{"id":54527,"date":"2019-05-26T11:00:41","date_gmt":"2019-05-26T09:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54527"},"modified":"2019-10-02T19:54:03","modified_gmt":"2019-10-02T17:54:03","slug":"deutungskampf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/26\/deutungskampf\/","title":{"rendered":"Deutungskampf \u2219 Revisited"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der st\u00e4ndige Sekret\u00e4r Horace Engdahl hat die Schwedische Akademie verlassen. Damit nicht genug, in 2019 werden mit dem Segen der Nobelstiftung zwei Literaturnobelpreise verliehen: &#8222;Die Akademie hat das Vertrauen der Nobelstiftung zur\u00fcckerobert&#8220;, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/die-schwedische-akademie-versucht-den-neuanfang-ld.1464884\" target=\"_blank\">diagnotiziert<\/a> Aldo Keel in der <em>NZZ<\/em>. <em>SZ<\/em>-Redakteur Thomas Steinfeld <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/literaturnobelpreis-erleichterung-1.4355296\" target=\"_blank\">sieht<\/a> damit die Krise der Akademie l\u00e4ngst noch nicht beendet &#8211; zumindest dem offiziellen Anschein nach. &#8222;Aber etliche Vorw\u00fcrfe sind ungekl\u00e4rt, angefangen bei der privaten Vorteilsnahme bei der Nutzung von Wohnungen, die der Akademie geh\u00f6ren, \u00fcber die Bevorzugung von Freunden bei der Vergabe kleinerer Literaturpreise, die von der Akademie vergeben werden, bis hin zu Vergehen gegen das Steuerrecht, die m\u00f6glich sind, weil die Akademie als aus feudalen Verh\u00e4ltnissen \u00fcberkommene Institution den Organen eines b\u00fcrgerlichen Staates nur bedingt Einsicht gew\u00e4hren muss.&#8220; Auch &#8222;der Verlust an Autorit\u00e4t&#8220; sei erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\">\u201eS steht heute f\u00fcr Schreckensherrschaft, f\u00fcr Sweden, Stortorget, Schwedische Akademie, St\u00e4ndige Sekret\u00e4rin. Abgek\u00fcrzt SA, SS, SD.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\">Katarina Frostenson<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Lyrikerin Katarina Frostenson ist eine zentrale Figur in der schweren Krise, die die Schwedische Akademie  im vergangenen Jahr bis in die Grundfesten ersch\u00fcttert und langfristig  besch\u00e4digt hat. Im Zuge wurde sie geschasst &#8211; nicht ohne betr\u00e4chtliche  Kompensationen mitzunehmen. Jetzt rechnet sie in ihrem Tagebuch &#8222;K&#8220; ab:  Die ganze Geschichte sei eine Verleumdung und Verschw\u00f6rung gewesen,  meint sie. Als der Skandal sich verdichtete, hat sie mit ihrem Ehemann Jean-Claude Arnault das Land verlassen und ist quer durch Europa getingelt, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/schwedische-akademie-liebe-und-kampf-der-eisprinzessin-1.4461337\" target=\"_blank\">erfahren<\/a> wir von Thomas Steinfeld in der <em>SZ<\/em>.  An Pathos mangelt es dem Bericht dieser Reise nicht: &#8222;Frostenson  spiegelt sich und ihr Schicksal in den vertriebenen, landfl\u00fcchtigen,  verratenen, im Stich gelassen und verleumdeten Dichtern aller Zeiten und  Regionen, von Ovid bis Anna Achmatowa, von Carl Love Jonas Almqvist bis  zu Ingmar Bergman. &#8230; Ein Leichtes w\u00e4re es, an diesem Tagebuch die Momente des Wahns  aufzusp\u00fcren&#8220;, denn die Autorin will &#8222;um jeden Preis an eine  Verschw\u00f6rung wider ihren Ehemann und wider die Kunst glauben. Ihr Furor  kennt dabei keine Grenzen. Nichts soll geschehen sein, kein sexueller  \u00dcbergriff, kein Verrat, keine Korruption, und die Steuervergehen  verdanken sich allein der Begeisterung f\u00fcr die Kunst. Folglich erh\u00e4lt  die Schwedische Akademie das K\u00fcrzel &#8218;SA&#8216;, die &#8218;St\u00e4ndige Sekret\u00e4rin&#8216;  figuriert als &#8218;SS&#8216;, und an pers\u00f6nlichen Geh\u00e4ssigkeiten fehlt es nicht.&#8220; Als Literatur betrachtet, ist dieser Text allerdings schon &#8222;bemerkenswert&#8220;, geradezu &#8222;ein Kleinod&#8220;, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/literaturnobelpreis-im-zeitalter-der-gekraenkten\/24379982.html\" target=\"_blank\">schreibt<\/a> Frank Michael Kirsch im <em>Tagesspiegel<\/em>, doch &#8222;das v\u00f6llige Ausblenden einer Schuld ihres Mannes macht Teile dieses Buches schwer ertr\u00e4glich.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\">\u201eWir leben im goldenen Zeitalter der Gekr\u00e4nkten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p style=\"text-align:right\" class=\"has-text-color has-cyan-bluish-gray-color wp-block-paragraph\">Katarina Frostenson<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zuletzt driftete die Begr\u00fcndung f\u00fcr den Preis immer immer h\u00e4ufiger in diffuse Mehrdeutigkeit.&nbsp;Bereits als der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36281\">Nobelpreis f\u00fcr Bob Dylan<\/a>  verk\u00fcndet wurde, teilten sich die Geister in Enthusiasten und  Entt\u00e4uschte: ein gefundenes Fressen f\u00fcr alle diejenigen, die online ihre  literarischen Meinungen kundtun, verteidigen und weiterentwickeln. Der  Ruf des Nobelpreises, hei\u00dft es in der Pressemittelung, habe durch die  \u201ePublizit\u00e4t\u201c der j\u00fcngsten Vorg\u00e4nge gro\u00dfen Schaden genommen: Die Namen  k\u00fcnftiger Nobelpreistr\u00e4ger waren vorab verraten worden, es hatte F\u00e4lle  von privater Vorteilsnahme gegeben, und es war im Umkreis der Akademie  in erheblichem Ma\u00df zu sexuellen \u00dcbergriffen gekommen. Den Skandal um die  Schwedische Akademie <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/der-literaturnobelpreis-ist-ein-kind-des-19-jahrhunderts-seine-zeit-ist-vorbei-ld.1378706\" target=\"_blank\">nahm <\/a>Roman Bucheli in der <em>NZZ<\/em> zum Anlass, sich Peter Handkes Forderung anzuschlie\u00dfen: <em>Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"text-align:center\">***<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Irgendwann &#8222;isch over&#8220;, daher wird am 6. September 2019 letztmalig im Regierungsbezirk Arnsberg das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/02\/03\/ruckblick-auf-10-jahre-hungertuchpreis\/\">Hungertuch<\/a> verliehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der st\u00e4ndige Sekret\u00e4r Horace Engdahl hat die Schwedische Akademie verlassen. Damit nicht genug, in 2019 werden mit dem Segen der Nobelstiftung zwei Literaturnobelpreise verliehen: &#8222;Die Akademie hat das Vertrauen der Nobelstiftung zur\u00fcckerobert&#8220;, diagnotiziert Aldo Keel in der NZZ. 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