{"id":57186,"date":"2010-04-09T00:01:02","date_gmt":"2010-04-08T22:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57186"},"modified":"2021-08-14T09:28:17","modified_gmt":"2021-08-14T07:28:17","slug":"baudelaire-oder-die-strassen-von-paris","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/04\/09\/baudelaire-oder-die-strassen-von-paris\/","title":{"rendered":"Baudelaire oder die Stra\u00dfen von Paris"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Tout pour moi devient Allegorie.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Baudelaire: Le Cygne<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Baudelaires Ingenium, das sich aus der Melancholie n\u00e4hrt, ist ein allegorisches. Zum erstenmal wird bei Baudelaire Paris zum Gegenstand der lyrischen Dichtung. Diese Dichtung ist keine Heimatkunst, vielmehr ist der Blick des Allegorikers, der die Stadt trifft, der Blick des Entfremdeten. Es ist der Blick des Flaneurs, dessen Lebensform die kommende trostlose des Gro\u00dfstadtmenschen noch mit einem vers\u00f6hnenden Schimmer umspielt. Der Flaneur steht noch auf der Schwelle, der Gro\u00dfstadt sowohl wie der B\u00fcrgerklasse. Keine von beiden hat ihn noch \u00fcberw\u00e4ltigt. In keiner von beiden ist er zu Hause. Er sucht sich sein Asyl in der Menge. Fr\u00fche Beitr\u00e4ge zur Physiognomik der Menge finden sich bei Engels und Poe. Die Menge ist der Schleier, durch den hindurch dem Flaneur die gewohnte Stadt als Phantasmagorie winkt. In ihr ist sie bald Landschaft, bald Stube. Beide bauen dann das Warenhaus auf, das die Flanerie selber dem Warenumsatz nutzbar macht. Das Warenhaus ist der letzte Streich des Flaneurs.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Flaneur begibt sich die Intelligenz auf den Markt. Wie sie meint, um ihn anzusehen, und in Wahrheit&#8217;doch schon, um einen K\u00e4ufer zu finden. In diesem Zwischenstadium, in dem sie noch M\u00e4zene hat, aber schon beginnt, mit dem Markt sich vertraut zu machen, erscheint sie als boheme. Der Unentschiedenheit ihrer \u00f6konomischen Stellung entspricht die Unentschiedenheit ihrer politischen Funktion. Diese kommt am sinnf\u00e4lligsten bei den Berufsverschw\u00f6rern zum Ausdruck, die durchweg der boheme angeh\u00f6ren. Ihr anf\u00e4ngliches Arbeitsfeld ist die Armee, sp\u00e4ter wird es das Kleinb\u00fcrgertum, gelegentlich das Proletariat. Doch sieht diese Schicht ihre Gegner in den eigentlichen F\u00fchrern des letztern. Das Kommunistische Manifest macht ihrem politischen Dasein ein Ende. Baudelaires Dichtung zieht ihre Kraft aus dem rebellischen Pathos dieser Schicht. Er schl\u00e4gt sich auf die Seite der Asozialen. Seine einzige Geschlechtsgemeinschaft realisiert er mit einer Hure.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em>Facilis descensus Averni.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Vergil<em>: <\/em>Aeneis<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist das Einmalige der Dichtung von Baudelaire, da\u00df die Bilder des Weibs und des Todes sich in einem dritten durchdringen, dem von Paris. Das Paris seiner Gedichte ist eine versunkene Stadt und mehr unterseeisch als unterirdisch. Die chthonischen Elemente der Stadt \u2014 ihre topographische Formation, das alte verlassene Bett der Seine \u2014 haben wohl einen Abdruck bei ihm gefunden. Entscheidend jedoch ist bei Baudelaire in der \u00bbtotenhaften Idyllik\u00ab der Stadt ein gesellschaftliches Substrat, ein modernes. Das Moderne ist ein Hauptakzent seiner Dichtung. Als Spleen zerspellt er das Ideal (\u00bbSpleen et Id\u00e9al\u00ab). Aber immer zitiert gerade die Moderne die Urgeschichte. Hier geschieht das durch die Zweideutigkeit, die den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und Erzeugnissen dieser Epoche eignet. Zweideutigkeit ist die bildliche Erscheinung der Dialektik, das Gesetz der Dialektik im Stillstand. Dieser Stillstand ist Utopie und das dialektische Bild also Traumbild. Ein solches Bild stellt die Ware schlechthin: als Fetisch. Ein solches Bild stellen die Passagen, die sowohl Haus sind wie Sterne. Ein solches Bild stellt die Hure, die Verk\u00e4uferin und Ware in einem ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><em>Le voyage pour conna\u00eetre ma g\u00e9ographie.<\/em><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\">Aufzeichnung eines Irren (Paris 1907)<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das letzte Gedicht der \u00bbFleurs du mal\u00ab: Le Voyage \u00bbO mort, vieux capitaine, il est temps, levons l&#8217;ancre.\u00ab Die letzte Reise des Flaneurs: der Tod. Ihr Ziel: das Neue. \u00bbAu fond de l&#8217;inconnu pour trouver du nouveau.\u00ab Das Neue ist eine vom Gebrauchswert der Ware unabh\u00e4ngige Qualit\u00e4t. Es ist der Ursprung des Scheins, der den Bildern unver\u00e4u\u00dferlich ist, die das kollektive Unbewu\u00dfte hervorbringt. Es ist die Quintessenz des falschen Bewu\u00dftseins, dessen nimmerm\u00fcde Agentin die Mode ist. Dieser Schein des Neuen reflektiert sich, wie ein Spiegel im andern, im Schein des immer wieder Gleichen. Das Produkt dieser Reflexion ist die Phantasmagorie der \u00bbKulturgeschichte\u00ab, in der die Bourgeoisie ihr falsches Bewu\u00dftsein auskostet. Die Kunst, die an ihrer Aufgabe zu zweifeln beginnt und aufh\u00f6rt \u00bbins\u00e9parable de l&#8217;utilit\u00e9\u00ab zu sein (Baudelaire), mu\u00df das Neue zu ihrem obersten Wert machen. Der arbiter novarum rerum wird ihr der Snob. Er ist der Kunst, was der Mode der Dandy ist. \u2014 Wie im siebzehnten Jahrhundert die Allegorie der Kanon der dialektischen Bilder wird, so im neunzehnten Jahrhundert die Nouveaut\u00e9. Den magasins de nouveaut\u00e9 treten die Zeitungen an die Seite. Die Presse organisiert den Markt geistiger Werte, auf dem zun\u00e4chst eine Hausse entsteht. Die Nonkonformisten rebellieren gegen die Auslieferung der Kunst an den Markt. Sie scharen sich um das Banner des \u00bbl&#8217;art pour l&#8217;art\u00ab. Dieser Parole entspringt die Konzeption des Gesamtkunstwerks, das versucht, die Kunst gegen die Entwicklung der Technik abzudichten. Die Weihe, mit der es sich zelebriert, ist das Pendant der Zerstreuung, die die Ware verkl\u00e4rt. Beide abstrahieren vom gesellschaftlichen Dasein des Menschen. Baudelaire unterliegt der Bet\u00f6rung Wagners.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-large-font-size\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-87150 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-248x300.jpg 248w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-560x677.jpg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-260x314.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin-160x193.jpg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Walter_Benjamin.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 248px) 100vw, 248px\" \/><\/a>\r\n<p>Zum 70. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tout pour moi devient Allegorie. Baudelaire: Le Cygne Baudelaires Ingenium, das sich aus der Melancholie n\u00e4hrt, ist ein allegorisches. Zum erstenmal wird bei Baudelaire Paris zum Gegenstand der lyrischen Dichtung. 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