{"id":56597,"date":"2021-10-06T00:01:00","date_gmt":"2021-10-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=56597"},"modified":"2022-02-18T18:46:31","modified_gmt":"2022-02-18T17:46:31","slug":"das-rheinland-als-projektionsraum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/06\/das-rheinland-als-projektionsraum\/","title":{"rendered":"Das Rheinland als Projektionsraum"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Zuhause bin ich, wo ich meinen \u00c4rger habe.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Peter Bichsel<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl A.J. Weigoni f\u00fcr diesen Roman das Arbeitsstipendium des Landes NRW erhalten hatte, sind die <em>Lokalhelden<\/em> in der lokalen Presse auff\u00e4llig beschwiegen worden. Offensichtlich hat hier jemand einen Tabuzaun besch\u00e4digt. Der \u201erheinische Ungar\u201c hatte in der Landeshauptstadt keinen guten Ruf, er galt als \u201eNestbeschmutzer\u201c, dies ist im Rheinland ein Begriff nicht f\u00fcr denjenigen, der das Nest beschmutzt, sondern vielmehr f\u00fcr den, der den Schmutz an die \u00d6ffentlichkeit bringt. Und au\u00dferdem, in diesem Roman beschreibt Weigoni den erkalteten Wohlstandsurbanismus, er sagt \u201ewie et is\u201c. Eigentlich sagte er immer \u201ewie et is\u201c.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Metropole definiert die R\u00e4nder als Orte des Unheimlichen. Aber wo beginnt das Rheinland und wo endet das Dorf an der D\u00fcssel?<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Schaut man von au\u00dfen auf diese Region, so k\u00f6nnte man annehmen, das ganze Jahr ist hier Karneval. So ganz falsch ist das nicht, auch au\u00dferhalb der Session stellen die Rheinl\u00e4nder urige Typen dar, nicht Personen. Ihre ganze Fr\u00f6hlichkeit ist nur Fassade, hinter der sich Angst verbirgt. Weigoni untersucht diskontinuierliche Erz\u00e4hlmuster, die sich aus dem Hin-und-her-Zappen zwischen unterschiedlichen Narrationsstr\u00e4ngen ergeben. Zwischen dem Sowohl und dem regionaltypischen Sowohl-als-auch nimmt das Vorgegebene, Vorausliegende als Gegenstand narrativer und dialogischer Er\u00f6rterungen einen weiten Raum im Rheinland ein, diese Dialektik wird h\u00e4ufig gar zum beherrschenden Thema. Weigoni schildert dies in umwerfend komischen, h\u00e4ufig alkoholgetr\u00e4nkten Szenen, die alle dank ihrer klugen Selbstreflexion einen Nachhall erzeugen. Der Romancier zeichnet ein scharfes und psychologisch detailliertes Bild der sich in Selbstaufl\u00f6sung befindlichen BRD. Die Rheinl\u00e4nder, die er uns vorf\u00fchrt, verlieren sich in Alkoholismus, Gef\u00fchllosigkeit und inhaltlicher Leere. Es ist die Umgebung, die Normen, der gesellschaftliche Druck, die komplexer werdende Arbeitswelt und eine allumfassende Inhaltslosigkeit, mit der sich die Rheinl\u00e4nder konfrontiert sehen. Das Ungl\u00fcck ist absehbar, ein Entkommen ist von hier aus nicht m\u00f6glich, zum Rheinland ist man lebensl\u00e4nglich verurteilt. Der Roman <em>Lokalhelden<\/em> ist Literatur, die die Euphorie des Rausches und die Vorahnung eines schmerzhaften Katers gleicherma\u00dfen vermittelt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Heimat beschriebt in Deutschland nie einen realen Ort, sondern die Sehnsucht nach einem romantischen Ideal<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcblicherweise beh\u00e4lt im Rheinland die Macht der Gewohnheit die Oberhand, doch der Drang zum Aufbegehren wird meist schnell wieder vom Tresen gewischt. Das Leben der Rheinl\u00e4nder setzt sich aus Zukunftshoffnungen und Erinnerungen zusammen, in ihrer Gegenwart bleibt oft etwas Unerkl\u00e4rliches und Unwirkliches. Was die Rheinl\u00e4nder an vergangener, aber deshalb noch lange nicht begrabener Geschichte mit sich f\u00fchrt, erkennen wir beim Lesen erst nach und nach, und mit mindestens ebenso viel Zeitverz\u00f6gerung wird uns klar, ob uns die Geschichte der alten \u201eBonner Republik\u201c\u00a0 in irgendeiner Weise ber\u00fchrt, im guten wie im schlechten Sinne. Es geht Weigoni in diesem Roman nicht um eine Wahrheit, die einen objektiven Anspruch erhebt, auch nicht um kollektive Erinnerungen, die er im Nachhinein anklagen, verteidigen oder erkl\u00e4ren will. Er vertraut darauf, dass der Leser seine eigenen Schl\u00fcsse zieht, will lediglich darstellen und daf\u00fcr findet dieser Romancier genau die richtige Sprache. Das alles ergibt ein intimes Portr\u00e4t einer Zeit, eines Ortes und seiner vorbeiziehenden Menschen. Der rheinische Akzent geh\u00f6rt zum Soundsystem dieser Sprache, Weigoni spielt damit. Finale Gewissheiten existieren im Rheinland nicht, weder aus inhaltlicher noch aus \u00e4sthetischer oder psychologischer Perspektive. Man einigt sich hier meist auf ein: \u201eWahrscheinlich is et so gewesen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die <em>Lokalhelden<\/em> stecken voller kulturhistorischer Allusionen aus der zeitgen\u00f6ssischen Kultur der Rheinl\u00e4nder<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Roman geschieht sowohl eine Geschichtsschreibung als auch eine Geschichtserz\u00e4hlung. Die Realit\u00e4t wird in den Lokalhelden so beschreiben, als w\u00e4re sie nicht vorhanden. Weigoni erkundete die conditio humana der Wohlstandsgesellschaft BRD. Der Brotkrumenstruktur nach ist dieser Roman ein Stationendrama in Prosa, er rei\u00dft zahllose kulturelle Bez\u00fcge an. Er schickt seine Figuren durch ein schr\u00e4ges Wunderland voller Zeichen und Zitate. Dabei blitzt durch das karnevaleske Treiben immer wieder die gesellschaftliche Realit\u00e4t auf. Im Bramarbasieren der Rheinl\u00e4nder spiegelt sich der kalte Egozentrismus einer ganzen Gesellschaft. Die Globalisierung beginnt die Bonner Republik rabiat zu ver\u00e4ndern, aber die Rheinl\u00e4nder sind sich auf ihre Weise treu geblieben. Man k\u00f6nnte daran verzweifeln, wenn man sich nicht entscheidet, vor allem das Karnevaleske darin zu sehen. So irrwitzig das einerseits sein mag, ist es doch andererseits toll f\u00fcr die Literatur. Aus der Unm\u00f6glichkeit heraus, ein wahres Buch zu schreiben, in dem es keine Hauptfigur gibt, sondern nur Nebenfiguren, ist zum guten Schluss ein wahrhaftiges Buch von wunderlicher Stringenz entstanden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00dcberforderung erweist sich in diesem Roman als literarisches Qualit\u00e4tskriterium.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56601\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-717x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-717x1024.jpeg 717w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-210x300.jpeg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-768x1098.jpeg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-560x800.jpeg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-260x372.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1-160x229.jpeg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/image-1.jpeg 832w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/>\r\n<figcaption>Coverphoto: Jo Lurk<\/figcaption>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Als Letztes, aber nicht als Geringstes, Denis Ullrichs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zuhause bin ich, wo ich meinen \u00c4rger habe. Peter Bichsel Obwohl A.J. Weigoni f\u00fcr diesen Roman das Arbeitsstipendium des Landes NRW erhalten hatte, sind die Lokalhelden in der lokalen Presse auff\u00e4llig beschwiegen worden. Offensichtlich hat hier jemand einen Tabuzaun besch\u00e4digt.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/10\/06\/das-rheinland-als-projektionsraum\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":182,"featured_media":98379,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-56597","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/182"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=56597"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":98392,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/56597\/revisions\/98392"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98379"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=56597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=56597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=56597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}