{"id":55005,"date":"2019-04-30T00:01:33","date_gmt":"2019-04-29T22:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=55005"},"modified":"2021-04-17T20:21:22","modified_gmt":"2021-04-17T18:21:22","slug":"vom-sinn-der-wendungen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/30\/vom-sinn-der-wendungen\/","title":{"rendered":"vom sinn der wendungen"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak, die sonst lyrik, kurzprosa, dramatik, h\u00f6rspiele und essays schreibt, verkn\u00fcpft in ihren \u00bbWederendungen\u00ab redewendungen zu miniaturen, die aphorismen, sentenzen, maximen \u00a0oder epigrammen \u00e4hneln. aphorismen k\u00f6nnen zu sprichw\u00f6rtern und redewendungen werden. man denke an aphoristische gedanken von salomo und jesus \u00fcber georg christoph lichtenberg, jean paul, novalis, friedrich schlegel, arthur schopenhauer und friedrich nietzsche bis hin zu karl kraus, egon friedell, walter benjamin oder emile m. cioran. aphoristiker nutzen selbst sprichw\u00f6rtliche ausdr\u00fccke. von paul \u00e9luard und benjamin p\u00e9ret gibt es das buch \u00bb152 Sprichw\u00f6rter auf den neuesten Stand gebracht.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">aus dem alttestamentlichen \u00bbBuch der Sprichw\u00f6rter\u00ab stammen etwa \u00bbHochmut kommt vor dem Fall.\u00ab oder \u00bbHat dein Feind Hunger, gib ihm zu essen, \/ hat er Durst, gib ihm zu trinken.\u00ab manche der spruchweisheiten, die salomo zugeschrieben werden, thematisieren die bildung: \u00bbNehmt lieber Bildung an als Silber, lieber Verst\u00e4ndnis als erlesenes Gold!\u00ab, \u00bbDer Reiche h\u00e4lt sich selbst f\u00fcr klug, \/ doch ein verst\u00e4ndiger Armer durchschaut ihn.\u00ab, \u00bbDer Tor h\u00e4lt sein eigenes Urteil f\u00fcr richtig, \/ der Weise aber h\u00f6rt auf Rat.\u00ab, \u00bbDer Unerfahrene traut jedem Wort, \/ der Kluge achtet auf jeden Schritt.\u00ab, \u00bbEin tiefes Wasser sind die Pl\u00e4ne im Herzen der Menschen, \/ doch der Verst\u00e4ndige sch\u00f6pft es herauf.\u00ab, \u00bbWer Verstand erwirbt, liebt sich selbst, \/ wer Einsicht bewahrt, findet sein Gl\u00fcck.\u00ab, \u00bbDie Lehre des Weisen ist ein Lebensquell, \/ um den Schlingen des Todes zu entgehen.\u00ab, \u00bbDer Geist des Menschen \u00fcberwindet die Krankheit, \/ doch einen zerschlagenen Geist, wer kann den aufrichten?\u00ab wollen wir den ratschl\u00e4gen bei salomo, die ein grundvertrauen vermitteln, da\u00df denken im leben helfen k\u00f6nne, also folgen, indem wir sie mit dem reflektierenden und relativierenden modernen europ\u00e4ischen bewu\u00dftsein erg\u00e4nzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wer die literarischen techniken von joanna lisiak erkundet, denkt auch \u00fcber arten der wahrnehmung und des denkens nach. aus redewendungen, die sich bei ihr wie mit einer klebemontage verbunden ber\u00fchren, entstehen, durch verschmelzung und zusammenprall, neue sinnzusammenh\u00e4nge, symbiosen und kontraste sowie paradoxe verfremdungen. paradoxien weisen die pfade zur ganzheit. das wahrnehmen von gegens\u00e4tzen und differenzen, in denen man nicht verharrt und die man nicht verh\u00e4rtet, erm\u00f6glicht sublimierungen des ambivalenten. peter sloterdijk vermerkte: \u00bbWo die moderne Welt wirklich modern wird, nimmt sie die Form eines Experiments \u00fcber die Zulassung von Ambivalenzen an.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">englisch saw = sprichwort, spruch, redensart, maxime ist verwandt mit deutsch sehen und sagen. in ihren montagen schafft und formuliert die autorin, indem sie ungew\u00f6hnliche sehweisen einsetzt und erzeugt, verbl\u00fcffende denkbilder, also bildhafte erkenntnisse, die hinter und unter die dinge und oberfl\u00e4chen schauen lassen und den leser anregen, \u00fcber bekanntes anders und genauer nachzudenken. auf diese weise machen die \u00bbWederendungen\u00ab denkangebote und wirken dialogisch, so mit \u00bbden lauf der dinge \/ zwischen den zeilen \/ lesen\u00ab, die orakel von delphi waren mehrdeutig, weil sie das nachdenken der ratsuchenden \u00fcber die folgen ihres handelns herausfordern sollten, \u00bbdie graue maus \/ war eigentlich \/ ein gutmensch\u00ab, \u00bbdurch die blume \/ kam sie \/ ins reine\u00ab, \u00bbdas gelbe vom ei \/ in die haare schmieren \/ und schwamm dr\u00fcber\u00ab, \u00bbden buckel \/ runterrutschen und \/ kein haar \/ kr\u00fcmmen\u00ab oder \u00bberste geige spielen \/ und auf die schiefe \/ ebene geraten\u00ab, die auf abwege f\u00fchrt. paul klee, der maler, zeichner, karikaturist, kunstphilosoph, kunsttheoretiker, kunstlehrer, lyriker, musiker und musikkritiker war und musikalische prinzipien und strukturen auf bildnerische bezog und umgekehrt, nannte die violine eine pers\u00f6nlichkeit und die freiesten kompositionen \u00bbmehr \u00dcbervioline als Violine\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbwie aus dem ei \/ gesch\u00e4lt gingen sie \/ baden\u00ab, \u00bbr\u00fcckgrat zeigen gesund \/ wie ein fisch \/ im wasser\u00ab, \u00bbvon kopf bis fu\u00df \/ zappeln lassen\u00ab, \u00bbauf der ganzen linie \/ den braten riechen\u00ab, \u00bbmit den waffen einer frau \/ tanz \/ auf dem vulkan\u00ab, \u00bbder funke \/ im pulverfa\u00df \/ brachte licht \/ ins dunkel\u00ab, \u00bbder springende punkt ist der wunde\u00ab, \u00bber lebte hinter \/ dem mond die sonne \/ brachte es an den tag\u00ab, \u00bbim boden versunken \/ steckte er noch \/ in den kinderschuhen\u00ab, \u00bbsie kochte vor \/ wut selbst \/ ist die frau\u00ab, \u00bbdie katze \/ aus dem sack \/ unter den tisch kehren\u00ab und \u00bberst drehte er \/ d\u00e4umchen dann \/ im grab \/ sich um\u00ab. die abfolge dieser \u00bbWederendungen\u00ab ergibt eine handlung, die mich spontan an die textbildgeschichte \u00bbDie Scheuche\u00ab von kurt schwitters erinnert. wer baden geht, erlebt sprichw\u00f6rtlich einen wolkenbruch. der tanz auf dem vulkan kann einer umw\u00e4lzung vorausgehn. der springende punkt ist, schon bei aristoteles, jener, aus dem das leben entsteht. die redewendung \u00bbDie Katze im Sack kaufen\u00ab bezieht sich darauf, da\u00df verk\u00e4ufer fr\u00fcher \u00f6fter eine katze anstelle eines ferkels, hasen oder kaninchens in den sack steckten, um den k\u00e4ufer zu betr\u00fcgen. die heutigen verk\u00e4ufer haben andere tricks.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">im klugen vorwort zum buch hei\u00dft es: \u00bb\u00c4hnlich dem Kubismus in der Kunst, zerlegt und baut die Autorin Ausdr\u00fccke und Bilder zu neuen Bedeutungen und Metaphern zusammen und erm\u00f6glicht polyvalente Perspektiven auf vermeintliche D\u00e8j\u00e0-Vus.\u00ab \u00bbDie Redensarten haben versagt, so bleibt nur der Weg in die innere Demontage und Sprengung der konditionierten Sprechhaltungen: heraus aus den Festlegungen, hinein in die Polysemie, das turbulente Spiel der Mehrdeutigkeiten.\u00ab, schrieb matthias hagedorn, ein geistesbruder, \u00bbeine dichterische Sprache ist immer eine erkundende Sprache.\u00ab, ezra pound. die schlaglichtform der verknappung regt zum nachdenken an und f\u00f6rdert die lust am denken. man sollte beim lesen also innehalten und das verfremdende der bilder und gedanken wahrnehmen und bedenken.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">durch perspektivwechsel, bei denen die autorin nicht nur symmetrisch und linear, sondern quer und um die ecken schaut und denkt, kann sie sachverhalte und denkweisen, die sie aufruft und, im kopf, per blick, mit ihren augenmuskeln, umwendet, entweder unterwandert und infrage stellen oder differenzierender und relativierender betrachten als redewenderisch \u00fcblich. mit, teilweise winzigen, sensiblen bewegungen, drehungen und \u00fcberg\u00e4ngen ver\u00e4ndert sie, manchmal selber staunend, wertungen und wertigkeiten. und zu dieser genauigkeit der beobachtung geh\u00f6rt auch lebensklugheit. das spielerische durchschauen von wirklichkeiten macht gelassen und gelassenheit l\u00e4\u00dft spielerisch erkennen. gerade weil sie viele dinge durchschaut, kann sie lebenszugewandt bleiben. \u00bbW\u00e4hrend der Ritus Ereignisse in Strukturen verwandelt, verwandelt das Spiel Strukturen in Ereignisse.\u00ab, erkannte giorgio agamben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wer sehen will, mu\u00df konventionelle urteile \u00fcberwinden, ja darf mitunter fast nicht wissen, was er sieht, damit der eigene blick frei wird. maurice merleau-ponty erkl\u00e4rte: \u00bbEs ist offenbar ein Gesetz der Kultur, da\u00df sie immer nur auf Umwegen fortschreitet.\u00ab, roland barthes: \u00bbDer Intellektuelle kann die herrschenden M\u00e4chte nicht direkt angreifen, aber er kann neue Diskursstile injizieren, um die Verh\u00e4ltnisse in Bewegung zu versetzen.\u00ab und \u00bbDer Sinn l\u00e4\u00dft sich nicht frontal angreifen, durch die blo\u00dfe Behauptung seines Gegenteils; man mu\u00df schwindeln, entwenden, ablisten, das hei\u00dft \u00e4u\u00dferstenfalls parodieren oder, noch besser, simulieren.\u00ab joanna lisiak, die durch ihr assoziatives und verfremdendes wahrnehmen von vornherein einen indirekten blick hat, der in die montagen der redewendungen einflie\u00dft, nutzt daf\u00fcr spielerisch leicht, was manchen denkbildern etwas schwebendes gibt, virtuos, und nicht selten ironisch, komik geh\u00f6rt zum reflexiven denken, das hei\u00dft schlau, frech, intuitiv und listig wie die f\u00fcchsin, also lisica, sinnliche und sinnvolle bedeutungen der worte. bereits die sumerer nannten den fuchs listig. list kann eine methode der magie, des zaubers und der verwandlung sein, und eine verhaltensweise unterworfener und benachteiligter v\u00f6lker, bev\u00f6lkerungsgruppen und menschen. zugleich war etwa der aberglaube in st\u00e4dten und regionen mit fr\u00fch ausgepr\u00e4gten handwerkerundh\u00e4ndlertraditionen oft auffallend erfindungsundtrickreich.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das denken der joanna lisiak, das der fingerfertigkeit von musikern gleicht, ist jugendlich frisch, beweglich und gelenkig. dem entspricht die verwandtschaft von polnisch obraca\u0107 = (um)wenden, (um)drehen und tschechisch obratn\u00fd = gewandt, gelenkig, wendig, englisch to turn = (herum)drehen, (um)wenden, rotieren, verwandeln und deutsch turnen oder portugiesisch virar = (um)drehen, (um)wenden und viravolta = wendung, umschwung, \u00fcberschlag. kehre nennt man den sprung oder abschwung am turnger\u00e4t. und kehren meint ebenfalls wenden, siehe deutsch heimkehr, umkehr, kehrtmachen, kehrseite und armenisch cir = kreis. in der mystik bezeichnete einkehren das sich versenken. lateinisch vertere, verwandt mit kroatisch vret\u00e8no = spindel, bedeutet (um)wenden, (um)drehen, kreisen, sich bewegen, verwandeln, umpfl\u00fcgen, umst\u00fcrzen, einlenken, vertex wirbel(wind), strudel, feuers\u00e4ule, drehpunkt des himmels, pol, versus reihe, linie, zeile, dichtung, tanzschritt, franz\u00f6sisch vif lebendig, lebhaft, rege, munter, aufgeweckt, geistig beweglich, wach, frisch, vif-argent quecksilber, w\u00f6rtlich lebendiges silber. mit queck verwandte worte sind niederdeutsch quick = lebendig, frisch, deutsch quicklebendig, damits auch jeder versteht, verquicken, ein begriff der alchimie, und keck. mittelniederdeutsch vorquicken hie\u00df beleben, auferwecken, erfrischen, eigentlich fl\u00fcssig machen. all diese worte k\u00f6nnen techniken, formen, strukturen und elemente denkerischer und k\u00fcnstlerischer kreativit\u00e4t bezeichnen. das englische und franz\u00f6sische expression f\u00fcr redensart hat etwas dynamisches, das dem blitzartigen der erkenntnis nahekommt. die lisiakschen einf\u00e4lle, die verstreute funken des geistes, der faden der gedanken ist ein funkenflug, einfangen und ineinander aufheben, sind feuerwerke, sinnlich und seelisch vulkanische zumal. und man sieht und sp\u00fcrt, indem das denken in empfinden \u00fcbergeht und umgekehrt, den menschen, und die frau, darin, davor und dahinter.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak, 1971 in pozna\u0144, im polnischen sind betonungszeichen wichtig, geboren und seit 1981 in der schweiz lebend, bei diesem lebensweg denke ich an krzysztof kie\u015blowskis film \u00bbDie zwei Leben der Veronika\u00ab, die geschichte der parallelexistenz einer jungen s\u00e4ngerin in krak\u00f3w und paris, legte ins buchexemplar der \u00bbWederendungen\u00ab eine karte mit dem bild einer acht, die das unendliche, universelle, umfassende sowie ewigen kreislauf, neusch\u00f6pfung und gl\u00fccklichen anfang symbolisiert. der geist w\u00e4chst, wie viele pflanzen, in spiralen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">vermutlich hat die autorin bei der montage von redewendungen, die gedanken und metaphern verbindet, mitunter bildhafte formen vor augen oder im hinterkopf, die durch beobachtungen der natur angeregt sind, auch der des eigenen k\u00f6rpers, oder von bildender kunst. man denkt beim lesen etwa an paul klee, der gedichte in einem skizzenhaft verknappenden stil schrieb, den man bei bildenden k\u00fcnstlern \u00f6fter findet, hans arp, der ebenfalls dichter, maler, grafiker und bildhauer war, die somit beide bild und wort verbanden, lyonel feininger oder wassili kandinsky. arp nannte seine collagen \u00bbDichtung mit bildnerischen Mitteln\u00ab, weshalb man seine gedichte collagen oder montagen mit dichterischen mitteln nennen k\u00f6nnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenden ist mit wandeln und wandern verwandt. joanna lisiak wandert wie in einer ausstellung an redewendungen, ich schrieb einmal versehentlich redewerdungen, entlang, die sie betrachtet, das hei\u00dft zugleich bildhaft und sprachlich aufnimmt, und verwandelt sie durch eigene verwendung. viele der \u00bbWederendungen\u00ab haben etwas fotografisches oder filmschnittartiges, das den moment des erkennens festh\u00e4lt, sind also denkfotografien oder denkfilme und damit, zumal durch die perspektivwechsel, dem fotografischen und filmischen noch n\u00e4her als der malerei und dem theater.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">fotografien, die zwischen malerei und film stehen, sind, wie die \u00bbWederendungen\u00ab, miniaturen. besonders wird ein foto, wenn es das sehen erweitert. rudolf arnheim bemerkte, da\u00df fotografen die entfremdung der realwelt gegen\u00fcber k\u00f6rperlich \u00fcberw\u00e4nden, ohne die geistige distanz aufzugeben, roland barthes, letzten endes sei die fotografie nicht dann subversiv, wenn sie erschrecke, aufreize oder gar stigmatisiere, sondern wenn sie nachdenklich mache. manche fotos erstaunen, \u00fcberraschen, verbl\u00fcffen oder \u00fcberrumpeln, also frappieren, den betrachter allerdings. altfranz\u00f6sisch fraper bedeutete auch sich st\u00fcrzen, hervorschie\u00dfen. die fotografie, die vom expressiven moment lebt und details aufwertet, verlangt ein gesp\u00fcr f\u00fcr den richtigen augenblick.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">roland barthes behauptete, da\u00df alle fotografien der welt ein labyrinth bildeten. vielleicht k\u00f6nnen in den labyrinthen der modernen welt, die urwaldhaft wirken, \u00fcberhaupt nur noch momentaufnahmen etwas transparent machen. daf\u00fcr braucht der betrachter, damit das erkannte ihn in den tiefen seines denkens und empfindens erreicht, aber auch die gabe der mu\u00dfe und der konzentration. wenn joanna lisiak in ihren texten fotografische techniken nutzt, hat sie zudem den vorteil, da\u00df sie sagen kann, was sie sieht und zeigt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">durch das aufeinanderprallen von redewendungen bekommen die \u00bbWederendungen\u00ab etwas filmisch dynamisches. die fotografie ist, indem filme bewegte bilder sind, die mutter des films. die kubistische malerei hat experimentelle filmregisseure angeregt. ezra pound schrieb: \u00bbEine filmische Form kann, intellektuell gesehen, durchaus eine bessere Form sein als eine B\u00fchnenform.\u00ab durch filmtechniken lassen sich abl\u00e4ufe leichter beschleunigen. und der filmschnitt schafft h\u00e4rtere kontraste. nat\u00fcrlich gibts auch filmisches theater. episodische literatur eignet sich besonders gut zur verfilmung. siegfried kracauer forderte: \u00bbjede Filmerz\u00e4hlung sollte so geschnitten werden, da\u00df sie sich nicht nur einfach darauf beschr\u00e4nkt, die Story zu verbildlichen, sondern sich auch von ihr abkehrt, den dargestellten Objekten zu, damit diese in ihrer suggestiven Unbestimmbarkeit erscheinen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">paul klee sprach von telegrafischen befehlen des gehirns. \u00bbdie feierliche Erstarrung einer Pose, die in der Zeit unm\u00f6glich festzuhalten ist; genau diese regungslose Steigerung des Ungreifbaren \u2013 die man im Kino sp\u00e4ter <em>Photogenie<\/em>nennen wird \u2013 ist der Punkt, an dem die Kunst beginnt.\u00ab, schrieb barthes, \u00bbDer wahre Vorl\u00e4ufer des kinematographischen Tons ist nicht das Grammophon, sondern die Radiomontage.\u00ab merleau-ponty. arnheim stellte 1932 fest: \u00bbFunk lehrt besser als Film, weil er sich des Wortes, nicht des Bildes bedient.\u00ab und \u00bbDer Rundfunk k\u00f6nnte viel dazu beitragen, den f\u00fcr unsere Zeit so blamablen Gegensatz zwischen Kulturmenschen und Unkulturmenschen zu \u00fcberbr\u00fccken.\u00ab joanna lisiak war rundfunkredakteurinundmoderatorin, was dem dialogischen ihrer texte zugute kommt, da sie ansprechpartner mitdenken kann. im kreativen moment der entstehung literarischer texte mu\u00df man, um nicht abgelenkt zu werden, solche theoretischen gedanken freilich ausblenden. wir denken ja auch im traum nicht an die traumtheorie.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wer in mehreren k\u00fcnsten aktiv ist, kann k\u00fcnstlerische techniken von der einen kunst auf die andere \u00fcbertragen. auch als jazzs\u00e4ngerin gewinnt joanna lisiak freiheiten f\u00fcr ihr denken. denn gesang verlangt gleichfalls beweglichkeit, der stimme wie des k\u00f6rpers, sowie die interpretation und variation von standarts, das hei\u00dft verwandlungsf\u00e4higkeit und improvisationsverm\u00f6gen. \u00bbDie meisten K\u00fcnste erzielen ihre Wirkung, indem sie einen feststehenden und einen variablen Faktor benutzen.\u00ab, erkannte pound.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">literarisch arbeitet sie nat\u00fcrlich vor allem mit der sprache, wobei ihr der spielerisch intuitive und zugleich analytisch erkennende umgang mit worten so nat\u00fcrlich ist wie das atmen. sie kann spielerisch denken und denkerisch spielen, da das reflektieren zu ihrer geistigen natur geh\u00f6rt. pound postulierte: \u00bbGutes Schreiben ist gleichlaufend mit dem Denken des Schreibenden, es hat die Gedankenform, die Form der Art und Weise, in der der Mensch sein Denken erf\u00e4hrt.\u00ab, merleau-ponty: \u00bbDenken hei\u00dft nicht, Gegenst\u00e4nde des Denkens zu besitzen, sondern durch sie einen Bereich des zu Denkenden, den wir also noch nicht denken, zu umschreiben.\u00ab, \u00bbDie Intuition ist die Erfahrung eines in den Dingen erstarrten Denkens, das dann erweckt wird, wenn sich mein Denken ihm n\u00e4hert.\u00ab und \u00bbMan ertappt sich manchmal dabei, davon zu tr\u00e4umen, was die Kultur, das literarische Leben, die geistige Ausbildung sein k\u00f6nnten, wenn alle, die daran teilhaben, ein f\u00fcr allemal alle Idole verw\u00fcrfen und sich dem Gl\u00fcck, gemeinsam nachzudenken, hing\u00e4ben.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbW\u00f6rter hatten f\u00fcr mich immer etwas Frisches an sich, sie bewahren ein Geheimnis. Ich gehe mit ihnen um wie ein Kind mit seinen Bausteinen. Ich betaste und biege sie, als w\u00e4ren sie Skulpturen.\u00ab, bemerkte hans arp, \u00bbWer sein Kind nicht anfassen lehrt, lehrt es befehlen.\u00ab und \u00bbZucht ist Ordnung ohne Einheit.\u00ab der niederl\u00e4ndische schuster, dichter und maler evert rinsema, der zum umfeld der dadaisten geh\u00f6rte. heraklit verglich die weltbildende kraft mit einem kind, das spielend steine hin und her setzt und sandhaufen errichtet und wieder zerst\u00f6rt. friedrich nietzsche erkl\u00e4rte: \u00bbso, wie das Kind und der K\u00fcnstler spielt, spielt das ewig lebendige Feuer, baut auf und zerst\u00f6rt, in Unschuld \u2013 und dieses Spiel spielt der \u00c4on mit sich.\u00ab wir reden hier vom zentrum der kreativit\u00e4t selbst, die, sozusagen inwendig, im vulkanischen inneren der menschlichen seele entsteht. das unbewu\u00dfte und unterbewu\u00dfte, das man sch\u00f6pferisch nutzt, ist den eigenen intentionen meist n\u00e4her als das bewu\u00dfte, das von kindheit an manipuliert wird, weshalb die kreativen energien vor allem aus dem seeleninnenraum des menschen kommen, der sich in sich zur\u00fcckgezogen, bewahrt und entwickelt hat.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">alexander \u015bwi\u0119tochowski kritisierte: \u00bbDie kleinsten Kritiker gehen die gr\u00f6\u00dften Geister an. Sie d\u00fcnken sich h\u00f6her als der Berg, den sie besteigen und bespucken.\u00ab, kurt schwitters: \u00bbDas ist die Tragik aller Kritiker, sie sehen Fehler, statt Kunst.\u00ab heute k\u00f6nnte man hinzuf\u00fcgen, sie betreiben oft marketing, statt aufkl\u00e4rung. wir folgen l\u00e4ngst der zitattechnik von jean-luc godard, der aus der schweiz nach paris kam. es h\u00e4ngt eben alles zusammen, wie beim klima. wer \u00fcber literatur nicht richten, sondern sie vermitteln will, sollte daf\u00fcr sch\u00f6pferische gaben nutzen. \u00bbEssayist ist man, weil man ein Kopfmensch ist.\u00ab, wu\u00dfte roland barthes, und: \u00bbDie Wissenschaft von der Literatur ist die Literatur.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">auch essays, die denken in bewegung zeigen, k\u00f6nnen literarisch sein, wenn sie kunstvoll gedanken verkn\u00fcpfen. theodor w. adorno sagte seinen studenten, die sich wohl beklagt hatten, da\u00df er ihnen nicht gen\u00fcgend merks\u00e4tze bietet: \u00bbIch bin ja gar kein so b\u00f6ser Mensch, da\u00df ich die Definitionen hassen und verwerfen w\u00fcrde, ich glaube nur, da\u00df die Definitionen viel eher ihren Ort in der Bewegung des Gedankens, als sein terminus ad quem haben, als da\u00df sie dem Gedanken vorangestellt werden d\u00fcrfen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wom\u00f6glich hat joanna lisiak manche ihrer einf\u00e4lle sogar beim einkaufen, wo ihr gehirn, obwohl frauen beim einkauf wohl mehr nachdenken als m\u00e4nner, nicht ausgelastet ist und selbst anf\u00e4ngt zu denken. miniaturen schreibt man sowieso meist wie ein vogel, der singt und neue t\u00f6ne entdeckt. bei lesungen sage ich, wenn ich gefragt werde, wann und wie meine einf\u00e4lle entst\u00fcnden, da\u00df das gute in kreativen momenten, die man nicht erzwingen k\u00f6nne, oft von allein komme, und erg\u00e4nze, man m\u00fcsse daf\u00fcr die wirklichkeit wach wahrnehmen und best\u00e4ndig seinen horizont erweitern, etwa durch b\u00fccher und filme, das hei\u00dft gehirn und seele mit ideen, materialien, motiven und stoffen versorgen, so da\u00df sie damit arbeiten k\u00f6nnen. au\u00dferdem sollte man intensiv selber denken und permanent die sprache hinterfragen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbSinnlichkeit \/ ist die Biegsamkeit des Fleisches \/ unter einem h\u00f6heren Zwang.\u00ab, meinte paul klee, \u00bbK\u00fcnstler sind die F\u00fchlh\u00f6rner der Gattung.\u00ab ezra pound. sich hingeben k\u00f6nnen und zugleich k\u00fchlen kopf bewahren, das ist eine wanderung am kraterrand von k\u00f6rper, geist und seele. lyonel feininger schrieb \u00fcber paul klee: \u00bbEin zeitloser Mensch von unbestimmbarem Alter, dem aber, wie dem aufmerkend wachen Kinde, alle Erlebnisse der Sinne, des Auges, des Ohrs, des Tastens und Schmeckens ewig fesselnd und neu waren. Ein reifer Mensch, der seinem sehr klaren Verstand nicht erlaubte, die Kontrolle zu verlieren.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wenn joanna lisiak durch verknappungen verdichtet, folgt sie dem rat von klee: \u00bbReduktion ! \/ Man will mehr sagen \/ als die Natur \/ und macht \/ den unm\u00f6glichen Fehler, \/ es mit mehr Mitteln \/ sagen zu wollen als sie, \/ anstatt mit weniger Mitteln.\u00ab, stanis\u0142aw lec: \u00bbFa\u00dft euch kurz, die Welt ist \u00fcberv\u00f6lkert mit W\u00f6rtern.\u00ab, oder ezra pound: \u00bbDie erste und einfachste Probe, auf die der Leser einen Autor stellen kann, besteht in der Ausschau nach Worten, die keine Funktion haben; die nichts zum Sinn beisteuern ODER vom HAUPT-Faktor des Sinnes auf Faktoren von nebens\u00e4chlicher Bedeutung ablenken.\u00ab literatur sollte weder verharmlosend unverbindlich sein noch grob vereinfachend, sondern pr\u00e4gnant und genau. gerade weil sie ein reichhaltiges material hat, kann sie vieles knapp benennen. und dabei verk\u00fcrzt sie nicht, da sie vielschichtig denkt. wer etwas beil\u00e4ufig zu sagen vermag, mu\u00df nicht auftrumpfen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbBei all dieser funkelnden Vielfl\u00e4chigkeit bleiben Lisiaks Texte stets \u00fcberlegt inszeniert und folgen einer Rhetorik, die einzelne Beobachtungen zur Realit\u00e4t und ihre Idiosynkrasien nur so lange ins Rampenlicht stellt, wie es braucht, um realistisch klare Vorstellungen zu erzeugen, die ins Subjektive kippen.\u00ab und \u00bbDiese Einfachheit, die zum Kern der Sache vordringt, eine Idee komprimiert, verdichtet Lisiak zu einer Poesie des Alltags, sie mischt sich ein, kommentiert, stellt Fragen, unaufdringlich und schlicht, aber durchaus scharfz\u00fcngig. Mit der K\u00fcrze entsteht eine Konzentration auf das Elementare.\u00ab, analysierte matthias hagedorn. wenn literatur fragen aufwirft, sollte man einen einwand von roland barthes mitdenken: \u00bbdas Schreiben kann das Wahre \u00fcber die Sprache sagen, aber nicht das Wahre \u00fcber das Wirkliche.\u00ab, den er an anderer stelle relativierte: \u00bbDie Sprache des Schriftstellers hat nicht die Aufgabe, das Reale <em>darzustellen<\/em>, sondern es zu bedeuten\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">pound erkl\u00e4rte: \u00bbEine Definition der Sch\u00f6nheit ist: die Stimmigkeit.\u00ab, klee, der darauf hinwies, da\u00df jeder h\u00f6here organismus eine \u00bbSynthese der Verschiedenheiten\u00ab sei, \u00bbDie Individualit\u00e4t ist nichts Elementares, \/ sondern ein Organismus. \/ Elementare Dinge unterschiedlicher Art \/ wohnen da unteilbar zusammen. \/ Wenn man teilen wollte, \/ st\u00fcrben die Teile ab.\u00ab das ich entwickelt sich in seinem lebenslauf durch die wirkenden potenzen der kreativit\u00e4t, indem es, in permanenten verwandlungen, immer wieder neue facetten bildet, wie dies hans arps im gedicht \u00bbSekundenzeiger\u00ab anhand einer uhr beschrieb: \u00bbda\u00df ich als ich \/ ein und zwei ist \/ da\u00df ich als ich \/ drei und vier ist \/ da\u00df ich als ich \/ wieviel zeigt sie \/ da\u00df ich als ich \/ tickt und tackt sie \/ da\u00df ich als ich \/ f\u00fcnf und sechs ist \/ da\u00df ich als ich \/ sieben acht ist \/ da\u00df ich als ich \/ wenn sie steht sie \/ da\u00df ich als ich \/ wenn sie geht sie \/ da\u00df ich als ich \/ neun und zehn ist \/ da\u00df ich als ich \/ elf und zw\u00f6lf ist.\u00ab die \u00bbwirkenden potenzen der kreativit\u00e4t\u00ab spielt auf die sefiroth an, die emanationen des g\u00f6ttlichen in der \u00bbKabbala\u00ab, die mit zahlenundbuchstabenmagie verbunden sind. walter benjamin postulierte, man solle religi\u00f6se begriffe, um ihre substanzen zu bewahren, verweltlichen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">bei joanna lisiak schaffen vernetzungen des \u00e4hnlichen und verkn\u00fcpfungen von ungleichem, die hier nie blo\u00df dekorativ bleiben, assoziativ korrespondenzen und variationen, die fenster ins unbekannte nach innen und au\u00dfen \u00f6ffnen und zu einem ganzheitlichen und komplexen denken und f\u00fchlen f\u00fchren, oder aus diesem erwachsen. \u00bbich tr\u00e4umte von Bildern, die unz\u00e4hlige Bilder in sich vereinigten.\u00ab und \u00bbich tr\u00e4ume von innen und au\u00dfen, von oben und \/ unten, von hier und dort, von heute und morgen. \/\/ Und innen, au\u00dfen, oben, unten, hier, dort, heute, \/ morgen vermengen sich, verweben sich, l\u00f6sen sich auf. \/\/ Dieses Aufheben der Grenzen ist der Weg, der zum Wesentlichen f\u00fchrt.\u00ab, schrieb arp, \u00bbWas artet einsam und allein? \/ es ist die Pflanze Elfenbein.\u00ab klee. assimilation, im sinne von anverwandlung und verschmelzung, ist ein zentraler begriff bei klee. metaphern k\u00f6nnen verbinden, was in der realit\u00e4t nur vereinzelt existiert. die symbiosen in der montage von redewendungen erzeugen auf der bedeutungsebene wirkungen wie collagen. wo die autorin assimiliert, ist neben der emotionalen auch die geistige sympathie des lesers gefragt, die man nach meiner beobachtung besonders h\u00e4ufig bei traumatisierten menschen findet, wo sie telepathisch wirken kann. man versteht dann menschen, die man gar nicht kennt, oder redet sogar mit ihnen, ja sie stellen einem fragen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">susan sontag, schon desillusionierter als die wegbereiter der moderne, warnte mit ihrem hellen verstand vor der macht der bilder: \u00bbDie \u00fcberkommene Vorstellung der Wirksamkeit von Bildern setzt voraus, da\u00df Bilder die Eigenschaften der realen Gegenst\u00e4nde besitzen. Wir indessen neigen dazu, den realen Gegenst\u00e4nden die Qualit\u00e4ten eines Bildes zuzuschreiben.\u00ab, \u00bbEine Erfahrung zu machen, wird schlie\u00dflich identisch damit, ein Foto zu machen, und an einem \u00f6ffentlichen Ereignis teilzunehmen, wird in zunehmendem Ma\u00df gleichbedeutend damit, sich Fotos davon anzusehen.\u00ab, \u00bbAn die Stelle des gesellschaftlichen Wandels tritt ein Wandel der Bilder.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbEs geht darum zu lernen, wie man das, was unser ist, als fremd, und das, was uns fremd war, als unsriges betrachtet.\u00ab und \u00bbWir m\u00fcssen die Alternative, nichts vom Subjekt, oder aber nichts vom Objekt verstehen zu k\u00f6nnen, zu durchbrechen suchen. Wir m\u00fcssen den Ursprungsort des Gegenstandes im Innersten unserer Erfahrung selbst aufsuchen, das Erscheinen des Seins zu beschreiben und das Paradox zu verstehen versuchen, <em>wie f\u00fcr uns etwas an sich<\/em> zu sein vermag.\u00ab, hei\u00dfts bei merleau-ponty, der sogar meinte: \u00bbDer Schriftsteller selbst kann mit einer neuen, unbekannten Sprache verglichen werden, die sich selbst aufbaut, die neue Ausdrucksmittel erfindet und sich je nach dem eigenen Sinn diversifiziert.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ein multikulturell angeregtes denken entgegnet auch vorurteilen von menschen, die angeh\u00f6rige anderer v\u00f6lker wie marsmenschen betrachten. f\u00fcr kreativ begabte menschen ist das leben in mehreren sprachen und kulturen, die das denken und schreiben anregen, ein vorteil, der vielf\u00e4ltige kombinationen erlaubt. im vergleich wird wesentliches kenntlich. schlie\u00dflich erkennt man sich selbst, die gegenwart und seine kultur umso genauer, je mehr anderes man kennt. und wer simultan denkt, kann gut verknappen. anfangs wird zum knappen sprechen auch beigetragen haben, da\u00df joanna lisiak, nachdem sie als kind aus polen in die schweiz gelangt war, in der fremden sprache etwas mit wenigen und genauen worten sagen mu\u00dfte, um sich verst\u00e4ndlich zu machen. roland barthes erkannte: \u00bbEs ist etwas ungeheuer Entspannendes, eine Sprache nicht zu verstehen. Das eliminiert alle Vulgarit\u00e4t, alle Dummheit, alle Aggression.\u00ab f\u00fcr menschen, die damit umzugehen wissen, sind hindernisse herausfordernd. ich lernte noch auf einer manuellen schreibmaschine, wo jeder schreibfehler \u00e4rgerlich sein konnte, weil man dann bl\u00e4tter, die man verschicken wollte, wegwerfen und nochmal von vorn beginnen mu\u00dfte, fehlerfrei schreiben, was f\u00fcr j\u00fcngere menschen, die am computer jeden fehler, wenn sie ihn bemerken, bequem l\u00f6schen k\u00f6nnen, viel schwieriger ist.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">polen hat eine hochentwickelte tradition des aphoristischen denkens, ja man k\u00f6nnte geradezu sagen, der polnische aphorismus erg\u00e4nze den polnischen kunstfilm. hier einige beispiele: \u00bbDie Philosophie des einen Jahrhunderts ist der gesunde Menschenverstand des n\u00e4chsten.\u00ab (julian tuwin), wenns mal so w\u00e4r, \u00bbDie Rufer in der W\u00fcste h\u00f6ren einander nicht.\u00ab (karol irzykowski), manchmal aber doch, \u00bbSage mir, wor\u00fcber du gelacht, und ich sage dir, wann du gelebt hast.\u00ab (jerzy jurandot), \u00bbDummheit ist ansteckend, Verstand w\u00e4chst sich kaum zur Epidemie aus.\u00ab (kazimierz bartoszewicz), \u00bbStaaten sind wie Teppiche: Von Zeit zu Zeit sollte man sie ausklopfen.\u00ab (henryk sienkiewicz), \u00bbEr hatte ein buntes Leben: er wechselte dauernd die Fahnen.\u00ab (stanis\u0142aw jerzy lec) oder \u00bbTilge nicht die Flecken auf der Weste, du wei\u00dft nicht, wann du sie noch brauchen kannst.\u00ab (alexander ziemny). und nun werden wieder die aphorismushandwerker kommen und behaupten, manche davon seien gar keine aphorismen, wie wenn nicht die originalit\u00e4t das entscheidende w\u00e4re. wer mag, kann diese auswahl polnischer aphorismen mit aktuellen erg\u00e4nzen, und zwar auch solchen von frauen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">w\u00e4re joanna lisiak etwas weiter n\u00f6rdlich geboren, k\u00f6nnte man sie eine baltin an den alpen nennen, was ihrem sprachspiel entspr\u00e4che. man findet bei fast allen schriftstellern, und besonders lyrikern, die landschaften ihrer kindheit. bei meinen lesungen an gymnasien sage ich \u00f6fter ironisch, da\u00df sch\u00fcler, deren s\u00f6hne oder t\u00f6chter einmal lyriker werden sollen, was man freilich nicht programmieren kann, diese am besten entweder am meer oder im gebirge aufwachsen lassen sollten. in bergregionen sind auch die m\u00e4rchen und sagen oft origineller als anderswo, wohl weil w\u00e4lder, berge, gesteine, h\u00f6hlen und der bergbau etwas geheimnisvolles haben und in besonderer weise die phantasie anregt, und \u00fcberlieferungen in abgelegenen gegenden l\u00e4nger bewahrt bleiben. ich hatte auf der ebene zwischen elbe und ural, wo auch joanna lisiak aufwuchs, lediglich flachland mit endmor\u00e4nen. doch ich ahne, warum der flughafen berlin nicht fertig wird. man wartet, bis infolge des klimawandels die ostsee nach berlin vordringt und macht danach aus dem flughafen einen seehafen. dann w\u00fcrde wohl auch pozna\u0144 seeblick haben. solche sarkastischen und polemischen gedanken, die im spektrum ihrer spielerischen verfremdungstechniken denkbar w\u00e4ren, aber vielleicht eher m\u00e4nnlicher art sind, man denke an karl kraus, findet man bei der lisiak nur selten, vermutlich da sie, bei aller expressivit\u00e4t, zugleich ein behutsamer mensch ist. schlie\u00dflich hat sie auch ein liebevolles verh\u00e4ltnis zur sprache. \u00bbein Lachen (oder ein L\u00e4cheln), das nicht zerst\u00f6rt, das ist vielleicht eine gewisse Form der kommenden Kultur.\u00ab, hoffte roland barthes. \u00bbWer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?\u00ab, schrieb gertrud kolmar. die letzten fundamentalen k\u00fcnstlerischen aufbr\u00fcche der westlichen welt fanden vor 100 jahren statt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">ich finde bei joanna lisiak eine gedankenf\u00fchrung, die ich von meinen eigenen aphoristischen gedanken kenne, worin ich, allerdings melancholischer und skeptischer grundiert, etwa denkfiguren fr\u00fcherer zeiten und kulturen auf die gegenwart beziehe, wie in \u00bbdas synonymw\u00f6rterbuch vermerkt m\u00fc\u00dfigg\u00e4nger unter tagedieb. dabei verlangt das eigentliche tagwerk mu\u00dfe.\u00ab, \u00bbutopien sind ein ewiger kreuzzug der kinder.\u00ab, \u00bbder messias kann nur wirken, wenn er nicht erscheint.\u00ab, \u00bbwas man fr\u00fcher anpassung nannte, hei\u00dft heute flexibilit\u00e4t.\u00ab, \u00bbmodern ist ein synonym f\u00fcr systemkonform geworden.\u00ab, \u00bbeinst hie\u00dfen die sachzw\u00e4nge g\u00f6tter.\u00ab, \u00bbder intellekt hat die seelen der menschen gepflastert wie der asphalt die erde der st\u00e4dte.\u00ab, \u00bbder regenwald wird durch vernichtung kultiviert.\u00ab, \u00bbder schlachthof ist die rache der menschen an ihrer eigenen herkunft.\u00ab, \u00bbbald wird die klimakatastrophe wetterreform hei\u00dfen.\u00ab, \u00bbder goldene schu\u00df ersetzt den goldenen schnitt.\u00ab, \u00bbder engel der geschichte ist ein raubtierkind.\u00ab, \u00bbwenn die menschheit tats\u00e4chlich auf einen abgrund zul\u00e4uft, w\u00e4re ein hufeisen am fu\u00df eine gute sache.\u00ab, \u00bbviele phantasiereiche, das paradies inbegriffen, waren urspr\u00fcnglich todesreiche.\u00ab, \u00bbjeder zerschnittne brotlaib ist ein kindsmord.\u00ab, \u00bbfeindbilder funktionieren ganz \u00e4hnlich wie bomben und raketen.\u00ab, \u00bbkollektivit\u00e4t bekommt man noch genug im grab, allein schon wegen der maden.\u00ab und \u00bbam ende sind wir alle auf der ehemaligen erde geboren.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die \u00bbWederendungen\u00ab regen an, urspr\u00fcnge und herk\u00fcnfte von redewendungen und sprichw\u00f6rtern zu erkunden und so, wie die autorin, in die kulturundsprachgeschichte einzutauchen. und das ist gut. denn kulturen, deren zugang zu traditionen und \u00fcberlieferungen versiegt, mit denen man nat\u00fcrlich immer frei und undogmatisch umgehen sollte, k\u00f6nnen schnell auch ihre f\u00e4higkeiten zur antizipation verlieren, und damit ihr bewu\u00dftsein f\u00fcr chancen und gefahren der zukunft. das sprichwort \u00bbWer andern eine Grube gr\u00e4bt, f\u00e4llt selbst hinein.\u00ab, das in \u00bbwer andern \/ eine grube gr\u00e4bt \/ schaut nicht \u00fcber den \/ tellerrand hinaus\u00ab variiert wird, l\u00e4\u00dft sich bis zu salomo zur\u00fcckverfolgen. die entsprechende stelle aus seinen sprichw\u00f6rtern, die teils auch aus der m\u00fcndlichen \u00fcberlieferung stammen d\u00fcrften und dann sogar \u00e4lter als 3000 jahre sein k\u00f6nnten, wurde immer wieder neu \u00fcbersetzt, etwa mit \u00bbWer eine Grube gr\u00e4bt, f\u00e4llt selbst hinein, \/ wer einen Stein hochw\u00e4lzt, auf den rollt er zur\u00fcck.\u00ab oder \u00bbWer anderen eine Grube gr\u00e4bt, f\u00e4llt selbst hinein, und wer mit Steinen wirft, wird selbst getroffen.\u00ab joanna lisiak \u00fcberf\u00fchrt das biblische sprichwort in die alltagskultur.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbbesser spatz in der hand \/ als eine taube \/ auf dem dach du lieber \/ schwan\u00ab verbindet drei v\u00f6gel als liebessymbole. in tempeln der aphrodite nisteten heilige sperlinge. sappho beschrieb, wie sch\u00f6ne und schnelle sperlinge die liebesg\u00f6ttin im goldenen wagen durch die l\u00fcfte ziehen. auf darstellungen erhebt sich aphrodite von sperlingen und tauben begleitet in die luft. bei aristophanes reiten liebeshungrige frauen auf sperlingen von der akropolis zu ihren m\u00e4nnern hinab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die taube, besonders die wei\u00dfe, geh\u00f6rte zu altorientalischen und antiken liebesehefruchtbarkeitsgeburtsundmutterg\u00f6ttinnen. vor allem in syrien sind tauben begleiterinnen von liebesg\u00f6ttinen sowie symbole des liebesbegehrens gewesen. darstellungen zeigen eine taube, die liebesbotschaften zwischen astarte und baal vermittelt. im \u00bbHohelied\u00ab wird die geliebte mit der taube verglichen und als taube angesprochen. auch verglich salomo br\u00fcste und augen der geliebten mit tauben. aphrodite und venus, in deren tempeln man tauben hielt, wurden mit einem taubengespann fahrend gedacht. in der griechischen kunst findet sich die taube zwischen aphrodite und adonis sitzend, r\u00f6misch zwischen amor, der sie auch in seiner hand hielt, und psyche. laut aelian konnte sich der verliebte zeus in eine taube verwandeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">beim schwan ist der woll\u00fcstige zeus mitzudenken, der in schwanengestalt leda, oder nemesis, verf\u00fchrt. auch schw\u00e4ne waren v\u00f6gel altorientalischer und antiker liebesundfruchtbarkeitsg\u00f6ttinnen. wie sperling und taube begleiteten sie aphrodite und venus, die oft auf einem schwan reitend dargestellt wurden. apollon entf\u00fchrte die wilde jungfr\u00e4uliche nymphe und j\u00e4gerin kyrene in einem goldenen schwanenwagen, den auch eros besa\u00df, der gelegentlich selbst die gestalt eines schwans annahm. bei horaz f\u00e4hrt venus schwebend auf purpurnen schw\u00e4nen, die ihren wagen ziehen. amor benutzte einen schwan als reittier. die etruskische liebesg\u00f6ttin turan war wie aphrodite und venus mit schwan, taube und sperling verbunden. wer vom schwan tr\u00e4umte, dem sollte laut europ\u00e4ischer volks\u00fcberlieferung liebesgl\u00fcck verhie\u00dfen sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbder hahn im korb \/ sprach nicht \/ \u00fcber die ungelegten eier\u00ab geht im ersten teil auf die redewendung \u00bbHahn im Korb sein\u00ab und die tatsache zur\u00fcck, da\u00df einst auf m\u00e4rkten h\u00fchner in einem korb zum verkauf angeboten wurden, unter denen nur ein einziger hahn sa\u00df. bei einem deutschen volksbrauch verband man heiratsf\u00e4higen m\u00e4dchen im fr\u00fchjahr, etwa zur osterzeit, an heidnische fr\u00fchlingsundfruchtbarkeitskulte ankn\u00fcpfend, die augen und lie\u00df sie mit einem stock in der hand einen hahn suchen, der unter einem korb versteckt war. fand ihn ein m\u00e4dchen, bedeutete dies ihre baldige heirat. der lisiaksche redegewendete hahn im korb taugt daf\u00fcr wom\u00f6glich weniger. ungelegte eier sind noch unausgereifte und unvollendete idee oder projekte. bei \u00bbnach lust und \/ laune h\u00e4ngt hier \/ der haussegen schief\u00ab l\u00e4\u00dft sich mitdenken, da\u00df das schiefh\u00e4ngen des haussegens, der ungl\u00fcck abwehren sollte und fr\u00fcher entweder an der haust\u00fcr und \u00fcberm sofa hing oder sich im fundament und geb\u00e4lk eines hauses befand, auch herausfordernd lustvoll sein kann, w\u00e4hrend \u00bbdanke f\u00fcr die blumen \/ von gestern\u00ab wohl blumen meint, unter denen die liebe begraben liegt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der fuchs erscheint in keiner der \u00bbWederendungen\u00ab. der eigene name schafft eine autonome sph\u00e4re, die man nicht verletzen m\u00f6chte. im deutschen haben sich, neben dem kinderlied \u00bbFuchs, du hast die Gans gestohlen\u00ab, mindestens zwei redewendungen mit dem fuchs ins allgemeinwissen eingepr\u00e4gt: \u00bbDem Fuchs sind die Trauben zu sauer.\u00ab, was auf die bekannte fabel des \u00e4sop anspielt, wo der fuchs nicht an die s\u00fc\u00dfen trauben herankommt und dann, um seine entt\u00e4uschung zu \u00fcberspielen, erkl\u00e4rt, sie seien ihm sowieso zu sauer, und \u00bbWo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.\u00ab, also an einem abgelegenen und einsamen ort.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in der bukowina sind spatz und fuchs, beides schlaue, listige und freche tiere, die sich in m\u00e4rchen, sagen und fabeln sonst \u00f6fter als widersacher begegnen, freunde. im anhaltischen gro\u00df m\u00fchlingen, einmal soll hier der magdeburger raum erw\u00e4hnt werden, brachte einst der osterfuchs die ostereier. vermutlich hatte der fuchs den osterhasen gefressen und mu\u00dfte dann zur strafe selbst die eier austragen. der osterfuchs war auch in niedersachsen, westfalen, im sauerland und in hessen bekannt. in th\u00fcringen und im elsa\u00df konnte der storch, sonst kinderbringer, die ostereier bringen, in holstein, sachsen und b\u00f6hmen der hahn, in der schweiz der kuckuck. inzwischen hat \u00fcberall der osterhase das osterkommando \u00fcbernommen. wer viele kinder zeugt, kann viele eier bringen. man mu\u00df eben immer fragen, woher etwas kommt. im kanton solothurn bauten kinder dem osterhasen nester unter obstb\u00e4umen, damit er die eier hineinlegt, was den fruchtbarkeitsbezug zwischen eiern und obst betont.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">joanna lisiak ist auf eine nat\u00fcrliche weise freiz\u00fcgig, also nicht versch\u00e4mt. mitunter sind die \u00bbWederendungen\u00ab auch drastisch und entgegnen so dem manierlichen: \u00bbeine laus kroch \/ ihm in den hintern \/ und dann \/ \u00fcber die leber\u00ab. eine laus l\u00e4uft einem sprichw\u00f6rtlich \u00fcber die leber, wenn man schlecht gelaunt ist. die leber galt, bereits in der antike, als organ der seele, des empfindens und der leidenschaften. die in den k\u00f6rper eindringende laus, die offenbar unterw\u00fcrfig ist, wenn sie in den hintern kriecht, erinnert an insekten wie ohrw\u00fcrmer, grillen, m\u00fccken, fliegen, k\u00e4fer, ameisen, wespen, hornissen, hummeln, zikaden, schmetterlinge oder motten, die im volksglauben ins gehirn krochen. eine estnische sage erz\u00e4hlt, da\u00df sich die l\u00e4use nach ihrer erschaffung bis in die knochen und ins gehirn der menschen durchfressen wollten, was jedoch der sch\u00f6pfer verhinderte. deutscher aberglaube meinte, l\u00e4use seien elbische wesen, die krankheiten verursachten. \u00fcber jemanden, dessen handlungen und pl\u00e4ne als verr\u00fcckt gelten, hei\u00dft es, er wolle die l\u00e4use an die kette legen. schweizerisch war die maulwurfsgrille ein krankheitsd\u00e4mon und hie\u00df hirnfresser. ohrw\u00fcrmer, die man f\u00fcr d\u00e4monen hielt, sollten eier ins gehirn legen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">in der antike wurde im ohr der sitz des ged\u00e4chtnisses vermutet. daher stammt der brauch, kinder beim ohrl\u00e4ppchen zu fassen, wenn man sie an etwas erinnern will. \u00bbaus den ohren der sterne fallen atheistische rosen\u00ab, schrieb hans arp, \u00bbPoesie ist der Flug eines Nachtfalters zu den Sternen.\u00ab stanis\u0142aw ignacy witkiewicz, \u00bbdie Fotografie des verschwundenen Wesens ber\u00fchrt mich wie das Licht eines Sterns.\u00ab roland barthes. die \u00bbWederendungen\u00ab zupfen sozusagen ihre leser zu erkenntnissen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbin seine spuren \/ getreten blieb sie \/ auf der strecke\u00ab verbindet motivisch sportwettk\u00e4mpfe, bei denen einzelne teilnehmer das ziel nicht erreichen, mit dem urspr\u00fcnglich j\u00e4gersprachlichen \u00bbZur Strecke bringen\u00ab, also niederstrecken des wilds, \u00bbhinter den kulissen \/ ist jeder seines gl\u00fcckes \/ schmied\u00ab theater und schmiedehandwerk. der ursprung von \u00bbJeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied.\u00ab findet sich im 3. jahrhundert vor angenommener zeitrechnung beim r\u00f6mischen zensor und konsul appius claudius caesus. auch das dichten wurde mit dem schmieden verbunden, siehe die worte reimschmied oder verseschmied. schmiede, meister des feuers, hatten magische funktionen. \u00bbSchmiede und Schamanen stammen aus dem gleichen Nest.\u00ab, sagt ein jakutisches sprichwort. r\u00f6misch war vulcanus ein gott des feuers und der schmiedekunst, die paul klee, neben buchbinderei, glasmalerei und formgestaltung, am \u00bbBauhaus\u00ab dessau unterrichtete. der g\u00f6ttliche k\u00fcnstler hephaistos, feuergott und schmied, den die r\u00f6mer vulcanus gleichsetzten und der aphrodite heiratete, besa\u00df eine unterirdische schmiede. roland barthes erkl\u00e4rte: \u00bbDer Liebende, der entbrennt, der <em>amado<\/em>, wird paradoxerweise zur Bezeichnung jeder feuerleitenden Materie: zum <em>amadou<\/em>, Zunder.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zu \u00bbaufs falsche gleis geraten \/ verstand er \/ bahnhof\u00ab w\u00e4re anzumerken, da\u00df die redewendung \u00bbImmer nur Bahnhof verstehen\u00ab wahrscheinlich durch kriegsm\u00fcde soldaten am ende des ersten weltkriegs entstand, f\u00fcr die das wort bahnhof entlassung und heimkehr bedeutete und daher zum magischen begriff wurde, der die befreiung von grauen und tod verhie\u00df. vielleicht meint bahnhof hier aber auch lediglich die ankunft an einem fremden ort. \u00bbdie kralle \/ zeigen auf teufel \/ komm raus\u00ab l\u00e4\u00dft daran denken, da\u00df die redewendung \u00bbJemandem die Krallen zeigen\u00ab auf raubkatzen anspielt, die beim angriff ihre krallen herausstrecken, und der teufel, dessen beschw\u00f6rung f\u00fcr verzweifelte die letzte hoffnung sein kann, h\u00e4ufig mit tierischen merkmalen beschrieben wird. \u00bbals r\u00e4dchen im getriebe \/ einen affenzahn \/ drauf haben\u00ab, das sich zun\u00e4chst auf das zahnrad einer maschine, eventuell auch einer uhr, bezieht, korrespondiert mit dem sprichwort \u00bbEin R\u00e4dchen zuviel haben\u00ab f\u00fcr nicht ganz bei verstand sein. deutsch \u00bbEinen Affen (sitzen) haben\u00ab f\u00fcr betrunken sein folgt vermutlich dem tschechischen wortspiel \u00bbOp\u00edte m\u00edt Opice\u00ab. op\u00edt se hei\u00dft sich betrinken, berauschen, betrunken sein, einen sitzen haben, opice affe, rausch und primitiver mensch. mir fiel dazu ein: als r\u00e4dchen im getriebe zum hamster im laufrad und zuletzt ger\u00e4dert werden, oder, wieder einmal, umgekehrt. m\u00f6gen die denkbilder der joanna lisiak noch viele solcher menschlichen r\u00e4dchen bremsen und, diesseitig fa\u00dfbar, das eigenst\u00e4ndige denken anregen.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Wederendungen<\/strong>, von Joanna Lisiak,\u00a0Books on Demand, 2017<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-55011\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-4.jpeg\" alt=\"\" width=\"158\" height=\"250\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-4.jpeg 316w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-4-190x300.jpeg 190w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-4-260x411.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-4-160x253.jpeg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 158px) 100vw, 158px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind Redewendungen veraltet und nicht mehr im Gebrauch? Ganz im Gegenteil: man benutzt sie unbewusst immerzu und viel \u00f6fters als man denkt. Doch was passiert, wenn diese g\u00e4ngigen Metaphern frech kombiniert werden? Der Wortschatz ger\u00e4t durcheinander, der Sinn kommt ins Wanken, Staunen und Schmunzeln stellen sich ein. Joanna Lisiak l\u00e4sst mit den &#8222;Wederendungen&#8220; herk\u00f6mmliche Welten aufeinanderprallen und \u00fcberrascht mit ungebrauchten Bildern, schafft K\u00fcrzestgeschichten auf manchmal nur zwei Zeilen. Sie verwirrt den Leser mit vermeintlichen Deja-Vu&#8217;s oder bringt ihn zum Gr\u00fcbeln.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31414\">Portr\u00e4t<\/a> der Autorin und das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30534\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> zwischen Sebastian Schmidt und Joanna Lisiak. KUNO verlieh der Autorin f\u00fcr das Projekt <em>Gedankenstriche<\/em> den Twitteraturpreis 2016. \u00dcber die Literaturgattung <em>Twitteratur<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\">hier<\/a> einen Essay.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; joanna lisiak, die sonst lyrik, kurzprosa, dramatik, h\u00f6rspiele und essays schreibt, verkn\u00fcpft in ihren \u00bbWederendungen\u00ab redewendungen zu miniaturen, die aphorismen, sentenzen, maximen \u00a0oder epigrammen \u00e4hneln. aphorismen k\u00f6nnen zu sprichw\u00f6rtern und redewendungen werden. man denke an aphoristische gedanken von salomo&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/30\/vom-sinn-der-wendungen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":55011,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[94,1803],"class_list":["post-55005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-holger-benkel","tag-joanna-lisiak"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55005","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=55005"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/55005\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=55005"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=55005"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=55005"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}