{"id":5604,"date":"2021-07-06T00:01:00","date_gmt":"2021-07-05T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5604"},"modified":"2022-02-28T14:10:19","modified_gmt":"2022-02-28T13:10:19","slug":"1-4-fund","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/07\/06\/1-4-fund\/","title":{"rendered":"Kunst kommt vom Kombinieren"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/LautpoesieRU.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5863\" title=\"LautpoesieRU\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/LautpoesieRU-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Traditionelle Techniken sind der Kompass, mit dem man k\u00fcnsterische Anspr\u00fcche sinnf\u00e4llig durch die neuen Medien navigieren kann, dies lehrt A.J. Weigonis Erfahrung bei sparten\u00fcbergreifenden Projekten seit Beginn der 1990ger Jahre. Sprache erreicht &#8211; je nach Aggregatszustand: geschrieben, gezeichnet, gesprochen, performt &#8211; unterschiedliche Wirk- und Erkenntnism\u00f6glichkeiten. Mit dem H\u00f6rBuch <em>1\/4 Fund<\/em> begann ein vierteiliger Zyklus von lyrischen Monodramen in Rezitation und H\u00f6rspiel (begleitet durch den Komponisten und Tonmeister Tom T\u00e4ger), dabei verl\u00e4\u00dft sich dieser VerDichter auf den \u00e4ltesten Special-Effekt, den die Menschheit besitzt:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Stimme!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigoni tr\u00e4gt seine Gedichte nicht einfach vor, er gestaltet und verwirklicht sie. Es geht ihm um die Wahrhaftigkeit des Wortes. Seine Gedichte sind eine tonale Komposition mit sprachlichen Mitteln. Er vermag es poetische Performances zu Ereignissen zu machen, weil er den richtigen Rhythmus und die Melodie findet. Unangestrengt schafft er gefl\u00fcsterte, gesprochene Sprachkunstwerke. Das Mond\u00e4ne vereinigt sich mit dem Musikalischen; der Intellekt mit dem Sinnlichen. Er l\u00e4\u00dft mit Lust an der gesprochenen Sprache, an der Sch\u00f6nheit von Worten: Tonfall, Melodie und Rhythmus h\u00f6ren. Durch Intensit\u00e4t und Differenziertheit der Wahrnehmung, die in eine genuine Sprachmusik umgesetzt ist, rhythmisch, lautmalerisch und konsonantenreich macht er Sprache als Material sichtbar. Als Sprach-Spiel mit der Aufforderung zum Mitspielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Sie sind Spielgef\u00e4hrte!<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/03\/18\/letternmusik-eine-partitur\/\"><em>Letternmusik im Gaumentheater<\/em><\/a> ist ein Platz f\u00fcr den artistischen Bau autarker Sprachkonstrukte ausserhalb der allt\u00e4glichen Rede und normierter Sprachregularien. Weigoni ist ein Grossmeister in der Kunst der Sprachbefragung. Wieder und wieder dreht und wendet er diese, nimmt die W\u00f6rter beim Wort und nicht zuletzt beim Buchstaben, bis ganz neue Dinge aufscheinen. Seine Spracharbeit findet immer und \u00fcberall zugleich statt, auf der phonetischen \u00fcber die lexikalische zur syntaktischen bis auf die Textebene kann sich eine sprachliche Wendung in vielschichtiger Weise entfalten. Dieses Freigelassene, Str\u00f6mende entsteht durch Pr\u00e4zision, Klarheit und Konzentration. Diese Gedichte oszillieren zwischen dem lyrischen Protestgedicht und dem politischen Liebesgedicht. Sie sollen daran erinnern, was Poesie urspr\u00fcnglich war:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gesang, Melodie und Rhythmus, Reim und Versmass, Litanei und Mythos.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/art_tonstudioanderruhr_ef2c_b.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-5617 alignright\" title=\"art_tonstudioanderruhr_ef2c_b\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/art_tonstudioanderruhr_ef2c_b.jpg\" alt=\"\" width=\"156\" height=\"80\" \/><\/a>Mit den ersten Zeilen wird dieser Ton angeschlagen, wie in der Er\u00f6ffnung einer Cellosonate, dr\u00e4ngender Abstieg in gefa\u00dfte Melancholie. Vorsichtig, zur\u00fcckhaltend setzen sie ein, die Langgedichte, aber sie alle variieren ein einziges \u00fcberw\u00e4ltigendes Thema \u2013 was der Mensch ist in seiner Ungesch\u00fctztheit, wie er sich darin bew\u00e4hren kann, vor allem vor sich selbst. Bei \u00bbSe\u00f1ora Nada\u00ab provoziert Weigoni mit einem stream\u2013of\u2013consciousness durch Inhalte, und nicht durch Dolby\u2013Surround. Darin wird er von Tom T\u00e4ger begleitet mit einer Musik der befreiten Melodien. Seine Komposition ist durchsetzt mit minimalistischen und improvisatorischen Erfahrungen, das Klangbild wird von experimentellen Kl\u00e4ngen zu Trivialkl\u00e4ngen in Bezug gesetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Das Monodrama, eine polyperspektivische Dichtung<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_5625\" style=\"width: 110px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/rauschan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-5625\" class=\"size-full wp-image-5625\" title=\"rauschan\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/rauschan.jpg\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"155\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-5625\" class=\"wp-caption-text\">Ioona Rauschan, Regie<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schwarz ist die Farbe der Stille, Wei\u00df jene des Rauschens auf diesen menschenleeren Bildern, die Meer und Riff, Bucht und Hafen ins wechselnde Licht r\u00fccken. Die grammatische Implosion im letzten Wort, das Herausbrechen unbetonter Vokale, versinnlicht sprachlich das Motiv des Schiffbruchs. \u00dcber den sp\u00e4rlichen Werken der Zivilisation liegt die Aura schrecklicher Sch\u00f6nheit, Spuren verlieren sich am Strand. Den Kampf um die Dauer hat der Mensch hier immer schon verloren. Die Sch\u00f6nheit von Weigonis Sprache liegt in der lakonischen Pr\u00e4zision des Wortes, der Genauigkeit jeder Beobachtung: in der Poesie des bewu\u00dft erlebten Augenblicks. So als habe die Todesn\u00e4he, in der die Protagonistin sich befindet, auch das Bewu\u00dftsein des Lyrikers beim Schreiben aufs \u00c4u\u00dferste gesch\u00e4rft. Wo das Schreiben die Notwehr der Seele gegen den Ansturm des Nichts darstellt, wird alles m\u00f6glich. Weigoni ist ein Vertreter stilistischer Polyphonie, er schert sich nicht um die klassische Schriftsprache und Forderungen der sprachlichen Reinheit, sondern mischt gehobene mit niederen Ausdrucksweisen und wartet mit einer F\u00fclle von Soziolekten, dialektalen Eigenarten und syntaktischen F\u00fcgungen aus der gesprochenen Sprache auf. Er verwendet wissenschaftliche Begriffe wie Ausdr\u00fccke der Alltagssprache, nimmt tradierte Metaphern auf und pr\u00e4gt neue. Wiederholungen, motivische Wiederaufnahmen und Inversionen, rhetorische Fragen, aphoristische und apodiktische Formulierungen setzt er stilistisch wirkungsvoll ein und spickt seine Poesie mit Zitaten anderer und Anspielungen auf eigene Werke. Das kaleidoskopische Zitieren verschafft seinen Schriften eine intertextuelle Ebene, die sich als eine Form kultureller Erinnerungsarbeit deuten l\u00e4\u00dft. In diesen Satzgirlanden, die zuweilen von schelmischem Gel\u00e4chter durchdrungen sind, geht es um unterschiedliche Anteile von Tradition und Traditionsbruch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Sprache bringt das Geheimnis der Dinge zum Leuchten<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSe\u00f1ora Nada\u00ab pr\u00e4sentiert ein schwankendes Daseinsgef\u00fchl. Hier geht es um die Krankheiten der Epoche, um Entfremdung, Auraverlust der Kunst und die metaphysischen Konsequenzen, die f\u00fcr den transzendental Obdachlosen aus der Entzauberung der Welt entstanden sind. Dieses Monodram zeigt sich lyrisch hermetisch und auf engstem Raum labyrinthisch, die dahinsurrenden Zeilen sind raffiniert und lapidar zugleich, Stimmungsbilder aus dem Innersten einer \u00e4u\u00dferst ungesicherten Existenz. Wie im Mondlicht die Dinge eine quecksilbrig harte und zugleich diffus changierende Kontur annehmen, von der einen in die andere Gestalt wechseln, somit der Einbildungskraft doppelt ausgeliefert scheinen, erweist sich \u00bbSe\u00f1ora Nada\u00ab als somnambul und luzide zugleich. Eine n\u00e4chtlich phosphoreszierende Welt, Wachtraum und Traumerwachen, die sich nur in ganz wenigen Augenblicken vers\u00f6hnlich entspannt. Dieses Monodram bietet Momentaufnahmen einer be\u00e4ngstigend sinnlichen Metaphysik des Schwebens, einer gegenst\u00e4ndlichen Bodenlosigkeit gleitender, entgleitender Bezugspunkte, einer sich verschr\u00e4nkenden inneren und \u00e4u\u00dferen Welt. Es ist beides enthalten und gleichfalls bestimmend: Form und Formsprengung, bezogen auf die allgemeine Geschichte der Gattung Langgedicht, und besonders auf die individuelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einst waren Interpreten Barden, Schamane, Seher, Troubadoure, waren Reisende in Sachen Liebe und Moral&#8230; im digitalen Zeitalter geht der Schrift der Sinn und damit die Sinnlichkeit immer mehr verloren; so scheint es. Weigoni sucht mit atmosph\u00e4rischem Verst\u00e4ndnis die Poesie im \u00e4ltesten &#8222;Literaturclip&#8220;, den die Menschheit kennt:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dem Gedicht!<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>1\/4 Fund<\/strong>, H\u00f6rbuch von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2011. Als Einzelausgabe l\u00e4ngst vergriffen und nur noch erh\u00e4ltlich in: <strong>Der Schuber<\/strong>, Werkausgabe der s\u00e4mtlichen Gedichte von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tttt-weigonigedichte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-12663\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/tttt-weigonigedichte.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"250\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong><strong>\u00a0<\/strong>Jeder Band aus dem <em>Schuber<\/em> von A.J. Weigoni ist ein Sammlerobjekt. Und jedes Titelbild ein Kunstwerk. KUNO fa\u00dft die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=42570\">Stimmen<\/a> zu dieser verlegerischen Gro\u00dftat zusammen. Last but not least: <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25524\"><em>VerDichtung \u2013 \u00dcber das Verfertigen von Poesie<\/em><\/a>, ein Essay von A.J. Weigoni in dem er dichtungstheoretisch die poetologischen Grunds\u00e4tze seines Schaffens beschreibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>H\u00f6rproben <\/strong><strong>\u2192<\/strong> Probeh\u00f6ren kann man Ausz\u00fcge der <a href=\"http:\/\/vordenker.de\/weigoni\/schmauchspuren.html\">Schmauchspuren<\/a>, von <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/weigoni\/neige.html\">An der Neige<\/a> und des Monodrams <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/senora_nada.htm\">Se\u00f1ora Nada<\/a> in der Reihe <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=17799\">MetaPhon<\/a>. Zuletzt bei KUNO, eine Polemik von A.J. Weigoni \u00fcber den Sinn einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/02\/07\/bartleby\/\">Lesung<\/a>.<\/p>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Traditionelle Techniken sind der Kompass, mit dem man k\u00fcnsterische Anspr\u00fcche sinnf\u00e4llig durch die neuen Medien navigieren kann, dies lehrt A.J. Weigonis Erfahrung bei sparten\u00fcbergreifenden Projekten seit Beginn der 1990ger Jahre. 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