{"id":54841,"date":"2020-07-18T00:01:00","date_gmt":"2020-07-17T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54841"},"modified":"2022-03-01T11:10:05","modified_gmt":"2022-03-01T10:10:05","slug":"die-wiederentdeckung-des-prosawerkes-von-paul-adler","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/18\/die-wiederentdeckung-des-prosawerkes-von-paul-adler\/","title":{"rendered":"Die Wiederentdeckung des Prosawerkes von Paul Adler"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Wiederentdeckung und kritische Bewertung des Prosawerkes von Paul Adler lief in drei wesentlichen Etappen ab. Seit den 1950er Jahre erschienen in Sammelb\u00e4nden, die von Karl Otten herausgeben wurden, einige der seit den 1920er Jahren nicht mehr aufgelegten Prosatexte unter den Sammelbegriffen \u201aProsa j\u00fcdischer Dichter\u2019, \u201aMeistererz\u00e4hlungen des Expressionismus\u2019 wie auch \u201aExpressionistische Prosa\u2019. Anfang der 1990er Jahre zeichnet sich die literaturkritische Neubewertung eines Prosawerkes ab, das aus dem Born des Prager deutsch-j\u00fcdischen Schriftstellermilieus stammt. 2018 ist der erste Band einer f\u00fcnfb\u00e4ndigen Werkausgabe im Dresdner Thelem-Verlag unter der Herausgeberin Annette Teufel erschienen, zeitlich parallel zu dem vorliegenden Sammelband unter dem Titel \u201aAbsolute Prosa\u2019. Was bewog die Literaturwissenschaft, ein Prosawerk in den Fokus ihrer Forschungen zu nehmen, das bislang die Bewunderung von Adlers Zeitgenossen hervorrief und nun sogar das Interesse eines Dresdner Verlags wie auch des Stuttgarter Forschungszentrums f\u00fcr Textstudien erregte? Die ersten Merkmale einer Neubewertung des Werkes zeichnen sich in drei Aspekten ab: in den biografischen Fakten, den thematischen und stilistischen Eigenst\u00e4ndigkeiten der Prosatexte wie auch in der Eigenwilligkeit eines \u00e4sthetischen Weltmodells, das unter dem Schlagwort \u201aKometen der Moderne\u2019 firmiert. Doch zuerst die biografischen Angaben zum Autor. Paul Adler, 1878 in Prag geboren, ein Zeitgenosse von Martin Buber, Alfred D\u00f6blin und Carl Sternheim, durchlief in den 1880er und 1890er Jahren die Volksschule und das Gymnasium, studierte von 1896 bis 1900 an der Karls-Universit\u00e4t in Prag Jura und Philosophie und promovierte 1901 zum Doktor der Jurisprudenz. Seine erste berufliche Anstellung als Rechtspraktikant endete bereits 1902, weil er bei der Verteidigung einer N\u00e4herin, \u201edie von den Siemens-Werken verklagt worden war, juristisch vorgehen sollte.\u201c (Aus dem Nachwort des Herausgebers von \u201ePaul Adler. Absolute Prosa\u2026\u201c, D\u00fcsseldorf 2018, S. 429) Gegen diese Verletzung des sozialen Gleichheitsprinzips protestierte er; er gab seinen Beruf auf und lebte fortan als freier Schriftsteller. In den nun folgenden Wanderjahren, in denen er neben Paris, Berlin und Wien vor allem w\u00e4hrend seines siebenj\u00e4hrigen Aufenthalts in Italien (1903-1910) eine F\u00fclle von literarischen Inspirationen sammelte, die in den drei zwischen 1916 und 1918 erschienenen Romanen Elohim, N\u00e4mlich und Die Zauberfl\u00f6te wie auch in Erz\u00e4hlungen wie Venezianische Geschichte und Der Garibaldianer zum Ausdruck kamen. Zu dieser Zeit lebte er in Dresden und Hellerau, wo er im Verlag seines Freundes Jakob Hegner seine Prosawerke publizieren lie\u00df. Paul Adler war nicht zuletzt aufgrund seiner antimilitaristischen Haltung und seiner Zugeh\u00f6rigkeit zur Unabh\u00e4ngigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USDP) ein politischer Schriftsteller und Kriegsdienstverweigerer. Diese konsequente Einstellung kam neben seinen publizistischen Arbeiten in der Mitarbeit an dem Sammelband Die Befreiung der Menschheit: Freiheitsideen in Vergangenheit und Gegenwart, Hg. Ignaz Je\u017eower. Berlin 1921, zum Ausdruck. Wie breit die wissenschaftlichen Interessen von Paul Adler waren, verdeutlichte sein 1925 ver\u00f6ffentlichtes Sachw\u00f6rterbuch zur japanischen Literatur. Parallel zu diesen fachspezifischen Arbeiten ver\u00f6ffentlichte Adler zahlreiche politische Essays, verfa\u00dfte kapitalismuskritische Artikel und war gemeinsam mit Alfred D\u00f6blin, Eduard Bernstein und anderen an dem Gemeinschaftswerk Die Befreiung der Menschheit (Hg. Ignaz Je\u017eower) beteiligt. Nach 1933 emigrierte er nach Prag, publizierte in der Prager Presse und \u00fcberlebte den Zweiten Weltkrieg nach dem Einmarsch der Hitler-Okkupanten im Untergrund. Am 8. Juni 1946 starb er in Zbraslav bei Prag. Diese biografischen und rezeptions\u00e4sthetischen Angaben stammen aus der Feder des Herausgebers, Prof. Claus Zittel. Er kommentiert nicht nur den von vielen Hindernissen und rassistischen Verfolgungen gezeichneten Lebensweg von Paul Adler, sondern bewertet auch die spezifischen literarischen und stilistischen Merkmale der in dem Prosaband versammelten Texte auf der Grundlage der Rezeptionen aus den 1910er und fr\u00fchen 1920er Jahre wie auch der literaturkritischen Aufs\u00e4tze seit den 1990er Jahre. Wodurch zeichnet sich das seit rund hundert Jahren existierende Werk aus, die zwischen 1914 und 1916 erschienenen Prosawerke wie auch die zahlreichen Erz\u00e4hlungen, Gespr\u00e4che, dramatischen Szenen und Prosagedichte aus? Mit dem Blick auf die Ausf\u00fchrungen des Herausgebers lesen wir: \u201eUnter den Prager Schriftstellern ist es Paul Adler, der noch konsequenter als Kafka die gewohnten Wahrnehmungsperspektiven durcheinanderwirbelt, indem er die vermeintlich apriorischen Verstandeskategorien aus den Angeln hebt. Adler verbindet musikalischen Sinn f\u00fcr Formexperimente mit pr\u00e4zisen Beschreibungen von Bewusstseinsvorg\u00e4ngen, Ernst mit verzweifelter Heiterkeit, um einen Roman zu komponieren, in dem die Gesetze des Traums regieren (Die Zauberfl\u00f6te). Er sch\u00f6pft aus den Motivkreisen der antiken und j\u00fcdischen, christlichen und fern\u00f6stlichen Traditionen, verlegt zugleich dem mythischen Unterstrom seiner Erz\u00e4hlungen durch das artistische Spiel mit Worten und Kl\u00e4ngen und durch das Parodieren anachronistischer Formmuster (wie das der Legende) den ungehinderten Lauf (Elohim). Hallozinogene Bewusstseinszust\u00e4nde werden mit feinster Ironie zergliedert und das Gehirn als Kessel, in dem das Unheil einkocht, erfahrbar gemacht (N\u00e4mlich).\u201c (S. 443) Diese konstruktive W\u00fcrdigung belegt Claus Zittel mit einer Vielzahl an wertenden Stimmen, unter denen zun\u00e4chst Kurt Pinthus, der renommierte Vermittler expressionistischer Lyrik, mit dem Blick auf Adlers \u201eDie Zauberfl\u00f6te\u201c hervorgehoben werden soll. \u201eEs gibt in der deutschen Dichtung kein Buch, das losgel\u00f6ster, befreiter von der Wirklichkeit w\u00e4re als dieser Roman, und kein Buch ist bisher Roman genannt worden, das so wenig der Kunstform anzugeh\u00f6ren scheint, die man mit dem Sammelbegriff Roman bezeichnet [\u2026] Es ist in einer Prosa geschrieben, die von tiefster Musik strahlt, die von spielender Ironie bis zu reinstem lyrischen Gesang sich erhebt, \u2026 (S. 433) Ein Beispiel f\u00fcr dieses dem zeitgen\u00f6ssischen Leser nur wenig vertraute Spiel mit Ironie beim Umgang mit \u00fcberlieferten Figuren antiker Dichtung vermag die dramatische Dichtung Tod des Prometheus (vgl. S. 386-391) anzudeuten: \u201ePrometheus an des Kaukasus Fu\u00df: \/Hier sitz ich, hoh! Drehe Menschen. \/ Du surre, dumpf drehende Scheibe. \/Ich forme, nun brenne ich B\u00e4ckchen \/ Vater Gott, rot nach unserm Bildnis.\u201c Zittels Wertung \u201eSein [Adlers] Erz\u00e4hlen setzte entschieden auf das Experiment mit der Form und blieb dabei sensibel f\u00fcr die feinen Nuancen der Sprache\u2026\u201c (S. 427) verweist auf eine, die Grenzbereiche des Expressionismus \u00fcberschreitende Position, deren literarhistorische Wirkung nunmehr in der vierten Rezeptionsphase des Werkes in den Blick genommen wird. Die Voraussetzungen f\u00fcr die Umsetzung dieses Vorhabens sind aufgrund der vorliegenden Edition im C.W.Leske Verlag als auch der bereits begonnenen Herausgabe des Werks im Thelem-Verlag gegeben. Ob diese absolute Prosa allerdings eine wachsende Anziehungskraft ausl\u00f6sen wird, ob dieses \u201ekleine Schwarze Quadrat deutscher Prosa\u201c (Durs Gr\u00fcnbein) eine Suche nach neuen, bislang kaum wahrnehmbaren Impulsen in der literarischen Landschaft einleiten wird, ist rund hundert Jahre nach Robert M\u00fcllers Artikel \u00fcber die \u201eKosmoromantik\u201c in den Romanen von Paul Adler mit einem zaghaftem Ja zu beantworten. Dieser schwerst lesbare Roman habe nach M\u00fcller \u201emehr Poesie und Schreibkunst, mehr Liebe, Flugbahn und Ethos \u2026 als die Problemromane.\u201c (S. 444) Bleibt also abzuwarten, ob die gegenw\u00e4rtige deutschsprachige Literaturszene auf die Anregungen eines Autors reagieren wird, der \u201eeinen archimedischen Punkt au\u00dferhalb des Sterns gefunden\u201c (Kasimir Edschmid) hat.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-54858 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/absolute-prosa-e14957290852571-185x300.png\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/absolute-prosa-e14957290852571-185x300.png 185w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/absolute-prosa-e14957290852571-260x421.png 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/absolute-prosa-e14957290852571-160x259.png 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/absolute-prosa-e14957290852571.png 281w\" sizes=\"auto, (max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Absolute Prosa. Elohim, N\u00e4mlich. Die Zauberfl\u00f6te <\/strong>und andere Texte von Paul Adler &#8211; Herausgegeben von Claus Zittel unter Mitarbeit von Fabian Mauch. D\u00fcsseldorf (C.W. Leske Verlag) 2018, 456 S., 28.- EURO (Kometen der Moderne, Bd. 1).<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Wiederentdeckung und kritische Bewertung des Prosawerkes von Paul Adler lief in drei wesentlichen Etappen ab. Seit den 1950er Jahre erschienen in Sammelb\u00e4nden, die von Karl Otten herausgeben wurden, einige der seit den 1920er Jahren nicht mehr aufgelegten Prosatexte&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/07\/18\/die-wiederentdeckung-des-prosawerkes-von-paul-adler\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2332,1158],"class_list":["post-54841","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-paul-adler","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54841","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54841"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54841\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101364,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54841\/revisions\/101364"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54841"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54841"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54841"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}