{"id":54242,"date":"2024-03-07T00:01:00","date_gmt":"2024-03-06T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54242"},"modified":"2022-02-23T16:31:24","modified_gmt":"2022-02-23T15:31:24","slug":"frauenstimmen-aus-georgien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/03\/07\/frauenstimmen-aus-georgien\/","title":{"rendered":"Frauenstimmen aus Georgien"},"content":{"rendered":"\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Drei\u00dfig Gedichte aus der Feder von zw\u00f6lf georgischen Lyrikerinnen, herausgegeben und aus der Originalsprache \u00fcbertragen von zwei in der Bundesrepublik lebenden georgischen Literaturwissenschaftlerinnen, nachgedichtet von der aus Bremen stammenden Dichterin und \u00dcbersetzerin Sabine Schiffner. Es ist ein gemeinsames georgisch-deutsches Projekt, eine Buchpublikation, die schon beim ersten Blick auf die fotografischen Portr\u00e4ts und die zweisprachigen Namensnennungen auf der Vorder- und R\u00fcckseite des Paperback-Umschlags \u00fcberzeugt. Diese Dichterinnen, schreibt dort Sabine Schiffner, greifen das Genderthema deshalb so oft und intensiv auf, \u201eweil in ihrem Land noch viel weniger als hierzulande eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau herrscht.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in diese Wertung eingeweiht wirft der Rezensent zun\u00e4chst einen vergleichenden Blick auf die Bio-Bibliographien der Autorinnen, die zwischen Mitte Drei\u00dfig und sechzig Jahre alt sind, und fast alle eine ansehnliche Liste an in- und ausl\u00e4ndischen Publikationen aufweisen, eine Reihe von Literaturpreisen erhalten haben, als Herausgeberinnen von Kulturzeitschriften, Filmkritikerinnen oder Redakteurinnen bei Rundfunk und Fernsehen arbeiten. Aufgrund dieser Informationen und des \u00fcberwiegend akademischen Hintergrunds der von den beiden Herausgeberinnen ausgew\u00e4hlten Autorinnen ist anzunehmen, dass in diesem Gedichtband sich die renommierte weibliche Elite der Republik Georgien artikuliert, eine Auswahl, die ihre Objektivit\u00e4t auch dadurch gewonnen hat, weil ihre beiden georgischen Herausgeberinnen seit l\u00e4ngerer Zeit in Deutschland leben. \u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer sich einen raschen \u00dcberblick \u00fcber die poetischen Verfahren, die Thematik der Gedichte und deren soziale Relevanz verschaffen will, der k\u00f6nnte sich in das Nachwort von Sabine Schiffner vertiefen. Doch wer einen poetisch relevanten Einblick in die Gedichte gewinnen will, der sollte die einf\u00fchlsam nachgedichteten Texte laut lesen, von den ironischen und sarkastisch-bitteren Versen aus der Feder von Nana Kobidze bis zu den phantasiegeladenen, psychologisch fundierten Gedichten von Lela Zuzkiridze. Er wird \u00a0gleichsam gebannt sein, hingerissen von der Mischung aus Lebensklugheit, Phantasiegeladenheit, Ironie, F\u00e4higkeiten zur Metamorphose, Flexibilit\u00e4t, poetologischer Raffinesse, Gender betonter Positionen und mancher anderer Eigenschaften. Geben wir einige Beispiele, um diesen poetischen Cocktail zu genie\u00dfen. Bei Nana Akobidze (\u201eHaare und das Ertragen der Liebe\u201c hei\u00dft es: \u201eWenn in mir die Liebe auflodert, \/ schneide ich meine Haare ab \/ und bete vor dem Spiegel das Gebet meiner Oma: \/ \u201aDu Liebe, die hei\u00df in mir brennt, \/trenne dich von dieser Nana \/ und vereine dich mit einer anderen Nana!\u201c\u2019 (S. 9). Bei Kato Dschawachischwili lesen wir in \u201eWir haben etwas mitzuteilen\u201c: \u201eWir sind als M\u00e4dchen geboren.\/ Das wollten wir nicht, aber wir waren auch nicht dagegen, \/ weil wir keine Ahnung hatten. \/Wir tragen die nackte Freiheit der Weibchen,\/ unser Leben haben wir als Vorschu\u00df gegeben \/ f\u00fcr unsere M\u00e4nner \u2026\u201c (S. 13). Das in solchen Versen angedeutete machohafte, tumbe Verhalten von M\u00e4nnern verst\u00e4rkt sich in den folgenden Texten. Eka Kevanischwili, Journalistin bei Radio Free Europe in Tiflis, spricht es in \u201eDer letzte Kreis\u201c unverhohlen aus: \u201e Mein Mann kommt vom Dorf, seine Worte schaukeln vor Dialekt \u2013 \u201e was er wei\u00df und was er geh\u00f6rt hat, \/was er bis jetzt im Kopf behalten hat: Mein Leben, meine Frau, mein M\u00e4dchen. \/ Seine H\u00e4nde sind breit und nach Erde riechend, \/ sein Gehirn ist leer und leicht.\u201c (S. 37). Wie die meisten der aus Tiflis stammenden Autorinnen hat auch Nino Sadghobelaschwili (Jg. 1980) mehrere berufliche Qualifikationen erworben. In ihrem Poem \u201eFelsen\u201c, einer metaphernreichen Verquickung von Natur, Mensch als Inbegriff der weiblichen Gestaltungskraft und schwesterlichen Symbiose, gelingt ihr eine tiefgreifende Evolution famili\u00e4rer Beziehungen. Die aus Gori stammende Nena Samniaschwili, Doktorin der P\u00e4dagogik, entwirft in ihrem witzigen Gedicht \u201eDichterIN\u201c ein Froschweibchen in der Verk\u00f6rperung einer Krone tragenden M\u00e4rchenfigur. Sie verwandelt sich allerdings nicht in den (erwarteten) Prinzen, sondern in einen Frosch \u201eegal ob weiblich oder m\u00e4nnlich\/ ein Frosch braucht eine starke Stimme, damit er das Quaken der anderen \u00fcbert\u00f6nt, \/ damit er den s\u00fc\u00dfen Sumpf lautstark lobt\u2026\u201c. (S. 61). Und welche Rolle spielen Kinder in der weiblichen Imagination? Die erfolgreiche Kinderbuchautorin und Lyrikerin Mariam Ziklauri spricht in ihrem Gedicht \u201eWas sollen wir unseren Kindern sagen?\u201c davon, \u201edass wir im Himmel Gott nicht fanden \/ Und auf der Erde kein Zuhause.\u201c Und unter Verweis auf den bitteren Krieg gegen Russland (2008), der vergeblichen Suche nach Liebe, empfiehlt sie den M\u00fcttern Georgiens \u201cGeb\u00e4ret selber Gott, \/ der so gro\u00df sein wird wie ihr \/ und euch Ersch\u00f6pften besser zur Seit stehen wird.\u201c (S. 86).<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist eine F\u00fclle von poetisch aufgeladenen Reflexionen, die in dieser Anthologie versammelt sind. Sie reichen von fundierter Kritik an den gesellschaftlichen Zust\u00e4nden in Georgien, \u00a0ironisch und sarkastisch verdichteten Aussagen \u00fcber das machohafte Verhalten der georgischen M\u00e4nner, die ihre russisch und kaukasisch erworbene Herrschsucht nicht ablegen wollen, bis zu den intellektuell verdichteten Klagen \u00fcber das offensichtliche Missverh\u00e4ltnis zwischen Frauen und M\u00e4nnern. Es ist eine geballte Ladung also an offener Emp\u00f6rung, spitzfindigem Witz und subtiler Betrachtung einer Kluft, die sich nach langj\u00e4hriger Unterdr\u00fcckung von freier Meinungs\u00e4u\u00dferung in aller Deutlichkeit zeigt. Ob diese Offenbarungen allerdings zu notwendigen Korrekturen an den mi\u00dflichen Zust\u00e4nden beitragen werden, h\u00e4ngt nicht nur von dem Erfolg der weiblicher Emanzipationsbestrebungen in ganz Europa und weltweit ab. Seine wirksame Umsetzung dient zweifellos auch dem \u00dcberleben der Menschheit. Der vorliegende Gedichtband mit den sehr gelungenen Nachdichtungen von Sabine Schiffner kann sicherlich einer solch k\u00fchnen Zielstellung bestimmte Impulse geben, wenn gleich sie aus einer kleinen, aufstrebenden Republik am S\u00fcdrand des Kaukasus kommen!<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p class=\"has-text-align-center\" style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"180\" height=\"180\" class=\"wp-image-54246\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pop_ich_bin_viele.jpg\" alt=\"\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pop_ich_bin_viele.jpg 180w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pop_ich_bin_viele-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/pop_ich_bin_viele-160x160.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 180px) 100vw, 180px\" \/><\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Ich bin viele<\/strong>. Frauenstimmen aus Georgien, von Manana Tandaschwili (Hg.) \u00b7 Irma Shiolashvili (Hg.). Aus dem Georgischen \u00fcbersetzt von Irma Shiolashvili. Nachgedichtet von Sabine Schiffner. POP Verlag, Ludwigsburg 2018<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong>\u00a0Poesie z\u00e4hlt f\u00fcr KUNO weiterhin zu den identit\u00e4ts- und identifikationstiftenden Elementen einer Kultur, dies bezeugte auch der Versuch einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologischen Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Drei\u00dfig Gedichte aus der Feder von zw\u00f6lf georgischen Lyrikerinnen, herausgegeben und aus der Originalsprache \u00fcbertragen von zwei in der Bundesrepublik lebenden georgischen Literaturwissenschaftlerinnen, nachgedichtet von der aus Bremen stammenden Dichterin und \u00dcbersetzerin Sabine Schiffner. 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