Oehm, K\u00f6nigshausen und Neumann, 2019. Eine Leseprobe finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/\">hier<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um ehrlich zu sein: Ich hab das Gewese, das die christlichen Kirchen um Martin von Tours vulgo Sankt Martin seit \u00fcber 1500 Jahren machen, nie so recht begriffen: Eben jener Martin war nicht irgendein namenloser Soldat Roms, stationiert im unwirtlichen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/11\/11\/hoch-zu-ross\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":169,"featured_media":53665,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2074],"class_list":["post-57339","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-stefan-oehm"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57339","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/169"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57339"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57339\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57339"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57339"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57339"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}