{"id":55018,"date":"2020-01-03T00:01:00","date_gmt":"2020-01-02T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55018"},"modified":"2020-09-27T06:12:29","modified_gmt":"2020-09-27T04:12:29","slug":"der-engel-der-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/01\/03\/der-engel-der-geschichte\/","title":{"rendered":"Der Engel der Geschichte"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Es besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesnen Geschlechtern und unserem. Wir sind auf der Erde erwartet worden.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p><span style=\"color: #999999;\">\r\n\r\n<\/span><\/p>\r\n<p class=\"has-text-color has-text-align-right has-cyan-bluish-gray-color\" style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">rilke fragte: \u00bbWer hat uns also umgedreht, da\u00df wir, \/ was wir auch tun, in jener Haltung sind \/ von einem, welcher fortgeht?\u00ab, w\u00e4hrend peter sloterdijk n\u00fcchtern feststellt: \u00bbIm Grunde enth\u00e4lt die konventionell erz\u00e4hlte Geschichte von Orpheus und seiner Geliebten eine fatale Botschaft. Sie verr\u00e4t, warum dem Dichter seine Trauer um Eurydike letztlich lieber ist als die reale R\u00fcckkehr der Geliebten. Der K\u00fcnstler h\u00e4ngt an der melancholischen Position. Die m\u00fc\u00dfte er preisgeben, sollte Eurydike wirklich auferstehen. Darum mu\u00df er sich umdrehen, damit sie ins Reich der Schatten zur\u00fcckf\u00e4llt.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der engel der geschichte bei benjamin fliegt wie ein umgedrehter orpheus. \u00bbEs gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus hei\u00dft. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als w\u00e4re er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Fl\u00fcgel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte mu\u00df so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor <em>uns <\/em>erscheint, da sieht <em>er<\/em> eine einzige Katastrophe, die unabl\u00e4ssig Tr\u00fcmmer auf Tr\u00fcmmer h\u00e4uft und sie ihm vor die F\u00fc\u00dfe schleudert. Er m\u00f6chte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenf\u00fcgen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Fl\u00fcgeln verfangen hat und so stark ist, da\u00df der Engel sie nicht mehr schlie\u00dfen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den R\u00fccken kehrt, w\u00e4hrend der Tr\u00fcmmerhaufen vor ihm zum Himmel w\u00e4chst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist <em>dieser<\/em> Sturm.\u00ab barthes erinnerte: \u00bbDie Griechen betraten das Reich der TOTEN r\u00fcckw\u00e4rts: was sie vor sich hatten, war ihre Vergangenheit.\u00ab wir sehen hier kontraste oder konfrontationen zwischen heiligem und profanem, die zu geschichtsphilosophischen \u00fcberlegungen hinleiten. gibt es dabei spezifisch m\u00e4nnliche und weibliche perspektiven? und wem \u00e4hneln heutige schriftsteller und k\u00fcnstler mehr, orpheus oder dem engel? und was w\u00e4re besser?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">rilke meinte: \u00bbEin jeder Engel ist schrecklich.\u00ab maldoror bei lautr\u00e9amont, dem propheten der surrealisten, ist von vornherein ein schwarzer engel und eine inkarnation des b\u00f6sen und destruktiven, der den menschen ihre deformationen und leiden vorf\u00fchrt. auch bei georg trakl sind engel meist st\u00fcrzende, brennende, gefallene, zerbrochene, sterbende, verkotete, klagende, blinde, bleiche und erloschene figuren, also im todeskampf begriffen oder bereits tot. in seinem gedicht \u00bbAm Moor\u00ab wird aus \u00bbFlattert mit schwarzen Fl\u00fcgeln ein gefallener Engel\u00ab in der 2. fassung in der 4. fassung \u00bbFlattert mit schwarzen Fl\u00fcgeln der Geist der F\u00e4ulnis\u00ab. und ist am ende nicht alles, das real wird, ein st\u00fcrzender engel?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">giorgio agamben, dessen thesen mitunter riskant sind, der aber geistige bewegung in eine ideell stagnierende und zugleich kommerziell und technokratisch beschleunigte welt des rasenden stillstands bringt, kommentierte: \u00bbDer Engel der Geschichte, dessen Fl\u00fcgel sich im Sturm des Fortschritts verfangen haben, und der Engel der \u00c4sthetik, der die Ruinen der Vergangenheit in einer der Zeit enthobenen Dimension fixiert, sind untrennbar miteinander verbunden.\u00ab, \u00bbder Engel der Kunst scheint eingetaucht zu sein in eine Dimension der Zeitlosigkeit, als w\u00e4re das Kontinuum der Geschichte von irgend etwas unterbrochen worden, das die umgebende Realit\u00e4t in einer Art messianischem Stillstand eingefroren h\u00e4tte.\u00ab, \u00bbdie Melancholie des Engels ist sein Bewu\u00dftsein davon, da\u00df er sich in der Entfremdung eingerichtet hat, und sein Heimweh nach einer Wirklichkeit, die er nicht besitzen kann \u2013 oder eben nur um den Preis, sie unwirklich zu machen.\u00ab, \u00bbDem Kafkaschen Bild des Geschichtszustands wird man teilweise Benjamins Idee der als Stillstand des Vorfallens verstandenen Jetztzeit an die Seite stellen k\u00f6nnen, wie auch die Forderung, ebenfalls in den Thesen <em>\u00dcber den Begriff der Geschichte<\/em> formuliert, man m\u00fcsse einen Begriff der Geschichte finden, der dem Umstand, da\u00df der Ausnahmezustand in Wirklichkeit die Regel ist, gerecht wird.\u00ab, \u00bbSich angesichts dieser paradoxen Situation die Frage nach der Aufgabe der Kunst zu stellen, hei\u00dft, dar\u00fcber nachzudenken, welche Aufgabe ihr am Tag des J\u00fcngsten Gerichts zukommen k\u00f6nnte, also in der Situation (die f\u00fcr Kafka ohnehin der historische Zustand der Menschheit ist), in der der Engel der Geschichte stehengeblieben ist.\u00ab, \u00bbWenn es dem Menschen gel\u00e4nge, seine historischen Bedingungen selbst in die Hand zu nehmen und aus seiner paradoxen Situation auszubrechen, indem er die Illusion jenes Sturms hinter sich l\u00e4\u00dft, der ihn st\u00e4ndig entlang der endlosen Gleise der linearen Zeit vor sich her treibt, so h\u00e4tte er im selben Augenblick Anteil an einem vollkommenen Bewu\u00dftsein, das es ihm erlauben w\u00fcrde, eine neue Kosmogonie ins Leben zu rufen und die Geschichte in den Mythos zu verwandeln.\u00ab und \u00bbGetreu dem Prinzip, nach dem der grundlegende architektonische Mangel eines Hauses erst sichtbar wird, wenn es in Flammen steht, offenbart die Kunst erst dann ihre eigentliche Aufgabe, wenn sie den \u00e4u\u00dfersten Punkt ihres Schicksals erreicht hat.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">vielleicht meinte andrej tarkowski mit dem hausbrand am ende seines letzten films \u00bbOpfer\u00ab etwas \u00e4hnliches, auf das auch roland barthes hinwies, wenn er erkl\u00e4rte: \u00bbDie Modernit\u00e4t beginnt mit der Suche nach einer unm\u00f6glichen Literatur.\u00ab, \u00bbdie Wahrheit der Literatur ist zugleich die Ohnmacht, auf die Fragen, die die Welt sich \u00fcber ihr Ungl\u00fcck stellt, eine Antwort zu geben.\u00ab und \u00bbDie Modernit\u00e4t gibt mit der Vielfalt ihrer Schreibweisen die Sackgasse ihrer eigenen Geschichte zu erkennen.\u00ab bei benjamin hei\u00dft es: \u00bberst der erl\u00f6sten Menschheit ist ihre Vergangenheit in jedem ihrer Momente zitierbar geworden.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">adorno sagte: \u00bbNur solche Gedanken bieten der allm\u00e4chtigen Ohnmacht des sicheren Einverst\u00e4ndnisses die Stirn, die bis zum \u00c4u\u00dfersten gehen.\u00ab wer \u00e4u\u00dfere punkte im denken, oder in der kunst, erreicht hat, kann dann durch relativierungen den weg des richtigen ma\u00dfes suchen, w\u00e4hrend die radikalit\u00e4t der au\u00dfenpunkte, die im hinterkopf bleibt, vor anpassungen ans vorgepr\u00e4gte warnt, die abh\u00e4ngig und ohnm\u00e4chtig machen k\u00f6nnen. eine r\u00fcckkehr zur mythisierung der geschichte, die dadurch aufgebrochen und erl\u00f6st werden soll, halte ich indes f\u00fcr genauso gef\u00e4hrlich wie die \u00fcbertragung k\u00fcnstlerischer techniken auf gesellschaftliche prozesse. die profane lebensrealit\u00e4t darf nie so radikal sein wie philosophie, literatur oder kunst, deren vollst\u00e4ndige verwirklichung im leben barbarei w\u00e4re. niemand sollte menschen real entpers\u00f6nlichen, aufsprengen, demontieren, fragmentieren, deformieren oder \u00fcbermalen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">kafka schrieb \u00fcber das j\u00fcngste gericht, das immer wieder neu beginnt, da\u00df es ein standgericht sei. benjamin bemerkte: \u00bbMarx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotiven der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem g\u00e4nzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse.\u00ab unter umst\u00e4nden k\u00f6nnte auch dies, neben technokratischen gr\u00fcnden, die heutigen beschleunigungen der lebensabl\u00e4ufe erkl\u00e4ren, in denen entweder eine ignoranz gegen\u00fcber gef\u00e4hrdungen der zukunft wirkt, oder das, bewu\u00dfte oder unbewu\u00dfte, vermutlich eher letzteres, verlangen, die notbremsung, die zur erl\u00f6sung f\u00fchren soll, bald zu erreichen. und wom\u00f6glich verst\u00e4rken sich beide effekte sogar gegenseitig. am ende bleibt gesellschaftlich, und zumal weltweit, wahrscheinlich, wieder einmal, blo\u00df die befriedung unhaltbarer zust\u00e4nde.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=15724&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/220px-Walter_Benjamin_vers_1928.jpg\" alt=\"\" \/><\/a><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum 80. Todestag von Walter Benjamin erinnert KUNO an diesen undogmatischen Denker und l\u00e4\u00dft die Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit seiner Gedanken aufscheinen. Bei KUNO pr\u00e4sentieren wir Essays \u00fcber den Zwischenraum von Denken und Dichten, wobei das Denken von der Sprache kaum zu l\u00f6sen ist. Lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/zur-gattung-essay\/\">Hommage<\/a> an die Gattung des Essays.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0\u2192 <\/strong>ein Essay \u00fcber die neue Literaturgattung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesnen Geschlechtern und unserem. Wir sind auf der Erde erwartet worden. 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