{"id":53124,"date":"2021-01-06T00:01:00","date_gmt":"2021-01-05T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=53124"},"modified":"2021-01-06T05:14:42","modified_gmt":"2021-01-06T04:14:42","slug":"was-alles-in-ein-buch-kommt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2021\/01\/06\/was-alles-in-ein-buch-kommt\/","title":{"rendered":"Was alles in ein Buch kommt"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enth\u00e4lt, sich selbst enth\u00e4lt, sich selbst enth\u00e4lt und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was alles in ein Buch kommt ist planbar. Nicht aber, was dann aus dem Buch herauskommt. Wie wird es gelesen, wie wird es verstanden? Das kann man sich vorstellen, aber nicht wissen. Meine Lektorin sagte also, w\u00e4hrend wir an einem runden Tisch besprachen, ob man denn das alles verstehen k\u00f6nne was da in das Buch kommen werde, vielleicht musst du zu der Transformationsgeschichte etwas sagen, vielleicht in einem Vorwort. Man k\u00f6nne sich das so gar nicht vorstellen, sagte sie vielleicht oder ich meine, sie in meiner Erinnerung das sagen zu h\u00f6ren.<br \/>\nNicht dass ich an ihrer Intelligenz zweifelte, ich musste zugeben, dass die Geschichte, die meinem Buch den Titel gegeben hat, futuristisch und ja, auch gar arg unter Wasser stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also begann ich, das Vorwort zu schreiben und ich nahm eine Anweisung zur Hand, die ich vor zehn Jahren schon geschrieben habe. Es ist die Anweisung \u201ewie man sich selbst als Fisch zeichnet\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zehn Jahren und auch schon als ich ein Kind war, und das ist l\u00e4nger als zehn Jahre her, redete man vom Klima und dass man es sch\u00fctzen wolle. Man redete und redete und auch in den Jahren danach redete man. Aber wie die katholische Kirche \u00fcbergriffigen Priestern abgelegene Gemeinden zuwies, verwies man das Thema Klima immer wieder auf die letzten Traktandenpl\u00e4tze, zus\u00e4tzlich auch noch dessen Wahrheitsgehalt anzweifelnd. Folgen davon sind heute noch Kinder, die schon lange keine Kinder mehr sind und nach wie vor keine Hoffnung auf Konsequenzen entwickeln k\u00f6nnen. Folgen davon sind Menschen, die ihre Orte verlassen und denen Volksparteiler und andere Menschen vorwerfen, sie w\u00fcrden von nun an systematisch die n\u00f6rdlichen Sozialsysteme aush\u00f6hlen. Dahinter stehe n\u00e4mlich ein Plan. Oder der Vatikan?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was soll ich tun? Fragte ich mich und andere. Was sollen wir tun? Ach, wen interessiert das jetzt, wenn nachher der Sport kommt? Sagten die anderen.<br \/>\nIch begann, mir Fluchtwege auszudenken. Fluchtwege f\u00fcr meinen armen Kopf. \u00dcbrigens war auch mein Herz beteiligt an diesen verzweifelten Drehmomenten, denn ohne K\u00f6rper geht Denken nicht. Da widersprechen mir nun vielleicht die Algorithmengl\u00e4ubigen. Sollen sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Fluchtweg f\u00fchrte \u00fcber alle Steine zur\u00fcck in die Vor-Evolution, so es denn eine solche gegeben haben kann. Aber f\u00fcr die Zeit damals, die noch ohne Denkstrukturen \u2013 falls es nicht tats\u00e4chlich doch einen bewusst wirkenden Gott gegeben haben sollte, was ich hier in Gedankenstrichen nicht ausklammere, doch ebenso weit von mir wegschiebe wie siehe oben \u2013 auskamen, gab es Wesen im Wasser. Wasserwesen. Deren Naturzustand war einfach. Er war schlicht seiend. F\u00fcr eine lange Zeit. Wie die Kollegen Mollusken schielten alle anderen, auch die Kollegen Schw\u00e4mme wohl, gleich dumm, was nicht wertend gemeint ist, in den Himmel, Richtung Licht. Die Wasserwesen wurden mit der Zeit zu Fischen. Und nun abgek\u00fcrzt: Aus den Fischen formten sich neue Wesen, neue Wesen, neue Wesen \u2013 wie ein mise en abyme, aber nur fast, denn etwas ver\u00e4nderte sich langsam, langsam aber sicher und der Mensch entstand und er glich bald nicht mehr einem Fisch, sondern eher schon sich selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein Fluchtweg f\u00fchrte mich also zu jenem \u00dcbergang von Fischsein zu Menschsein Ich stellte mir vor, wir entwickeln uns zum Fisch zur\u00fcck. Wir k\u00f6nnten sogar Fisch werden wollen. Oder m\u00fcssen (f\u00fcr jene, die von au\u00dfen eine Motivation brauchen). Es wird uns n\u00fctzlich sein, ein Fisch zu werden oder ein anderes Tier, das im Wasser lebt. Um die steigenden Meeresspiegel weiterhin zu \u00fcbersehen und \u00fcber die Mauern, die Regierungen hochziehen, schwimmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zun\u00e4chst geht es nun aber in der jetzigen Welt darum, sich das \u00fcberhaupt vorzustellen. Und was ist heute weiser als ein Plan, eine Zeichnung, um eine Vorstellung sichtbar zu machen? Und so kam es, dass ich vor rund zehn Jahren eine Anweisung dar\u00fcber schrieb, wie man sich selbst als Fisch zeichnet. Eine Art Transformations\u00fcbung. Aber auch eine Flucht. Eine machbare Flucht f\u00fcr den Kopf. Denn wer hat nicht schon daran gedacht, ein Anderer \/ eine Andere zu sein. Warum sollte man sich dann nicht gleich auch n\u00fctzlich verwandeln? Und warum nicht in einen Fisch, gro\u00df und sch\u00f6n meinetwegen?<br \/>\nDie Anweisung wurde zwar publiziert, doch sie hat den Durchbruch bis heute nicht geschafft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein paar Jahre sp\u00e4ter schrieb ich die Erz\u00e4hlung \u00fcber die beiden sich zu im Wasser lebenden Wesen transformierenden Menschen \u201eBernstein und Valencia\u201c.<br \/>\nUnd all die Jahre zuvor und danach habe ich noch andere Erz\u00e4hlungen geschrieben.<br \/>\nJetzt sind viele davon in dem Buch mit dem Titel der Geschichte der beiden sich Transformierenden und Vorwort und Nachwort umranken alle Geschichten wie einen Kranz. In ihn flocht ich auch jene Anweisung. Die Anweisung \u201ewie man sich selbst als Fisch zeichnet\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob ich mit meinen Erkl\u00e4rungen zu jener futuristischen Geschichte tats\u00e4chlich zu deren Verst\u00e4ndnis beitragen kann, wei\u00df ich nun nicht. Ich habe mich bem\u00fcht, deutlich zu sein. Wer will, kann \u00fcben oder den Gedanken f\u00fcr die n\u00e4chste Generation liegenlassen. Ich werde immer wieder darauf zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"short_description_block\">\n<div id=\"short_description_content\" class=\"rte align_justify\">\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bernstein und Valencia, <\/strong>Stories von Sibylle Ciarloni, <span class=\"editable\">Knapp Verlag <\/span>2018<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53124&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bernstein-Cover-300x300.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bernstein-Cover-300x300.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bernstein-Cover-150x150.jpg 150w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Bernstein-Cover.jpg 458w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Holger Benkel mit einem Rezensionsessay \u00fcber dieses <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/12\/kuchenmaennchen-und-hummermenschen\/\">Buch<\/a>. F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe aufgelebt, daher brachten wir den Austausch zwischen Sibylle Ciarloni und Joanna Lisiak \u00fcber<i><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/12\/03\/hier-also-bin-ich\/\"> Weltfremdheit, Mehrwert und selbstbewusste W\u00f6rter<\/a>.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00dcber das Innere eines Buches, eine Fluchtidee und die Spurensuche in einem Bild, das sich selbst enth\u00e4lt, sich selbst enth\u00e4lt, sich selbst enth\u00e4lt und doch immer wieder ein bisschen anders zeigt. 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