{"id":55993,"date":"2020-09-11T00:01:00","date_gmt":"2020-09-10T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55993"},"modified":"2020-09-10T18:42:51","modified_gmt":"2020-09-10T16:42:51","slug":"die-technik-des-schriftstellers-in-dreizehn-thesen-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/11\/die-technik-des-schriftstellers-in-dreizehn-thesen-2\/","title":{"rendered":"Die Technik des Schriftstellers in dreizehn Thesen"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">I.\u00a0Wer an die Niederschrift eines gr\u00f6sseren Werks zu gehen beabsichtigt, lasse sich\u2019s wohl sein und gew\u00e4hre sich nach erledigtem Pensum alles, was die Fortf\u00fchrung nicht beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">II.\u00a0Sprich vom Geleisteten, wenn du willst, jedoch lies w\u00e4hrend des Verlaufes der Arbeit nicht daraus vor. Jede Genugtuung, die du dir hierdurch verschaffst, hemmt dein Tempo. Bei Befolgung dieses Regimes wird der zunehmende Wunsch nach Mitteilung zuletzt ein Motor der Vollendung.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">III.\u00a0In den Arbeitsumst\u00e4nden suche dem Mittelmass des Alltags zu entgehen. Halbe Ruhe, von schalen Ger\u00e4uschen begleitet, entw\u00fcrdigt. Dagegen vermag die Begleitung einer Et\u00fcde oder von Stimmengewirr der Arbeit ebenso bedeutsam zu werden, wie die vernehmliche Stille der Nacht. Sch\u00e4rft diese das innere Ohr, so wird jene zum Pr\u00fcfstein einer Diktion, deren F\u00fclle selbst die exzentrischen Ger\u00e4usche in sich begr\u00e4bt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">IV.\u00a0Meide beliebiges Handwerkszeug. Pedantisches Beharren bei gewissen Papieren, Federn, Tinten ist von Nutzen. Nicht Luxus, aber F\u00fclle dieser Utensilien ist unerl\u00e4sslich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">V.\u00a0Lass dir keinen Gedanken inkognito passieren und f\u00fchre dein Notizheft so streng wie die Beh\u00f6rde das Fremdenregister.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">VI.\u00a0Mache deine Feder spr\u00f6de gegen die Eingebung, und sie wird mit der Kraft des Magneten sie an sich ziehen. Je besonnener du mit der Niederschrift eines Einfalls verziehst, desto reifer entfaltet wird es sich dir ausliefern. Die Rede erobert den Gedanken, aber die Schrift beherrscht ihn.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">VII.\u00a0H\u00f6re niemals mit Schreiben auf, weil dir nichts mehr einf\u00e4llt. Es ist ein Gebot der literarischen Ehre, nur dann abzubrechen, wenn ein Termin (eine Mahlzeit, eine Verabredung) einzuhalten oder das Werk beendet ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">VIII.\u00a0Das Aussetzen der Eingebung f\u00fclle aus mit der sauberen Abschrift des Geleisteten. Die Intuition wird dar\u00fcber erwachen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">IX. Nulla dies sine linea (kein Tag ohne Linie\/Zeile) \u2013 wohl aber Wochen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">X.\u00a0Betrachte niemals ein Werk als vollkommen, \u00fcber dem du nicht einmal vom Abend bis zum hellen Tage gesessen hast.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">XI.\u00a0Den Abschluss des Werkes schreibe nicht im gewohnten Arbeitsraume nieder. Du w\u00fcrdest den Mut dazu in ihm nicht finden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">XII.\u00a0Stufen der Abfassung: Gedanke \u2013 Stil \u2013 Schrift. Es ist der Sinn der Reinschrift, dass in ihrer Fixierung die Aufmerksamkeit nur mehr der Kalligrafie gilt. Der Gedanke t\u00f6tet die Eingebung, der Stil fesselt den Gedanken, die Schrift entlohnt den Stil.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">XIII.\u00a0Das Werk ist die Totenmaske der Konzeption.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\r\n\r\n<\/p>\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-68588\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"297\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe.jpg 440w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-223x300.jpg 223w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-260x350.jpg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/Einbahnstra\u00dfe-160x216.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die<em> Einbahnstra\u00dfe<\/em> ist eine entscheidende Gelenkstelle in Benjamins Gesamtwerk, in der \u00dcberlegungen des Fr\u00fchwerks transformiert werden, um sie dann in sp\u00e4teren Arbeiten weiterzuf\u00fchren. Dies veranschaulicht insbesondere die 43 Texte umfassende \u00bbNachtragsliste zur Einbahnstra\u00dfe\u00ab, die Benjamin Anfang bis Mitte der drei\u00dfiger Jahre zusammenstellte. Sie wird, neben dem Erstdruck und allen handschriftlichen Vorstufen sowie zeitgen\u00f6ssischen Rezensionen, in der neuen Edition erstmals als Einheit zu lesen sein. Der Kommentar und das Nachwort des Herausgebers machen zudem die Verbindung der einzelnen Texte mit dem Gesamtwerk Benjamins sichtbar und zeigen, inwiefern die <em>Einbahnstra\u00dfe<\/em> die Tradition der europ\u00e4ischen Aphoristik aufgenommen und zugleich erneuert hat.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I.\u00a0Wer an die Niederschrift eines gr\u00f6sseren Werks zu gehen beabsichtigt, lasse sich\u2019s wohl sein und gew\u00e4hre sich nach erledigtem Pensum alles, was die Fortf\u00fchrung nicht beeintr\u00e4chtigt. 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