{"id":56557,"date":"2020-03-08T00:01:53","date_gmt":"2020-03-07T23:01:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=56557"},"modified":"2021-02-28T17:46:16","modified_gmt":"2021-02-28T16:46:16","slug":"wenn-er-hier-waere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/08\/wenn-er-hier-waere\/","title":{"rendered":"Wenn er hier w\u00e4re"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie wurde an diesem Abend zu den jungen M\u00e4nnern platziert. Die anderen Frauen sa\u00dfen etwas weiter entfernt. Man hatte die Pl\u00e4tze gelost, um die Leute gut durchzumischen. Sie war mit dem ihrigen zufrieden. Doch was ist in sie gefahren von Drogen zu sprechen, als handle es sich um Zuckerbonbons? Die jungen M\u00e4nner schienen zun\u00e4chst irritiert, dann am\u00fcsiert, bis sie sich vergewisserten, dass sie das Thema nicht nur anschnitt, um die Stimmung zu lockern, sondern, dass es ihr offenbar ein Anliegen war, sich dar\u00fcber auszutauschen, wer welche Erfahrung und mit was gemacht hatte und ein Rauschmittel nach dem anderen systematisch diskutierte. Nicht jeder stieg sofort auf das Thema ein, so mancher umschiffte es, indem er lieber auf andere verwies, die ihm etwas \u00fcbermittelt h\u00e4tten, was er eigens nie erfuhr, oder er versuchte vergeblich das Gespr\u00e4ch auf andere Inhalte zu verlegen. Doch sie blieb stur, war Feuer und Flamme, sprach begeistert, ja versuchte beinahe den Rausch heraufzubeschw\u00f6ren, als etwas, das jedem zustand, der mehr vom Leben wollte. Manchmal redete sie an der Grenze zur Peinlichkeit, gelegentlich konnte sie ihre Begeisterung mit dem einen oder anderen teilen, der ihr an den Lippen hing wie ein kleiner Schuljunge. Es entging ihr nicht, dass sich diese Burschen ab und zu Blicke zuwarfen, Damit konnte sie bestens umgehen. Kaum hatte einer mit den Augen gerollt, schnappte sie sich ihn wie zum Verh\u00f6r und fragte eindringlich, leicht flirtend, als k\u00f6nnte sie ihm etwas durch ihren Charme entlocken: Was ist mit dir, was hast du schon gemacht, dass ich noch nicht kenne? Klar, sie h\u00e4tte ihre Mutter sein k\u00f6nnen, aber das Kerzenlicht an diesem Abend, ihr offenes Dekolletee, die heitere Stimmung ringsum, versuchten diese Gedanken zu verblenden. Vielleicht drang die junge Frau, die sie mal war ja doch irgendwie durch und die Spuren des Lebens waren an diesem Abend weniger gut zu sehen, so wie ihr das Haar locker ins Gesicht fiel, so wie sie heute ihren Kopf wog, wild gestikulierte, laut lachte und in einer angenehmen Duftwolke sa\u00df, die leicht und s\u00fc\u00df aus ihren Poren str\u00f6mte. Warum verschwieg sie, einen Sohn in einem \u00e4hnlichen Alter zu haben, eine recht etablierte Wissenschaftlerin zu sein und dass sie durchaus wilde Zeiten hinter sich hatte, wie zum Beispiel jene Reise alleine zu Pferd durch die Mongolei und allerlei andere Erfahrungen, die sie als Frau durchaus interessant machte und die sie h\u00e4tte stattdessen teilen k\u00f6nnen. Es g\u00e4be viel zu erz\u00e4hlen von ihr. Sie war jemand, der schon viel erlebt hatte und von Sachen erz\u00e4hlen h\u00e4tte k\u00f6nnen, die nur fr\u00fcher so stattfinden konnten wie sie es taten, als es noch keine Mobiltelefone und kein Internet gab, als die Zeiten generell so viel anders waren und L\u00e4nder haben besucht werden konnten, die heute als gef\u00e4hrlich eingestuft werden. Selbst von New York h\u00e4tte sie plaudern k\u00f6nnen und wie es war, als die Stadt das Wort Gentrifizierung nicht in ihrem Vokabular hatte. Sie h\u00e4tte sich gelegentlich nur etwas in diese andere Richtung auff\u00e4chern m\u00fcssen, sich auf einen regen Austausch einlassen k\u00f6nnen, doch sie beharrte auf ihrem Thema des Abends, verbiss sich regelrecht darin, so als w\u00fcrde es jetzt in dieser Runde gelten eine Wahrheit zu finden. K\u00f6nnte er sie aus dieser Situation rei\u00dfen, ihr in die Augen schauen und sie direkt fragen, ob das nicht eine Spur zu l\u00e4cherlich f\u00fcr sie sei, sie w\u00fcrde die Schuld dem Alkohol geben, wohl wissend, dass dies blo\u00df eine dumme Ausrede war, die er nur akzeptieren w\u00fcrde, wenn er bei ihrem Spiel mitmachte, er ansonsten w\u00fcsste, dass sie w\u00fcsste, dass er wei\u00df. W\u00e4re er hier, er w\u00fcrde sie wahrscheinlich auf der Stelle entlarven. Doch bevor sie sich in Erkl\u00e4rungen winden w\u00fcrde, sagte er nur drei Worte, die sie f\u00fcr den Rest des Abends stumm machten: Wei\u00dft du noch?<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Er die Sch\u00f6ne, <\/strong>Moodboard Stories von Joanna Lisiak, 2019, 200 Seiten, isbn 978-3-74817-417-2<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">\r\n<figcaption><\/figcaption>\r\n<div id=\"attachment_56567\" style=\"width: 216px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Er-die-Scho\u0308ne_Cover-e1614529658387.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-56567\" class=\"wp-image-56567 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/Er-die-Scho\u0308ne_Cover-206x300.jpg\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-56567\" class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00abWinter I\u00bb; \u00abWinter II\u00bb, 2013, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\r\nStimmungen, innere Gespr\u00e4che. Befindlichkeiten, Launen, unmethodische oder logische Gedankeng\u00e4nge. Die Seelenlagen mal schwankend, mal sich windend. Die Menschen beobachten, entr\u00fcsten sich, ordnen ein, kl\u00e4ren auf, merken an, lotsen aus. Suchend, versuchend, sich zerstreuend, sich selbst auf der Spur. Gelegentlich ein erfreulicher Fund. Eine dunkle Wolke verzieht sich, eine komische Gegebenheit verschafft ein unerwartetes L\u00e4cheln. Dies, was die Moodboard Stories miteinander verbindet, was sie lose zusammenh\u00e4lt oder erg\u00e4nzend dazwischenwirkt.<\/figure>\r\n<div class=\"wp-block-image\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p>\r\n\r\n\r\n\r\n<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<figure><\/figure>\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/figure>\r\n<\/div>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sie wurde an diesem Abend zu den jungen M\u00e4nnern platziert. Die anderen Frauen sa\u00dfen etwas weiter entfernt. Man hatte die Pl\u00e4tze gelost, um die Leute gut durchzumischen. Sie war mit dem ihrigen zufrieden. 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