{"id":57311,"date":"2020-01-12T00:01:18","date_gmt":"2020-01-11T23:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57311"},"modified":"2019-10-06T17:12:14","modified_gmt":"2019-10-06T15:12:14","slug":"herr-f-was-ewig-lebt-schreit-ewig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/12\/herr-f-was-ewig-lebt-schreit-ewig\/","title":{"rendered":"HERR F (Was ewig lebt, schreit ewig)"},"content":{"rendered":"\n<p>Ich wei\u00df gar nicht soviel \u00fcber das Nichts, wie ich dachte. Das wurde mir nach meinem Tod am Dienstag klar. Ich habe herausgefunden, dass das Nichts sehr gro\u00df ist. Es scheint sich endlos in alle Richtungen auszudehnen. Seine Textur besitzt keine besondere Textur, seine Gestalt hat keine besondere Gestalt. Ich rieche nichts Besonderes, das Licht ist flach und scheint keiner speziellen Quelle zu entspringen. Man kann nicht sagen, es g\u00e4be einen Wechsel von Tag und Nacht. Und es gibt auch keine Wochen, Monate, Jahre, Jahrhunderte, Jahrtausende, kein Verlaufen und kein Verschwinden, kein Kalt oder Hei\u00df, keinen Winter oder Sommer, kein Wetter. Offenkundig kommen Essen und Trinken im Nichts nicht vor, es gibt auch nichts zu sehen und keine Ger\u00e4usche. Es gibt keine Einschnitte. Ich vertreibe mir die Zeit mit Denken, aber mir kommen keine besonderen Gedanken, es ist deshalb wohl eher so, dass die Zeit zum Zeitvertreib vergeht. Ich brauche keinen Terminkalender. Es lohnt sich weder vorauszuplanen noch vorauszudenken; wenn ich versuche, zur\u00fcckzudenken, sp\u00fcre ich tr\u00e4ge Unbestimmtheit, die meinen Geist verklebt, so als ob genau konturierte Erinnerungen im dicken klaren Shampoo unbestimmter Menge versinken w\u00fcrden. Wenn ich jemals eine Pers\u00f6nlichkeit gehabt haben sollte, dann ist von ihr nicht viel geblieben, was an sich kein Problem ist. Wenn ich jemals Schmerzen gehabt, K\u00e4mpfe ausgefochten oder Siege errungen haben sollte, dann verlieren sie sich im Nebel und sind nicht mehr sonderlich wichtig. Sie k\u00f6nnten allesamt auch zu jemand anderem geh\u00f6ren. Wie sp\u00e4t ist es? Das spielt hier mitten im Nichts keine Rolle. Das wird noch eine Weile so weitergehen, deshalb lehne ich mich besser zur\u00fcck und gew\u00f6hne mich daran. Ich lebe ge-wisserma\u00dfen f\u00fcr immer weiter. Das ist wohl gar nicht so \u00fcbel. Ich entsinne mich einer Zeile, die ich einmal irgendwo gelesen habe: Was ewig lebt, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter ewig schreien. Das klingt be\u00e4ngstigend, aber bisher ist alles unter Kontrolle. Es gibt hier gar nichts, \u00fcber das zu schreien sich lohnen w\u00fcrde. Abgesehen davon, dass man manchmal vor Langeweile schreien m\u00f6chte. Vielleicht wird es genau so in Gang gesetzt, das Schreien. Ich werde anfangen zu schreien, um mir so die Zeit zu ver-treiben, um wenigstens irgendetwas zu h\u00f6ren, eine Stimme, meine eigene. Und dann \u2013 nach einer Weile \u2013 wird sich in das Schreien auch ein bisschen echte Qual einschleichen. Und dann, noch ein bisschen sp\u00e4ter \u2013 aber wer wei\u00df schon, wie lange sp\u00e4ter \u2013, wird es sich zum totalen Terror aus voller Kehle steigern, der dann immer weiter und weiter geht und niemals wieder aufh\u00f6rt. M\u00f6glicherweise nimmt die Laut-st\u00e4rke ab und variiert, doch grunds\u00e4tzlich bleibt es eine unnachgiebige und permanente Sache, oder vielmehr zwei Sachen: das Nichts und das Geschrei. Die Sonne wird sich aufbl\u00e4hen und zum Roten Riesen werden, die Ozeane austrocknen und die Erde verbrennen; und dann wird sie verl\u00f6schen. Ich werde immer noch da sein, schreiend in der Dunkelheit. Das Universum wird sich immer weiter ausdehnen, bis schlie\u00dflich jeder einzelne K\u00f6rper den anderen unendlich fern sein wird, drau\u00dfen, in einer unvorstellbar kalten Leere; und die Sterne werden verschwinden, einer nach dem anderen, und ich werde immer noch irgendwo da drau\u00dfen diesen winzigen, durchdringenden Ton aussto\u00dfen, der absolut wirkungslos bleibt. Ich sehne mich nicht gerade erwartungsvoll danach, es ist aber sinnlos, davor Angst zu haben. Vorerst ist es schlie\u00dflich noch ein langer Weg bis dahin.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:center\">+++<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Momus: Herr F. &nbsp;&#8211;&nbsp;<\/strong>Aus dem Englischen von Andreas L. Hofbauer, etk 054.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF-647x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-57314\" width=\"162\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF.jpg 647w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF-190x300.jpg 190w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF-560x886.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF-260x411.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Cover_HerrF-160x253.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 162px) 100vw, 162px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Der Teufel hat Herrn F ewigen Ruhm versprochen \u2013 im Tausch f\u00fcr seine  unsterbliche Seele. Doch Herr F erkennt, dass das ewige Leben fr\u00fcher  oder sp\u00e4ter in einen ewigen Aufschrei m\u00fcndet, weshalb er beschlie\u00dft,  Glanz und Ruhm zu entsagen, ins Dunkel zur\u00fcckzukehren und einfach zu  sterben. <em>Herr F<\/em> ist eine Wiederaufnahme der Faust-Legende aus  der Feder des ber\u00fcchtigten Musikers und Schriftstellers Momus. Die  experimentelle Erz\u00e4hlung \u00fcber das Feilschen um Unsterblichkeit ist  gespickt mit Ideen von deutschsprachiger Literatur, die weitgehend auf  englischen \u00dcbersetzungen ber\u00fchmter K\u00fcnstler und Denker des 20.  Jahrhunderts wie Brecht, Kafka, Rilke, Klee, Fassbinder und Adorno  fu\u00dfen. Nat\u00fcrlich stehen auch Goethe und dessen (um- und  nachbearbeiteter) Faust Pate bei der Geschichte. <em>Herr F<\/em> wurde von Andreas L. Hofbauer aus dem Englischen \u00fcbersetzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df gar nicht soviel \u00fcber das Nichts, wie ich dachte. 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