{"id":53192,"date":"2019-12-06T00:01:00","date_gmt":"2019-12-05T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=53192"},"modified":"2022-03-24T11:06:25","modified_gmt":"2022-03-24T10:06:25","slug":"25-jahre-herr-nipp","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/12\/06\/25-jahre-herr-nipp\/","title":{"rendered":"25 Jahre Herr Nipp auf KUNO"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Herr Nipp de-real-isiert das Faktische und real-isiert das Fiktionale.\u00a0<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor einem viertel Jahrhundert stellte Haimo Hieronymus einen Typ <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/02\/04\/herr-nipp-die-erste-herr-nipp-geschichte-aus-dem-jahre-1994\/\">vor<\/a>, die seither auf KUNO ein Eigenleben entwickelt hat. Bereits <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1994\/02\/04\/geschichten-schreiben-oder-andere-texte\/\">die erste Geschichte<\/a> von Herrn Nipp zeigt eine melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Kauz. In den folgenden Jahren meldete sich der Sauerl\u00e4nder ein bis zweimal monatlich etwas neurotisch, aber h\u00f6chst empfindsam zu Wort, und agiert als biederer Alltags-Protagonist durch schluffige short &#8211; manchmal auch very short &#8211; stories. Die Realit\u00e4t funktioniert im Sauerland als Eldorado der Fiktionen, das urspr\u00fcngliche Sprachverst\u00e4ndnis schwankt zwischen den Stadtteilen Neheim und H\u00fcsten zwischen Leichtgl\u00e4ubigkeit und Argwohn. Seine kurzweiligen und zuweilen ironischen bis zynischen Kommentare zum Erleben der Welt nutzt der Autor und K\u00fcnstler\u00a0 normalerweise auf der Internetseite von <a href=\"http:\/\/www.herr-nipp.de\/?page_id=21\">Herrn Nipp<\/a>, um L\u00fccken zwischen den Geschichten und Gedichten zu schlie\u00dfen, welche dort regelm\u00e4\u00dfig ver\u00f6ffentlicht werden. Die argw\u00f6hnische Haltung von Herrn Nipp belegt, da\u00df Misstrauen und Spottlust ein Zeichen von solider Gesundheit sind. Als Westfale kommt Herr Nipp gern von H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen und glosiert mitunter entlarvend unsere zivilisatorischen Errungenschaften.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Erz\u00e4hlen ist etwas anderes als Information.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alexander Kluge<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zwischen 1994 und 2019 begleitete uns Herr Nipp mit <em>unerh\u00f6rten Geschichten. <\/em>Wie lesen im KUNO-Archiv glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das auf ein Geschehen verweist einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten verweist. Herr Nipp geht offenen Auges durch die Welt. Sein Sehen, Besehen und Beobachten ist der Ausgangs- und Angelpunkt. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haimo_Hieronymus\">Haimo Hieronymus<\/a> ist ein Poet, wenn er Holzschnitte erstellt, und ein realistischer Tr\u00e4umer, wenn er in Kooperation mit Herrn Nipp kurze Texte verfa\u00dft. Wie ein Dichter schreibt er nicht, dazu ist er zu n\u00fcchtern und zu lapidar; die Fiktion ist nicht seine Sache, es entstehen auch keine imagin\u00e4ren Welten. Die Wirklichkeit und die Erinnerung sind ihm r\u00e4tselhaft genug. Herr Nipp betreibt das einfache, das wahre Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion und n\u00e4hert sich einer Topografie der Melancholie. Und dies auch im Buchformat. Zu einem begehrten Sammlerst\u00fcck hat sich unterdessen die Vorzugsausgabe von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12766\"><em>Die Angst perfekter Schwiegers\u00f6hne<\/em><\/a> (2011) entwickelt. Hieronymus hat das Cover einer limitierten Auflage mit einem Holzschnitt versehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wir haben die Kunst, damit wir an der Wahrheit nicht zugrunde gehen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Friedrich Nietzsche<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu Beginn des 21. Jahrhunderts mu\u00df man keinen Falken mehr verzehren, um novellistisch t\u00e4tig zu sein. Dank des Kurznachrichtendienstes Twitter ist <em>Mikroblogging<\/em> eine auflebende Form. Herr Nipp dampft die Gattung der <em>Novellette<\/em> in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=9294\"><em>Unerh\u00f6rte M\u00f6glichkeiten<\/em><\/a> (2012) zu <em>Twitteratur<\/em> ein. Alle Forderungen der Literaturwissenschaft werden in wenigen W\u00f6rtern eingehalten: Zentraler Konflikt, Leitmotiv oder Dingsymbol, straffe und vorwiegend einlinige Handlungsf\u00fchrung, das pointierte Hervortreten eines H\u00f6he- und Wendepunktes, stark raffender Handlungsbericht, besondere Vorausdeutungs \u2013 oder Integrationstechniken, Zur\u00fccktreten ausf\u00fchrlicher Schilderungen \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde oder psychischer Zust\u00e4nde, hohes Ma\u00df an Objektivit\u00e4t, doch trotzdem subjektive Erz\u00e4hlhaltung usw. (siehe Metzler Literatur Lexikon, 1984. Seite 308ff).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>B\u00fccher sind eine \u00b4Ware`, die kein Mindesthaltbarkeitsdatum tragen.<\/em> <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Haimo Hieronymus pr\u00e4sentierte 2017 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41385\"><em>\u00dcber Heblichkeiten, Floskeln und andere Ausrutscher<\/em><\/a> aus den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=41816\">Notizb\u00fcchern<\/a> des Herrn Nipp. Wir finden in diesem Buch sprachliche Floskeln, die noch nicht etabliert sind, unverzeihliche Versprecher und Ausrutscher, die zu sprachlichen Kollateralsch\u00e4den f\u00fchren. Der Gang durch diese Notizen und zur\u00fcck zu fr\u00fche Spracherfahrungen ist ein Abenteuer im Online-Archiv von KUNO. Es geht ihm um eine Nat\u00fcrlichkeit des Blicks, die sich nicht einer Grammatik unterzuordnen hat. Der Leser folgt den Bedeutungen der W\u00f6rter und reimt sich daraus eine Geschichte zusammen. Herr Nipp w\u00e4re fast in einer Vielzahl von intertextuellen Verweisungsbez\u00fcgen verschwunden, dem &#8222;Verschwinden des Autors&#8220; sieht sein Co-Autor jedoch gelassen entgegen. Neben dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22423\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> finden sich in schl\u00fcssiger Abfolge einige Zeichnungen und Aquarelle abgebildet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Mit Herrn Nipp zu einer tieferen Unschl\u00fcssigkeit vorsto\u00dfen.<\/em><\/span><\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 73\">\n<div class=\"section\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach allen Beobachtungen, die er seit 25 Jahren gemacht hat, sieht er, da\u00df immer wieder die gleichen Prinzipien funktionieren. Zwischen Dichtung und Wahrheit und zwischen zwischen Fakt und Fiktion treffen wir bei Herrn Nipp auf die Fiktionalit\u00e4t der scheinbar nichtfiktionalen Texte. Der Sauerl\u00e4nder macht sich in seinem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/04\/20\/fluffige-literatur\/\">Notizbuch<\/a> tiefsch\u00fcrfende Gedanken und schreibt auf, was sich als geballte Informationen herausstellen sollte. Seine short &#8211; manchmal auch very short &#8211; stories geben nicht das Sichtbare wieder, sie machen sichtbar und zeigen die Oxymora seines Schreibens: Ein Aper\u00e7u erh\u00e4lt Rahmen und Inhalt durch das, was in seiner <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/09\/twitteratur-eine-neue-literaturgattung\/\"><em>Twitteratur<\/em><\/a> vergessen gemacht wird, und so weiter und so fort&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Herr Nipp bleibt sich treu, seine\u00a0M\u00e4rchen sind wie das Leben selbst.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In ihrer aktuellen Kollaboration verbinden Stephanie Neuhaus und Haimo Hieronymus Fotographien aus der Natur und aktuelle M\u00e4rchen. Dabei stehen in Neuhaus&#8216; Bildern die Pilze im Fokus. Aus sehr pers\u00f6nlichen Perspektiven fotografiert, wirken die organischen Gebilde wie aus der Zeit gefallen. Was wir als Pilze wahrnehmen, ist eigentlich vergleichbar mit Geschlechtsorganen, der eigentliche Pilz, das Hyphengeflecht, bleibt meistens unsichtbar, vor allem unfassbar. Um so erstaunlicher die Formenvielfalt allerorten. Pilze zerst\u00f6ren und ern\u00e4hren, sie leben in Symbiose oder parsit\u00e4r, sie erzeugen Gifte und Heilmittel und immer wirken sie uns irgendwie fremd. Keine Pflanze. Kein Tier. Heimlich und pr\u00e4chtig. Intelligent und unerbittlich. \u00c4hnlich dem Myzel der Pilze verh\u00e4lt es sich mit M\u00e4rchen. Sie ern\u00e4hren sich aus Hoffnungen und \u00c4ngsten, aus \u00fcberbordenem Leben und stumpfem Tod der Menschen. Sie sind nie hundertprozentig fassbar und wenn jemand glaubt, er habe sie wirklich verstanden, tauchen sie unerwartet in neuem Gewand auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Vielleicht ist dieses digitale Zeitalter der optimale N\u00e4hrboden f\u00fcr ein neues Erz\u00e4hlen.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herr Nipp ver\u00e4ndert die Perspektive auf die Figuren und entdeckt neue Facetten und gelogene Wahrheiten. Es handelt sich bei diesen Flunkereien &#8211; oder sollte man besser von M\u00e4rchenparodien schreiben? &#8211; um sorgf\u00e4ltig komponierte Miniaturen, funkelnde Prosast\u00fcckchen, oft mit einer Pointe oder einer Gedankenbewegung, die gelegentlich auch eine autobiografische Erfahrung aus den finsteren W\u00e4ldern des Sauerlands aufgreift. Bitter und b\u00f6se, verst\u00f6rend manchmal, doch immer aktuell. Er findet hiermit sozusagen eine m\u00f6gliche Quintessenz unserer Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"column\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gerade erschienen: <strong>Fatale Wirkungen<\/strong>, von Herrn Nipp. Mit Fotos von Stephanie Neuhaus. Edition Das Labor 2019<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 183px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53192&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 173px) 100vw, 173px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024.jpg 665w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/2012-Herr-Nipp-aktuelle-Bilder-018-665x1024-195x300.jpg 195w\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Portr\u00e4t Herr Nipp, Holzschnitt von Haimo Hieronymus<\/p><\/div>\n<div data-contents=\"true\">\n<div class=\"\" data-block=\"true\" data-editor=\"1u1q0\" data-offset-key=\"2o64l-0-0\">\n<div class=\"_1mf _1mj\" style=\"text-align: justify;\" data-offset-key=\"2o64l-0-0\"><span data-offset-key=\"2o64l-0-0\">KUNO erinnert im Zusammenhang mit der Katalog-Reihe der Edition Das Labor an die von Stephanie Neuhaus initiierte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/07\/28\/schnell-schneller-superspeedart-2\/\">Super Speed Art Exhibiton Tour<\/a>.<\/span><\/div>\n<div style=\"text-align: justify;\" data-offset-key=\"2o64l-0-0\">\n<div data-contents=\"true\">\n<div class=\"\" data-block=\"true\" data-editor=\"7pbfq\" data-offset-key=\"ck2k8-0-0\">\n<div class=\"_1mf _1mj\" data-offset-key=\"ck2k8-0-0\"><span data-offset-key=\"ck2k8-0-0\"><b>\u2192<\/b> Vertiefend zum Nippiversum, <\/span><span data-offset-key=\"ck2k8-0-0\">Holger Benkel mit einem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44192\">Rezensionsessay<\/a> \u00fcber die Prosaminiaturen von Herrn Nipp.<\/span><\/div>\n<div class=\"_1mf _1mj\" data-offset-key=\"ck2k8-0-0\"><b>\u2192<\/b> Zum Thema K\u00fcnstlerb\u00fccher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Nipp de-real-isiert das Faktische und real-isiert das Fiktionale.\u00a0 Vor einem viertel Jahrhundert stellte Haimo Hieronymus einen Typ vor, die seither auf KUNO ein Eigenleben entwickelt hat. 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