{"id":53100,"date":"2019-05-23T00:01:30","date_gmt":"2019-05-22T22:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=53100"},"modified":"2020-09-23T09:18:13","modified_gmt":"2020-09-23T07:18:13","slug":"fensterblicke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/23\/fensterblicke\/","title":{"rendered":"Fensterblicke"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Klassenzimmer muss Simon sich auf einen hohen Stuhl setzen. Er schlenkert mit den Beinen. Mutter hat ihn vor der Tu\u0308re abgesetzt. Als verlorener, stummer A- Laut hockt Simon da. hinter der Tafel steht eine Frau, die aus einem Buch vorliest. Sie endet mit den Worten:<br \/>\n\u201eUnd da wurde aus der Raupe ein wunderscho\u0308ner Schmetterling.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frau, die alle Lehrerin nennen, la\u0308chelt begeistert. Die Kinder gucken sie mit aufgerissenen Mu\u0308ndern an. Simon greift mit einer Hand nach dem Stu\u0308ck Holz, das er in seine Tasche gesteckt hat. \u201eSimon, alles klar?\u201c fragt die Lehrerin.<br \/>\nEr blickt sie an, blickt und blickt, doch da gibt es nur die Strukturen der Rinde, deren Kerben, die seine Finger auf und ab fahren. Das Gesicht kommt seltsam nahe, schiebt sich ihm entgegen, da hin, wo Simon \u0301s Loch ist, in der Mitte des Bauches. Simon schweigt.<br \/>\nSeltsam, denkt die Lehrerin.<br \/>\nSeltsamer Simon. Sie versteht nicht. Simon ist ein Kind, dem die Unterscheidung fehlt. Er trennt sich nicht von den Dingen, trennt sich nicht von sich. Ein Kuchen muss gestreichelt werden. Die eigenen Ha\u0308nde kann man essen. Die Anordnung der Eicheln unter dem Baum wird jahrelang im Gehirn gespeichert. Er ist jetzt das Holz in der Hand. Ist der Blick der Lehrerin. Sonst nichts. Die Lehrerin seufzt.<br \/>\n\u201eAlso, meine Kinder, was haben wir aus der Geschichte gelernt?\u201c<br \/>\nHugo hebt die Hand.<br \/>\n\u201eJa?\u201c, fragt die Lehrerin.<br \/>\n\u201eDie Raupe muss sterben.\u201c<br \/>\n\u201eJa. A\u0308h. Ja. Die Raupe muss sterben, damit ein Schmetterling entstehen kann. Also: Eine Sache stirbt und es entsteht immer eine noch Scho\u0308nere. Ist das nicht toll, Kinder?\u201c<br \/>\nDa platzt der blonde Hans heraus: \u201eIch hab aber die Raupe scho\u0308ner gefunden.\u201c<br \/>\nAlle lachen. Das ist gut, findet Simon, dann sieht ihn keiner an. Und: Hansl ist gut. Genau wie die Buchstaben. Die Buchstaben sind Charaktere ohne Risse. Kommen nicht zu nahe, wie die Gesichter der Menschen. Simon malt sie langsam, bedacht. Das bauchige B. Das kuschelige U. Simon duckt sich in deren Rillen hinein. Was fu\u0308r ein seltsames, stilles Kind, denkt die Lehrerin. Die Stunde verstreicht. Das Licht taktet den Tag.<br \/>\nSimon blickt aus dem Fenster. Die Spitzen der Ba\u0308ume sind fro\u0308hlich geworden und der Wind singt. Der Wind ist ein Vogel. Ein Rabe sitzt am Fensterbrett auf einem Baum, der seinen Schatten in den engen Raum wirft. Simon beginnt, ein wenig in seiner Stimmlage zu pfeifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0\u201eNa, Simon, tra\u0308umst du schon wieder?\u201c<br \/>\nEr zuckt zusammen.<br \/>\nDie Lehrerin. Ihr Haar fa\u0308ll in walnussbraunen Locken auf die Schultern, auf der Nase kleine Pu\u0308nktchen. Pickel, ha\u0308tte die Mutter gesagt. Simon schaut nur und schaut. Es ist eine Art zu schauen, die bang macht. Davon wei\u00df Simon nichts. Aber die Erwachsenen wissen es. Sie zittern. Sie haben keinen Namen dafu\u0308r. Simon ist ein Kind ohne Rahmen. Simon ist ein es, denkt die Lehrerin und: Vor ihr ist er sich fremd. Simon la\u0308chelt nur, und seine Augen klappen nach innen.<br \/>\nSimon blickt zuru\u0308ck, aber er blickt nicht. Ist ein Kind als Strom. Simon treibt in sich selbst als Floss. Seine Fensterblicke sind Finger. Seine Augen zeichnen Arabesquen in die Luft, wenn er aus dem Fenster sieht. Er ist dann weit weg. Spielt die Rituale der Alten nach. Es ist, als ha\u0308tte er keine Sprache. Es gibt nur ein Wort. Das Wort hei\u00dft: Aus. Simon ist aus. Aus sich heraus. Es gibt ihn nicht, auch wenn er da ist.<br \/>\n\u201eSchlag dein Buch auf\u201c, sagt die Lehrerin.<br \/>\nUnd Simon, der nicht in sich sitzt ist sondern als Vogel hinterm Fenster und als Wind, schla\u0308gt fremd das Buch auf. Die Lehrerin nickt.<br \/>\n\u201eJa\u201c, kommt es aus ihm.<br \/>\nDie Finger bla\u0308ttern. Aber innen bleibt ein Loch. Simon ist ein Kind ohne Ra\u0308nder. Nur die Wolfsgeba\u0308rden sind ihm angeboren. Dieses Sich- Wiegen mit dem Wind. Der hinter dem Fenster gerade den Fru\u0308hling buchstabiert. Ein Fundkind, kann nicht kauen, nicht verdauen, was das Au\u00dfen ihm aufdru\u0308ckt. Es ist sich selbst abhanden gekommen. Er wird von der Welt besessen. Die Lehrerin besitzt ihn, jetzt, in dem Moment, indem sie ihn ansieht. Und der Himmel. Der Vogel, der sein Bild in ihn wirft. Es untrennbar mit dem verwebt, was Simon ist.<br \/>\n\u201eMo\u0308chtest du lesen?\u201c<br \/>\nSimon \u0301s Mund hechelt. Schnappt nach Luft. Simon ist ein Fisch. Er blickt auf die Seite, sie verschwimmt vor den Augen, die Struktur des Gesichtes der Lehrerin kommt seltsam nahe.<br \/>\n\u201eA-\u201c dringt es schlie\u00dflich aus Simon.<br \/>\n\u201eA\u201c<br \/>\nSonst nichts.<br \/>\nDie Lehrerin seufzt.<br \/>\n\u201eGut, wir u\u0308ben das noch\u201c, sagt sie ratlos.<br \/>\nDreht sich ein wenig verloren zu Hans.<br \/>\n\u201eHans, bitte!\u201c<br \/>\nDer kleine Blonde nickt. Simon bleibt als gro\u00dfer A- Laut im Raum ha\u0308ngen und baumelt mit dem Blick schon wieder aus dem Fenster, noch den Ausdruck des entsetzten Stockens im Gesicht. Die<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dinge sprechen, die Menschen sind Sto\u0308renfriede in einer Landschaft aus Strukturen, Anordnungen, Kaleidoskopen aus Welt fu\u0308r Simon. So auch die Lehrerin. So auch Hans, der ihn fragend ansieht. Langsam wandert Simon \u0301s Blick wieder aus dem Fenster und er sieht hinaus. Es ist ein Moment und in Moment gibt es fu\u0308r Simon nur den Moment, die Vo\u0308gel, den Strom am Himmel. Allein ein Bauch rettet Simon vor dem Aus, dem Loch, das er selbst ist. Der Rhythmus ist die einzige Sicherheit: Einatmen, ausatmen. Simon atmet. Er atmet das A fort, sieht wieder aus dem Fenster und beruhigt sich langsam angesichts der Vo\u0308gel. Seine Augen sind Finger, greifen nach dem Wind. Ratlos betrachtet die Lehrerin ihn aus den Augenwinkeln. Seltsam, denkt sie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAls die Welt noch se&#8230;.sehr&#8230;.jung&#8230;.war&#8230;\u201c, beginnt Hans zu lesen und seine Wangen ro\u0308ten sich. Simon ho\u0308rt schon nicht mehr richtig hin. Seine Augen nesteln an den Spitzen des Baumes hinter dem Fenster. Simon ist ein sich selbst abhanden gekommenes Kind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die Freiheit der Fische<\/strong>, Roman von Sophie Reyer, Czernin, 2019<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=53100&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Fische_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Fische_Cover.jpg 334w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Fische_Cover-196x300.jpg 196w\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"266\" \/><\/a>Jakob ist Autist, doch das Wort Autismus kennt man nicht in einem Bergbauerndorf in Tirol. So w\u00e4chst Jakob in einer Gemeinschaft auf, die ihn und sein Verhalten nicht verstehen kann und es auch gar nicht versucht \u2013 bis er schlie\u00dflich zum Aussteiger wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jakob ist randlos. Er nimmt alles in sich auf. Er versteht die Sprache der Fische und h\u00f6rt die Stimmen der B\u00e4ume, in der Welt erkennt er Strukturen und Zusammenh\u00e4nge, die anderen verborgen bleiben. Doch mit der zwischenmenschlichen Kommunikation hat er Probleme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Dorf h\u00e4lt man ihn f\u00fcr einen Verr\u00fcckten, seine \u00e4ltere Schwester Agathe beschimpft ihn regelm\u00e4\u00dfig als Kr\u00fcppel und der Vater haut einfach zu. Nur Resi, seine j\u00fcngere Schwester, versteht ihn. Als Jakob \u00e4lter wird und die Konflikte zunehmen, beschlie\u00dft er, diesem Leben zu entfliehen und als Einsiedler in einer H\u00f6hle zu leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sophie Reyers einf\u00fchlsame und bildhafte Sprache \u00f6ffnet den Leserinnen und Lesern die faszinierende Welt Jakobs. Basierend auf einer wahren Geschichte ist ihr ein einzigartiges Buch \u00fcber unterschiedliche Vorstellungen von Leben und Lebenlassen, von Toleranz und Unverst\u00e4ndnis gelungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00a0 Im Klassenzimmer muss Simon sich auf einen hohen Stuhl setzen. Er schlenkert mit den Beinen. Mutter hat ihn vor der Tu\u0308re abgesetzt. 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