{"id":5296,"date":"2011-11-02T00:01:25","date_gmt":"2011-11-01T23:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5296"},"modified":"2021-10-26T14:29:34","modified_gmt":"2021-10-26T12:29:34","slug":"bittersus-wiener-schablonenzuckerl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2011\/11\/02\/bittersus-wiener-schablonenzuckerl\/","title":{"rendered":"Bitters\u00fc\u00df \u00b7 Wiener Schablonenzuckerl"},"content":{"rendered":"<address style=\"text-align: justify;\"><em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Fritz_Gru\u0308nbaum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-5302 alignright\" title=\"Fritz_Gru\u0308nbaum\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Fritz_Gru\u0308nbaum-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Ich freu\u2019 mich schon heute auf mein Begr\u00e4bnis.<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Ich wette, das wird noch mein sch\u00f6nstes Erlebnis. <\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Also bitte, das ist gar nicht so l\u00e4cherlich,<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Ich wei\u00df, was ich sage: ich freue mich. \u2013<\/em><\/address>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gedichtzeilen des \u00f6sterreichischen Kabarettisten Fritz Gr\u00fcnbaum (1880\u20131941), etliche Jahre bevor er in Dachau seine Bestattung bekam. Sein sp\u00e4terer K\u00fcnstlerkollege Georg Kreisler (1922\u20132011) sagt \u00fcber die zeitkritischen und mit einem Schutzwall von Selbstironie geschriebenen und zusammengefassten Zeilen in <em>Die Sch\u00f6pfung und andere Kabarettst\u00fccke<\/em> in einer Vorrede:<\/p>\n<address style=\"text-align: justify;\">\u2014 <em>sie liegen nicht grade im Hirn und auch nicht in der Seele,<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Sie gehen in ganz andere Kan\u00e4le.<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Sie haben nichts zu tun mit dem heutigen Leben,<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Man mu\u00df sich quasi in sie begeben<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Und sich irgendwo finden\u00a0 in ihren Windungen<\/em><\/address>\n<address style=\"text-align: justify;\"><em>Und sich irgendwo winden in ihren Empfindungen.<\/em><\/address>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/220px-Georg_Kreisler_detail.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5303\" title=\"220px-Georg_Kreisler_detail\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/220px-Georg_Kreisler_detail-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>J\u00fcdischer Humor macht in seiner sympathischen, weil k\u00fcnstlerischen Erscheinung nicht Stopp vor Tabus. Er erinnert an die Tiefe und Treffsicherheit der Ausdrucksweise des\u00a0 Johann Nepomuk Nestroy (1801\u20131862), der mit Witz und Spitzfindigkeit soziale Missst\u00e4nde und menschliche Schw\u00e4chen zum Ausdruck brachte. Ein Jahrhundert sp\u00e4ter konnte Georg Kreisler bei seinen Kabarettvorf\u00fchrungen ebenso in unterschiedlichste Rollen schl\u00fcpfen. Wenn er nach der Shoa, in einem seiner Erfolgstitel, einem Liedtext, der der surrealistischen und absurden Lyrik zuzurechnen ist, mit b\u00f6ser Zunge sang <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=1G0dGRqqmXU&amp;fb_source=message \"><span style=\"color: #000080;\"><em>Der Tod muss a Wiener sein<\/em><\/span><\/a><\/span> enth\u00e4lt diese Aussage dennoch mehr als nur diese eine Seite einer grausamen <em>Lebensposse<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/170px-Zentralfriedhof_Helmut_Qualtinger1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-5307\" title=\"170px-Zentralfriedhof_Helmut_Qualtinger\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/170px-Zentralfriedhof_Helmut_Qualtinger1.jpg\" alt=\"\" width=\"170\" height=\"344\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/170px-Zentralfriedhof_Helmut_Qualtinger1.jpg 170w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/170px-Zentralfriedhof_Helmut_Qualtinger1-148x300.jpg 148w\" sizes=\"auto, (max-width: 170px) 100vw, 170px\" \/><\/a>Jede Stadt hat nicht nur ihr Gesicht, ihren Charme und ihre repr\u00e4sentativen Sehensw\u00fcrdigkeiten, sondern auch ihre Grobheiten und Ungem\u00fctlichkeiten. Alle diese Ausdr\u00fccke werden gerne subsumiert hinter einer Maske, Vorspiegelungen von Klischees. Der besondere Bezug der Bewohner der Stadt Wien zum Tod ist so ein uralter Holzschnitt. Viele Bilder vom Sensenmann und den Wienern stellen eine Art Liebesbeziehung dar, die das Tabuthema Tod seltsam morbid umgeht. <em>Waun i amol stiarb, miassn mi Fiak trogn, und dabei Zithern schlogn, weu i des liab<\/em> sang auch Helmut Qualtinger (1926\u20131986), \u00f6sterr. Schauspieler, Schriftsteller und Kabarettist, der nicht nur als n\u00f6rgelnden\u00a0<em>Herr Karl<\/em> einen Durchbruch im deutschen Sprachraum schaffte, sondern ein schonungsloser Kritiker auf der B\u00fchne vor allem des gemeinen Mannes war<strong>. <\/strong>Die melancholischen G\u2019stanzln, das viel zitierte Wiener Raunzen aber auch tief schwarzer Humor machen den besonderen Unterhaltungswert dieses und anderer Wiener Volkslieder aus, in denen der Blick des Wieners in seine Vergangenheit selten genug kritisch war. Ein Sigmund Freud (1856\u20131939) hatte es in der Stadt Wien nicht nur von seiner verwegenen Triebtheorie des Todestriebs her schwer, sondern auch von der \u203aMentalit\u00e4t\u2039 dieser wissenschaftlichen Ausgangsgruppe. Meistens verkl\u00e4rten nostalgische Erinnerungen und das Hochhalten von Traditionen das Sehnen nach \u00a0der \u203aguten alten Zeit\u2039 oder der Tod wurde sp\u00e4ter (noch nach zwei Weltkriegen) auf z\u00e4rtlich-triviale Weise indirekt wie <em>Es wird a Wein sein und wir wern nimmer sein<\/em> oder <em>Amol mochts an Plumpser und aus is, <\/em>angesprochen<em>. <\/em>Dieser <em>Plumpser<\/em>, ein Umfallen, Hinfallen, meint nicht nur den gew\u00f6hnlichen Herztod \u2013 Herr und Frau Wiener sterben am h\u00e4ufigsten durch Herz- und Kreislauferkrankungen \u2013 sondern geht auch auf die Sage vom <em>Lieben Augustin<\/em> zur\u00fcck, der das Hineinfallen in eine Pestgrube \u00fcberlebte (Wien im Jahre 1679).Die Seuche, welche die Stadt Wien zwischen 888 und 1714 mehrmals heimgesucht hatte, pr\u00e4gte die Einstellung der Stadtbewohner zum Tod bestimmt mit. \u203aA sch\u00f6ne Leich\u2039 wollte sich auch der \u00c4rmste unter den Armen leisten, den w\u00fcrdevollen Abgang, wenn schon das Leben in jener \u203aguten alten Zeit\u2039 kein Honiglecken war. Adel und Hof \u00fcbertrieben mit dem Prunk und da n\u00fctzte auch die Verordnung eines Joseph des II. mit einem \u203aSparsarg\u2039 f\u00fcr das nacheifernde Volk nichts. Die protestierenden Wiener setzten sich bei diesem Thema gegen ihren Kaiser durch. Wenn dieses \u203aGschichterl\u2039, wie andere rund um den Tod in Wien, stimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/220px-Wolfgang_Ambros_und_Ulli_Ba\u0308er_Wien22.11.2008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5305\" title=\"220px-Wolfgang_Ambros_und_Ulli_Ba\u0308er_Wien22.11.2008\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/220px-Wolfgang_Ambros_und_Ulli_Ba\u0308er_Wien22.11.2008-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Nachweisbar sind die Spuren der letzten noblen Ruhest\u00e4tten wie etwa die Kaisergruft und die unz\u00e4hligen Friedh\u00f6fe f\u00fcr das \u203aFu\u00dfvolk\u2039, f\u00fcr Menschen die sich den\u00a0 Pferdewagen zum Friedhof nicht leisten konnten. Vor allem der bekannte dreiteilige Zentralfriedhof, der 1874 er\u00f6ffnet wurde, und mit rund 3 Millionen Bestatteten derzeit, zu den gr\u00f6\u00dften Friedhofsanlagen Europas z\u00e4hlt. Aufgrund seiner Gr\u00f6\u00dfe und teils dichten Baumbestandes beherbergt er eine vielf\u00e4ltige Fauna, sodass bis Mitte 1980 das Friedhofsgel\u00e4nde auch offizielles Jagdgebiet war. Der von Wolfgang Ambros besungene <span style=\"color: #000080;\"><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4qRdFvnX_f0\"><span style=\"color: #000080;\">Platz<\/span><\/a><\/span> verwehrt den Lebendigen nur am Festtag den der Tod abh\u00e4lt, den Eintritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5341\" title=\"Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum-300x229.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum-300x229.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum-1024x784.jpg 1024w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/Josephinischer_Gemeindesarg_Bestattungsmuseum.jpg 1279w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Wien muss also doch eher dem Tod seine Stadt sein. Sabrine Klein geht der unleidigen Frage nach den Irdischen Orten zwischen Himmel und H\u00f6lle in einem kleinen B\u00fcchlein nach, in der bisher vernachl\u00e4ssigte Facetten rund um den Tod in Wien ans Licht gebracht werden. Es liegt nicht nur in den Wiener Bibliotheken zur Entlehnung, sondern auch im Wiener Bestattungsmuseum auf. Ja auch das haben die Wiener. Wenngleich nicht jeder dorthin geht. Der vielfach mit Auszeichnungen und Ehrungen dekorierte Wiener Kulturmanager und Publizist Johannes Kunz (1947) besch\u00e4ftigt sich mit der von Georg Kreisler aufgeworfenen und eingangs erw\u00e4hnten These in seinem gleichnamigen Buch und soll dort Anekdotisches, Historisches und Biographisches f\u00fcr weiter Interessierte zusammengefasst haben. Andr\u00e9 Heller schreibt mir da origineller in <em>Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien<\/em>:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0Zwischen Allerheiligen und Allerseelen liegt Wien<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Welch prosaischer Abschluss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\"><strong>Sterben auf Wienerisch (im Wiener Dialekt) kann hei\u00dfen:<\/strong><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #808080;\">Den Obgaung mochn (oder) eigehn \u2013 den Abgang machen oder eingehen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> d\u2019 Potsch\u2019n strecknn \u2013 Hausschuhe\/Pantoffel verlieren<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> den Leffl agebn \u2013 den L\u00f6ffel abgeben<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> a Bankl reissn \u2013 sterben (eine Metapher, nicht wortw\u00f6rtlich \u00fcbersetzbar)<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> zuadrahn\u00a0\u2013 zudrehen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> aushuastn\u00a0\u2013 aushusten<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> in Wuaf ausogn \u2013 den (letzten) Wurf ansagen<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> si\u2019 d\u2019 Schleifn geb\u2019n \u2013 sich die Anzugschleife\/Krawatte\/Schlips)geben<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #808080;\"> Holzpyjama nehmen: in den Sarg legen<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich freu\u2019 mich schon heute auf mein Begr\u00e4bnis. 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