{"id":57164,"date":"2020-07-10T00:01:11","date_gmt":"2020-07-09T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=57164"},"modified":"2020-12-28T12:58:50","modified_gmt":"2020-12-28T11:58:50","slug":"zum-bilde-prousts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/10\/zum-bilde-prousts\/","title":{"rendered":"Zum Bilde Prousts"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">I.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[Erinnerung]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die dreizehn B\u00e4nde von Marcel Prousts \u00bbA la Recherche du Temps perdu\u00ab sind das Ergebnis einer unkonstruierbaren Synthesis, in der die Versenkung des Mystikers, die Kunst des Prosaisten, die Verve des Satirikers, das Wissen des Gelehrten und die Befangenheit des Monomanen zu einem autobiographischen Werke zusammentreten. Mit Recht hat man gesagt, da\u00df alle gro\u00dfen Werke der Literatur eine Gattung gr\u00fcnden oder sie aufl\u00f6sen, mit einem Worte, Sonderf\u00e4lle sind. Unter ihnen ist aber dieser einer von den unfa\u00dflichsten. Vom Aufbau angefangen, welcher Dichtung, Memoirenwerk, Kommentar meinem darstellt, bis zu der Syntax uferloser S\u00e4tze (dem Nil der Sprache, welcher hier befruchtend in die Breiten der Wahrheit hin\u00fcbertritt) ist alles au\u00dferhalb der Norm. Da\u00df dieser gro\u00dfe Einzelfall der Dichtung gleichzeitig ihre gr\u00f6\u00dfte Leistung in den letzten Jahrzehnten darstellt, das ist die erste, aufschlu\u00dfreiche Erkenntnis, die an den Betrachter herantritt. Und ungesund im h\u00f6chsten Grade der Bedingungen, die ihm zugrunde lagen. Ein ausgefallenes Leiden, ungemeiner Reichtum und eine anormale Veranlagung. Nicht alles an diesem Leben ist musterhaft, exemplarisch aber ist alles. Es weist der \u00fcberragenden schriftstellerischen Leistung dieser Tage ihren Ort im Herzen der Unm\u00f6glichkeit, im Zentrum und freilich zugleich im Indifferenz\u00adpunkt aller Gefahren an und kennzeichnet diese gro\u00dfe Realisierung des \u00bbLebenswerks\u00ab als eine letzte auf lange. Prousts Bild ist der h\u00f6chste physiognomische Ausdruck, den die unaufhaltsam wachsende Diskrepanz von Poesie und Leben gewinnen konnte. Das ist die Moral, die den Versuch rechtfertigt, es heraufzurufen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wei\u00df, da\u00df Proust nicht ein Leben wie es gewesen ist in seinem Werke beschrieben hat, sondern ein Leben, so wie der, der&#8217;s erlebt hat, dieses Leben erinnert. Und doch ist auch das noch unscharf und bei weitem zu grob gesagt. Denn hier spielt f\u00fcr den erinnernden Autor die Hauptrolle gar nicht, was er erlebt hat, sondern das Weben seiner Erinnerung, die Penelopearbeit des Eingedenkens. Oder sollte man nicht besser von einem Penelopewerk des Vergessens reden? Steht nicht das ungewollte Eingedenken, Prousts m\u00e9moire involontaire dem Vergessen viel n\u00e4her als dem, was meist Erinnerung genannt wird? Und ist dies Werk spontanen Eingedenkens, in dem Erinnerung der Einschlag und Vergessen der Zettel ist, nicht vielmehr ein Gegenst\u00fcck zum Werk der Penelope als sein Ebenbild? Denn hier l\u00f6st der Tag auf, was die Nacht wirkte. An jedem Morgen halten wir, erwacht, meist schwach und lose, nur an ein paar Fransen den Teppich des gelebten Daseins, wie Vergessen ihn in uns gewoben hat, in H\u00e4nden. Aber jeder Tag l\u00f6st mit dem zweckgebundenen Handeln und, noch mehr, mit zweck\u00adverhaftetem Erinnern das Geflecht, die Ornamente des Vergessens auf. Darum hat Proust am Ende seine Tage zur Nacht gemacht, um im verdunkelten Zimmer bei k\u00fcnstlichem Lichte all seine Stunden ungest\u00f6rt dem Werk zu widmen, von den verschlungenen Arabesken sich keine entgehen zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die R\u00f6mer einen Text das Gewebte nennen, so ist es kaum einer mehr und dichter als Marcel Prousts. Nichts war ihm dicht und dauerhaft genug. Sein Verleger Gallimard hat erz\u00e4hlt, wie Prousts Gepflogenheiten beim Korrekturlesen die Verzweiflung der Setzer machten. Die Fahnen kamen immer randvoll beschrieben zur\u00fcck. Aber kein einziger Druckfehler war ausgemerzt worden; aller verf\u00fcgbare Raum war mit neuem Texte erf\u00fcllt. So wirkte die Gesetzlichkeit des Erinnerns noch im Umfang des Werks sich aus. Denn ein erlebtes Ereignis ist endlich, zumindest in der einen Sph\u00e4re des Erlebens beschlossen, ein erinnertes schrankenlos, weil nur Schl\u00fcssel zu allem was vor ihm und zu allem was nach ihm kam. Und noch in anderem Sinne ist es die Erinnerung, die hier die strenge Webevorschrift gibt. Einheit des Textes n\u00e4mlich ist allein der actus purus des Erinnerns selber. Nicht die Person des Autors, geschweige die Handlung. Ja man kann sagen, deren Intermittenzen sind nur die Kehrseite vom Kontinuum des Erinnerns, das r\u00fcckw\u00e4rtige Muster des Teppichs. So wollte es Proust, so hat man ihn zu verstehen, wenn er sagte, er s\u00e4he am liebsten sein ganzes Werk zweispaltig in einem Bande und ohne jeden Absatz gedruckt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Was suchte er so frenetisch? Was lag diesen unendlichen M\u00fchen zugrunde? D\u00fcrfen wir sagen, da\u00df alle Leben, Werke, Taten, welche z\u00e4hlen, nie andres waren, als die unbeirrte Entfaltung der banalsten und fl\u00fcchtigsten, sentimentalsten und schw\u00e4chsten Stunde im Dasein dessen, dem sie zugeh\u00f6ren? Und als Proust an einer ber\u00fchmten Stelle diese seine eigenste Stunde geschildert hat, tat er&#8217;s so, da\u00df jeder sie im eigenen Dasein wiederfindet. Nur wenig fehlt, und wir d\u00fcrften sie eine allt\u00e4gliche nennen. Sie kommt mit der Nacht, einem verlorenen Gezwitscher oder dem Atemzug an der Br\u00fcstung des offenen Fensters. Und es ist nicht abzusehen, was f\u00fcr Begegnungen uns bestimmt w\u00e4ren, wenn wir weniger willf\u00e4hrig w\u00e4ren, zu schlafen. Proust willfahrte dem Schlafe nicht. Und dennoch, eben darum vielmehr, konnte Jean Cocteau in einem sch\u00f6nen Essay von dem Tonfall seiner Stimme sagen, da\u00df sie den Gesetzen von Nacht und Honig gehorsam war. Indem er unter ihre Herrschaft trat, besiegte er die hoffnungslose Trauer in seinem Innern (das was er einmal \u00bbl&#8217;\u00edmperfection incurable dans l&#8217;essence m\u00eame du pr\u00e9sent\u00ab genannt hat), und baute aus den Waben der Erinnerung dem Bienenschwarm der Gedanken sein Haus. Cocteau hat gesehen, was jeden Leser Prousts im h\u00f6chsten Grade besch\u00e4ftigen sollte: er sah das blinde, unsinnige und besessene Gl\u00fccksverlangen in diesem Menschen. Es leuchtete aus seinen Blicken. Die waren nicht gl\u00fccklich. Aber in ihnen sa\u00df das Gl\u00fcck wie <em>im<\/em> Spiel oder <em>in<\/em> der Liebe. Es ist auch nicht schwer zu sagen, warum dieser herzstockende, sprengende Gl\u00fcckswille, der Prousts Dichten durchdringt, seinen Lesern so selten eingeht. Proust selbst hat es ihnen an vielen Stellen erleichtert, auch dieses \u0153uvre unter der altbew\u00e4hrten, bequemen Perspektive der Entsagung, des Heroismus, der Askese zu betrachten. Nichts leuchtet ja den Mustersch\u00fclern des Lebens so ein, als eine gro\u00dfe Leistung sei die Frucht von nichts als M\u00fchen, Jammer und Entt\u00e4uschung. Denn da\u00df am Sch\u00f6nen auch das Gl\u00fcck noch Anteil haben k\u00f6nnte, das w\u00e4re zuviel des Guten, dar\u00fcber w\u00fcrde ihr Ressentiment sich niemals tr\u00f6sten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt nun aber einen zwiefachen Gl\u00fcckswillen, eine Dialektik des Gl\u00fccks. Eine hymnische und eine elegische Gl\u00fccksgestalt. Die eine: das Unerh\u00f6rte, das Niedagewesene, der Gipfel der Seligkeit. Die andere: das ewige Nocheinmal, die ewige Restauration des urspr\u00fcnglichen, ersten Gl\u00fccks. Diese elegische Gl\u00fccksidee, die man auch die eleatische nennen k\u00f6nnte, ist es, die f\u00fcr Proust das Dasein in einen Bannwald der Erinnerung verwandelt. Ihr hat er nicht allein im Leben Freunde und Gesellschaft, sondern im Werke Handlung, Einheit der Person, Flu\u00df der Erz\u00e4hlung, Spiel der Phantasie geopfert. Es war nicht der Schlechteste seiner Leser \u2014 Max Unold \u2014 der an die dergestalt bedingte \u00bbLangeweile\u00ab seiner Schriften anschlo\u00df, um sie mit \u00bbSchaffner-Geschichten\u00ab zu vergleichen, und der die Formel fand: \u00bbEr hat es fertiggebracht, die Schaffner-Geschichte interessant zu machen. Er sagt: Denken Sie sich, Herr Leser, gestern tunk ich einen Biskuit in meinen Tee, da f\u00e4llt mir ein, da\u00df ich als Kind auf dem Land war \u2014 daf\u00fcr verwendet er 80 Seiten, und das ist so hinrei\u00dfend, da\u00df man nicht mehr der Zuh\u00f6rende, sondern der Wachtr\u00e4umende selbst zu sein glaubt.\u00ab In solchen Schaffner-Geschichten \u2014 \u00bballe gew\u00f6hnlichen Tr\u00e4ume werden, sobald man sie erz\u00e4hlt, Schaffner-Geschichten\u00ab \u2014 hat Unold die Br\u00fccke zum Traum gefunden. An ihn mu\u00df jede synthetische Interpretation von Proust anschlie\u00dfen. Unscheinbare Pforten genug f\u00fchren hinein. Da ist Prousts frenetisches Studium, sein passionierter Kultus der \u00c4hnlichkeit. Nicht da, wo er sie in den Werken, Physiognomien oder Redeweisen, immer best\u00fcrzend, unvermutet aufdeckt, l\u00e4\u00dft sie die wahren Zeichen ihrer Herrschaft erkennen. Die \u00c4hnlichkeit des Einen mit dem Andern, mit der wir rechnen, die im Wachen uns besch\u00e4ftigt, umspielt nur die tiefere Traumwelt, in der, was vorgeht, nie identisch, sondern \u00e4hnlich: sich selber undurchschaubar \u00e4hnlich, auftaucht. Kinder kennen ein Wahrzeichen dieser Welt, den Strumpf, der die Struktur der Traumwelt hat, wenn er im W\u00e4schekasten eingerollt, \u00bbTasche\u00ab und \u00bbMitgebrachtes\u00ab zugleich ist. Und wie sie selbst sich nicht ers\u00e4ttigen k\u00f6nnen, dies beides: Tasche und was drin liegt, mit einem Griff in etwas Drittes zu verwandeln, in den Strumpf, so war Proust uners\u00e4ttlich, die Attrappe, das Ich, mit einem Griffe zu entleeren, um immer wieder jenes Dritte: das Bild, das seine Neugier, nein, sein Heimweh stillte, einzubringen. Zerfetzt von Heimweh lag er auf dem Bett, Heimweh nach der im Stand der \u00c4hnlichkeit entstellten Welt, in der das wahre surrealistische Gesicht des Daseins zum Durchbruch kommt. Ihr geh\u00f6rt an, was bei Proust geschieht, und wie behutsam und vornehm es auftaucht. N\u00e4mlich nie isoliert pathetisch und vision\u00e4r, sondern angek\u00fcndigt und vielfach gest\u00fctzt eine gebrechliche kostbare Wirklichkeit tragend: das Bild. Es l\u00f6st sich aus dem Gef\u00fcge der Proustschen S\u00e4tze wie unter Fran\u00e7oisens H\u00e4nden in Balbec der Sommertag, alt, unvordenklich, mumienhaft aus den T\u00fcllgardinen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">II.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">[Gesellschaft]<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Wichtigste, was einer zu sagen hat, proklamiert er nicht immer laut. Und auch im stillen vertraut er es nicht immer dem Vertrautesten, N\u00e4chsten, nicht immer dem, der am ergebensten sich in Bereitschaft hielt, sein Gest\u00e4ndnis entgegenzunehmen. Wenn nun nicht Personen allein, sondern auch Zeitalter solche keusche, n\u00e4mlich solch durchtriebene und frivole Art haben, ihr Eigenstes einem Beliebigen mitzuteilen, so ist es f\u00fcr das neun\u00adzehnte Jahrhundert nicht Zola oder Anatole France, sondern der junge Proust, der unbetr\u00e4chtliche Snob, der verspielte Salonl\u00f6we, der von dem gealterten Zeitlauf (wie von einem anderen, gleich sterbensmatten Swann) die erstaunlichsten Konfidenzen im Fluge auffing. Erst Proust hat das neunzehnte Jahrhundert memoirenf\u00e4hig gemacht. Was vor ihm ein spannungsloser Zeitraum war, ist zum Kraftfeld geworden, in dem die mannigfachsten Str\u00f6me von sp\u00e4teren Autoren erweckt wurden. Es ist auch gar kein Zufall, da\u00df das interessanteste Werk dieser Art von einer Verfasserin stammt, die Proust pers\u00f6nlich als Bewunderin und Freundin nahegestanden hat. Bereits der Titel, unter dem die F\u00fcrstin Clermont-Tonnerre den ersten Band ihres Memoirenwerks vorstellt \u2014 \u00bbAu Temps des Equipages\u00ab \u2014 w\u00e4re vor Proust kaum denkbar gewesen. Im \u00fcbrigen ist es das Echo, das dem vieldeutigen, liebevollen und herausfordernden Zuruf des Dichters aus dem Faubourg Saint-Germain leise zur\u00fcckt\u00f6nt. Dazu ist diese (melodische) Darstellung voll von direkten oder indirekten Beziehungen auf Proust in ihrer Haltung wie in ihren Figuren, unter denen er selber und manche seiner liebsten Studienobjekte aus dem Ritz sind. Damit sind wir freilich, das l\u00e4\u00dft sich nicht abstreiten, in einem sehr feudalen Milieu und mit Erscheinungen wie Robert de Montesquiou, den die F\u00fcrstin Clermont-Tonnerre meisterhaft darstellt, in einem sehr speziellen dazu. Aber das sind wir bei Proust auch; und es fehlt auch bei ihm bekanntlich das Gegenst\u00fcck zu einem Montesquiou nicht. Das alles verlohnte die Diskussion nicht \u2014 zumal die Frage der Modelle zweiten Ranges und f\u00fcr Deutschland belanglos ist \u2014 liebte nicht die deutsche Kritik so sehr, sich&#8217;s bequem zu machen. Und vor allem: sie konnte die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, sich mit dem Mob der Leihb\u00fcchereien zu enkanaillieren. Ihren Routiniers lag also nichts n\u00e4her, als vom snobistischen Milieu des Werkes auf den Verfasser zu schlie\u00dfen und Prousts Werk als interne franz\u00f6sische Angelegenheit, als Unterhaltungs\u00adbeilage zum Gotha zu kennzeichnen. Nun liegt es auf der Hand: die Probleme der proustischen Menschen entstammen einer saturierten Gesellschaft. Aber da ist nicht eins, das mit denen des Verfassers sich deckt. Diese sind subversiv. M\u00fc\u00dfte man sie auf eine Formel bringen, so w\u00e4re sein Anliegen, den ganzen Aufbau der h\u00f6heren Gesellschaft in Gestalt einer Physiologie des Geschw\u00e4tzes zu konstruieren. Es gibt im Schatze ihrer Vorurteile und Maximen keine, die seine gef\u00e4hrliche Komik nicht annihiliert. Auf diese als erster hingewiesen zu haben ist nicht das geringste der bedeutenden Verdienste, die Leon Pierre-Quint als der erste Interpret Prousts sich erworben hat. \u00bbWenn von humoristischen Werken die Rede ist\u00ab, schreibt Quint, \u00bbdenkt man gew\u00f6hnlich an kurze, lustige B\u00fccher in illustrierten Umschl\u00e4gen. Man vergi\u00dft Don Quichote, Pantagruel und Gil Blas, enggedruckte, unf\u00f6rmige W\u00e4lzer.\u00ab Die subversive Seite des Proustschen Werks erscheint in diesem Zusammenhange am b\u00fcndigsten. Und hier ist weniger Humor als Komik das eigentliche Zentrum seiner Kraft; er hebt die Welt nicht im Gel\u00e4chter auf, sondern schleudert sie im Gel\u00e4chter nieder. Auf die Gefahr, da\u00df sie in Scherben geht, vor denen er nur selber in Tr\u00e4nen ausbricht. Und sie gehen in Scherben: die Einheit der Familie und der Pers\u00f6nlichkeit, der Sexualmoral und der Standesehre. Die Pr\u00e4tentionen der Bourgeoisie zerschellen im Gel\u00e4chter. Ihre R\u00fcckflucht, ihre Reassimilation durch den Adel ist das soziologische Thema des Werkes.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Proust wurde des Trainings nicht m\u00fcde, den der Umgang in den feudalen Kreisen erforderte. Ausdauernd und ohne sich viel Zwang tun zu m\u00fcsssen, schmeidigte er seine Natur, um sie so undurchdringlich und findig, devot und schwierig zu machen, wie er um seiner Aufgabe willen es werden mu\u00dfte. Sp\u00e4ter wurde die Mystifikation, die Umst\u00e4ndlichkeit ihm derma\u00dfen zur Natur, da\u00df seine Briefe manchmal ganze Systeme von Parenthesen \u2014 und nicht nur grammatischen \u2014 sind. Briefe, die trotz ihrer unendlich geistvollen, wendigen Abfassung bisweilen jenes legend\u00e4re Schema in Erinnerung rufen: \u00bbVerehrte gn\u00e4dige Frau, ich merke eben, da\u00df ich gestern meinen Stock bei Ihnen verga\u00df, und bitte Sie, dem \u00dcberbringer dieses Schreibens ihn auszuh\u00e4ndigen. P. S. Verzeihen Sie bitte die St\u00f6rung, ich habe ihn soeben gefunden.\u00ab Wie erfinderisch ist er in Schwierigkeiten. Sp\u00e4t in der Nacht erscheint er bei der F\u00fcrstin Clermont-Tonnerre, um sein Bleiben an die Bedingung zu kn\u00fcpfen, da\u00df ihm die Medizin von Hause geholt werde. Und nun schickt er den Kammerdiener, gibt ihm eine lange Beschreibung der Gegend, des Hauses. Zuletzt: \u00bbSie k\u00f6nnen es nicht verfehlen. Das einzige Fenster auf dem Boulevard Haussmann, in dem noch Licht brennt.\u00ab Nur nicht die Nummer. Man versuche, in einer fremden Stadt die Adresse eines Bordells zu erfahren, und hat man dann die langatmigste Auskunft bekommen \u2014 nur alles andere als die Stra\u00dfe und Hausnummer \u2014, so wird man verstehen, was hier gemeint ist (und wie es mit Prousts Liebe zum Zeremonial, seiner Verehrung f\u00fcr Saint-Simon und nicht zuletzt seinem intransigenten Franzosentume zusammenh\u00e4ngt). Ist nicht die Quintessenz der Erfahrung: erfahren, wie h\u00f6chst schwierig Vieles zu erfahren ist, das doch anscheinend sich in wenig Worten sagen lie\u00dfe. Nur da\u00df solche Worte einem k\u00e4sten- und standesm\u00e4\u00dfig festgelegten Rotwelsch angeh\u00f6ren und f\u00fcr Au\u00dfenseiter nicht zu verstehen sind. Kein Wunder, da\u00df die Geheimsprache der Salons Proust passionierte. Als er sp\u00e4ter an die gnadenlose Schilderung des petit clan, der Courvoisier, des \u00bbesprit d&#8217;Oriane\u00ab herantrat, hatte er selber im Umgang mit den Bibesco die Improvisationen einer Schl\u00fcsselsprache kennengelernt, in die auch wir inzwischen eingef\u00fchrt worden sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Proust hat in den Jahren seines Salonlebens nicht nur das Laster der Schmeichelei in einem eminenten \u2014 man m\u00f6chte sagen: theologischen \u2014 Grade ausgebildet, auch das der Neugier. Auf seinen Lippen war ein Abglanz des L\u00e4chelns, das in der Leibung mancher von den Kathedralen, die er so liebte, wie ein Lauffeuer \u00fcber die Lippen der t\u00f6richten Jungfraun huscht. Es ist das L\u00e4cheln der Neugier. Hat Neugier ihn im Grunde zu solch gro\u00dfem Parodisten gemacht? Wir w\u00fc\u00dften dann zugleich, was wir vom Worte \u00bbParodist\u00ab an dieser Stelle zu halten h\u00e4tten. Nicht viel. Denn wenn es auch seiner abgr\u00fcndigen Malice gerecht wird, so geht es doch am Bittren, Wilden und Verbissenen der gro\u00dfartigen Reportagen vorbei, die er im Stile Balzacs, Flauberts, Sainte-Beuves, Henri de Regniers, der Goncourts, Michelets, Renans und schlie\u00dflich seines Lieblings Saint-Simon verfa\u00dft und in dem Bande \u00bbPastiches et M\u00e8langes\u00ab gesammelt hat. Es ist die Mimikry des Neugierigen, die der geniale Trick dieser Folge, zugleich aber ein Moment f\u00fcr das Vegetabilische nicht ernst genug genommen werden kann. Ortega y Gasset hat als erster die Aufmerksamkeit auf das vegetative Dasein der proustschen Figuren gelenkt, die in einer so nachhaltigen Weise an ihren sozialen Fundort gebunden, vom Stande der feudalen Gnadensonne bestimmt, vom Winde, der von Guermantes oder M\u00e9s\u00e9glise weht, bewegt und undurchdringlich in dem Dickicht ihres Schicksals miteinander verschlungen werden. Diesem Lebenskreise entstammt, als Verfahren des Dichters, die Mimikry. Seine genauesten, evidentesten Erkenntnisse sitzen auf ihren Gegenst\u00e4nden wie auf Bl\u00e4ttern, Bl\u00fcten und \u00c4sten Insekten, die nichts von ihrem Dasein verraten, bis ein Sprung, ein Fl\u00fcgelschlag, ein Satz dem erschreckten Betrachter zeigen, da\u00df hier ein unberechenbares eigenes Leben unscheinbar sich in eine fremde Welt geschlichen hatte. \u00bbDie Metapher, so unerwartet sie ist\u00ab, sagt Pierre-Quint, \u00bbbildet sich eng an den Gedanken an.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Den wahren Leser Prousts durchsch\u00fcttern immerw\u00e4hrend kleine Schrecken. Im \u00fcbrigen findet er in der Metaphysik den Niederschlag der gleichen Mimikry, die ihn als Kampf ums Dasein dieses Geistes im Laubdach der Gesellschaft frappieren mu\u00dfte. Es ist ein Wort davon zu sagen, wie innig und befruchtend diese beiden Laster, die Neugier und die Schmeichelei, einander durchdrungen haben. Eine aufschlu\u00dfreiche Stelle bei der F\u00fcrstin Clermont-Tonnerre hei\u00dft: \u00bbUnd zum Schlu\u00df k\u00f6nnen wir nicht verschweigen: Proust berauschte sich am Studium des Dienstpersonals. War es, weil hier ein Element, dem er sonst nirgend begegnete, seinen Sp\u00fcrsinn reizte, oder neidete er es ihnen, da\u00df sie die intimen Details von den Dingen, die sein Interesse erregten, besser beobachten konnten? Wie dem nun sei \u2014 das Dienstpersonal in seinen verschiedenen Figuren und Typen war seine Leidenschaft.\u00ab In den fremdartigen Abschattungen eines Jupien, eines Monsieur Aime, einer Celeste Albaret zieht deren Reihe von der Gestalt einer Fran\u00e7oise, die mit den derben, spitzigen Z\u00fcgen der heiligen Martha leibhaftig einem Stundenbuch entstiegen scheint, sich bis zu jenen grooms und chasseurs, denen nicht Arbeit sondern M\u00fc\u00dfiggang bezahlt wird. Und vielleicht nimmt die Repr\u00e4sentation das Interesse dieses Kenners der Zeremonien nirgends gespannter als in diesen niedersten Graden in Anspruch. Wer will ermessen, wieviel Bedientenneugier in Prousts Schmeichelei, wieviel Bedientenschmeichelei in seine Neugier einging, und wo diese durchtriebene Kopie der Bedientenrolle auf den H\u00f6hen des sozialen Lebens ihre Grenzen hatte? Er gab sie, und er konnte nicht anders. Denn wie er selber einmal verr\u00e4t: \u00bbvoir\u00ab und \u00bbd\u00e9sirer imiter\u00ab waren ihm ein und dasselbe. Diese Haltung hat, souver\u00e4n und subaltern wie sie war, Maurice Barres in einem der profiliertesten Worte, die je auf Proust gepr\u00e4gt worden sind, festgehalten: \u00bbUn po\u00e8te persan dans une loge concierge.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war in Prousts Neugier ein detektivischer Einschlag. Die oberen Zehntausend waren ihm ein Verbrecherclan, eine Verschw\u00f6rerbande, mit der sich keine andere vergleichen kann: die Kamorra der Konsumenten. Sie schlie\u00dft aus ihrer Welt alles aus, was Anteil an der Produktion hat, verlangt zumindest, da\u00df sich dieser Anteil grazi\u00f6s und schamhaft hinter einem Gestus birgt, wie die vollendeten Professionals der Konsumtion ihn zur Schau tragen. Prousts Analyse des Snobismus, die weit wichtiger ist als seine Apotheose der Kunst, stellt in seiner Gesellschaftskritik den H\u00f6hepunkt dar. Denn nichts anderes ist die Haltung des Snob als die konsequente, organisierte, gest\u00e4hlte Betrachtung des Daseins vom chemisch-reinen Konsumenten\u00adstandpunkt. Und weil aus dieser satanischen Feerie die entfernteste so gut wie die primitivste Erinnerung an die Produktivkr\u00e4fte der Natur verbannt werden sollte, darum war ihm selbst in der Liebe die invertierte Bindung brauchbarer als die normale. Der reine Konsument aber ist der reine Ausbeuter. Er ist es logisch und theoretisch, er ist es bei Proust in der ganzen Konkretheit seines aktuellen historischen Daseins. Konkret weil undurchschaubar und nicht zu stellen. Proust schildert eine Klasse, die in allen Teilen auf Tarnung ihrer materiellen Basis verpflichtet und eben darum einem Feudalismus angebildet ist, der, ohne wirtschaftliche Bedeutung in sich, als Maske der Gro\u00dfbourgeoisie um so verwendbarer ist. Dieser illusionslose, gnadenlose Entzauberer des Ich, der Liebe, der Moral, als welchen Proust sich zu sehen liebte, macht seine ganze grenzenlose Kunst zum Schleier dieses einen und lebenswichtigsten Mysteriums seiner Klasse: des wirtschaftlichen. Nicht als ob er ihr damit zu Diensten w\u00e4re. Er ist ihr nur voraus. Was sie lebt, beginnt bei ihm schon verst\u00e4ndlich zu werden. Doch vieles von der Gr\u00f6\u00dfe dieses Werkes wird unerschlossen oder unentdeckt verbleiben, bis diese Klasse ihre sch\u00e4rfsten Z\u00fcge im Endkampf zu erkennen gegeben hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=15724&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Walter_Benjamin_vers_1928.jpg\" alt=\"\" \/><\/a>\r\n<p>Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. [Erinnerung] Die dreizehn B\u00e4nde von Marcel Prousts \u00bbA la Recherche du Temps perdu\u00ab sind das Ergebnis einer unkonstruierbaren Synthesis, in der die Versenkung des Mystikers, die Kunst des Prosaisten, die Verve des Satirikers, das Wissen des Gelehrten und die&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/10\/zum-bilde-prousts\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":72,"featured_media":57170,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[269,428],"class_list":["post-57164","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-marcel-proust","tag-walter-benjamin"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57164","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/72"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=57164"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/57164\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=57164"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=57164"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=57164"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}