{"id":54994,"date":"2019-04-18T00:01:12","date_gmt":"2019-04-17T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54994"},"modified":"2020-10-17T13:50:10","modified_gmt":"2020-10-17T11:50:10","slug":"heiterer-sarkasmus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/18\/heiterer-sarkasmus\/","title":{"rendered":"heiterer sarkasmus"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #808080;\"><em>zur lyrik von HEL = herbert laschet toussaint<\/em><\/span><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hel, der seit fast 30 jahren in berlin lebt, stammt aus einer arbeiterfamilie im deutschsprachigen osten belgiens, wo er das abitur erwarb. mit mehreren sprachen, dialekte inbegriffen, fr\u00fch vertraut, ist das dekonstruieren und neuformieren der sprache, die bei ihm verschiedenste wortherk\u00fcnfte verbindet und derart multikulturellen lebensformen entspricht, seine literarische hauptmethode. \u00bbJa wenn die t\u00fcrken Wien erobert h\u00e4tten \/ hie\u00df palatschinkenkuchl pon\u00e7ik evl.\u00ab, schreibt er, und, \u00fcber t\u00fcrkische nachbarn: \u00bbkinder l\u00e4ngst entanatolt.\u00ab es lohnt sich, seine sprachlichen mittel und deren traditionen zu hinterfragen. denn er nutzt nicht nur worte unterschiedlicher sprachen, sondern zudem \u00e4ltere und au\u00dfer gebrauch geratene, daneben redewendungen, jargon, szenesprache, medienvokabular. alldas wird gepr\u00fcft, reflektiert, verfremdet und verwendet. und der leser entdeckt, teilweise als reimworte, wortpr\u00e4gungen wie \u00bbschlitzmondaugenzelt\u00ab, \u00bbHundertwassersimseranken\u00ab, \u00bbfalschfarbpanoramenpixelmaler\u00ab, \u00bbhighlifeshirngepl\u00e4nkelpumpenschelte\u00ab, \u00bbhimmelfahrtshauptmannsmaschine\u00ab oder \u00bbdummdenk in denkdummgelee\u00ab.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbIch schab auch nicht mehr mehr als eine schabe\u00ab. schaben, das hier das zerreiben, sozusagen granulieren, normierter sprache meint, ist mit schaffen und sch\u00f6pfen verwandt. grabend, schabend, schneidend, spaltend ward der mensch zum menschen. hel verfa\u00dfte einen sonettenkranz \u00bbSonettenlage zum Knarz der Nation\u00ab. knarzen bedeutet knarren, brummen, zanken. als weitere synonyme werden genannt: kr\u00e4chzen, \u00e4chzen, kr\u00e4hen, bellen, krachen, rattern, prasseln, knistern und rascheln. verwandt sind knarren, knurren, knirschen, scharren, schnarren, schnarchen, schnorcheln, schnorren, schnurren und n\u00f6rgeln. \u00bbDie th\u00fcr im angel kan ich schmieren \/ Des sie nit knarzen kan noch kirren.\u00ab, meinte hans sachs, der selber der volkssprache nahe und sprachklangf\u00e4hig war, zugleich aber eine handwerkermoral hatte, die das knarzen im realen leben wohl nicht mochte. hel schmiert seine sprache nicht, damit sie nicht glatt wird, sondern hebt deren rauheiten kunstvoll hervor. \u00bbDante bezeichnete Worte als &#8222;gebuttert&#8220; oder &#8222;zottig&#8220;, wegen der unterschiedlichen GER\u00c4USCHE, die sie machen. Auch als <em>pexa et hirsuta<\/em>, gek\u00e4mmt und struppig.\u00ab, erkl\u00e4rte ezra pound, und: \u00bbDer Klang ist besser, wo die Sprache schlecht ist.\u00ab, \u00bbbei der Wahl zwischen dem Jargon und der Platit\u00fcde ziehe ich den Jargon vor.\u00ab roland barthes. dante schrieb \u00fcber den volksmund, hel in einem brief: \u00bbBrecht schmeckt nach brot, Woody Guthrie nach staub und schwarzem kaffee. Wat nach nix schmeckt, is auch nix.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">au\u00dferdem verbindet er mit lust und list verschiedene orte, zeiten, mythen und kulturschichten. \u00bbEs gibt auch zeitgenu\u00dfkosmopoliten \/ hethiter im exil der gegenwart \/ Sie spielen nicht einmal den gegenpart \/ sie spielen mit den Preu\u00dfen Obotriten.\u00ab, hei\u00dft es, oder: \u00bbwer seine katze metaphorisiert hat \/ ist l\u00e4ngst zum schweifstern unters all gekrochen.\u00ab die obotriten waren ein altslawischer stammesverband, der im nordundostdeutschen raum lebte, lange bevor preu\u00dfen entstand. ich begegne gewi\u00df oft nachfahren der obotriten, die ihre herkunft nicht mehr kennen. der kater verk\u00f6rperte \u00e4gyptisch sonneng\u00f6tter, mit deren sonnenaugen katzen wegen ihrer leuchtenden augen gleichgesetzt wurden. \u00bbBrenn keine l\u00f6cher in die schwebnis \/ aus der die zukunft gewebt ist.\u00ab klingt wie ein orakelspruch aus delphi: bedenke die folgen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zur traditionslinie der sonette, kurzgedichte und aphorismen hels geh\u00f6ren kukrez, catull, martial, juvenal, fran\u00e7ois villon, fran\u00e7ois rabelais, johannes vom kreuz, angelus silesius, andreas gryphius, heinrich heine, karl kraus, erich m\u00fchsam, paul zech, richard huelsenbeck, theodor kramer, bertolt brecht, jura soyfer, fritz gra\u00dfhoff, h.c. artmann, ernst jandl, peter r\u00fchmkorf, heiner m\u00fcller, rolf dieter brinkmann, bob dylan. auch weitere expressionisten und dadaisten k\u00f6nnte man hier nennen. wenn hugo ball vor \u00fcber 100 jahren erkannte: \u00bbAlles funktioniert, nur der Mensch selber nicht mehr.\u00ab, so klingt das heute umso aktueller. heiner m\u00fcller, dessen werk auf traumatisierungen verweist, h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen: \u00bbBurgtheater Babybrei \/ Dada macht die K\u00f6pfe frei.\u00ab das w\u00e4r sozusagen eine hommage an z\u00fcrich gegen wien. \u00bbWie sch\u00f6n w\u00e4re Wien ohne Wiener.\u00ab, sang georg kreisler. dies ist der gleiche grundgedanke wie bei ball: besch\u00e4digte menschen schaffen eine brauchbare welt, und das seit jahrtausenden. \u00bbWenn doch nur einer den Mut h\u00e4tte der Trambahn die \/ Schwanzfedern auszurei\u00dfen.\u00ab, meinte richard huelsenbeck. das wirkt, indem es lediglich spielerisch ironisch gewalt fordert, beinahe schon postmodern. denn der subtext sagt: damit w\u00fcrde auch nichts besser werden. und dies erinnert mich an das explodierende haus am schlu\u00df von michelangelo antonionis film \u00bbZabriskie Point\u00ab, der die gesch\u00e4ftswelt symbolisch zersprengt und zugleich die explosion \u00e4sthetisch aufl\u00f6st.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">hel, der diesen rezensionsessay \u00bblyrchen-aufsatz\u00ab nennt, verwies zudem auf gertrud kolmar, die bei mir neben paul celan, else lasker-sch\u00fcler, rajzel zychlinski und nelly sachs steht, deren hingabe an die sprache er teilt. \u00fcbrigens ist walter benjamin, gershom scholem verwies darauf, verwandt mit heinrich heine, karl marx, dem arch\u00e4ologen gustav hirschfeld, der olympia ausgrub, g\u00fcnther anders und eben gertrud kolmar. unter autoren, denen er pers\u00f6nlich begegnete, nennt hel helmhold reinshagen, martin pohl, klaus m. rarisch, brigitte lange, josef wilms und gisela kraft als anreger.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">zu hels vorfahren geh\u00f6ren wahrscheinlich auch marrannen, ich verwende die schreibweise von scholem, zwangsgetaufte juden, die, nachdem die christen die kultivierten mauren aus spanien vertrieben hatten, unfreiwillig zum christentum \u00fcbertraten, im innersten ihrer seele jedoch den j\u00fcdischen glauben, oder wenigstens teile davon, bewahrten und sp\u00e4ter teilweise wieder zur alten religion zur\u00fcckkehrten. gershom scholem schrieb \u00fcber die marrannen, die unter juden mindestens umstritten, wenn nicht gar verachtet waren: \u00bbGenerationen lang hatten sie, als Nachkommen jener spanischen Juden, die w\u00e4hrend der Verfolgungen von 1391 bis 1498 zu Hunderttausenden zum Christentum \u00fcbergetreten waren, der Not oft mehr gehorchend als dem eigenen Triebe, in einer aufgedrungenen Zweiheit des religi\u00f6sen Bewu\u00dftseins gelebt. Die Religion, die sie \u00e4u\u00dferlich bekannten, war nicht mit der identisch, zu der ihr Gef\u00fchl sie hinzog.\u00ab durch mystische religionen kann innerlich bewahrt werden, was \u00e4u\u00dferlich verlorengeht, und zwar \u00fcber jahrhunderte hinweg. saturierte vulg\u00e4rmaterialisten d\u00fcrften diese art des \u00fcberlebens kaum verstehen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">lichtenberg forderte: \u00bbVon jedem Wort mu\u00df man sich wenigstens ein Mal eine Erkl\u00e4rung gemacht haben, und keines brauchen, das man nicht versteht.\u00ab worte, lebendige wesen, die h\u00e4ufig in formelhaftem denken eingesperrt sind, m\u00fcssen, damit sie etwas erkunden k\u00f6nnen, stets erneut befreit werden. genau das ist hels anspruch, in literarischen texten, aber auch au\u00dferliterarisch, etwa in seinen oft etymologisch grundierten briefen. \u00bbPoetika sind wurzeln\u00a0\u00a0 bl\u00fcten\u00a0\u00a0 \u00e4hren \/ sind wissenschaft\u00a0\u00a0 maschinen\u00a0\u00a0 jenseitswalten \/ Sie sind der bernstein aus dem meer der balten \/ den fischer aus den jahrmillionen kl\u00e4ren.\u00ab die leerzeichen entsprechen dem originaltext. beim gebrauch der worte geht er vielfach auf wortwurzeln, ja hinter die etymologie, die \u00bbmenschheitsaufgangssilbenkunde\u00ab, zur\u00fcck, die man eine mythologie der sprache nennen kann. ideal w\u00e4re, wenn man \u00bb\u00d6tzi\u00ab und \u00e4hnliche funde zum sprechen bringen k\u00f6nnte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">die fr\u00fchen worte entstanden aus dem sinnlich unmittelbaren wahrnehmen und handeln. auch das wort muttersprache ist zutreffend. denn vermutlich hat sich die fr\u00fche sprache nicht unerheblich im dialog zwischen mutter und kind entwickelt. im j\u00fcdischen buch \u00bbJezira\u00ab hei\u00dfen die urlaute m\u00fctter. michel serres bemerkte, \u00bbda\u00df sich Menschen, die ohne M\u00fctter haben auskommen m\u00fcssen, verzweifelt in die Sprache st\u00fcrzen.\u00ab, die enorm wichtig f\u00fcr die herausbildung der identit\u00e4t ist. roland barthes stellte fest: \u00bbEinem Menschen im Namen der Sprache die Sprache rauben \u2013 damit beginnen alle Justizmorde.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">jean paul sartre sprach vom bedeutungshumus der sprache. c.g. jung schrieb: \u00bbDie Sprache ist urspr\u00fcnglich ein System von Emotions- und Imitationslauten; Laute, die Schreck, Furcht, Zorn, Liebe usw. ausdr\u00fccken, solche, die die Ger\u00e4usche der Elemente nachahmen, das Rauschen und Gurgeln des Wassers, das Rollen des Donners, das Brausen des Windes, die T\u00f6ne der Tierwelt usw., und schlie\u00dflich solche, die eine Kombination des Lautes der Wahrnehmung und desjenigen der affektiven Reaktion darstellen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbWer h\u00f6rt den uhus und den unken zu?\u00ab verbindet zwei klangmalerische tiernamen. noch viele heutige worte haben etwas lautnachahmendes, besonders h\u00e4ufig tiernamen, nicht allein in der kindersprache, die \u00bbMuhkuh\u00ab, \u00bbWauwau\u00ab, \u00bbMiau\u00ab oder \u00bbKikeriki\u00ab f\u00fcr kuh, hund, katze und hahn kennt. genannt seien vogelnamen wie kuckuck, der weltweit nach seinem ruf benannt ist, puter und trute, glucke f\u00fcr henne, zippe f\u00fcr singdrossel, wachtel, niederl\u00e4ndisch kwakkel, pirol, franz\u00f6sisch loriot, sowie fink, stieglitz, girlitz, zeisig, kiebitz, rabe, kr\u00e4he oder h\u00e4her. der biologische name f\u00fcr den pirol, oriolus galbula, scheint mit oriolus den z\u00e4rtlichen gesang des m\u00e4nnchens nachzuahmen, w\u00e4hrend galbula die goldgelbe gefiederfarbe bezeichnet. \u00e4hnlich verbindet goldt\u00fcte f\u00fcr goldregenpfeifer die goldgr\u00fcngelbgefleckte f\u00e4rbung und die fl\u00f6tenden t\u00f6ne. mitunter \u00fcbertreffen biologische namen sogar die wirklichkeit. kein goldregenpfeifer kann goldregen pfeifen, literarisch freilich doch, und kein zitronenfalter, also schmetterling, zitronen falten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">michel foucault erkl\u00e4rte: \u00a0\u00bbDer Urzustand der Sprache war also keine abgrenzbare Menge von Symbolen und Bildungsregeln, sondern eine unbestimmte Masse von Aussagen, das Rieseln gesagter Dinge: Hinter den W\u00f6rtern unseres W\u00f6rterbuchs gilt es nicht nach morphologischen Konstanten zu suchen, sondern nach Aussagen, Fragen, W\u00fcnschen, Befehlen. Die W\u00f6rter sind Bruchst\u00fccke von Diskursen, die von ihnen selbst gezeichnet werden, Modalit\u00e4ten erstarrter und neutralisierter Aussagen.\u00ab, giorgio agamben: \u00bb<em>So wie die Kinder im Spiel und in der Fabel die mythische Welt \u2212 frei vom Ritus \u2212 h\u00fcten und die divinatorische Praxis in ein Spiel mit dem Zufall, den Weissagungsapparat in einen Kreisel und den Fruchtbarkeitsritus in Ringelreihen verwandeln, so verwandelt die Philologie mythische Namen in Worte und erl\u00f6st zugleich die Geschichte von der Chronologie und der Mechanizit\u00e4t. Das, worin sich die starren sprachlichen Fesseln des Schicksals ausdr\u00fccken, wird hier zur sprachlichen Substanz der Geschichte. Die kritische Mythologie, die die Philologie der westlichen Kultur in Form eines Wortschatzes indoeurop\u00e4ischer W\u00f6rter wie eine neue Kindheit als Erbe hinterl\u00e4\u00dft, mu\u00df nun in die H\u00e4nde der Dichtung \u00fcbergehen.<\/em>\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">viele der helschen gedichte sind, indem sie sprache per sch\u00fcttelreim mit witz und spott sch\u00fctteln, sozusagen sch\u00fcttelgedichte. mittelhochdeutsch sch\u00fctteln meinte unter anderem ersch\u00fcttern. man findet bei ihm heiteren sarkasmus und sarkastische heiterkeit. er kann \u00fcber realit\u00e4ten lachen, weil er sie durchschaut. \u00bbZum Beispiel wei\u00df ich einiges von dorschen \/ wer Porscheaktien h\u00e4lt das wei\u00df ich nicht.\u00ab, \u00bbAuch zwei plagen wuchsen da \/ polizei und mafia.\u00ab manche dieser teils derben texte eines gebildeten plebejers, die an b\u00e4nkellieder, demokratische volkslieder, kinderverse und die linksalternative kultur der weimarer republik erinnern und auch kalauer nicht scheuen, haben, indem sie standarts und traditionen der lyrik und des liedes improvisierend variieren, etwas jazzartiges. \u00bbEs war ein Dr der gern saumag fra\u00df \/ der brauchte was den wieder auszukacken \/ So hat nach Ries der Dr Augias \/ sein land vereint aus zwei getrennten placken \/\u00a0\u00a0 dann einen flu\u00df ins krustesbett gezw\u00e4ngt \/ den stall 12 klafter voll gekackt und na\u00df- \/ \u00a0\u00a0forsch ausnahm\u00e9stand \u00fcbers land verh\u00e4ngt \/ Das war den bl\u00f6den medern selbst zu ledern \/ und Herakles der wird ersoffen sein \/ Selbst die stymphalen fielen aus den federn \/ Doc Eisenwart\u00a0\u00a0 er m\u00f6ge mir verzeihn.\u00ab wie viele k\u00f6nnen, oder wollen, heut noch solche gedichte schreiben?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00bbNoch dient der wind dem patriarchenkahn \/ noch \u00fcberbieten sich gedopt athleten \/ vertreter aufgesch\u00e4rft von macht\u00e4stheten \/ stehn mikrophon bei fu\u00df\u00a0\u00a0\u00a0 potz ibishahn!\u00ab dopingmittel und drogen ersetzen die unsterblichkeitstr\u00e4nke. wer olympiaden der neuzeit ohne doping veranstalten will, sollte besser gleich alle mannschaften vorher disqualifizieren. das wirft die frage auf, wie etwa neandertaler ungedopt bei einer olympiade abschneiden w\u00fcrden. die sprintdisziplinen der leichtathletik, zumindest der m\u00e4nner, also j\u00e4ger, k\u00f6nnten sie wohl nach vergleichsweise kurzem training gewinnen, ebenso speerwurf und weitsprung. beim h\u00fcrdenlauf wirds schwierig. und stabhochsprung sollten sie gar nicht erst versuchen. kein neandertaler jagt am himmel. wer in \u00e4gypten einen ibis t\u00f6tete, konnte hingerichtet werden. im kult der isis und des wiederbelebten osiris hatte der ibis auferstehungsbedeutungen. bei moses ist er unrein, beim physiologus schlimmer als alle s\u00fcnder. konrad gesner, der das essen von ibiseiern f\u00fcr lebensgef\u00e4hrlich hielt, meinte sp\u00e4ter, die \u00e4gypter w\u00fcrden diese zerbrechen, da sie f\u00fcrchteten, aus einem ibisei, das durch das gift der vom ibis verzehrten schlangen entstehe, k\u00f6nne der basilisk hervorkriechen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wir werden wohl eingestehen m\u00fcssen, da\u00df die mehrheit der menschen b\u00fccher und texte nicht nach literarischen und sprachlichen kriterien beurteilt. leser, die hethiter, meder, stymphalen oder basilisk nicht kennen, sollten sich aber bilden k\u00f6nnen. denn das aneignen von wissen ist die leichteste der bildungs\u00fcbungen. wer beispielsweise antiken griechen auf der stra\u00dfe begegnet, kommt schnell mit ihnen ins gespr\u00e4ch, wenn er die perserkriege erw\u00e4hnt. die nach gold grabenden wolfsoderfuchsgro\u00dfen nordindischen ameisen jedoch kennen offenkundig selbst im r\u00f6mischen reich nur wenige. kommen mir menschen aus arabischen l\u00e4ndern entgegen, denke ich, ihren vorfahren verdanken wir gr\u00f6\u00dfere teile unserer kultur und medizin, das alphabet, die mathematik, die einteilung der zeit nach stunden, die babylonische siebentagewoche, uhren, sofa und matratze, die jakobinerm\u00fctze, die, urspr\u00fcnglich eine kopfbedeckung der phryger, durch die mauren nach spanien kam, natron, sirup, \u00a0sultanine, myrrhe, zucker und kaffee, der anfangs aus dem jemen stammte.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">im heutigen fremdenfeindlichen denken wirken vorurteile weiter, die dem r\u00f6mischen begriff der barbaren entsprechen, der zuallererst der unterdr\u00fcckung und auspl\u00fcnderung anderer v\u00f6lker diente. friedrich d\u00fcrrematt l\u00e4\u00dft in seinem st\u00fcck \u00bbRomulus der Gro\u00dfe\u00ab den letzten r\u00f6mischen kaiser \u00fcber rom sagen: \u00bbEs kannte die Wahrheit, aber es w\u00e4hlte die Gewalt, es kannte die Menschlichkeit, aber es w\u00e4hlte die Tyrannei. Es hat sich doppelt erniedrigt: vor sich selbst und vor den anderen V\u00f6lkern, die in seine Macht gegeben waren.\u00ab lateinisch barbaria, das ausland, fremde, die barbaren, barbarei, unkultur, roheit, wilde horde und germanien meinte, bezog sich zun\u00e4chst offenbar aufs land der berber in algerien, tunesien und marokko, ehe es auf andere kulturen \u00fcbertragen wurde, selbst solche wie die altorientalischen, \u00e4gypten, persien oder indien, deren hochkulturelle entwicklung au\u00dfer frage steht. allerdings meinten manche der antiken autoren mit barbaren nicht vermeintlich unterentwickelte v\u00f6lker und menschen, sondern lediglich fremde und fremdsprachige, die sie nicht sofort verstanden. das dem lateinischen barbarus = ausl\u00e4ndisch, fremd, ungebildet, unwissend, wild, grausam, unmanierlich vorausgehende griechische b\u00e1rbaros bezeichnete nicht griechisch und daher f\u00fcr die griechen unverst\u00e4ndlich sprechende und fremd wirkende v\u00f6lker, bedeutete aber auch bereits unkultiviert und roh. daran denk ich manchmal, wenn ich hiesige einheimische h\u00f6re, die erz\u00e4hlen, sie seien leuten begegnet, die \u00bbAusl\u00e4ndisch sprachen\u00ab, wie wenn \u00bbAusl\u00e4ndisch\u00ab eine sprache w\u00e4re. michel de montaigne schrieb: \u00bbgew\u00f6hnlich freilich wird alles als Barbarei bezeichnet, was ungewohnt ist.\u00ab, pierre bourdieu: \u00bbjedes Volk ist akademisch, wenn es die anderen beurteilt, jedes ist barbarisch, wenn die anderen ihrerseits es beurteilen.\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">dummheit, also \u00bbdummdenk in denkdummgelee\u00ab, beleidigt die gebildeten, bildung die ungebildeten, die daf\u00fcr rache nehmen, indem sie gebildete menschen verachten und dem\u00fctigen. denn vermutlich sind blo\u00df ein bis drei prozent aller menschen gebildet. in manchen kleinst\u00e4dten bekommt man zweifel, ob man \u00fcberhaupt so viele geistige wesen finden w\u00fcrde. das hei\u00dft nicht, da\u00df die anderen unintelligent w\u00e4ren. doch ihnen fehlt das eigenst\u00e4ndig kreative, originelle, komplexe und tieflotende denken. bildung ist etwas besonderes und spezielles, das allein geistig begabte menschen t\u00e4glich brauchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">als ich einmal aus der haust\u00fcr meines mietshauses kam und die mitarbeiter einer ger\u00fcstbaufirma gerade bauger\u00fcste f\u00fcr bevorstehende sanierungsarbeiten am haus aufbauten, sagte ich spontan: \u00bbWenn Sie B\u00e4ume nachahmen, m\u00fcssen Sie aber auch Fr\u00fcchte aufh\u00e4ngen.\u00ab, worauf mich zwei arbeitergesichter v\u00f6llig verst\u00e4ndnislos anschauten. affen wissen noch, da\u00df ger\u00fcste b\u00e4umen \u00e4hneln. wahrscheinlich haben bauarbeiter ihrer arbeit gegen\u00fcber zu wenig distanz f\u00fcr freie und spielerische assoziationen. das profane leben verlangt halt meist die blindheit der erfahrung. akademische kleingeister, flachdenker und formelkundler, also kleinb\u00fcrger, entwickeln indes h\u00e4ufig kaum mehr phantasie. die wirklich gebildeten studieren ohnehin vor allem bei sich selbst.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">theodor w. adorno erkl\u00e4rte: \u00bbBildung ist nichts anderes als Kultur nach der Seite ihrer subjektiven Zueignung.\u00ab, \u00bbDa\u00df Halbbildung, aller Aufkl\u00e4rung und verbreiteten Information zum Trotz und mit ihrer Hilfe, zur herrschenden Form des gegenw\u00e4rtigen Bewu\u00dftseins wird \u2013 eben das erheischt weiter ausgreifende Theorie.\u00ab, \u00bbDie ganz angepa\u00dfte Gesellschaft ist, woran ihr Begriff geistesgeschichtlich mahnt: blo\u00dfe darwinistische Naturgeschichte. Sie pr\u00e4miiert das survival of the fittest. \u2013 Erstarrt das Kraftfeld, das Bildung hie\u00df, zu fixierten Kategorien, sei es Geist oder Natur, Souver\u00e4nit\u00e4t oder Anpassung, so ger\u00e4t jede einzelne dieser isolierten Kategorien in Widerspruch zu dem von ihr Gemeinten und gibt sich her zur Ideologie, bef\u00f6rdert die R\u00fcckbildung.\u00ab, \u00bbAnpassung aber ist unmittelbar das Schema fortschreitender Herrschaft.\u00ab, \u00bbW\u00e4re die Gesellschaft, als geschlossenes und darum den Subjekten unvers\u00f6hntes System, durchschaut, so w\u00fcrde sie von den Subjekten, so lange sie noch welche sind, kaum geduldet.\u00ab, \u00bbEin Mensch, der sich mit der Welt wie sie ist, <em>a priori<\/em> identifiziert, wird wenig Anreiz f\u00fchlen, sie geistig zu durchdringen und zwischen Wesen und \u00e4u\u00dferem Schein zu unterscheiden.\u00ab, \u00bbHalbbildung ist der vom Fetischcharakter der Ware ergriffene Geist.\u00ab, \u00bbDa\u00df Technik und h\u00f6herer Lebensstandart ohne weiteres der Bildung dadurch zugute kommen, da\u00df alle von Kulturellem erreicht werden, ist pseudodemokratische Verk\u00e4uferideologie.\u00ab, \u00bbDie Dummheit, mit welcher der Kulturmarkt rechnet, wird durch diesen reproduziert und verst\u00e4rkt. Frisch-fr\u00f6hliche Verbreitung von Bildung unter den herrschenden Bedingungen ist unmittelbar eins mit ihrer Vernichtung.\u00ab, \u00bbDas Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind.\u00ab, \u00bbDer Halbgebildete betreibt Selbsterhaltung ohne Selbst.\u00ab, \u00bbBildung braucht Schutz vorm Andr\u00e4ngen der Au\u00dfenwelt, eine gewisse Schonung des Einzelsubjekts, vielleicht sogar die L\u00fcckenhaftigkeit der Vergesellschaftung.\u00ab und \u00bbwer noch wei\u00df, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gutbezahlte Stellung als Texter finden.\u00ab ein wirklicher dichter will das auch gar nicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">eine lehrerin erz\u00e4hlte mir einmal, ihre literaturinteressierte tochter habe buchh\u00e4ndlerin werden wollen, worauf ihr eine berufsberaterin sagte, wenn sie sich tats\u00e4chlich f\u00fcr literatur interessiere, sei buchh\u00e4ndler nicht der richtige beruf f\u00fcr sie. zwischen b\u00fccher verstehen und b\u00fccher verkaufen besteht eben ein fundamentaler unterschied. in gr\u00f6\u00dferen st\u00e4dten gibts immerhin noch wirkliche buchh\u00e4ndler. das wort \u00bbVerk\u00e4ufer\u00ab hingegen wird inzwischen schon als synonym f\u00fcr \u00bbBetr\u00fcger\u00ab und \u00bbL\u00fcgner\u00ab verwendet und wom\u00f6glich bald zum schimpfwort. oder w\u00e4hlen, wo t\u00e4uschung und betrug, \u00f6ffentlich und privat, allgemein \u00fcblich werden, die menschen zuletzt diejenigen, die am konsequentesten l\u00fcgen?<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">da bleibt man doch, sofern man keine privilegien hat, lieber arm und denkt frei. bei d\u00fcrrenmatt sagt der bettler akki: \u00bbnur wer nichts hat und nichts ist, bleibt unversehrt.\u00ab aber vorsicht, brecht persifliert genau dies in seiner \u00bbBallade vom angenehmen Leben\u00ab, wobei die mehrfach wiederholte Zeile \u00bbNur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.\u00ab auf villon zur\u00fcckgeht, der allerdings wirklich armut kannte. catull empfiehlt in der \u00fcbersetzung von fritz gra\u00dfhoff ironisch: \u00bbGegen Diebstahl sch\u00fctzt ihr kl\u00fcglich \/ euch durch reichen Nichtbesitz.\u00ab bei salomo hei\u00dfts: \u00bbHochmut erniedrigt den Menschen, doch der Dem\u00fctige kommt zu Ehren.\u00ab sch\u00f6n w\u00e4rs. gra\u00dfhoff schrieb \u00fcber k\u00f6nig salomo: \u00bbIn der Sonne der Weisheit \/ ist gut zu spazieren. \/ In der Sonne des Kontos \/ wirst du nicht frieren.\u00ab von jesus ist, wohl mit r\u00fcckgriff auf salomo, der satz \u00fcberliefert: \u00bbWer sich selbst erh\u00f6ht, der wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erh\u00f6ht.\u00ab \u00fcber diogenes wurde berichtet: \u00bbEinmal beobachtete er, wie die Tempelpriester einen Schatzverwalter abf\u00fchrten, der eine Schale gestohlen hatte, und bemerkte: &#8222;Die gro\u00dfen Diebe fangen die kleinen.&#8220;\u00ab und \u00bbGefragt, weshalb man Bettlern was gibt, Philosophen aber nicht, antwortete er: &#8222;Weil man es f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt, selbst einmal lahm oder blind, niemals aber Philosoph zu werden.&#8220;\u00ab<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00fcbertriebener erfolgsdrang ist eher etwas f\u00fcr narzi\u00dftische und eitle menschen sowie jene, die sich ihrer sache nicht sicher sind, und zudem ein \u00fcberbleibsel fr\u00fchmenschlicher j\u00e4gerkulturen. souver\u00e4ne menschen wie hel brauchen \u00e4u\u00dfere anregungen, doch nicht unbedingt \u00e4u\u00dferliche erfolge. viele ebenfalls begabte leute dagegen, die nach anerkennung, karriere, geld und wohlstand streben, bringen sich, indem sie dem zeitgeist hinterherhecheln, selber um ihre besten f\u00e4higkeiten. sie k\u00f6nnen dann zwar vielleicht zahlreiche etiketten vorweisen, aber wenig substanz. und nicht alle finden die kraft, sich aus solchem wohlstandsungl\u00fcck zu befreien. nicht wenige verharren sogar lebensl\u00e4nglich darin.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">wer tagt\u00e4glich einer entfremdeten arbeit nachgeht und funktionen erf\u00fcllen mu\u00df, wom\u00f6glich noch gleichf\u00f6rmige, das hei\u00dft eigentlich ein maschinenteil ist, dessen denkverm\u00f6gen wird auf dauer zwangsl\u00e4ufig niedergedr\u00fcckt und auch durch kulturelle urlaubsreisen nicht mehr wesentlich aufgerichtet. \u00bbUrlaub braucht man nur vom falschen Leben.\u00ab, wei\u00df peter sloterdijk, dessen beil\u00e4ufig pointierendes denken mich mitunter an gedichte von peter r\u00fchmkorf erinnert. man k\u00f6nnte das sogar noch weiterdenken. wer ins jenseits reisen kann, ben\u00f6tigt keine urlaubsziele. das hauptproblem der menschen ist, da\u00df sie unter menschen leben m\u00fcssen. wir d\u00fcrfen uns nicht von der zeit pr\u00e4gen lassen, in der wir zuf\u00e4llig existieren. denn jede zeit kann eine falsche zeit sein. und die meisten menschen, die allenfalls nach ihrem tod aufwachen, wissen nicht, wann und wo sie leben. \u00bbWof\u00fcr die Gestorbenen keine Worte fanden, solange sie lebten, \/ Das k\u00f6nnen sie dir sagen, da sie tot sind: Die Toten sprechen \/ Mit feurigen Zungen jenseits der Lebenden Sprache.\u00ab, hei\u00dfts bei t.s. eliot. hel hingegen reist lebend im kopf durch zeiten und r\u00e4ume. das f\u00f6rdert die bildung und ist umweltschonend.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">urlaubsreisen sind transformierte nachfolgeformen von v\u00f6lkerwanderungen und kriegsz\u00fcgen. das zeigen auch die wortbedeutungen. mittelhochdeutsch reise bedeutete aufbruch, zug, reise, heereszug, kriegszug, reisen eine reise tun, reisen, vor allem aber einen kriegszug unternehmen, ins feld ziehen, pl\u00fcndern, rauben. reisiger nannte man im mittelalter die berittenen krieger und sp\u00e4ter landsknechte. reisic meinte, bezogen aufs berittene und bewaffnete kriegsvolk, kriegsbereit, gewappnet, ger\u00fcstet sein. die erscheinungsformen der eroberungen und troph\u00e4en haben sich durch den tourismus, der zugleich kultiviert, freilich ver\u00e4ndert. w\u00e4hrend der sechziger, siebziger jahre des 20. jahrhunderts war \u00bbTourist\u00ab schon mal ein schimpfwort. karl kraus schrieb bereits vor 100 jahren: \u00bbDie Fremdenf\u00fchrer, welche Branche immer sie angeh\u00f6ren m\u00f6gen, der Kultur oder dem Gastwirtgewerbe schlechthin, wechseln; die Fremden bleiben dieselben.\u00ab ratschlag f\u00fcr touristen: wer nichts vertieft, mu\u00df sich auch nicht verbreiten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">der fl\u00fcchtling will der not entkommen, der tourist sich selber wichtig vorkommen. als \u00e4gyptische terroristen 1997 nahe der tempelanlagen von luxor 58 westliche touristen erschossen, dachten andere europ\u00e4er und nordamerikaner, die einige hundert meter entfernt standen und die ermordungen beobachteten, man w\u00fcrde dort einen spielfilm drehen und das schie\u00dfen geh\u00f6re zur filmszene. die touristen verwechselten das reale mit dem inszenierten, w\u00e4hrend selbstmordattent\u00e4ter, und \u00e4hnlich amokl\u00e4ufer, beides genau umgekehrt vertauschen. und irgendwie passen diese irrt\u00fcmer aufgrund ihrer seitenverkehrheit sogar zueinander.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">susan sontag konstatierte: \u00bbEs ist heute durchaus an der Tagesordnung, da\u00df Menschen irgendeine Katastrophe, in die sie verwickelt waren \u2012 ein Flugzeugungl\u00fcck, eine Schie\u00dferei, einen Bombenanschlag \u2012 mit dem Hinweis zu beschreiben suchen, alles sei &#8222;wie ein Film&#8220; gewesen.\u00ab, \u00bbWie Schu\u00dfwaffen und Autos sind auch Kameras Wunschmaschinen, deren Benutzung s\u00fcchtig macht.\u00ab, \u00bbDas Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.\u00ab und \u00bbEine Pseudovertrautheit mit dem Entsetzlichen verst\u00e4rkt die Entfremdung, macht uns im wirklichen Leben weniger reaktionsf\u00e4hig.\u00ab, giorgio agamben: \u00bbHeute aber wissen wir, da\u00df es zur Zerst\u00f6rung der Erfahrung keinerlei Katastrophe bedarf und da\u00df die friedliche Alltagsexistenz in einer Gro\u00dfstadt zu diesem Zweck vollkommen gen\u00fcgt. Denn der Alltag des zeitgen\u00f6ssischen Menschen enth\u00e4lt fast nichts mehr, das in Erfahrung \u00fcbersetzbar w\u00e4re.\u00ab, \u00bbDon Quijote, das alte Subjekt der Erkenntnis, ist verzaubert worden und kann nur Erfahrungen machen, ohne sie je zu haben. An seiner Seite ist Sancho Pansa, das alte Subjekt der Erfahrung, das nur Erfahrung haben kann, ohne sie je zu machen.\u00ab, \u00bb<em>Urbanisierte Indianer und Touristen, Hippies und Familienv\u00e4ter sind \u2013 ohne da\u00df sie es je zugeben w\u00fcrden \u2013 durch die gleiche Enteignung der Erfahrung vereint. Denn sie sind wie jene Figuren aus den Comic strips unserer Kindheit, die so lange im Leeren gehen k\u00f6nnen, bis sie sich dessen bewu\u00dft werden: Wenn sie es bemerken, wenn sie es erfahren, st\u00fcrzen sie rettungslos in die Tiefe.<\/em>\u00ab und \u00bb<em>Die Dichtung antwortet auf die Enteignung der Erfahrung mit der Verwandlung dieser Enteignung in<\/em> <em>ihren \u00dcberlebensgrund, indem das Unerfahrbare<\/em> <em>zu ihrer normalen Bedingung<\/em> <em>wird.<\/em>\u00ab mit erfahrung machen meint agamben vor allem ein erleben und wahrnehmen, das den menschen in seinem empfinden und denken vertieft, was nicht geschieht, wenn jemand seinen alltag nur oberfl\u00e4chlich, achtlos, distanziert und abgestumpft erf\u00e4hrt und das erfahrene mehr abwehrt als verinnerlicht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">das agieren der heutigen ich-marionetten, die kaum noch r\u00fccksicht auf andere nehmen, weil sie deren interessen und erfahrungen nicht mitdenken, hat konsequenzen weit \u00fcbers individuelle hinaus. immer mehr menschen werden anonym begraben. und was man toten antut, geschieht stets auch lebenden. sloterdijk sagte in einem gespr\u00e4ch: \u00bbAlles, was von jetzt an nicht hinreichend zukunftshellsichtig angelegt ist, wird eines Tages als Beitrag zu der Kollision mit dem finalen Eisberg wahrgenommen werden.\u00ab das bild vom eisberg stimmt indes nicht mehr, da die eisberge abtauen und gerade dadurch die katastrophe n\u00e4herkommt, an der man unsere lebensformen einst messen wird. die kapellen der titanic spielen trotzdem weiter. denn das motto der gegenwart lautet: \u00bbNach uns die Sintflut!\u00ab die sumerische sintflut war eine z\u00fcchtigung der menschen durch die g\u00f6tter, weil erstere sich seit ihrer erschaffung unm\u00e4\u00dfig vermehrt hatten und l\u00e4rmten, wodurch die unsterblichen nicht mehr ruhig auf erden schlafen konnten. doch dann tobte die sintflut ungeplant heftig und die g\u00f6tter selbst mu\u00dften an den himmel fliehen, wo sie seither leben.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">will man die situation der menschheit beschreiben, so ist auch das bild eines flugzeugs, siehe die \u00bbhimmelfahrtshauptmannsmaschine\u00ab, oder raumschiffs zutreffend, das aktuell zwar weiter fliegt, aber nie mehr weich landen kann. die moderne welt, die ihre fortschritte in abgr\u00fcnde hinein steuert, wird ihre lebensgrundlagen am ende durch ihr ideell unkontrollierbar gewordenes entwicklungstempo zerst\u00f6ren, nachdem sie zuvor wom\u00f6glich noch blutige zwanghafte rituale dagegen mobilisiert hat. apokalyptiker, die dies voraussehen und davor warnen, sind eigentlich meist idealisten und utopisten. je weniger wir ideelles positiv fassen, umso mehr mu\u00df es negativ formuliert werden.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" class=\"wp-image-54999\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/image-2.jpeg\" alt=\"\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<h5 class=\"wp-block-heading\" style=\"text-align: justify;\">Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine W\u00fcrdigung von HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=33276\">hier<\/a>. Eine faszinierend langer Briefwechsel zwischen Ulrich Bergmann und HEL findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9168\">hier<\/a>. Eine <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hel\/helbenntjes.htm\">H\u00f6rprobe<\/a> des Autors findet sich auf MetaPhon.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>zur lyrik von HEL = herbert laschet toussaint hel, der seit fast 30 jahren in berlin lebt, stammt aus einer arbeiterfamilie im deutschsprachigen osten belgiens, wo er das abitur erwarb. mit mehreren sprachen, dialekte inbegriffen, fr\u00fch vertraut, ist das dekonstruieren&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/18\/heiterer-sarkasmus\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":46967,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1454,94],"class_list":["post-54994","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hel-toussaint","tag-holger-benkel"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54994","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54994"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54994\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54994"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54994"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54994"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}