{"id":57298,"date":"2020-02-21T00:01:16","date_gmt":"2020-02-20T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57298"},"modified":"2021-12-05T18:02:49","modified_gmt":"2021-12-05T17:02:49","slug":"der-erzaehler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/02\/21\/der-erzaehler\/","title":{"rendered":"Der Erz\u00e4hler"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">I.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erz\u00e4hler &#8211; so vertraut uns der Name klingt &#8211; ist uns in seiner lebendigen Wirksamkeit keineswegs durchaus gegenw\u00e4rtig. Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes. Einen Lesskow als Erz\u00e4hler darstellen hei\u00dft nicht, ihn uns n\u00e4her bringen, hei\u00dft vielmehr den Abstand zu ihm vergr\u00f6\u00dfern. Aus einer gewissen Entfernung betrachtet gewinnen die gro\u00dfen einfachen Z\u00fcge, die den Erz\u00e4hler ausmachen, in ihm die Oberhand. Besser gesagt, sie treten an ihm in Erscheinung, wie in einem Felsen f\u00fcr den Beschauer, der den rechten Abstand hat und den richtigen Blickwinkel, ein Menschenhaupt oder ein Tierleib erscheinen mag. Diesen Abstand und diesen Blickwinkel schreibt uns eine Erfahrung vor, zu der wir fast t\u00e4glich Gelegenheit haben. Sie sagt uns, da\u00df es mit der Kunst des Erz\u00e4hlens zu Ende geht. Immer seltener wird die Begegnung mit Leuten, welche rechtschaffen etwas erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Immer h\u00e4ufiger verbreitet sich Verlegenheit in der Runde, wenn der Wunsch nach einer Geschichte laut wird. Es ist, als wenn ein Verm\u00f6gen, das uns unver\u00e4u\u00dferlich schien, das Gesichertste unter dem Sicheren, von uns genommen w\u00fcrde. N\u00e4mlich das Verm\u00f6gen, Erfahrungen auszutauschen. Eine Ursache dieser Erscheinung liegt auf der Hand: die Erfahrung ist im Kurse gefallen. Und es sieht aus, als fiele sie weiter ins Bodenlose. Jeder Blick in die Zeitung erweist, da\u00df sie einen neuen Tiefstand erreicht hat, da\u00df nicht nur das Bild der \u00e4u\u00dfern, sondern auch das Bild der sittlichen Welt \u00fcber Nacht Ver\u00e4nderungen erlitten hat, die man niemals f\u00fcr m\u00f6glich hielt. Mit dem Weltkrieg begann ein Vorgang offenkundig zu werden, der seither nicht zum Stillstand gekommen ist. Hatte man nicht bei Kriegsende bemerkt, da\u00df die Leute verstummt aus dem Felde kamen? Nicht reicher &#8211; \u00e4rmer an mitteilbarer Erfahrung. Was sich dann zehn Jahre sp\u00e4ter in der Flut der Kriegsb\u00fccher ergossen hatte, war alles andere als Erfahrung gewesen, die von Mund zu Mund geht. Und das war nicht merkw\u00fcrdig. Denn nie sind Erfahrungen gr\u00fcndlicher L\u00fcgen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die k\u00f6rperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unver\u00e4ndet geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerst\u00f6render Str\u00f6me und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenk\u00f6rper.<br \/><br \/>II.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfahrung, die von Mund zu Mund geht, ist die Quelle, aus der alle Erz\u00e4hler gesch\u00f6pft haben. Und unter denen, die Geschichten niedergeschrieben haben, sind es die Gro\u00dfen, deren Niederschrift sich am wenigsten von der Rede der vielen namenlosen Erz\u00e4hler abhebt. Im \u00fcbrigen gibt es unter den letzteren zwei, freilich vielfach einander durchdringende Gruppen. Auch bekommt die Figur des Erz\u00e4hlers ihre volle K\u00f6rperlichkeit nur f\u00fcr den, der sie beide vergegenw\u00e4rtigt. &#8222;Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erz\u00e4hlen&#8220;, sagt der Volksmund und denkt sich den Erz\u00e4hler als einen, der von weither kommt. Aber nicht weniger gern h\u00f6rt man dem zu, der, redlich sich n\u00e4hrend, im Lande geblieben ist und dessen Geschichten und \u00dcberlieferungen kennt. Will man diese beiden Gruppen in ihren archaischen Stellvertretern vergegenw\u00e4rtigen, so ist die eine im se\u00dfhaften Ackerbauer und die andere im handeltreibenden Seemann verk\u00f6rpert. In der Tat haben beider Lebenskreise gewisserma\u00dfen ihren eigenen Stamm von Erz\u00e4hlern hervorgebracht. Jeder von diesen St\u00e4mmen wahrt einige seiner Eigenschaften noch in sp\u00e4ten Jahrhunderten. So gehen, unter den neueren deutschen Erz\u00e4hlern, die Hebel und Gotthelf aus dem ersten, die Sealsfield und Gerst\u00e4cker aus dem zweiten herovr. Im \u00fcbrigen aber handelt es sich bei jenen St\u00e4mmen, wie gesagt, nur um Grundtypen. Die reale Erstreckung des Reiches der Erz\u00e4hlungen in seiner ganzen historischen Breite ist nicht ohne die innigste Durchdringung dieser beiden archaischen Typen denkbar. Eine solche Durchdringung hat ganz besonders das Mittelalter in seiner Handwerksverfassung zustande gebracht. Der se\u00dfhafte Meister und die wandernden Bruschen werkten in den gleichen Stuben zusammen; und jeder Meister war Wanderbursche gewesen, bevor er in seiner Heimat oder in der Fremde sich niederlie\u00df. Wenn Bauern und Seeleute Altmeister des Erz\u00e4hlens gewesen sind, so war der Handwerksstand seine hohe Schule. In ihm verband sich die Kunde von der Ferne, wie der Vielgewanderte sie nach Hause bringt, mit der Kunde aus der Vergangenheit, wie sie am liebsten dem Se\u00dfhaften sich anvertraut. [&#8230;]<br \/><br \/>IV. [&#8230;] Die Kunst des Erz\u00e4hlens neigt ihrem Ende zu, weil die epische Seite der Wahrheit, die Weisheit, ausstirbt. Das aber ist ein Vorgang, der von weither kommt. Und nichts w\u00e4re t\u00f6richter, als in ihm lediglich eine &#8222;Verfallserscheinung&#8220;, geschweige denn eine &#8222;moderne&#8220;, erblicken zu wollen. Vielmehr ist es nur eine Begleiterscheinung s\u00e4kularer geschichtlicher Produktivkr\u00e4fte, die die Erz\u00e4hlung ganz allm\u00e4hlich aus dem Bereich der lebendigen Rede entr\u00fcckt hat und zugleich eine neue Sch\u00f6nheit in dem Entschwindenden f\u00fchlbar macht. <br \/><br \/>V. Das fr\u00fcheste Anzeichen eines Prozesses, an dessen Abschlu\u00df der Niedergang der Erz\u00e4hlung steht, ist das Aufkommen des Romans zu Beginn der Neuzeit. Was den Roman von der Erz\u00e4hlung (und vom Epischen im engeren Sinne) trennt, ist sein wesentliches Angewiesensein auf das Buch. Die Ausbreitung des Romans wird erst mit Erfindung der Buchdruckerkunst m\u00f6glich. Das m\u00fcndlich Tradierbare, das Gut der Epik, ist von anderer Beschaffenheit als das, was den Bestand des Romans ausmacht. Es hebt den Roman gegen alle \u00fcbrigen Formen der Prosadichtung &#8211; M\u00e4rchen, Sage, ja selbst Novelle &#8211; ab, da\u00df er aus m\u00fcndlicher Tradition weder kommt noch in sie eingeht. Vor allem aber gegen das Erz\u00e4hlen. Der Erz\u00e4hler nimmt, was er erz\u00e4hlt, aus der Erfahrung; aus der eigenen oder berichteten. Und er macht es wiederum zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuh\u00f6ren. Der Romanicer hat sich abgeschieden. Die Geburtskammer des Romans ist das Individuum in seiner Einsamkeit, das sich \u00fcber seine wichtigsten Anliegen nicht mehr exemplarisch auszusprechen vermag, selbst unberaten ist und keinen Rat geben kann. Einen Roman schreiben hei\u00dft, in der Darstellung des menschlichen Lebens das Inkommensurable auf die Spitze treiben. Mitten in der F\u00fclle des Lebens und durch die Darstellung dieser F\u00fclle bekundet der Roman die tiefe Ratlosigkeit des Lebenden. Das erste gro\u00dfe Buch der Gattung, der Don Quichote, lehrt sogleich, wie die Seelengr\u00f6\u00dfe, die K\u00fchnheit, die Hilfsbereitschaft eines der Edelsten &#8211; eben des Don Quichote &#8211; von Rat g\u00e4nzlich verlassen sind und nicht den kleinsten Funken Weisheit enthalten. [&#8230;]<br \/><br \/>VII. Lessskow ist in die Schule der Alten gegangen. Der erste Erz\u00e4hler der Griechen war Herodot. Im vierzehnten Kapitel des dritten Buches seiner &#8222;Historien&#8220; findet sich eine Geschichte, aus der sich viel lernen l\u00e4\u00dft. Sie handelt von Psammenit. Als der \u00c4gypterk\u00f6nig Psammenit von dem Perserk\u00f6nig Kambyses geschlagen und gefangen genommen worden war, sah Kambyses es darauf ab, den Gefangenen zu dem\u00fctigen. Er gab Befehl, Psammenit an der Stra\u00dfe aufzustellen, durch die sich der persische Triumphzug bewegen sollte. Und weiter richtete er es so ein, da\u00df der Gefangene seine Tochter als Dienstmagd, die mit dem Krug zum Brunnen ging, vorbeikommen sah. Wie alle \u00c4gypter \u00fcber dieses Schauspiel klagten und jammerten, stand Psammenit allein wortlos und unbeweglich, die Augen auf den Boden geheftet; und als er bald darauf seinen Sohn sah, der zur Hinrichtung im Zuge mitgef\u00fchrt wurde, blieb er gleichfalls unbewegt. Als er danach aber einen von seinen Dienern, einen alten, verarmten Mann, in den Reihen der Gefangenen erkannte, da schlug er mit den F\u00e4usten an seinen Kopf und gab alle Zeichen der tiefsten Trauer. Aus dieser Geschichte ist zu ersehen, wie es mit der wahren Erz\u00e4hlung steht. Die Information hat ihren Lohn mit dem Augenblick dahin, in dem sie neu war. Sie lebt nur in diesem Augenblick, sie mu\u00df sich g\u00e4nzlich an ihn ausliefern und ohne Zeit zu verlieren sich ihm erkl\u00e4ren. Anders die Erz\u00e4hlung; sie verausgabt sich nicht. Sie bewahrt ihre Kraft gesammelt und ist noch nach langer Zeit der Entfaltung f\u00e4hig. So ist Montaigne auf die vom \u00c4gypterk\u00f6nig zur\u00fcckgekommen und hat sich gefragt: warum klagt er erst beim Anblick des Dieners? Montaigne antwortet: &#8222;Da er von Trauer schon \u00fcbervoll war, brauchte es nur den kleinsten Zuwachs, und sie brach ihre D\u00e4mme nieder.&#8220; So Montaigne. Man k\u00f6nnte aber auch sagen: &#8222;Den K\u00f6nig r\u00fchrt nicht das Schicksal der K\u00f6niglichen, denn es ist sein eigenes.&#8220; Oder: &#8222;Uns r\u00fchrt auf der B\u00fchne vieles, was uns im Leben nicht r\u00fchrt; dieser Diener ist nur ein Schauspieler f\u00fcr den K\u00f6nig.&#8220; Oder: &#8222;Gro\u00dfer Schmerz staut sich und kommt erst mit der Entspannung zum Durchbruch. Der Anblick dieses Dieners war die Entspannung.&#8220; &#8211; Herodot erkl\u00e4rt nichts. Sein Bericht ist der trockenste. Darum ist diese Geschichte aus dem alten \u00c4gypten nach Jahrtausenden noch imstande, Staunen und Nachdenken zu erregen. Sie \u00e4hnelt den Samenk\u00f6rnern, die jahrtausendelang luftdicht verschlossen in den Kammern der Pyramiden gelegen und ihre Keimkraft bis auf den heutigen Tag bewahrt haben.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">+++<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">So begn\u00fcgt sich Brecht mit einer kleinen Umkost\u00fcmierung der Zeitgenos\u00adsen. Sie reicht im \u00fcbrigen gerade aus, um die Kontinuit\u00e4t mit jenem neun\u00adzehnten Jahrhundert herzustellen, das nicht nur den Imperialismus sondern auch den Marxismus hervorgebracht hat, der so n\u00fctzliche Fragen an diesen zu stellen hat. \u00bbAls der deutsche Kaiser an den Pr\u00e4sidenten Kr\u00fcger tele\u00adgraphierte, welche Aktien stiegen da und welche fielen?\u00ab \u00bbNat\u00fcrlich fragen das nur die Kommunisten.\u00ab Aber Marx, der es zuerst unternahm, die Verh\u00e4lt\u00adnisse zwischen Menschen aus ihrer Erniedrigung und Verneblung in der kapitalistischen Wirtschaft wieder ans Licht der Kritik zu ziehen, ist damit ein Lehrer der Satire geworden, der nicht weit davon entfernt war, ein Meister in ihr zu sein. In seine Schule ist Brecht gegangen. Die Satire, die immer eine materialistische Kunst war, ist bei ihm nun auch eine dialektische. Marx steht im Hintergrund seines Romans \u2013 ungef\u00e4hr so wie Konfuzius und Zoroaster f\u00fcr die Mandarine und Schahs, die in den Satiren der Aufkl\u00e4rung unter den Franzosen sich umsehen. Marx bestimmt hier die Weite des Abstandes, den der gro\u00dfe Schriftsteller \u00fcberhaupt, besonders aber der gro\u00dfe Satiriker seinem Objekt gegen\u00fcber einnimmt. Es war immer dieser Abstand, den die Nachwelt sich zu eigen gemacht hat, wenn sie einen Schriftsteller klassisch nannte. Vermutlich wird sie sich im Dreigroschenroman ziemlich leicht zurechtfinden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=15724&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Walter_Benjamin_vers_1928.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein weiterer Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Der Erz\u00e4hler &#8211; so vertraut uns der Name klingt &#8211; ist uns in seiner lebendigen Wirksamkeit keineswegs durchaus gegenw\u00e4rtig. Er ist uns etwas bereits Entferntes und weiter noch sich Entfernendes. 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