{"id":5418,"date":"2011-06-20T00:01:19","date_gmt":"2011-06-19T22:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418"},"modified":"2022-02-21T15:04:12","modified_gmt":"2022-02-21T14:04:12","slug":"gedichte-lesen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/06\/20\/gedichte-lesen\/","title":{"rendered":"Gedichte lesen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Memory and desire<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele Menschen (nicht alle) haben ein sechstes Sinnesorgan. Ein Sinnesorgan f\u00fcr Kunst, das durch Kunst erregt wird. Es ist h\u00f6her spezialisiert als die anderen f\u00fcnf, bei den einen auf die Erregbarkeit durch Musik, bei anderen durch das Bild. Beim Leser von Gedichten ist das Kunstorgan auf Sprache spezialisiert. Der eine bekommt eine G\u00e4nsehaut (<em>curtis anserina<\/em>), wenn er zum hundertstenmal <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=faJE92phKzI\"><span style=\"color: #000080;\"><em>Take Five<\/em><\/span><\/a><\/span> auflegt, der andere jedes Mal, wenn er die erste Strophe von <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.bartleby.com\/201\/1.html\"><span style=\"color: #000080;\"><em>The Waste Land<\/em><\/span><\/a><\/span> liest: <em>April is the cruellest month, breeding\u00a0\/ Lilacs out of the dead land, mixing\u00a0\/ Memory and desire, stirring\u00a0\/ Dull roots with spring rain &#8230;<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><strong>\u00a0<\/strong>Androsteron<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei sind die Wirkfaktoren von Musik und gebundener Sprache im Prinzip die gleichen: Klang und Rhythmus die emotionalen, \u00dcberraschung und Vergleich die kognitiven. Jeder, dem das Lesen von Gedichten Vergn\u00fcgen bereitet, wird die Beobachtung gemacht haben, dass er auch beim stummen Lesen das Gedicht \u203ah\u00f6rt\u2039, die Melodielinien, den Rhythmus. Bei der Rezeption von Musik, so haben Neurophysiologen festgestellt, steigt das Androsteron-Niveau bei Frauen, w\u00e4hrend es bei M\u00e4nnern sinkt, und vermehrt wird das Hormon Oxytocin ausgesch\u00fcttet, das die R\u00fcckmeldung von Erinnerungen f\u00f6rdert (das und \u00e4hnliches kann man aus dem interessanten Buch von Raoul Schrott und Arthur Jacobs \u00fcber <em>Gehirn und Gedicht<\/em> von 2011 lernen).<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Nicht abschlie\u00dfbar<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Das st\u00e4rkste musikalische Werkzeug der Lyrik, der regelm\u00e4\u00dfige Endreim, wird im zeitgen\u00f6ssischen Gedicht relativ wenig verwendet. Im <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.poetenladen.de\/theo-breuer-jahrbuch-lyrik-1979-2011.htm\"><span style=\"color: #000080;\"><em>Jahrbuch der Lyrik 2011<\/em> <\/span><\/a><\/span>stehen 161 Gedichte, 4 davon sind endgereimt. Der weitgehende Verzicht auf den Endreim ist vielleicht einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die schwindende Popularit\u00e4t von Gedichten. Aber damit muss die Gattung leben. Selbst einer der gro\u00dfen Reimer, Gottfried Benn, hat bemerkt: <em>Ich bin seit einiger Zeit etwas gegen den Reim eingenommen, er erscheint mir zu edel, zu gl\u00e4ubig, zu religi\u00f6s, m\u00f6chte ich sagen, er schlie\u00dft Dinge ab, die gar nicht abschlie\u00dfbar sind<\/em>. In der Tat bietet der freie Vers mehr M\u00f6glichkeiten als das gereimte Gedicht. Die allseits heute so gesch\u00e4tzte \u203aLakonie\u2039 (das sicherlich probateste Mittel gegen das mehrheitlich verhasste \u203aPathos\u2039) ist im freien Vers viel leichter zu realisieren als im streng gereimten Gedicht. Andererseits sollte man gewiss nicht vergessen, dass es auch heute noch superbe Reimer gibt, und auch nicht, dass manche kenntnisreiche Kritik am Umgang mit dem freien Vers sicherlich berechtigt ist.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Drive und Droge\u00a0\u2013 warum nicht<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Silbenzahl, Versfu\u00df und der Modus der Aufeinanderfolge ein- oder mehrsilbiger W\u00f6rter sind die wesentlichen Mittel zur Erzeugung bestimmter Rhythmen im Vers, der den \u203aDrive\u2039 eines Jazzst\u00fccks oder den traurig-schleppenden Gang von Valse Triste haben kann, je nachdem. Es ist vor allem der Rhythmus eines Gedichts, der verf\u00fchrt oder zwingt, es wieder und wieder zu lesen. Das Gedicht als Droge \u2013 warum nicht.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Das ist neu<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun beruht der Genuss der Rezeption, des <em>Essens<\/em> (Lydia Daher) eines Gedichts nicht allein auf den musikalischen Qualit\u00e4ten (Klang und Rhythmus), sondern auch auf dem, was es dem Verstand vermittelt. Was ich beim ersten Lesen eines Gedichts erwarte, sind auch intellektuelle \u00dcberraschungen. Wenn der Vers vorbeigezogen ist, muss ich sagen k\u00f6nnen: Das ist neu. Das habe ich nicht erwartet. Das gilt nat\u00fcrlich ganz besonders f\u00fcr Metaphern, die \u2013 wie Krolow meint \u2013 <em>Fleisch und Sensorium des Gedichts<\/em> sind. Metaphern im Gedicht werden meist durch Zusammenbringen\/Kurzschlie\u00dfen von Begriffen aus unterschiedlichen Seinswelten oder -weisen generiert. Doch kann die Metapher f\u00fcr den Leser des Gedichts nur \u203afunktionieren\u2039, wenn f\u00fcr ihn zwar die Verkn\u00fcpfung der Begriffe neu und unerwartet ist, er aber die Begriffe selbst kennt. Nun ist das mit dem \u203aKennen\u2039 nat\u00fcrlich so eine Sache, sie h\u00e4ngt von den \u203aKenntnissen\u2039 des Lesers ab, ihrer Vielfalt, mit anderen Worten: von seiner \u203aBildung\u2039. Wird das Vergn\u00fcgen an Gedichten damit zu einem Privileg? Das sollte es nicht. Die Rezeption von Gedichten sollte keine Pr\u00fcfung sein, die nur ein mit mindestens drei abgeschlossenen Studieng\u00e4ngen ger\u00fcsteter Vollbildungsb\u00fcrger bestehen kann.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u00a0Stimmen<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Ein Gedicht muss, ich kann es nicht anders ausdr\u00fccken, stimmen<\/em>, sagt Cees Nooteboom, <em>doch die Kriterien daf\u00fcr sind, sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen, ganz pers\u00f6nliche<\/em>.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p align=\"center\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-99196\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2025\/11\/Maximilian-Zander-e1645447503171.jpeg\" alt=\"\" width=\"218\" height=\"300\" \/>Der Lyriker, Essayist und Aphoristiker Maximilian Zander ver\u00f6ffentlichte seit Mitte der 1990er-Jahre Gedichte und Aphorismen. Seine lakonischen (immer wieder auch metalyrischen) Gedichte, die u.\u00a0a. in Literaturzeitschriften wie <i>ndl<\/i>, <i>Muschelhaufen<\/i>, <i>Faltblatt<\/i> und Anthologien wie Axel Kutsch, <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12833\"><i>Versnetze<\/i><\/a> (2005) oder Theo Breuer, <i>NordWestS\u00fcdOst<\/i> (2003) sowie in bislang vier Gedichtb\u00e4nden erschienen, setzen sich auf ironisch-distanzierte Art und Weise mit Alltag und Gesellschaft aus der Sicht eines welterfahrenen Menschen auseinander.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5418\">Essay <\/a>\u00fcber Lyrik.<\/p>\r\n\r\n<!-- \/wp:post-content --><!-- wp:image {\"align\":\"left\",\"id\":62171,\"sizeSlug\":\"large\"} \/--><!-- wp:paragraph -->\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2013 Poesie ist das identit\u00e4tsstiftende Element der Kultur, KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\r\n&nbsp;","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Memory and desire Viele Menschen (nicht alle) haben ein sechstes Sinnesorgan. Ein Sinnesorgan f\u00fcr Kunst, das durch Kunst erregt wird. Es ist h\u00f6her spezialisiert als die anderen f\u00fcnf, bei den einen auf die Erregbarkeit durch Musik, bei anderen durch das&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/06\/20\/gedichte-lesen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":99196,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[491,490,259,173,489,277],"class_list":["post-5418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-arthur-jacobs","tag-cees-nooteboom","tag-gottfried-benn","tag-maximilian-zander","tag-raoul-schrott","tag-t-s-eliot"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/31"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5418"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99225,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5418\/revisions\/99225"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/99196"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}