{"id":54020,"date":"2021-11-20T00:01:08","date_gmt":"2021-11-19T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54020"},"modified":"2022-02-18T20:50:22","modified_gmt":"2022-02-18T19:50:22","slug":"altbierperspektiven","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/11\/20\/altbierperspektiven\/","title":{"rendered":"Altbierperspektiven"},"content":{"rendered":"\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Ungarorheinl\u00e4nder, Poet, Novellist, Dramatiker, Romancier und Gesamtk\u00fcnstler A.J. Weigoni hat mit <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/2018\/01\/18\/die-bonner-republik-ein-retrotopia\/\">Lokalhelden<\/a> einen weiteren Roman vorgelegt. Diesmal reflektiert er \u00fcber die deutsche Republik in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts nach der Wiedervereinigung. Die \u201eBonner Republik\u201c, so nennt man die Bundesrepublik zwischen 1949 und 1989 gerne und zielgenau, geht gerade unter. Ein neuer Zustand ist bis heute nicht gefunden, die konvulsivischen Sch\u00fcbe der Regruppierung aller K\u00f6rperteile unter Aufnahme der Hinzugekommenen er- und durchleben wir gerade. Ein Ende ist nicht abzusehen.Weigoni schaut und h\u00f6rt genau hin. Man darf vermuten, dass er selbst einige N\u00e4chte an der l\u00e4ngsten Theke der Welt verbracht hat, im Herzen der \u201eAlkstadt\u201c, wie er diesen Teil des Weltdorfes bezeichnet, das am Rheinnebenfluss D\u00fcssel gelegen ist und von ihm seinen Namen geerbt hat. Er erkl\u00e4rt dem Leser zus\u00e4tzlich, warum selbst des Pegeltrinken mit dem ber\u00fchmten \u201eOberg\u00e4rig\u201c absolut gesund ist \u2013 wenn man von der Nebenwirkung des Alkstoffs auf Leber und Bauchspeicheldr\u00fcse mal absieht.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses \u201eOberg\u00e4rig\u201c unterscheidet sich \u00fcbrigens nur in der Farbe vom \u201eSp\u00f6lwasser\u201c us K\u00f6lle; schlie\u00dflich ist die Bierfeindschaft von K\u00f6lsch und Alt legend\u00e4r, und der D\u00fcsseldorfer \u201eLokalheld\u201c hat das entscheidende Geschmacks-Pr\u00e4 uff singe Sick, dass oberg\u00e4rige Hefe und dunkles Malz nun einmal nachgewiesenerma\u00dfen besser munden als oberg\u00e4rige Hefe mit hellem Malz in einem glasklar gefilterten hellen Bier.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor liefert uns in wenigstens zwei launigen Aufz\u00fcgen eine ausf\u00fchrliche Erl\u00e4uterung des oberg\u00e4rigen Herstellungsprozesses und der gesundheitsf\u00f6rdernden Ingredienzien des strengstens nach deutschem Reinheitsgebot erzeugten Durstl\u00f6schers (sei es der tats\u00e4chliche oder der seelische) samt des erl\u00e4uternden Hinweises, dass das Oberg\u00e4rig des beschriebenen Stammlokals ganz besonders gesund sei, da nicht ganz auf Klarheit des Bieres gefiltert. Er l\u00e4sst dieser Aufkl\u00e4rung \u00fcber das Bier im Allgemeinen und das betreffende Oberg\u00e4rig im Besonderen noch den Hinweis folgen, dass das Geheimnis in der Direktverwertung liege; der Stoff m\u00fcsse gar nicht besonders lang halten, weil er sowieso nie alt genug daf\u00fcr werden w\u00fcrde.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss dem Autor lassen, dass er auch die Netzwerke und den Kl\u00fcngel trefflich beschreibt; ebenso stellt er klar, dass die N\u00e4he der Trinker und Trinkerinnen an der l\u00e4ngsten Theke der Welt nicht mit menschlicher N\u00e4he zu verwechseln ist. Der, der das Rheinland selbst am eigenen Leib erlebt hat, wei\u00df mehr als ein Trinklied davon zu singen, dessen spezielle Abart \u201eKarnevalslied\u201c inzwischen rheinauf-rheinab in Form der H\u00f6hner ganzj\u00e4hrig gegr\u00f6lt werden darf: Hier sind die K\u00f6lner ihrerseits eindeutig im Vorteil, weswegen der Autor dieses Kapitel wohl auch mit dem Tuche des sittsamen Verschweigen versehen hat. Denn der Siegeszug des k\u00f6lschen Karnevalshits nahm bereits um die Jahrtausendwende an Fahrt auf.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Seinen Ausfl\u00fcgen in die \u00d6konomie wollen wir eher nicht folgen; sie sind um einiges weniger brauchbar als seine Anmerkungen zum Entstehen von House und Dance und der modernen Musik im Gro\u00dfen und Ganzen. Auch dort brilliert er \u2013 was aber nach <a href=\"http:\/\/www.zugetextet.com\/?p=3102\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Cyberspasz<\/a>, den wir ebenfalls empfehlend besprachen, nicht verwundern sollte. Am Ende kann man nicht in Allem und Jedem Bescheid wissen. Jeder versteht das. Nur sollte man sich dann dar\u00fcber nicht im Brustton einer weltver\u00e4ndernden Sendung verbreiten.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeitspanne von ca. 12 Jahren, deren der Autor sich widmet, ist dem bundesrepublikanischen Ged\u00e4chtnis fast entschwunden; Kohl ist in dieser Phase abgew\u00e4hlt worden, und der Niedersachse Schr\u00f6der leitete mit Hartz IV auf die mittelostdeutsche Kanzlerin Merkel \u00fcber, die nun ihrerseits den Stab an wer wei\u00df schon wen weiterleitet. Der Westfale Merz wird\u2019s wohl eher nicht, was wiederum eher daf\u00fcrspricht, dass die Herzkammer der Bundesrepublik (West-)Deutschland weiterhin im Unbeachtlichen verbleibt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer aber eben diese besondere Bonner Republik verstehen will und auch die Verletzungen, die durch ihr Ende im Westen gerade entstehen, der sollte sich dieser detaillierten Milieustudie zuwenden, um eine Ahnung in sich aufzunehmen, was da brodelt, d\u00fcmpelt und mieft. Wir wollen bei alledem nicht verschweigen, dass der Autor ein geradezu unglaublicher Wortk\u00fcnstler ist, der es schafft, aus geradezu wahnwitzigen Zusammenf\u00fcgungen philosophischen Wortwitz zu zaubern. Wir wollen einige dieser Neologismen aufz\u00e4hlen, um zum weiteren Nachlesen und Entdecken anzustiften: \u201eEskapismusvehikel\u201c (S. 6), \u201eAffirmatives Ausagieren\u201c und \u201eKaputtheitsremmidemmi\u201c (S. 7), \u201eHeteronormative Mehrheitsgesellschaft\u201c (S. 128), \u201ePrivatheitslimit\u201c und \u201eUnbedenklichkeitspflaster\u201c (S. 186), \u201eIdentit\u00e4tspoker im Verdr\u00e4ngungsalltag\u201c (S. 218), \u201eErzwungenschaften\u201c und \u201eVergangenheitsarthrose und Geschichtsrheumatismus\u201c (beides S. 219), \u201eBiologistische Zwangshaftigkeit\u201c (S. 238), \u201eVerschlusskappenblues\u201c und \u201eTestesterondampfende Hochdruckzone\u201c (beides S. 250), um willk\u00fcrlich ein starkes Dutzend aus sicherlich mehr als f\u00fcnfhundert solcher Wort- und Sprachschmankerln herauszugreifen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Man beachte, dass diese Spitzen essayistisch aufbereitet werden; sie sind die eigentliche Story, die Menschen, deren Unterhaltungen \u2013 oder exakter: Aneinandervorbeigerede \u2013 durch den Erz\u00e4hler mitgeplottet werden, sind der Hebel f\u00fcr die Erkenntnisvermittlung. Sie sind nicht die Hauptfiguren, haben allenfalls Nebenrollen und Beiwerkfunktion.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Er setzt mindestens einem K\u00fcnstlerkollegen im Schlusskapitel des Romans noch ein Denkmal, das die vielen parallellaufenden Parabeln zusammenfasst. Es geht um das Siegen durch und im Scheitern. Und damit um nichts weniger als nicht nur das Rheinland im Besonderen, das eine ganz spezielle Art der Niederlagenherstellung und des daraus folgenden Niedergangsgenusses entwickelt hat, sondern um das, was wir im Allgemeinen \u201eein Leben\u201c nennen, also exactement um das Leben selbst.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<div class=\"wp-block-image\" style=\"text-align: justify;\">\r\n<figure class=\"alignleft is-resized\">\r\n<div id=\"attachment_54048\" style=\"width: 189px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-54048\" class=\"wp-image-54048\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-717x1024.jpeg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"256\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-717x1024.jpeg 717w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-210x300.jpeg 210w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-768x1098.jpeg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-560x800.jpeg 560w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-260x372.jpeg 260w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover-160x229.jpeg 160w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Lokal_Cover.jpeg 832w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><p id=\"caption-attachment-54048\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Jo Lurk<\/p><\/div>\r\n<\/figure>\r\n<\/div>\r\n\r\n\r\n\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die untergegangene <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Walther Stonet erkundet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54020\">Altbierperspektiven<\/a>. Zuletzt, ein fulminanter\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a> von Denis Ullrich.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Der Ungarorheinl\u00e4nder, Poet, Novellist, Dramatiker, Romancier und Gesamtk\u00fcnstler A.J. Weigoni hat mit Lokalhelden einen weiteren Roman vorgelegt. Diesmal reflektiert er \u00fcber die deutsche Republik in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts nach der Wiedervereinigung. 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