{"id":57171,"date":"2022-02-10T00:01:10","date_gmt":"2022-02-09T23:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57171"},"modified":"2022-02-17T20:41:02","modified_gmt":"2022-02-17T19:41:02","slug":"haschisch-in-marseille","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/10\/haschisch-in-marseille\/","title":{"rendered":"Haschisch in Marseille"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-very-dark-gray-color\" style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung<\/span>:<\/em> Eines der ersten Zeichen, da\u00df der Haschisch zu wirken beginnt, \u00bbist ein dumpfes Ahnungs- und Beklommenheitsgef\u00fchl; etwas Fremdes, Unentrinnbares naht &#8230; Bilder und Bilderreihen, l\u00e4ngst versunkene Erinnerungen treten auf, ganze Szenen und Situationen werden gegenw\u00e4rtig, sie erregen zuerst Interesse, zuweilen Genu\u00df, schlie\u00dflich, wenn es kein Abwenden von ihnen gibt, Erm\u00fcdung und Pein. Von allem, was geschieht, auch von dem, was er sagt und tut, wird der Mensch \u00fcberrascht und \u00fcberw\u00e4ltigt. Sein Lachen, all seine \u00c4u\u00dferungen sto\u00dfen ihm zu wie Geschehnisse von au\u00dfen. Er gelangt auch zu Erlebnissen, die der Eingebung, der Erleuchtung nahekommen &#8230; Der Raum kann sich weiten, der Boden absch\u00fcssig werden, atmosph\u00e4rische Sensationen treten auf: Dunst, Undurchsichtigkeit, Schwere der Luft; Farben werden heller, leuchtender; Gegenst\u00e4nde sch\u00f6ner oder auch klobig und bedrohlich &#8230; All dies vollzieht sich nicht in kontinuierlicher Entwicklung, vielmehr ist das Typische ein fortw\u00e4hrender Wechsel von traumhaftem und wachem Zustand, ein st\u00e4ndiges, schlie\u00dflich ersch\u00f6pfendes Hin- und Hergeworfenwerden zwischen v\u00f6llig verschiedenen Bewu\u00dftseinswelten; mitten im Satz kann dieses Versinken oder Auftauchen erfolgen &#8230; Von alledem berichtet uns der Berauschte in einer Form, die meist sehr erheblich von der Norm abweicht. Die Zusammenh\u00e4nge werden wegen des oft pl\u00f6tzlichen Abrei\u00dfens jeder Erinnerung an Vorhergegangenes schwierig, das Denken gestaltet sich nicht zum Wort, die Situation kann von so bezwingender Heiterkeit werden, da\u00df der Haschischesser minutenlang zu nichts f\u00e4hig ist als zum Lachen &#8230; Die Erinnerung an den Rausch ist \u00fcberraschend scharf.\u00ab \u2014 \u00bbEs ist merkw\u00fcrdig, da\u00df die Haschischvergiftung bisher noch nicht experimentell bearbeitet wurde. Die vorz\u00fcglichste Schilderung des Haschisch-Rausches stammt von Baudelaire (Paradis artificiels).\u00ab Aus Jo\u00ebl und Fr\u00e4nkel: \u00bbDer Haschisch-Rausch\u00ab, Klinische Wochenschrift 1926, V, 37.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Marseille, 29. Juli. Um sieben Uhr abends nach langem Z\u00f6gern Haschisch genommen. Ich war am Tage in Aix gewesen. Mit der unbedingten Gewi\u00dfheit, in dieser Stadt von Hunderttausenden, wo niemand mich kennt, nicht gest\u00f6rt werden zu k\u00f6nnen, liege ich auf dem Bett. Und doch st\u00f6rt mich ein kleines Kind, das weint. Ich denke, es ist schon eine Dreiviertelstunde verstrichen. Aber nun sind es doch erst zwanzig Minuten &#8230; So liege ich auf dem Bett; las und rauchte. Mir gegen\u00fcber immer dieser Blick in den ventre von Marseille. Die Stra\u00dfe, die ich so oft sah, ist wie ein Schnitt, den ein Messer gezogen hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich verlie\u00df endlich das Hotel, mir schien die Wirkung auszubleiben oder so schwach werden zu sollen, da\u00df die Vorsicht des Daheimbleibens unterlassen werden mochte. Erste Station das Cafe Ecke Cannebiere und Cours Belsunce. Vom Hafen gesehen das rechte, also nicht mein gew\u00f6hnliches. Nun? Nur das gewisse Wohlwollen, die Erwartung, Leute einem freundlich entgegenkommen zu sehen. Das Gef\u00fchl der Einsamkeit verliert sich recht rasch. Mein Stock f\u00e4ngt an, mir besondere Freude zu machen. Man wird so zart: f\u00fcrchtet, ein Schatten, der aufs Papier f\u00e4llt, k\u00f6nnte ihm schaden. \u2014 Der Ekel schwindet. Man liest die Tafeln auf den Pissoirs. Ich w\u00fcrde mich nicht wundern, wenn der und der auf mich zuk\u00e4me. Da sie es aber nicht tun, macht es mir auch nichts. Es ist mir hier jedoch zu laut.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun kommen die Zeit- und Raumanspr\u00fcche zur Geltung, die der Haschischesser macht. Die sind ja bekanntlich absolut k\u00f6niglich. Versailles ist dem, der Haschisch gegessen hat, nicht zu gro\u00df, und die Ewigkeit dauert ihm nicht zu lange. Und auf dem Hintergrunde dieser immensen Dimensionen des inneren Erlebens, der absoluten Dauer und der unerme\u00dflichen Raumwelt, verweilt nun ein wundervoller, seliger Humor desto lieber bei den Kontingen-zen der Raum- und Zeitwelt. Ich empfinde diesen Humor unendlich, wenn ich im Restaurant Basso erfahre, die warme K\u00fcche w\u00fcrde gleich geschlossen, w\u00e4hrend ich mich eben niedergelassen habe, um mich in die Ewigkeit hineinzutafeln. Nachher nichtsdestoweniger das Gef\u00fchl, da\u00df ja dies alles hell, besucht, belebt ist und auch bleiben wird. Ich mu\u00df notieren, wie ich meinen Platz fand. Mir kam es auf den Blick auf den vieux port an, den man von den oberen Etagen aus hat. Im Vorbeigehen, unten, ersp\u00e4hte ich einen freien Tisch auf den Balkons des zweiten Stockwerks. Schlie\u00dflich kam ich doch nur bis zum ersten. Die meisten Tische am Fenster waren besetzt. Da ging ich auf einen ganz gro\u00dfen zu, der eben erst frei geworden war. Im Augenblick des Platznehmens aber schien mir das Mi\u00dfverh\u00e4ltnis: mich an einem so gro\u00dfen Tisch zu placieren, so besch\u00e4mend, da\u00df ich quer durch das ganze Stockwerk auf das entgegengesetzte Ende zuging, um an einem kleineren Platz zu nehmen, der eben dort mir erst sichtbar geworden war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das Essen war sp\u00e4ter. Erst die kleine Bar am Hafen. Ich war schon grade wieder im Begriffe, ratlos kehrt zu machen, denn auch von dort schien ein Konzert und zwar ein Bl\u00e4serchor zu kommen. Gerade da\u00df ich mir noch Rechenschaft davon geben konnte, das sei nichts anderes als das Geheul der Autohupen. Auf dem Wege zum vieux port schon diese wundervolle Leichtigkeit und Bestimmtheit im Schritt, die den steinigen, unartikulierten Erdboden des gro\u00dfen Platzes, \u00fcber den ich ging, mir zum Boden einer Landstra\u00dfe machte, \u00fcber die ich, r\u00fcstiger Wanderer, bei Nacht dahinzog. Denn die Cannebi\u00e8re vermied ich um diese Zeit noch, meiner regulierenden Funktionen nicht ganz sicher. In jener kleinen Hafenbar begann dann der Haschisch seinen eigentlich kanonischen Zauber mit einer primitiven Sch\u00e4rfe spielen zu lassen, mit der ich ihn vordem wohl noch kaum erlebte. N\u00e4mlich er machte mich zum Physiognomiker, zumindest zum Betrachter von Physiognomien, und ich erlebte etwas in meiner Erfahrung ganz Einziges: ich verbi\u00df mich f\u00f6rmlich in die Gesichter, die ich da um mich hatte und die zum Teil von remarkabler Roheit oder H\u00e4\u00dflichkeit waren. Gesichter, die ich gemeinhin aus einem doppelten Grunde gemieden h\u00e4tte: weder h\u00e4tte ich gew\u00fcnscht, ihre Blicke auf mich zu ziehen, noch h\u00e4tte ich ihre Brutalit\u00e4t ertragen. Es war ein ziemlich weit vorgeschobener Posten, diese Hafenkneipe. (Ich glaube, der \u00e4u\u00dferste, der mir ohne Gefahr noch zug\u00e4nglich war und den ich hier, im Rausche, mit derselben Sicherheit ermessen hatte, mit der man, tief erm\u00fcdet, ein Glas mit Wasser so genau randvoll und da\u00df kein Tropfen \u00fcberflie\u00dft, zu f\u00fcllen wei\u00df, wie man mit frischen Sinnen es niemals zustande bringt.) Immer noch weit genug entfernt von der Rue Bouterie, aber doch sa\u00df da kein Bourgeois; h\u00f6chstens neben dem eigentlichen Hafenproletariat ein paar Kleinb\u00fcrgerfamilien aus der Nachbarschaft. Ich begriff nun auf einmal, wie einem Maler \u2014 ist es nicht Rembrandt geschehen und vielen anderen? \u2014 die H\u00e4\u00dflichkeit als das wahre Reservoir der Sch\u00f6nheit, besser als ihr Schatzbehalter, als das zerrissene Gebirge mit dem ganzen inwendigen Golde des Sch\u00f6nen, erscheinen konnte, das aus Falten, Blicken, Z\u00fcgen herausblitzte. Besonders erinnere ich mich an ein grenzenlos tierisches und gemeines M\u00e4nnerantlitz, aus dem mich pl\u00f6tzlich die \u00bbFalte des Verzichts\u00ab ersch\u00fctternd traf. M\u00e4nnergesichter waren es vor allem, die es mir angetan hatten. Es fing nun das lang ausgehaltene Spiel an, da\u00df in jedem Antlitz mir ein Bekannter auftauchte; oft wu\u00dfte ich seinen Namen, oft wieder nicht; die T\u00e4uschung schwand, wie im Traume T\u00e4uschungen schwinden, n\u00e4mlich nicht besch\u00e4mt und kompromittiert, sondern friedlich und freundlich wie ein Wesen, das seine Schuldigkeit getan hat. Unter diesen Umst\u00e4nden konnte von Einsamkeit keine Rede mehr sein. War ich mir selbst Gesellschaft? Das wohl denn doch nicht so unverstellt. Ich wei\u00df auch nicht, ob es mich dann so h\u00e4tte begl\u00fccken k\u00f6nnen. Sondern wohl eher dieses: ich wurde mir selber der gewiegteste, zarteste, unversch\u00e4mteste Kuppler und f\u00fchrte mir die Dinge mit der zweideutigen Sicherheit dessen zu, der die W\u00fcnsche seines Auftraggebers aus dem Grunde kennt und studiert hat. \u2014 Dann begann es eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis der Kellner wieder erschien. Vielmehr ich konnte sein Erscheinen nicht abwarten. Ich trat in den Barraum ein und bezahlte am Tisch. Ob in solcher Kneipe Trinkgeld \u00fcblich, wei\u00df ich nicht. Sonst aber h\u00e4tte ich in jedem Fall etwas gegeben. Im Haschisch, gestern, war ich eher knauserig; aus Furcht, durch Extravaganzen aufzufallen, machte ich mich erst recht auff\u00e4llig.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">So auch bei Basso. Erst lie\u00df ich ein Dutzend Austern kommen. Der Mann wollte auch den folgenden Gang gleich bestellt wissen. Ich bezeichnete irgend etwas Landl\u00e4ufiges. Er kam nun mit der Nachricht, das sei nicht mehr da. Da strich ich auf der Karte in der N\u00e4he dieser Speise herum, schien eins nach dem anderen bestellen zu wollen, dann fiel mir der Name des Dar\u00fcberstehenden ins Auge und so fort, bis ich endlich beim Obersten angelangt war. Das war aber nicht nur Verfressenheit, sondern eine ganz ausgesprochene H\u00f6flichkeit gegen die Speisen, die ich nicht durch eine Ablehnung beleidigen wollte. Kurz, ich blieb an einem p\u00e2t\u00e9 de Lyon h\u00e4ngen. L\u00f6wenpastete, dachte ich witzig lachend, als es sauber auf einem Teller vor mir lag, und dann ver\u00e4chtlich: Dies harte Hasen- oder H\u00fchnchenfleisch \u2014 was es nun sein mag. Meinem L\u00f6wenhunger w\u00e4re es nicht unangemessen erschienen, sich an einem L\u00f6wen zu s\u00e4ttigen. Im \u00fcbrigen stand mir im stillen fest, ich w\u00fcrde, sowie ich bei Basso fertig sei (das war gegen halb elf), woandershin gehen und ein zweites Mal zu Abend essen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst aber noch der Gang zu Basso. Ich strich am Kai entlang und las einen nach dem anderen die Namen der Boote, die dort festgemacht waren. Dabei \u00fcberkam mich eine unbegreifliche Fr\u00f6hlichkeit, und ich l\u00e4chelte der Reihe nach allen Vornamen Frankreichs ins Gesicht. Mir schien die Liebe, die diesen Booten mit ihrem Namen versprochen war, wunderbar sch\u00f6n und r\u00fchrend. Nur an einem \u00bbAero II\u00ab, das mich an Luftkrieg erinnerte, ging ich unleutselig vor\u00fcber, genau wie ich zuletzt auch in der Bar, aus welcher ich gekommen war, \u00fcber gewisse, allzu entstellte Mienen mit den Blicken hatte hinweggehen m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Oben bei Basso begannen dann, wenn ich hinunter sah, die alten Spiele. Der Platz vorm Hafen war meine Palette, auf der die Phantasie die Ortsgegebenheiten mischte, so und anders probierte ohne Rechenschaft von sich zu fordern, so wie ein Maler, der auf der Palette tr\u00e4umt. Ich z\u00f6gerte, dem Wein zuzusprechen. Es war eine halbe Flasche Cassis. Ein St\u00fcck Eis schwamm im Glase. Doch vertrug er sich trefflich mit meiner Droge. Ich hatte meinen Platz der ge\u00f6ffneten Scheibe wegen gew\u00e4hlt, durch die ich auf den dunklen Platz hinunterblicken konnte. Und wenn ich dies nun hin und wieder tat, bemerkte ich, da\u00df er die Neigung hatte, mit jedem, der ihn betrat, sich zu ver\u00e4ndern, gleich als bilde er ihm eine Figur, die, wohlverstanden, nichts mit dem zu tun hat, wie er ihn sieht, sondern eher mit dem Blick, welchen die gro\u00dfen Portr\u00e4tisten des siebzehnten Jahrhunderts je nach dem Charakter der Standesperson, die sie vor eine S\u00e4ulengalerie oder ein Fenster stellen, aus dieser Galerie, diesem Fenster herausheben. Sp\u00e4ter notierte ich im Herunterschauen: \u00bbVom Jahrhundert zu Jahrhundert werden die Dinge fremder.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich mu\u00df hier dies allgemein anmerken: Die Einsamkeit solchen Rausches hat ihre Schattenseiten. Nur vom Physischen zu sprechen, so gab es einen Augenblick dort in der Hafenkneipe, wo ein heftiger Druck aufs Zwerchfell sich Erleichterung in einem Summen suchte. Und kein Zweifel, da\u00df wirklich Sch\u00f6nes, Einleuchtendes unerweckt bleibt. Aber andererseits wirkt Einsamkeit dann wieder als ein Filter. Was man am n\u00e4chsten Tage niederschreibt, ist mehr als eine Aufz\u00e4hlung von Impressionen; der Rausch setzt sich in der Nacht mit sch\u00f6nen prismatischen R\u00e4ndern gegen den Alltag ab; er bildet eine Art Figur und ist andenklicher. Ich m\u00f6chte sagen: er schrumpft und bildet eine Blumenform.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man m\u00fc\u00dfte, um den R\u00e4tseln des Rauschgl\u00fccks n\u00e4her zu kommen, \u00fcber den Ariadne-Faden nachdenken. Welche Lust in dem blo\u00dfen Akt, einen Kn\u00e4uel abzurollen. Und diese Lust ganz tief verwandt mit der Rauschlust wie mit der Schaffenslust. Wir gehen vorw\u00e4rts; wir entdecken dabei aber nicht nur die Windungen der H\u00f6hle, in die wir uns vorwagen, sondern genie\u00dfen dieses Entdeckergl\u00fcck nur auf dem Grunde jener anderen rhythmischen Seligkeit, die da im Abspulen eines Kn\u00e4uels besteht. Eine solche Gewi\u00dfheit vom kunstreich gewundenen Kn\u00e4uel, das wir abspulen \u2014 ist das nicht das Gl\u00fcck jeder, zumindest prosaf\u00f6rmigen, Produktivit\u00e4t? Und im Haschisch sind wir genie\u00dfende Prosawesen h\u00f6chster Potenz.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">An ein sehr versunkenes Gl\u00fccksempfinden, das nachher auf einem Seitenplatz der Cannebiere auftrat, wo die Rue Paradis in Anlagen m\u00fcndet, ist schwerer heranzukommen als an alles bisherige. Ich finde gl\u00fccklicherweise auf meiner Zeitung den Satz: \u00bbMit dem L\u00f6ffel mu\u00df man das Gleiche aus der Wirklichkeit sch\u00f6pfen.\u00ab Mehrere Wochen vorher hatte ich einen anderen von Johannes V. Jensen notiert, der scheinbar \u00c4hnliches sagte: \u00bbRichard war ein junger Mann, der Sinn f\u00fcr alles Gleichartige in der Welt hatte.\u00ab Dieser Satz hatte mir sehr gefallen. Er erm\u00f6glicht mir jetzt, den politisch-rationalen Sinn, den er f\u00fcr mich besa\u00df, mit dem individuell-magischen meiner gestrigen Erfahrung zu konfrontieren. W\u00e4hrend der Satz bei Jensen f\u00fcr mich darauf hinauskam, da\u00df die Dinge so sind, wie wir ja wissen, durchtechnisiert, rationalisiert, und das Besondere steckt heute nur noch in N\u00fcancen, war die neue Einsicht durchaus anders. Ich sah n\u00e4mlich nur Nuancen: diese jedoch waren gleich. Ich vertiefte mich in das Pflaster vor mir, das durch eine Art Salbe, mit der ich gleichsam dar\u00fcber hinfuhr, als eben dieses Selbe und N\u00e4mliche auch das Pariser Pflaster sein konnte. Man redet oft davon: Steine f\u00fcr Brot. Hier diese Steine waren das Brot meiner Phantasie, die pl\u00f6tzlich hei\u00dfhungrig darauf geworden war, das Gleiche aller Orte und L\u00e4nder zu kosten. Und dennoch dachte ich mit ungeheurem Stolz daran, hier in Marseille im Haschischrausche zu sitzen; wer hier wohl noch meinen Rausch teile, an diesem Abend, wie wenige. Wie ich nicht f\u00e4hig sei, kommendes Ungl\u00fcck, kommende Einsamkeit zu f\u00fcrchten, immer bliebe der Haschisch. In diesem Stadium spielte die Musik von einem Nachtlokal, das nebenan lag und welcher ich gefolgt war, eine Rolle. G. fuhr in einer Droschke an mir vor\u00fcber. Es war ein Husch, genau wie vorher aus dem Schatten der Boote sich pl\u00f6tzlich in Gestalt eines Hafenbummlers und Gelegenheits\u00admachers U. gel\u00f6st hatte. Aber es gab nicht nur Bekannte. Hier im Stadium der tiefen Versunkenheit zogen zwei Figuren \u2014 Spie\u00dfer, Strolche, was wei\u00df ich \u2014 als \u00bbDante und Petrarca\u00ab an mir vor\u00fcber. \u00bbAlle Menschen sind Br\u00fcder.\u00ab So begann eine Gedankenkette, die ich nicht mehr zu verfolgen wei\u00df. Aber ihr letztes Glied war bestimmt viel unbanaler geformt als ihr erstes und f\u00fchrte vielleicht auf Tierbilder hinaus.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBarnabe\u00ab stand auf einer Elektrischen, die vor dem Platze, an dem ich sa\u00df, kurz hielt. Und mir schien die traurig-w\u00fcste Geschichte von Barnabas kein schlechtes Fahrtziel f\u00fcr eine Tram ins Weichbild von Marseille. Sehr sch\u00f6n war, was sich um die T\u00fcr des Tanzlokals herum begab. Ab und zu trat ein Chinese in blauseidenen Hosen und rosa leuchtender Seidenjacke heraus. Das war der T\u00fcrsteher. M\u00e4dchen machten sich in der \u00d6ffnung sichtbar. Ich war sehr wunschlos gestimmt. Lustig war es, einen jungen Mann mit einem M\u00e4dchen in wei\u00dfem Kleide daherkommen zu sehen und sofort denken zu m\u00fcssen: \u00bbDa ist sie ihm nun von drinnen im Hemde enflohen, und er holt sie sich wieder zur\u00fcck. Na ja.\u00ab Es schmeichelte mir der Gedanke, hier in einem Zentrum aller Ausschweifung zu sitzen, und mit \u00bbhier\u00ab war nicht etwa die Stadt, sondern der kleine, nicht sehr ereignisreiche Fleck gemeint, auf dem ich mich befand. Aber die Ereignisse kamen eben so zustande, da\u00df die Erscheinung mich mit einem Zauberstab ber\u00fchrte und ich in einen Traum von ihr versank. Die Menschen und Dinge verhalten sich in solchen Stunden wie jene Holundermark-Requisiten und Holundermark-M\u00e4nnchen im verglasten Stanniolkasten, die durch das Reiben des Glases elektrisch geworden sind und nun bei jeder Bewegung in die ungew\u00f6hnlichste Beziehung zueinander treten m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musik, die inzwischen immer wieder aufklang und abnahm, nannte ich die strohernen Ruten des Jazz. Ich habe vergessen, mit welcher Begr\u00fcndung ich mir gestattete, ihren Takt mit dem Fu\u00df zu markieren. Das geht gegen meine Erziehung, und es geschah nicht ohne eine inwendige Auseinandersetzung. Es gab Zeiten, in denen die Intensit\u00e4t der akustischen Eindr\u00fccke alle anderen verdr\u00e4ngte. Vor allem in der kleinen Bar ging pl\u00f6tzlich alles, und zwar im L\u00e4rm von Stimmen, nicht von Stra\u00dfen, unter. An diesem Stimmenl\u00e4rm war nun das Eigent\u00fcmlichste, da\u00df er ganz und gar nach Dialekt klang. Die Marseiller sprachen mir pl\u00f6tzlich sozusagen nicht gut genug Franz\u00f6sisch. Sie waren auf der Dialektstufe stehen geblieben. Das Entfremdungsph\u00e4nomen, das hierin liegen mag und das Kraus mit dem sch\u00f6nen Wort formuliert hat: \u00bbJe n\u00e4her man ein Wort ansieht, desto ferner blickt es zur\u00fcck\u00ab, scheint auch aufs Optische sich zu erstrecken. Jedenfalls finde ich unter meinen Aufzeichnungen die verwunderte Notiz: \u00bbWie die Dinge den Blicken standhalten.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es klang dann ab, als ich \u00fcber die Cannebi\u00e8re ging und endlich einbog, um in einem kleinen Caf\u00e9 des Cours Belsunce noch etwas Eis zu essen. Das war nicht weit von dem andern, ersten Cafe des Abends, in dem pl\u00f6tzlich das Liebesgl\u00fcck, mit welchem die Betrachtung einiger im Wind gewellter Fransen mich beschenkte, mich davon \u00fcberzeugte, da\u00df der Haschisch ans Werk gegangen sei. Und wenn ich dieses Zustands mich erinnere, m\u00f6chte ich glauben, da\u00df der Haschisch die Natur zu \u00fcberreden wei\u00df, jene Verschwendung des eignen Daseins, das die Liebe kennt, uns \u2014 minder eigenn\u00fctzig \u2014 freizugeben. Wenn n\u00e4mlich in den Zeiten, da wir lieben, unser Dasein der Natur wie goldene M\u00fcnzen durch die Finger geht, die sie nicht halten kann und fahren l\u00e4\u00dft, um so das Neugeborene zu erhandeln, so wirft sie nun, ohne irgend etwas zu hoffen oder erwarten zu d\u00fcrfen, uns mit vollen H\u00e4nden dem Dasein hin.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Illuminationen<\/strong>, Ausgew\u00e4hlte Schriften von Walter Benjamin<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-98124 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Walter_Benjamin-248x300.jpg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/>KUNO erinnert an Walter Benjamin. Dieser undogmatische Denker l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken in jedem Satz aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\u00a0<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Vorbemerkung: Eines der ersten Zeichen, da\u00df der Haschisch zu wirken beginnt, \u00bbist ein dumpfes Ahnungs- und Beklommenheitsgef\u00fchl; etwas Fremdes, Unentrinnbares naht &#8230; Bilder und Bilderreihen, l\u00e4ngst versunkene Erinnerungen treten auf, ganze Szenen und Situationen werden gegenw\u00e4rtig, sie erregen zuerst&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/02\/10\/haschisch-in-marseille\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":98124,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428],"class_list":["post-57171","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57171","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57171"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57171\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98125,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57171\/revisions\/98125"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98124"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}