{"id":55027,"date":"2020-01-07T00:01:47","date_gmt":"2020-01-06T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55027"},"modified":"2023-06-02T11:36:04","modified_gmt":"2023-06-02T09:36:04","slug":"aus-der-werkstatt-eines-kreativen-denkens","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/07\/aus-der-werkstatt-eines-kreativen-denkens\/","title":{"rendered":"aus der werkstatt eines kreativen denkens"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGedankenstriche\u00ab ist eine mischung aus tagebuch, selbstreflexionen, werkstattbuch und alltagsbeobachtungen. joanna lisiak denkt darin auch \u00fcber techniken und strukturen, sichtweisen und blickwinkel ihrer wahrnehmens nachdenkt, das intuitionen folgt und zugleich intellektuell grundiert ist. man findet bei ihr ein beobachtendes denken und denkerisches beobachten. \u00bbInterdisziplin\u00e4res: mehr noch als um die Kreuzung geht es um den Initial-Schuss aus dem Zentrum heraus.\u00ab, \u00bbMein Bem\u00fchen gleicht der Suche nach zwei Parallelen, die in der Unendlichkeit aufeinandertreffen. Oder der Suche nach einer Mitte in einem Universum, das keine Mitte hat.\u00ab daf\u00fcr braucht man paradoxe phantasie. auf der r\u00fcckseite steht zudem einer der zentralen s\u00e4tze, oder der mottosatz dieses buches \u00fcberhaupt, oder des lebens insgesamt: \u00bbZiel: Werden, wie man ist.\u00ab, also die eigenen begabungen, interessen, naturelle auspr\u00e4gen, entwickeln und entfalten. wie viele eltern, lehrer, dogmatiker, b\u00fcrokraten haben das schon behindert und verhindert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hinzu kommen zwei bilder, \u00f6l auf leinwand, von mariola lisiak auf vorderundr\u00fcckseite des buches unterm titel \u00bb\u00c4quivalente\u00ab und \u00bbRosa Fluss\u00ab mit flie\u00dfenden linien, die mit gedankenbewegungen der autorin korrespondieren. \u00bbDie Bewegung hin zum Gegenstand oder der Gegenstand als Bewegung.\u00ab, \u00bbKaum einer ahnt, dass so viel Entfaltung aus gest\u00fcckelten, strukturierten Fragmenten entsteht, eingebettet in Vorsatz, den Willen, in die Disziplin, in den Fokus, in den Drang.\u00ab, \u00bbFormvollendung ja, aber nur, wenn irgendwo eine winzige Ausflucht eine nicht sichtbare Bruchstelle entbl\u00f6\u00dft, wohin die Urform auslaufen kann.\u00ab, \u00bbDer Impuls und dann der Sog des m\u00fchelosen Gleitens.\u00ab, \u00bbDieses Entz\u00fccken Dinge immerzu zu arrangieren, gliedern, einzuordnen.\u00ab eben dies tue ich hier mit ihren gedanken, nicht weil ich sie ungeordnet finde, sondern da jeder mensch seine eigene innere ordnung hat und durch kombinationen neue zusammenh\u00e4nge und konstellationen entstehen. und dabei kann ich mich auf roland barthes berufen: \u00bbDas einmal Kombinierte bildet Aggregate, die sich untereinander ein zweites Mal, ein drittes Mal kombinieren k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak ist eine relativiererin. individualit\u00e4t, geistige freiheit und relativierung geh\u00f6ren zusammen. ein zu eindeutiges und eing\u00e4ngiges denken, dem das staunen und die freude am \u00fcberraschenden und ungewohnten fehlt, verhindert eher einen wachen blick. \u00bbEs gibt gar keine Eindeutigkeit.\u00ab, \u00bbIch arbeite ohne Dogmen, ohne Regeln. Zu viele Regeln verunm\u00f6glichen die Ausnahme. Ausnahmen aber sind Quellen.\u00ab, \u00bbEin Denken anstreben, das nicht den Weg durch Sackgassen geht.\u00ab und \u00bbIn Zeiten ohne Denker geht man am besten zur\u00fcck auf die Vordenker und denkt nach \u00fcber deren Denken.\u00ab sie ist offenbar entt\u00e4uscht von manchen heutigen akademikern, wohl auch weil ihr eigenes denken die urspr\u00fcnglichkeit eines unbefangenen empfindens hat. sie sch\u00e4tzt, wie viele kreative menschen, das geistige, doch weniger das allzu theoretische. \u00bbAbstrahieren hei\u00dft die Luft melken.\u00ab, meinte friedrich hebbel. je mehr man von literatur versteht, umso weniger braucht man literaturtheorie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ihr bewegliches denken nimmt kontraste, bruchstellen, \u00f6ffnungen, affinit\u00e4ten, symbiosen, \u00fcberg\u00e4nge, spielr\u00e4ume, intervalle, facetten und nuancen in und zwischen ihren gegenst\u00e4nden wahr, in denen sie, im konkreten und oft kleinen, das besondere und bedenkenswerte findet, und zudem, oder damit verbunden, das paradoxe und absurde. theodor w. adorno schrieb: \u00bbdie F\u00e4higkeit, philosophisch zu denken, ist wesentlich die, die Differenzen ums Ganze eigentlich immer in diesen minimalen Differenzen, in den Differenzen ums Kleinste zu erfahren.\u00ab, \u00bbWenn es wahr ist, da\u00df das Entscheidende im Kleinsten steckt, ist Simplifizierung das Unwahre.\u00ab und \u00bbDas Licht, das in den fragmentarischen, zerfallenden, abgespaltenen Ph\u00e4nomenen aufgeht, ist die einzige Hoffnung, die die Philosophie \u00fcberhaupt noch entz\u00fcnden kann.\u00ab im kleinen, zerbrochenen, zersplitterten und verstreuten leuchtet etwas vom ganzen auf.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbFl\u00fcchtige Gedanken: man muss wirklich nach ihnen greifen, sie einen Moment lang leicht halten und wieder loslassen. Sonst fliegen sie an einem vor\u00fcber, was ihrem Naturell entspricht.\u00ab ich notierte: \u00bbwenn v\u00f6gel denken k\u00f6nnten, w\u00e4ren sie gewi\u00df keine systemdenker, denn sie k\u00f6nnen ja fliegen.\u00ab und \u00bbwer fliegen kann, wird leicht f\u00fcr lose gehalten.\u00ab friedrich nietzsche ging noch weiter: \u00bbAm meisten aber wird der Fliegende geha\u00dft.\u00ab geistesfl\u00fcge beunruhigen jene, die dazu nicht f\u00e4hig sind. dabei ist der flug der gedanken seit jahrtausenden bekannt. \u00bbDenn Worte machen, da\u00df der Geist sich aufw\u00e4rts schwingt, \/ Der Mensch sich hoch aufrichtet.\u00ab, hei\u00dfts bei aristophanes, \u00bbDer Verstand ist der schnellste der V\u00f6gel.\u00ab im \u00bbRigveda\u00ab. ein indisches sprichwort sagt: \u00bbDer Verstehende hat Fl\u00fcgel.\u00ab taoistische priester wurden \u00bbgefiederter Weiser\u00ab genannt. goethe sprach von \u00bbGedankenfl\u00fcgeln\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">nietzsches zarathustra, \u00bbder Leichte, der mit den Fl\u00fcgeln winkt.\u00ab, postuliert, \u00bbda\u00df aller Geist Vogel werde.\u00ab v\u00f6gel sind symbole f\u00fcr gedanken und gedankenflug sowie intuitive und kreative ideen. der name des flugbegabten daidalos bedeutet der einfallsreiche. die gabe zum fliegen symbolisiert geistige kraft, die feder \u00fcberwindung der erdenschwere, aufstieg zum himmel, flug und leichtigkeit. es ist kein zufall, da\u00df vor allem v\u00f6gel, die man, da sie fliegen und damit die schwerkraft \u00fcberwinden k\u00f6nnen, der sph\u00e4re der g\u00f6tter zuordnete, orakeltiere waren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die redewendung vom gefl\u00fcgelten oder gefiederten wort, die auf homer zur\u00fcckgeht und bei ihm wichtige, teils g\u00f6ttliche, worte meint, bezog sich auf pfeile, die an ihren enden kleine federn trugen. die gefl\u00fcgelten worte waren somit gefiederte pfeile. auch sprichworte und redewendungen werden gefl\u00fcgelte worte genannt. ebenso spricht man von gedankenpfeilen eines geistesblitzes. \u00bbDie gefl\u00fcgelten Gedanken \/ fliehn des Wahnes enge Schranken.\u00ab, schrieb johann peter uz, \u00bbDie bunten Fl\u00fcgelzwerge des Witzes springen leichter und schneller vor das Auge.\u00ab jean paul, der \u00bbKinder mit gefl\u00fcgelter Phantasie\u00ab kannte, \u00bbAch, zu den Fl\u00fcgeln des Geistes wird so leicht \/ kein k\u00f6rperlicher Fl\u00fcgel sich gesellen.\u00ab goethe. karl kraus erkl\u00e4rte: \u00bbEin Aphorismus braucht nicht wahr zu sein, aber er soll die Wahrheit \u00fcberfl\u00fcgeln. Er muss mit einem Satz \u00fcber sie hinauskommen.\u00ab der von assoziationen angeregte und gelenkte flug der gedanken wird bei joanna lisiak durch verknappung sprachlich aufgefangen und konzentriert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zugleich denkt sie viel \u00fcber sprache nach. \u00bbNach langer Zeit wieder die Muttersprache h\u00f6ren und sofort in eine Welt eintauchen, bei der das Emotionale \u00fcber das Kognitive siegt.\u00ab, \u00bbLange Adjektivketten erm\u00fcden zuweilen. Manchmal ist ein trocken formales, technisches Substantiv souver\u00e4ner.\u00ab ich mag mehr die verben. bei lesungen sage ich, wenn ich gefragt werde, warum ich alle worte klein schreibe und in gedichten auf interpunktion verzichte, was sie jeweils ebenfalls tut, die kleinschreibung sei eine demokratie und gleichberechtigung der worte, die sich auf augenh\u00f6he begegnen sollen, und erg\u00e4nze, die verben, die das sinnliche, konkrete, dynamische element im deutschen satz sind, seien vielleicht die frauen der worte, und die substantive, die eher statuarisch, dominierend und beharrend im raum stehen, die m\u00e4nner. durch den verzicht auf satzzeichen, die bedeutungen voneinander abtrennen, flie\u00dfen gedanken und metaphern leichter ineinander und verschmelzen miteinander, was die mehrdeutigkeit f\u00f6rdert.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Tag, an dem man aufgeh\u00f6rt hat mit Spielsachen zu spielen.\u00ab, war bei mir noch weit entfernt von jenen tagen, wo ich bei philippe ari\u00e8s, ernst bloch, walter benjamin oder giorgio agamben etwas \u00fcber die kulturgeschichte des spielzeugs las. agamben bemerkte \u00bbZahlreiche und gut dokumentierte Untersuchungen belegen, da\u00df der Ursprung der meisten uns bekannten Spiele in heiligen antiken Zeremonien, in T\u00e4nzen, rituellen K\u00e4mpfen und Weissagungen liegt. So k\u00f6nnen wir im Ballspiel die Spuren der rituellen Darstellung eines Mythos erkennen, in dem die G\u00f6tter um den Besitz der Sonne k\u00e4mpften; der Reigen war ein antiker Hochzeitsritus; die Gl\u00fccksspiele stammen von Orakelpraktiken ab; der Kreisel und das Schachbrett waren Instrumente von Wahrsagern.\u00ab auch puppen und w\u00fcrfel sowie h\u00fcpfsuchundratespiele haben mythische und rituelle urspr\u00fcnge. die kinderrassel f\u00fcr kleinkinder erinnert an die abwehr b\u00f6ser geister und anderer bedrohungen durch rasseln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak selbst denkt und schreibt spielerisch. sie verweist auf worte wie deutsch spielen, englisch to play, franz\u00f6sisch jouer, spanisch tocar und polnisch gra\u0107. walter benjamin gab eine erkl\u00e4rung f\u00fcr die tiefere gemeinsamkeit von spielen: \u00bbDer Erwachsene entlastet sein Herz von Schreck, genie\u00dft sein Gl\u00fcck verdoppelt, indem er&#8217;s erz\u00e4hlt. Das Kind schafft sich die Sache von neuem, f\u00e4ngt noch einmal von vorn an. Vielleicht ist hier der tiefste Sinn f\u00fcr den Doppelsinn in deutschen &#8222;Spielen&#8220;. Dasselbe wiederholen w\u00e4re das eigentliche Gemeinsame. Nicht ein &#8222;So-zu-tun-als-ob&#8220;, ein &#8222;Immer-wieder-tun&#8220;, Verwandlung der ersch\u00fctternsten Erfahrung in Gewohnheit, das ist das Wesen des Spielens.\u00ab bei roland barthes findet sich der satz \u00bbSpielen hei\u00dft verfremden.\u00ab und zwischen benjamin und barthes gibt es \u00fcberhaupt etliche geistige korrespondenzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das englische unterscheidet zwischen game, dem streng geregelten spiel bei einem wettkampf oder einer jagd, und play, dem sich frei entfaltenden kreativen spiel. to play bedeutet (auf)spielen, play (schau)spiel, theater(st\u00fcck), spielraum, franz\u00f6sisch jouer spielen, auff\u00fchren, spanisch tocar (musik) spielen, (glocken) l\u00e4uten, ber\u00fchren, italienisch tocco das l\u00e4uten, der (glocken)schlag, die ber\u00fchrung, toccare ber\u00fchren, anfassen, polnisch gra\u0107 spielen, vorspielen, erklingen, vort\u00e4uschen. lateinisch l\u016bdus hei\u00dft spiel, schauspiel, zeitvertreib, liebesspiel, spa\u00df, scherz, neckerei, gesp\u00f6tt, l\u016bdi\u014d schauspieler, kom\u00f6diant, (pantomimischer) t\u00e4nzer, l\u016bdia t\u00e4nzerin auf der b\u00fchne, l\u016bdere (schau)spielen, tanzen, darstellen, scherzen, t\u00e4ndeln, necken, t\u00e4uschen, das sich tummeln der fische, das herumflattern der v\u00f6gel, das pl\u00e4tschern im wasser oder des wassers. bewegungen der natur werden also gleichfalls als spielerisch empfunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">konrad lorenz schrieb, es habe ihn immer geradezu ersch\u00fcttert, da\u00df der vogel, womit er singv\u00f6gel meinte, in der gleichen situation und stimmungslage seine k\u00fcnstlerische h\u00f6chstleistung erreicht wie der mensch, n\u00e4mlich dann, \u00bbwenn er in einer gewissen Gleichgewichtslage, vom Ernst des Lebens gleichsam abger\u00fcckt, in rein spielerischer Weise produziert.\u00ab platon vermutete, das spiel habe einen ursprung im bed\u00fcrfnis der menschenkinder und tierjungen, zu springen. ausgangsbedeutung des deutschen worts spielen war tanzen, sich lebhaft bewegen. spielmann hie\u00df der spa\u00dfmacher, gaukler, schauspieler, musikant. elias canetti \u00e4u\u00dferte: \u00bbDer Tanz der Kraniche \u2012 wie erfrechen sich Menschen noch, einen Schritt zu tun.\u00ab in der gegend um z\u00fcrich h\u00fcteten sich j\u00e4ger einst, kraniche zu schie\u00dfen, vermutlich in der annahme, die v\u00f6gel seien verwandelte menschen, genauer deren totenseelen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mittelhochdeutsch scherzen bedeutete fr\u00f6hlich springen, h\u00fcpfen, sich vergn\u00fcgen. auch die worte froh und freude verweisen auf bewegung und belebtsein. zur gleichen angenommenen wortwurzel geh\u00f6ren altnordisch fr\u00e1r = schnell, flink, mittelenglisch frow = lebhaft, frisch und russisch pr\u00fdgat&#8216; = springen, h\u00fcpfen. der freudige mensch entgegnet durch seine bewegungen der unbewegtheit des todes. verwandt sind zudem mittelhochdeutsch reben = sich bewegen, r\u00fchren, bayrisch rebisch = munter, schweizerisch rebeln = l\u00e4rmen sowie irisch rebard = kinderspiel und reb = spiel, t\u00fccke.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">fr\u00e4nkisch kugellaich meint das kegelspiel, hessisch leich ein fr\u00fchlingsspiel der jungen mit tonkugeln. damit zusammen h\u00e4ngen althochdeutsch leih = spiel, melodie, gesang, mittelhochdeutsch leichen = h\u00fcpfen, (auf)springen, spielen, leich = liebesspiel, laichen der fische, tonst\u00fcck, gesang, sp\u00e4tmittelhochdeutsch laichen = h\u00fcpfen, aufsteigen (der laichenden fische), altenglisch l\u0101can = sich schnell bewegen, aufspringen, spielen, tanzen, singen, wettstreiten, fechten, z\u00fcngeln (der flammen), nordenglisch laik = spiel, get\u00e4ndel, isl\u00e4ndisch leika = auff\u00fchren, spielen, darstellen, leiksk\u00f3li = kindergarten, w\u00f6rtlich spielschule, und schwedisch leka = spielen, laichen (der fische), balzen (der v\u00f6gel). indem balzen, lieben, laichen, spielen, singen und musizieren als verwandte handlungen erscheinen, sind auch hier natur und kultur verbunden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">immer erneut thematisiert joanna lisiak die mu\u00dfe mit b\u00fcchern sowie der kreativen arbeit: \u00bbEin \u00fcppiges Buchregal in einer sch\u00f6nen Wohnung. Man sieht den Besitzer mit einem der B\u00fccher und ein ausgedehntes Zeitfenster geht auf: das Buch, der Leser, das Lesen, die Zeit. Die Zeitkapsel, in der sie alle friedvoll vereint sind: Buch, Leser, Lesen, Zeit. Die Kapsel aus \u00a0Stunden. Stunden der Transformation, Stunden der Stille, der Kontemplation, darin geb\u00e4ndigter Freigeist, subtilste Intimit\u00e4t, Buch um Buch.\u00ab, \u00bbEin Buch so lesen, dass man immer wieder das Buch ablegt, inneh\u00e4lt, abschweift und sich dem Band erst wieder nach ein paar Augenblicken zuwendet.\u00ab, \u00bbBei aller Faszination f\u00fcr Kopfgeburten, Phantasiewelten und sch\u00f6pferische Eskapaden; die Erholung davon findet am Ende in Raum und Zeit statt, wie bei einem Spaziergang durch eine weite Landschaft.\u00ab, \u00bbPerfektes Gastgeschenk: Die G\u00e4ste bringen mir W\u00f6rter (die mich inspirieren).\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEinem K\u00fcnstler am Freitag ein sch\u00f6nes Wochenende zu w\u00fcnschen, hat etwas Erb\u00e4rmliches. Denn entweder kennt der K\u00fcnstler keine Wochenenden oder nur solche und macht keinen Unterschied zwischen den Wochentagen.\u00ab, \u00bbEin Buch als Geschenk und daran die zarte Fessel, es lesen zu sollen.\u00ab ich bekam \u00f6fter b\u00fccher geschenkt, die haarscharf an meinen wirklichen interessen vorbeigehn, etwa autobiographien oder biographien von autoren, die ich tats\u00e4chlich lese, deren privatlegenden mich aber weniger interessieren. andere lesen eher solche b\u00fccher als die eigentlichen werke, wom\u00f6glich weil sie sich dann vorstellen k\u00f6nnen, sie selber seien teil der lebenswelt eines bekannten schriftstellers oder philosophen. erst letztens entdeckte ich bei roland barthes den satz \u00bbeine Biographie gibt es nur von unproduktivem Leben.\u00ab, der vielleicht zu sehr verallgemeinert. viele beziehen literarische details direkt aufs reale leben eines schriftstellers. wenn sie w\u00fc\u00dften, wie indirekt und unbewu\u00dft lebensreale erfahrungen literarisch wirken und was man alles nur erfindet. joanna lisiak denkt intellektuell \u00fcber schreibtechniken nach, w\u00e4hrend manche menschen glauben, man schreibe gedichte wie man nach einem kochbuch kocht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBrotberuf: das Gef\u00fchl vermietet zu sein.\u00ab, \u00bbTragisch, ja traurig, wenn einst engagierte Idealisten von der Desillusion eingeholt werden.\u00ab idealismus und desillusionierung verbinden sich paradox dialektisch. nat\u00fcrlich erlebt jeder idealist entt\u00e4uschungen. die gr\u00f6\u00dften irrt\u00fcmer der gebildeten sind oft ihre hoffnungen. der engagierte mensch hofft immer auf etwas, das nicht so wirkt wie er glaubt. die entscheidende frage ist, ob man dadurch abstumpft und verh\u00e4rtet oder sich neu motiviert. es gibt auch engagierte skeptiker, pessimisten, verweigerer und aussteiger. wie k\u00f6nnte man pessimistisch sein, wenn man nicht hoffen w\u00fcrde? humanismus und skepsis bedingen einander. die skepsis geh\u00f6rt als kehrseite zum idealistischen anspruch. zugleich braucht ein analytiker und kritiker des vorhandenen auch visionen vom anderen. der sinn von utopien besteht weniger im glauben an deren realisierbarkeit, der schnell irreleitet, als vielmehr in der notwendigkeit eines geistigen vorlaufs sowie des voraussehens k\u00fcnftiger chancen und gefahren. indem sie das bestehende am idealen, besseren, gerechteren messen lassen, enthalten utopien zudem ein kritikpotential jeder gegenwart gegen\u00fcber.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die m\u00f6glichkeiten der wirkung von gedichten betrachtet joanna lisiak selber skeptisch. \u00bbIch glaube nicht an die Funktion der Lyrik in der Gesellschaft. Einzig das Individuum vermag die Lyrik zu ergreifen und dieses Individuum muss zun\u00e4chst von sich aus interessiert sein an der Lyrik.\u00ab weitgreifende vorstellungen von einer eingreifenden literatur haben sich, jedenfalls in europa, als illusionen erwiesen. literatur kann einzelne leser zum nachdenken anregen, das bleibt auch eine ihrer aufgaben, nicht aber, oder nur in ausnahmef\u00e4llen, die gesellschaftliche wirklichkeit oder gar den menschen ver\u00e4ndern. um tief und nachhaltig zu wirken, braucht die literatur ihre funktionslosigkeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcberindividuelle wirkungen von lyrik haben fast immer au\u00dferliterarische gr\u00fcnde, etwa politische, soziale, kulturelle, religi\u00f6se, lebensratgebende, k\u00fcnftig vielleicht auch \u00f6kologische. ein dichter, der in gr\u00f6\u00dferem umfang kollektiv wirken wollte, m\u00fc\u00dfte schon walt whitman oder wladimir majakowski \u00e4hneln. literatur sollte sagen, was getan werden m\u00fc\u00dfte, darf jedoch nicht darauf hoffen, da\u00df dies wirklich geschieht. bei friedrich d\u00fcrrenmatt sagt der urmensch adam: \u00bbJeder wahre Fortschritt dauert Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende. Lesen Sie Bachofen, lesen Sie Freud.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbVon der Innovation bis zur Anwendung k\u00f6nnen Generationen vergehen.\u00ab umgekehrt werden heute neue technologien eingef\u00fchrt, ohne da\u00df man \u00fcber deren folgen schon umfassend nachgedacht hat. \u00bbDas Wort Klimawandel problematisch insofern, als zwar alle davon sprechen, aber die Wirkung ausbleibt. Als w\u00e4re das Wort nicht drastisch genug. Als beschriebe es auf allzu neutrale Weise, was h\u00f6chst dramatisch ist.\u00ab ich notierte: \u00bbbald wird die klimakatastrophe wetterreform hei\u00dfen.\u00ab, vermute also, da\u00df die sprachregelung beim fortschreiten der klimaver\u00e4nderungen noch verharmlosender wird. das verhindern des klimawandels haben die regierungen der welt wohl inzwischen aufgegeben. denn daf\u00fcr m\u00fc\u00dften sie ihren egoismus, eines der gr\u00f6\u00dften \u00fcbel dieser zeit, \u00fcberwinden. es wird letztlich blo\u00df noch darum gehen, die folgen einzugrenzen. und dabei d\u00fcrften die opfer, wieder einmal, sehr ungleich verteilt sein. mu\u00df, wer einen tiefergehenden wandel will, erneut katastrophen und verzweiflung um mithilfe bitten?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">bei ihren alltagsbeobachtungen ist joanna lisiak eine sammlerin mit einem sensiblen, fotografischen, filmischen, mikroskopischen, physiognomischen, ph\u00e4nomenologischen, ironischen, durchschauenden und verbl\u00fcffenden blick, den sie auch auf menschenwerk, also dinge, strukturen, formen und erscheinungen \u00fcbertr\u00e4gt. mit ihren augen, die wie ein fotoapparat oder eine filmkamera wirken, nimmt sie vieles auf, das sie dann literarisch nutzt. roland barthes erkannte: \u00bbAnschauen hei\u00dft auch angeschaut werden, einen Kreislauf er\u00f6ffnen, ein Zur\u00fcckschnellen.\u00ab wer gen\u00fcgend empathie hat und \u00fcber sich selbst hinausdenkt, erlebt, da\u00df bilder einen selbst anschauen. franz hessel meinte: \u00bbNur was uns anschaut sehen wir.\u00ab barthes stellte freilich auch fest, viele menschen w\u00fcrden vor lauter hinschauen vergessen, da\u00df sie angeschaut werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">durch ihren umzug aus polen in die schweiz hat sie vermutlich bereits als kind einen ethnologischen blick entwickelt. wer ihr auf der stra\u00dfe oder in einem caf\u00e9 begegnet, darf mit dem blick einer menschenversteherin rechnen, die nicht allein worte, sondern gestik und mimik und \u00fcberhaupt k\u00f6rpersprache zu deuten wei\u00df, st\u00e4rken und schw\u00e4chen eines menschen wahrnimmt und ahnt, was woher kommt und wohin es f\u00fchrt. ich hatte zun\u00e4chst menschenkennerin geschrieben, schrieb dann aber menschenversteherin, obwohl, oder weil, manche das wort \u00bbVersteher\u00ab heute als schimpfwort benutzen. dabei kann man etwas nur beurteilen, wenn man es versteht. nicht verstehen wollen bedeutet h\u00e4ufig vorurteilen folgen. frauenkenner assoziiert beutemacher, frauenversteher eigentlich einf\u00fchlung. denn das verstehen geht tiefer als das blo\u00dfe kennen. dennoch werden als synonyme f\u00fcr frauenversteher charmeur, schweren\u00f6ter und w\u00fcstling genannt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">allerdings ist auch der teufel, der den menschen einen spiegel vorh\u00e4lt, ein menschenkenner. paul val\u00e9ry l\u00e4\u00dft ihn in seinem drama \u00bbMon Faust\u00ab, deutsch \u00bbGespr\u00e4ch mit dem Teufel\u00ab, \u00bbIch denke immer an alles.\u00ab sagen. \u00bbW\u00e4re mein Leben ein ganz anderes, wenn ich arg hinkte?\u00ab, fragt joanna lisiak. sie fand andere m\u00f6glichkeiten, sich herausfordern zu lassen. man braucht daf\u00fcr nicht unbedingt die tragik eines k\u00f6rperlichen defekts. wer eine rostbratwurst beschreiben will, mu\u00df sich ja auch nicht selber braten lassen. lichtenberg wu\u00dfte freilich: \u00bbSobald einer ein Gebrechen hat, hat er eine eigene Meinung.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">sie beobachtet auch physiognomisch. \u00bbWelche Augen strahlen mehr? Fragende oder wissende?\u00ab, vielleicht ahnende. \u00bb\u00dcbung: So lange in ein Gesicht schauen, bis man den Blick eines Liebenden hat.\u00ab, \u00bbAufgrund eines Gesichts auf die H\u00e4nde schlie\u00dfen. Und umgekehrt.\u00ab, \u00bbIch remple jemanden im Bus an und er scheint schlagartig wie aufgewacht, fast frohgemut mir vergewissernd, dass alles in Ordnung sei, und ich werde das Gef\u00fchl nicht los, er m\u00f6chte noch einmal von mir angerempelt werden, noch einmal aufbl\u00fchen, noch einmal aufleben.\u00ab\u00a0 goethe schrieb: \u00bbDie H\u00e4nde wollen sehen, die Augen liebkosen.\u00ab \u00bbLust kann nicht zivilisiert sein.\u00ab, sagt joanna lisiak. hier h\u00e4tte roland barthes, der auf das lustvolle kulturellen erlebens verwies und sogar behauptete, das spontane im oder am menschen sei seine kultur, wohl widersprochen. auch lust, wobei hier sicher wollust gemeint ist, hat ihre zivilisationsgeschichte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer wahre Sammler geht auch beim Sortieren, bei der Sichtung, Gruppierung seiner Beute ganz auf.\u00ab m\u00e4nner wird nachgesagt, sie seien, indem sie auf direktestem weg zur beute wollen, eher j\u00e4ger, frauen dagegen, die bergen und bewahren m\u00f6chten, sammlerinnen. selbst ganz profane dinge betrachtet sie ph\u00e4nomenologisch: \u00bbFreitags: Manche Abfalls\u00e4cke liegen am Stra\u00dfenrand wie Ausgesetzte. Dann aber ab und zu welche, prall gef\u00fcllt, aufrecht stehend, selbstbewu\u00dft harrend (als ob stolz auf die F\u00fclle), ehrenvoll wartend auf die Abholung.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">siegfried kracauer bemerkte: \u00bbDer Flaneur ist berauscht vom Leben der Stra\u00dfe \u2012 einem Leben, das immer wieder die Formen aufl\u00f6st, die es zu bilden im Begriff ist.\u00ab, joanna lisiak: \u00bbEtwas in einer anderen Stadt erleben und zur\u00fcckfahren. Mit diesem Erlebnis im K\u00f6rper und Geist wacher und in einer f\u00fchlbar halben Zeit zur\u00fcckfahren als bei der Hinfahrt.\u00ab und \u00bbDer Nachtzug mit den Liege- und Schlafwagen f\u00e4hrt morgens in den Bahnhof ein. Fast alle Fahrg\u00e4ste am Fenster. Stehend.\u00ab sie erleben wahrscheinlich eine filmszene in der wirklichkeit. im moment der abfahrt verabschiedet die knappe zeit die fahrenden r\u00e4ume, w\u00e4hrend jede ankunft mit einem verkehrsmittel einer heimkehr gleicht, nach der man sich wieder auf eigenen f\u00fc\u00dfen bewegt. bei eisenbahnfahrten kann der reisende verschiedene welten gleichzeitig erleben, den film, der drau\u00dfen vorbeif\u00e4hrt, also die landschaften und orte, die welt im zugabteil mit den anderen fahrg\u00e4sten und die welt der eigenen empfindungen und gedanken. wenn man w\u00e4hrend der fahrt liest oder texte schreibt oder \u00fcberarbeitet, kommen weitere welten hinzu. und diese real erfahrene simultaneit\u00e4t der wahrnehmungen stimuliert das denken und die phantasie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbGedankenstriche\u00ab regt auch an, \u00fcber episoden im eigenen Leben nachzudenken. \u00bbDer Wunsch stehend schlafen zu k\u00f6nnen.\u00ab erinnert mich an bahnundbusfahrten im stehen in meiner kindheit. mauersegler, die in bis zu 3000 metern h\u00f6he fliegen, sollen sogar im flug schlafen k\u00f6nnen. elias canetti bekannte: \u00bbAn jener Nachricht \u00fcber die Mauersegler, die bei Nacht in gro\u00dfen H\u00f6hen schlafend fliegen, hat mich ergriffen, da\u00df Traum und Flug noch zusammenfallen.\u00ab wenn man mauersegler greift, die sich tags\u00fcber, etwa weil sie von scheiben ge\u00f6ffneter fenster geblendet wurden, in r\u00e4ume verflogen haben, meist geschieht dies noch unerfahrenen jungen, auf den fu\u00dfboden gefallen sind und sich in zimmerecken zu verstecken versuchen, ich erlebte dies mehrfach, reagieren manche \u00e4ngstlich und aggressiv, andere eher ruhig und verwundert ob des seltsamen wesens, das sie einf\u00e4ngt, aufhebt und ins freie entl\u00e4\u00dft, was jedesmal mit einem langen gellenden schrei beantwortet wird. als ich die mauersegler jeweils kurz in der hand hielt, sp\u00fcrte ich, wie heftig ihr herz klopft und wie warm ihr gefieder ist. sie m\u00fcssen sich im flug enorm erhitzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbDer Tag an dem man begonnen hat Kaffee zu trinken.\u00ab da wu\u00dfte ich sicher noch nicht, da\u00df das wort kaffee arabisches ursprungs ist und der kaffee, der durch die t\u00fcrken nach mitteleuropa gelangte, urspr\u00fcnglich aus dem jemen kam, wo sp\u00e4ter arthur rimbaud kaffeeh\u00e4ndler war. bei meiner oma bekam ich h\u00e4ufiger milchkaffee, den ich nicht besonders mochte. seit jahrzehnten trinke ich deutlich mehr tee, meist indischen, chinesischen, japanischen oder arabischen als kaffee, und letzteren immer schwarz, also etymologisch korrekt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">mit ihrem gesp\u00fcr f\u00fcr komik denkt joanna lisiak auch ironisch und humorvoll. beides, wobei die ironie ernster ist, und zumal selbstironie, kann ein ausdruck von selbstbewu\u00dftsein und geistiger souver\u00e4nit\u00e4t sein. \u00bbJemand betritt eine Galerie f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssische Kunst und man wird das Gef\u00fchl nicht los, dass er eigentlich einen Jeansladen gesucht hat.\u00ab manche besucher, die zu einer vernissage demonstrativ nach dem beginn kommen, erwecken den eindruck, da\u00df sie dies tun, damit jeder ihr erscheinen bemerkt. \u00bbZwei Leute begegnen sich auf der Strasse. Einer hat einen Hund dabei. Noch bevor sich die beiden in die Arme fallen, setzt sich der kluge Hund, bereits ahnend, dass es l\u00e4nger dauern wird.\u00ab im film \u00bbVerwandtschaft\u00ab von nikita michalkow, dem verfilmer des \u00bbOblomow\u00ab von iwan gontscharow, gibt es eine szene, wo sich zwei russische m\u00e4nner pr\u00fcgeln, bis sie sich mitten im schlagabtausch in die arme fallen und gemeinsam weinen. sergej jessenins gedicht \u00bbIn meiner Heimat leb ich nicht mehr gern\u00ab endet mit: \u00bbUnd Ru\u00dfland lebt, wie&#8217;s immer schon gelebt: \/ am Zaun, da tanzt es, und die Tr\u00e4nen rollen.\u00ab die russische melancholie \u00e4hnelt der t\u00fcrkischen, und umgekehrt. die polen als volk sind da wohl gleicherma\u00dfen optimistischer und subversiver, worauf man auch k\u00fcnftig wieder hoffen darf. oder haben zu viele kreative und innovative menschen das land verlassen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak macht vorschl\u00e4ge f\u00fcr die zukunft, die in der schweiz, in polen und anderswo aufgegriffen werden k\u00f6nnten. \u00bbEin Land, in dem in den St\u00e4dten Stra\u00dfenbahnen fahren, in die bald Sterbende einsteigen k\u00f6nnen. Sie fahren dann gemeinsam in der Bahn herum bis sie einnicken und nicht mehr aufwachen.\u00ab die stra\u00dfenbahn w\u00e4re so mit dem totenkahn vergleichbar, der tote ins jenseits fuhr. ob todkranke menschen wirklich stra\u00dfenbahn fahren wollen, scheint mir freilich zweifelhaft. und sie hat neue gedenkformen vor augen: \u00bbEin Land, in dem man die Verstorbenen samt ihrem Kulturgutkatalog beisetzt. In diesem Kulturgutkatalog sind alle Kulturg\u00fcter enthalten, die man sp\u00e4ter einlesen kann: B\u00fccherliste mit B\u00fcchern, die der Verstorbene besessen hat, Gem\u00e4ldeliste, Musikplatten, Rezepte, seine Maximen und Weisheiten etc.\u00ab vermutlich ver\u00e4ndern sich die formen der totenehrung tats\u00e4chlich. zum einen werden immer mehr menschen anonym begraben. andererseits w\u00e4rs denkbar, da\u00df man an k\u00fcnftigen grabst\u00e4tten fotografien oder filme aus dem leben der verstorbenen sehen kann, also sprechende bilder. aus dem stummfilm ging der tonfilm hervor. das h\u00f6rspiel entstand erst nach dem film. also k\u00f6nnten auch aus stummfotos tonfotos werden, die an die toten erinnern.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ebenso hat sie ideen f\u00fcr \u00bbEntscheidungsh\u00e4user\u00ab: \u00bbMan geht, wenn man eine Entscheidung zu treffen hat, schweigend durch zen-artige Bauten; um einen nichts als sch\u00fctzenden Raum, Licht, Schatten, die pure Architektur, dazu Fensterrahmen und Nischen, in die man Gedanken rahmen\/platzieren kann. In den R\u00e4umen gelegentliche Sitz-Inseln, ausgestattet mit Stift\/Papier, f\u00fcr den, der schreiben will.\u00ab mitunter sind flure in schulen ann\u00e4hernd so eingerichtet. die entscheidenden impulse m\u00fcssen freilich immer aus den menschen selber kommen. \u00bbEin Land, wo man Kleinkindern in Kinderg\u00e4rten philosophische Zitate, Weltweisheiten und kluge Formeln beibringt. Zu Hause am Abend sagen sie die Kinder auf, die Erwachsenen h\u00f6ren ihnen zu.\u00ab<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gedankenstriche <\/strong>von Joanna Lisiak, 2018, 200 Seiten, ISBN 978-3-75287-645-1<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image thickbox\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">\r\n<div style=\"width: 259px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=51060&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Gedankenstriche.jpg\" alt=\"\" width=\"249\" height=\"250\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Umschlag: \u00c4quivalente; Rosa Fluss, beide 2017, von Mariola Lisiak<\/p><\/div>\r\n\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. Der &#8222;sinn der wendungen&#8220; regte Holger Benkel zu einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55005\">Rezensionsessay<\/a> an. KUNO verleiht der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00bbGedankenstriche\u00ab ist eine mischung aus tagebuch, selbstreflexionen, werkstattbuch und alltagsbeobachtungen. joanna lisiak denkt darin auch \u00fcber techniken und strukturen, sichtweisen und blickwinkel ihrer wahrnehmens nachdenkt, das intuitionen folgt und zugleich intellektuell grundiert ist. man findet bei ihr ein beobachtendes&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/07\/aus-der-werkstatt-eines-kreativen-denkens\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":99176,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-55027","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55027"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55027\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":104724,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55027\/revisions\/104724"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99176"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55027"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55027"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}