{"id":53134,"date":"2010-02-18T00:01:06","date_gmt":"2010-02-17T23:01:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=53134"},"modified":"2022-03-02T11:11:12","modified_gmt":"2022-03-02T10:11:12","slug":"turbokapitalistischer-realismus","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/","title":{"rendered":"Turbokapitalistischer Realismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ich h\u00f6re einen Rhythmus, der mich durch die S\u00e4tze treibt. Der Rhythmus eines Satzes erlaubt eine bestimmte Anzahl Silben. Eine Silbe zu viel \u2013 und ich suche nach einem anderen Wort. Es gibt immer ein anderes Wort, das fast dasselbe bedeutet \u2013 und wenn es das nicht tut, dann \u00fcberlege ich mir, ob ich nicht die Bedeutung des Satzes \u00e4ndere, um den Rhythmus, den Takt der Silben beizubehalten. Ich bin jederzeit bereit, mir von der Sprache Bedeutung aufzwingen zu lassen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Don DeLillo<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hypermoderne<\/em> lautet A.J. Weigonis Codewort f\u00fcr die un\u00fcberbr\u00fcckbare Kluft zwischen dem Stilgef\u00fchl der kreativen Klasse und dem Geschmack der Mehrheit der Gesellschaft. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Grenzmissverst\u00e4ndnisse in der Globalgeschichtsschreibung zu beobachten. Gibt es nach dem \u201ewissenschaftlichem Kommunismus\u201c und dem \u201ereal existierendem Sozialismus\u201c einen \u201aturbokapitalistischen Realismus\u2019?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In keiner der sozialen, kulturellen, beruflichen und \u00f6konomischen Parallelwelten dieser <em>Zombies<\/em>, die Weigoni r\u00f6ntgenrealistisch abbildet, will man leben. Dieser Schriftsteller blickt mit einen naturwissenschaftlichen, medizinischen und kriminalistischen Blick, sozusagen <em>\u201ebis auf den Teufel hinunter\u201c<\/em> (Lichtenberg). Mit der Traute, die Leser auch einmal zu \u00fcberfordern, geht ein Angebot verschiedener Lesarten einher. Vieles schildert Weigoni als Farce und Persiflage, wobei er in seinen Erz\u00e4hlungen ganz nebenbei auch die Spielarten und Attit\u00fcden der Genreliteratur persifliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles scheint Marketing und nichts bietet ein Zentrum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den <em>Zombies<\/em> geht es nicht um platte Konsumkritik, die Wirkung ist verst\u00f6render. Literatur hat ihren Preis, fordern diese Erz\u00e4hlungen ein, im Leben gibt es nichts umsonst. Weigoni beschreibt die physische Verwahrlosung im neuen Deutschland. Die Leute sind zu fett, sie rauchen und trinken zu viel, sie bewegen sich zu wenig, sie waschen sich selten, kaufen die verkehrten Deos und trocknen ihre W\u00e4sche falsch. Und trotzdem ist es fabelhaft, unter ihnen zu sein. Es sind sich selbst infrage stellende, sich hassende, immer vergeblich Liebende. Das Notat des H\u00e4sslichen wird nicht zur d\u00fcnkelhaften Misanthropie. Es ist auch Empathie, merkt man, w\u00e4hrend man \u00fcber diese Typen liest. Wir sind selbst ein Teil der Menge der Unperfekten, der \u00dcberforderten und Abgestumpften, der dem Traum Nachjagenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lebensumgangs- und Kommunikationsformen dieser <em>Zombies<\/em> sind technokratisch gepr\u00e4gt. Diese Kulturprimaten werden in einer emotional erkalteten Welt hinterfragt, sie versuchen eine durch Geld und Konsum bef\u00f6rderte Zufriedenheit f\u00fcr sich als Ziel zu bestimmen, dauerhafte Gl\u00fccksgef\u00fchle erlangen sie damit nicht. Weigoni findet in seinen exakten Erz\u00e4hlungen hyperreal wirkende Szenen, er beobachtet das Geschehen zuweilen aus so abwegigen Perspektiven und kommt den Charakteren so unangenehm nah, das Leben wird zur Geisterbahnfahrt. Die Kosmologie von Weigoni besteht also aus einem rabenschwarzen Paradox: Handeln und Nicht\u2013Handeln, beides f\u00fchrt in die Misere. Mit ihren Lebensverhinderungstaktiken bleibt die ersehnte Liebe seiner Figuren letztlich ein Phantom, was demzufolge bleibt, sind Phantomschmerzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Tableau, das uns dieser Romancier auf 320 Seiten pr\u00e4sentiert, h\u00e4ngt weder der Hippie-Ideologie nach, derzufolge \u201eAlles mit Allem zu tun hat\u201c, noch kokettiert Weigoni mit dem postmodernen Etikett &#8222;Roman in Erz\u00e4hlungssegmenten&#8220;. Ein Bezug ist bei der Beschreibung einer \u00e4hnlichen Epochenwende zu erkennen, den <em>Dubliners <\/em>von James Joyce. Mit diesen Erz\u00e4hlungen gibt Joyce Einblicke in die st\u00e4dtische Gesellschaft Irlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er zeigt darin eine Nation zwischen nationalem Aufbruch und kolonialer Mutlosigkeit, aufstrebendem B\u00fcrgertum und Emigration, der Beengtheit des Wohnens und der Sehnsucht nach der sich allm\u00e4hlich zu globalisierenden Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein K\u00fcnstler darf nicht daran leiden, das Leid der Welt darzustellen. Weigonis Prosageflecht <em>Zombies<\/em> ist ein prismatisches Spiel, das in vielen Facetten aufleuchten: als leichtf\u00fc\u00dfige Kom\u00f6die und \u00e4tzende Satire, als Fabel zur gesellschaftlichen Moral zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es sind Geschichten eines \u00dcbergangs: vom Sozial\u2013 zum Individualstaat, von der F\u00fcrsorgegesellschaft zu Verh\u00e4ltnissen, die jeden auf sich selbst verweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kapitel, die prosaische und essayistische Elemente verbinden, sind praktisch Literaturclips mit filmischen Strukturen und Effekten, worin die Antihelden durch das Bild einer zerfallenden Wirklichkeit laufen, deren permanente Bewegung ihre zunehmende systemische Erstarrung zeigt. Bei der Lekt\u00fcre kommt man den Denkweisen einzelner Figuren sehr nahe, es schleichen sich Ver\u00e4nderungen in den Lesenden ein, welche tageweise seine Wahrnehmung ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=4\">Vignetten<\/a> beschreiben authentische Sehnsuchtstr\u00e4ume, die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=52\">Zombies<\/a> \u00fcberwiegend fabrizierte. Man kann Weigoni eine gewisse Lust an der Bosheit und einen manchmal allzu ungn\u00e4digen Umgang mit der conditio humana unterstellen, mit dem er seine Figuren ins scharfe Messer der Kontingenz laufen l\u00e4sst, gerade das macht seine Erz\u00e4hlungen so unterhaltsam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von\u00a0A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53134&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich h\u00f6re einen Rhythmus, der mich durch die S\u00e4tze treibt. Der Rhythmus eines Satzes erlaubt eine bestimmte Anzahl Silben. Eine Silbe zu viel \u2013 und ich suche nach einem anderen Wort. 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