{"id":54686,"date":"2020-10-09T00:01:00","date_gmt":"2020-10-08T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54686"},"modified":"2022-03-01T11:07:45","modified_gmt":"2022-03-01T10:07:45","slug":"japan-in-einer-dystopischen-gegenwart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/09\/japan-in-einer-dystopischen-gegenwart\/","title":{"rendered":"Japan in einer dystopischen  Gegenwart?"},"content":{"rendered":"\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer den Waschzettel mit den markanten Informationen \u00fcber die beiden B\u00e4nde des 2005 in Japan erschienenen utopischen Romans gelesen hat, ist zun\u00e4chst sehr verbl\u00fcfft. Hunderttausende von Obdachlosen, die Stra\u00dfen und Parks der japanischen Gro\u00dfst\u00e4dte zu Beginn des 21. Jahrhunderts bev\u00f6lkern? Eine verheerende Wirtschaftskrise, die den einst reichen Inselstaat beutelt? Ein Staatsapparat, der wie gel\u00e4hmt auf den \u00dcberfall eines angeblichen Invasionskorps aus Nordkorea mit rund 500 Bewaffneten reagiert? Es sind Fragen, die schon im Prolog 1, dessen Handlung am 14. Dezember Jahr 2010 in Kawasaki spielt und die \u00dcberschrift \u201eDer Junge mit dem Bumerang\u201c tr\u00e4gt, einer wachsenden Neugier weichen. Da taucht ein gewisser Nobue auf, der im Personenregister des Romans als Mitglied der Ishihara-Gruppe fungiert, einer Gruppe,die aus M\u00f6rdern, professionellen Terroristen, Schmugglern, Attent\u00e4tern und Satanisten besteht. Eine illustre Ansammlung von Abenteurern, jederzeit bereit, den maroden Staat zu st\u00fcrzen, mit dem hochdotierten Dichter Ishihara an der Spitze, einem guten Freund von Nobue. Wer nun erwartet, dass der Erz\u00e4hler seine Leser mit klischeehaften Schauergeschichten \u00fcberh\u00e4uft, irrt sich. Er wird kenntnisreich in das Obdachlosenmilieu im Ryokko-Park eingeweiht, erf\u00e4hrt, dass das Betreuungspersonal aus dem Gangstermilieu stammt, ist \u00fcberrascht von der Mischung aus Zuvorkommenheit und Brutalit\u00e4t. Er wird sogar aus dem Blickwinkel von Nobue in die desastr\u00f6se Weltpolitik eingeweiht, wobei er zu einem vorl\u00e4ufigen Ergebnis gelangt. Nobue entwickelt nicht nur eine solide sozialpolitische Analyse eines gel\u00e4hmten Staates, sondern er mischt auch im verbrecherischen Untergrund von Kawasaki mit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">\u00dcberraschend ist dann der Sprung in den Prolog 2. Es ist der 21. M\u00e4rz 2010. Wir befinden uns in der Hauptstadt von Nordkorea, Pj\u00f6ngjang, also mitten im Zentrum des \u00a0Terrorregimes von Kim Jong-Il. Ihm treu ergebene, hochspezialisierte Genossen planen einen \u00dcberfall auf Japan, getarnt als \u201eRebellenarmee, die keine ist\u201c, wie einer der Anf\u00fchrer, Kim Chang-bok, betont. Ziel dieses \u00dcberfalls ist die Hafenstadt Fukuoki, eine Millionenstadt, die schon einmal im 13. Jahrhundert von mongolischen Aggressoren besetzt wurde. Ein ist ein unschlagbarer Plan, \u201eweil es sich nicht um einen Angriff der Volksarmee handelt\u201c, wie Kim Chand-bok stolz verk\u00fcndet, sondern eben nur \u201eein terroristischer Anschlag meuternder Teile der Armee\u201c. Und da w\u00fcrde auch der amerikanische B\u00fcndnispartner von Japan nicht eingreifen. Deshalb laufen die milit\u00e4rischen Vorbereitungen ganz nach Plan, ohne dass die japanische K\u00fcstenwache und die Radar\u00fcberwachung eingreifen. Kein Wunder, denn die nordkoreanische Vorhut, die glorreichen Neun schippern am 1. April 2011 in einem gew\u00f6hnlichen Fischkutter ihrem Ziel entgegen. Hinter ihnen folgen in zeitlichen Abst\u00e4nden Dutzende anderer Kutter, vier Sondereinheiten mit rund 500 \u201eRebellen\u201c. Alles verl\u00e4uft beinahe reibungslos, zwei neugierige Fischer werden ohne Vorwarnung get\u00f6tet. Schon am 3. April stehen die \u201eRebellen\u201c in den Dienstr\u00e4umen verbl\u00fcffter japanischer Staatsbeamter, die erste Anweisungen von den nordkoreanischen Anf\u00fchrern auf Japanisch erhalten. Ein Tag vorher hat ihre Vorhut, bestehend aus einem halben Dutzend hochger\u00fcsteter \u201eTerroristen\u201c, bereits ein ganzes Stadion besetzt. In der Phase Two 2 kommt es zur Blockade aller wichtigen Verwaltungsgeb\u00e4ude, die von nachr\u00fcckenden \u201eTerroristen\u201c bewacht werden. Von den japanischen Selbstverteidigungskr\u00e4ften keine Spur, die Polizei schaut wie gel\u00e4hmt zu, die zum Rapport befohlene politische F\u00fchrung ist machtlos, als es zu ersten Folterungen kommt. Schon am 6. April 2011 haben die Koryos, wie sie von den gedem\u00fctigten Japanern genannt werden, die staatlichen Fernsehagenturen \u00fcbernommen und senden auf Japanisch ihre Propagandanachrichten. Die ersten Meldungen aus der Hauptstadt Tokyo, die noch nicht vom Feind besetzt ist, k\u00fcnden von der Blockade der H\u00e4fen, um die Landung der offiziellen nordkoreanischen Soldaten zu verhindern. Doch die Vergn\u00fcgungsviertel von Fukuoka scheinen von der drohenden Invasion unbeeindruckt zu sein, obwohl er zu vereinzelten bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Koryos kommt. Am 8. April 2011 hei\u00dft es: die Entdeckung der Dekadenz. Aber hat nicht der moralische Verfall, mehr noch: der staatliche Zerfall bereits begonnen? Im Prinzip ja, wenn es nicht die Untergrundbewegung Ishihara g\u00e4be! Sie sitzt in einem k\u00fcnstlichen Urwald in der N\u00e4he von Fukuoka und lauscht den Ausf\u00fchrungen des Sprengstoffexperten Takeguchi und des Bombenbauern Fukuda. Sie \u00fcbertreffen sich gegenseitig bei den Vorbereitungen zur Sprengung eines Hotels, in dem die Koryos \u00fcbernachten. Noch perfider sind die Pl\u00e4ne von Shinohara, Taten und Hino, die sich alle drei auf Z\u00fcchtung von extrem giftigen Skorpionen, Walzenspinnen und anderen Spinnenarten spezialisiert haben. Sie wollen Tausende dieser Insekten, die in speziellen Beh\u00e4ltern aufbewahren, nach der Sprengung freisetzen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Sechs Tage sp\u00e4ter ist der endg\u00fcltige Untergang Japans verhindert worden. Das nordkoreanische Expeditionskorps ist vernichtet, der Anschlag auf das Hotel perfekt ausgef\u00fchrt, die Invasion der 120 000 Soldaten verhindert, weil die chinesische Regierung mit einem U-Boot-Angriff auf die nordkoreanischen H\u00e4fen gedroht hat. Ende gut, alles gut? Nicht ganz, denn diese raffiniert konstruierte Satire entwickelt auf verschiedenen Erz\u00e4hlebenen eine Story, in der auf der Grundlage der gegenw\u00e4rtigen heiklen politischen Situation im Fernen Osten, noch vor den Atombomben- und Raketendrohungen des Kim Jong-Il gegen Japan und die USA, ein dichtes Szenario abgewickelt wird. Das Rezept lautet: Man nehme ein wirtschaftlich, politisch und moralisch br\u00fcchiges demokratisches Gebilde, ein zwielichtiges Terrorregime, das seinen Nachbarstaat in den Abgrund zwingen will, wenn es nicht eine effektive Untergrundbewegung mit ausgew\u00e4hlten Psychopathen und Sprengstoff-Spezialisten g\u00e4be, die das geliebte Vaterland vor dem Untergang bewahren. Und die Umsetzung? Perfekte Darstellung des fiktiven Ablaufs, verbl\u00fcffende Detailschilderungen, handwerkliche und sprachlich-stilistische Komposition (ein hohes Lob f\u00fcr die \u00dcbersetzerin Ursula Gr\u00e4fe!) auf brillantem Niveau, ein Lesevergn\u00fcgen, in dem sich Horrorvisionen und s\u00fcffisantes L\u00e4cheln mischen, eine polit-milit\u00e4rische Satire von allerbester Qualit\u00e4t.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\"><strong>In Liebe, dein Vaterland<\/strong> von Ry\u00fb Murakami<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-54689\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/In-Liebe-dein-Vaterland-von-Ryu\u0302-Murakami.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"250\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Band I: Die Invasion. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gr\u00e4fe. Wien (Septime-Verlag). 456 S., 26.- \u20ac. ISBN 978-3-902711-76-2.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align: justify;\">Band II: Der Untergang. Roman. Aus dem Japanischen von Ursula Gr\u00e4fe. 500 S., 26.- \u20ac. ISBN 978-3-902711-80-9.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Wer den Waschzettel mit den markanten Informationen \u00fcber die beiden B\u00e4nde des 2005 in Japan erschienenen utopischen Romans gelesen hat, ist zun\u00e4chst sehr verbl\u00fcfft. Hunderttausende von Obdachlosen, die Stra\u00dfen und Parks der japanischen Gro\u00dfst\u00e4dte zu Beginn des 21. Jahrhunderts&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/10\/09\/japan-in-einer-dystopischen-gegenwart\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3352,1158],"class_list":["post-54686","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ryu-murakami","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54686","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=54686"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54686\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101363,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/54686\/revisions\/101363"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=54686"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=54686"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=54686"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}