{"id":56061,"date":"2020-01-11T00:01:02","date_gmt":"2020-01-10T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=56061"},"modified":"2021-08-15T08:02:20","modified_gmt":"2021-08-15T06:02:20","slug":"falsch-abgebogen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/11\/falsch-abgebogen\/","title":{"rendered":"Falsch abgebogen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Old Monk ist zu warm, die tropische Nacht ist genau richtig. Adam und ich sitzen auf der Ufermauer an der Promenade, die sich vom Gateway of India-Monument das Ufer entlang in den Stadtteil Colaba zieht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Links klatschen die Wellen gegen den Stein, rechts von uns ziehen Inder und Ausl\u00e4nder aus aller Welt vorbei. Alles, was die Stadt zu bieten hat: Musiker und T\u00e4nzerinnen, Flitterw\u00f6chner und Sextouristen, Huren und Heilige, Dealer und Polizisten. Ein perfektes Bild.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Etwas weiter am Stra\u00dfenrand schiebt ein Mann lange Stangen Zuckerrohr in eine Maschine. Ein zweiter dreht eine Kurbel, die einen Mechanismus bewegt, der im Inneren der Maschine den Saft aus den Stangen presst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche St\u00e4nde findet man in Mumbai in allen gr\u00f6\u00dferen Stra\u00dfen und mindestens einen in jedem Basar. Ich kaufe ein Glas mit gelbem Sirup, um die Sache mal zu testen. Ich schwenke die klebrige Fl\u00fcssigkeit in dem tr\u00fcben Glas umher, w\u00e4hrend um mich herum einige Inder aufmunternd die K\u00f6pfe wackeln lassen. Z\u00f6gernd nehme ich einen Schluck.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu s\u00fc\u00df. Viel zu s\u00fc\u00df f\u00fcr meinen Geschmack. Ich zwinge mich zu einem Grinsen und nicke anerkennend. Um mich herum wird applaudiert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann mit dem Taxi und der fast leeren Flasche Old Monk nach Norden ins Bandra-Viertel in irgendeinen neuen Club, den Adam testen will. Wir \u00fcberqueren einen der Prestigebauten Mumbais, die riesige H\u00e4ngebr\u00fccke, die sich elegant \u00fcber die Bucht schwingt. Durchs Fenster tr\u00e4gt der Fahrtwind die feuchte Nacht herein; aus dem Radio pl\u00e4rrt Hindipop, der Sound des neuen Indiens.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Verkehr ist die H\u00f6lle, wie immer. Es ist schlimmer als Bangkok, schlimmer als Mexiko-Stadt. Kairo kann \u00e4hnlich grauenhaft sein, aber hier fahren auch noch alle auf der falschen Seite. Und es gibt viel mehr Arten von Verkehrsteilnehmern. Nichts \u00fcbertrifft die Vielfalt von Autos, Motorr\u00e4dern, Rikschas, Rollern, Fahrr\u00e4dern, Eselskarren, Handkarren, Fu\u00dfg\u00e4ngern, Hunden, Katzen, Ziegen, K\u00fchen und Ratten, die auf Mumbais Stra\u00dfen unterwegs sind.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man hat nie mehr als zwei Zentimeter Platz zwischen sich und dem n\u00e4chsten Verkehrsteilnehmer. Das Konzert aus Motoren, Hupen und Schreien ist ohrenbet\u00e4ubend, und wenn die Leute hier keine Hindus w\u00e4ren, g\u00e4be es hunderte Tote am Tag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Macht mir das Angst? Macht es nicht, denn wir fahren mit Schutzzauber an der Sto\u00dfstange (Blumen und Chilis) und sicherheitshalber auch noch einem Schrein auf dem Armaturenbrett. Denn was dem Deutschen sein Wackeldackel, ist dem Hindu-Fahrer sein Armaturenbrett-Schrein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Seltsame daran: Im Land des Kopfwackelns wackelt es neben dem Lenkrad nicht; das k\u00f6nnen nur die deutschen Dackel. Das Gute daran: So ein G\u00f6tterschrein sch\u00fctzt vor Unf\u00e4llen, \u00dcberf\u00e4llen und anderen Widrigkeiten im indischen Stra\u00dfenverkehr; und das k\u00f6nnen die deutschen Dackel nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich vertraue also auf die sch\u00fctzende Kraft der Hindug\u00f6tter, mache aber trotzdem dann und wann die Augen zu, um den drohenden Zusammensto\u00df nicht sehen zu m\u00fcssen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Linksverkehr \u2013 okay, damit komme ich klar. Womit ich nicht klarkomme, ist absolute Anarchie auf den Stra\u00dfen. Das obligatorische Hupkonzert macht mir nicht viel aus, auch nicht die Fahrr\u00e4der, Rikschas, Handkarren, Ziegen und K\u00fche. Aber hier wird gedr\u00e4ngelt, geschoben und gerammt, man droht sich gegenseitig mit dem Stock und geht \u00fcberhaupt jedes Risiko ein, um nur ein klein wenig schneller ans Ziel zu kommen. Ich sehe hier genau genommen auf den meisten Taxifahrten alle paar Minuten dem Tod ins Auge.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Fahrverhalten der Inder l\u00e4sst sich nur so erkl\u00e4ren: Als Hindu hast du eben nicht nur ein einziges Leben, sondern wirst wiedergeboren und kannst nach deinem Hinscheiden bei einem Autounfall in einem neuen K\u00f6rper von vorne starten. Nur ganz kurz vor deiner Erleuchtung w\u00e4re der Tod im Verkehr also wirklich tragisch, und bis dahin kannst du als Autofahrer ein Risikoverhalten wie beim Russisch Roulette an den Tag legen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Leider bin ich aber kein Hindu! Ich habe nur dieses eine Leben und h\u00e4nge daran.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor dem Club, den Adam auserkoren hat, wartet eine Riesenschlange. Das wird ewig dauern. Adam versucht, einen Typen in der Schlange zu bezahlen, damit er uns seinen Platz in der Reihe \u00fcberl\u00e4sst. Macht der Typ aber nicht, stattdessen bietet er uns afghanisches Kokain an.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>\u00a0***<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-56021\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/dreibeiniger3000-630x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"158\" height=\"256\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Der dreibeinige Hund lacht<\/strong>. Ein authentisches Roadmovie und eine Ode an Indien, den Rausch und die Liebe, von Philipp Baar. Edition Subkultur, 2019<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der Old Monk ist zu warm, die tropische Nacht ist genau richtig. Adam und ich sitzen auf der Ufermauer an der Promenade, die sich vom Gateway of India-Monument das Ufer entlang in den Stadtteil Colaba zieht. 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