{"id":52959,"date":"2010-10-31T00:01:11","date_gmt":"2010-10-30T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52959"},"modified":"2022-02-19T19:20:04","modified_gmt":"2022-02-19T18:20:04","slug":"polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/31\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/","title":{"rendered":"Polaroids von den Schattenseiten der Gesellschaft-Fiktion"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine Parodie auf die unsch\u00f6ne Gutmenschenwelt<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese <em>Zombies<\/em> sind Fiktion, dabei ist kaum etwas\u00a0 erfunden. Die von A.J. Weigoni als \u201ahypermoderne Menschen\u2018 beschriebenen Typen erleben eine Zergliederung und Fragmentierung des Abgebildeten, Ver\u00e4nderungen und Verst\u00fcmmelungen des eigenen K\u00f6rpers, sie sind das \u00e4sthetische Untersuchungsprogramm. Weigoni geht den immensen Br\u00fcchen in der sozialen Tektonik nach, ohne in ein ohnm\u00e4chtiges Lamento zu verfallen. Statt die triste Realit\u00e4t der Abgeh\u00e4ngten einfach nur abzubilden oder triviale Welterl\u00f6sungsmanifeste zu verfassen, trifft in diesen Erz\u00e4hlungen das Arkanum auf das Allt\u00e4gliche, das Offensichtliche wird durch Symbolische entlarvt. Vorbei die Zeit, da Literatur die grossen Schlachten der Gesellschaft austragen muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Toten warten auf der Gegenschr\u00e4ge. Manchmal halten sie eine Hand ins Licht. Als lebten sie. Bis sie sich ganz zur\u00fcckziehen in ihr gewohntes Dunkel das uns leuchtet.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Fjodor Gladkow<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weigonis Polaroids der Schattenseiten der Gesellschaft sind bestechend scharf. Als Erforscher von Trivialmythen sind dabei die Bruchstellen f\u00fcr Weigoni von besonderem Interesse, er \u00fcberpr\u00fcft mit dieser Poesie, was es mit der k\u00f6rperlichen Verdinglichung des 21. Jahrhunderts auf sich hat. Diese Erz\u00e4hlungen stehen im selben gesellschaftlichen Kontext mit dem chorischen Zusammenschluss vieler K\u00f6rper, der Massenidentit\u00e4t. Das realistische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das realistische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Romancier ver\u00e4ndert Variablen und macht damit die Grenze zwischen M\u00f6glichkeit und Wirklichkeit durchscheinender, er transformiert das Kommensurable, den Abfall, den L\u00e4rm und die schlechte Luft der Metropole, in das Inkommensurable, den Sumpf einer verkommenen Gesellschaft. Die soziale Welt, wie Menschen sie in dieser Frivolit\u00e4tsepoche erleben, entspricht selten ihren W\u00fcnschen, aber es liegt im Bereich der menschlichen Kraft, sie diesen W\u00fcnschen entsprechender zu machen. So manches, was hier erz\u00e4hlt wird, kann nie im Leben so gewesen sein. Aber diese Zombies bringen uns das Leben n\u00e4her, als dieses es selbst kann. Weigoni setzt sich \u00fcber die Wirklichkeit hinweg, um der Wahrheit n\u00e4her zu kommen. Je unglaubw\u00fcrdiger es wird, desto glaubw\u00fcrdiger wird diese Literatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Weigoni handhabt das Wort bei Bedarf so k\u00fchl wie der Anatom sein Skalpell.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Enrik Lauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Romancier erz\u00e4hlt er von der existenziellen Einsamkeit des Menschen, von Gottlosigkeit, davon, wie sich Zivilisation und Natur feindlich gegen\u00fcberstehen. Der Erz\u00e4hlband <em>Zombies<\/em> ist gro\u00dfartige Fiktion \u2013 dabei ist kaum etwas davon frei erfunden. Die von ihm als hypermoderne Menschen beschriebenen Kreaturen erleben eine Zergliederung und Fragmentierung des Abgebildeten, Ver\u00e4nderungen, ja Verst\u00fcmmelungen des eigenen K\u00f6rpers sie sind das \u00e4sthetische Untersuchungsprogramm. Von besonderem Interesse f\u00fcr Weigoni sind dabei die Bruchstellen, als wolle er penibel pr\u00fcfen, was es mit der k\u00f6rperlichen Verdinglichung des 21. Jahrhunderts auf sich hat. Diese Erz\u00e4hlungen stehen im selben gesellschaftlichen Kontext mit dem chorischen Zusammenschluss vieler K\u00f6rper, der Massenidentit\u00e4t: Das satirische Erz\u00e4hlen wird zu Beginn des 21. Jahrhunderts zu einer Form des Widerstands. Dem abgesicherten Literaturbetrieb w\u00e4re eine R\u00fcckkehr dieser w\u00fctenden Drastik zu w\u00fcnschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Sind diese Zombies paranoid in einer \u00fcberangepassten Welt, oder sind sie die einzig Vern\u00fcnftigen in einer durch und durch paranoiden Welt?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bedeutung des Erz\u00e4hlens kann hier als Kompensation von Modernisierungssch\u00e4den erkannt werden. Die Erz\u00e4hlungen haben einen formal innovativen Ansatz, man erkennt die Figuren unmittelbar an ihrer unverwechselbaren Sprache, die so brennscharf die Realit\u00e4t abbildet und den Lesern neue Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten verschafft. In diesem Werk herrscht ein gro\u00dfes Gedr\u00e4nge der Untoten, Weigoni exorziert damit seine Zeitgenossen. Er hat die &#8222;hypermodernen Menschen&#8220; ganz k\u00fchl literarischen Versuchsanordnungen ausgesetzt, doch tat er dies, weil er Anteil nahm am Schicksal der Menschen. Zu heilsamen Remystifikation der modernen Welt w\u00fcrde der Einbruch von Zeichen nicht reichen, bei aller Pr\u00e4zision, bei aller Raffinesse und technischen Virtuosit\u00e4t verf\u00fcgen Weigonis Menschenerkundungen \u00fcber ein hohes Ma\u00df an Empathief\u00e4higkeit. Die Figuren sind nicht blo\u00dfe Versuchsobjekte; sie sind Menschen, und sie kommen uns auch als solche immer wieder entgegen, treten aus dem Konstruktionsgef\u00fcge heraus. Diese Literatur \u00f6ffnet den Blick f\u00fcr das nie Gesehene, nie Gedachte, so wie Kleist \u00fcber den M\u00f6nch am Meer bemerkte, es sei, wenn man das Bild betrachte, als ob einem die Augenlider weggeschnitten w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Das kapitalistische System bringt sich selbst um, es ist wie ein Zombie: In gewisser Weise ist es tot. Es l\u00e4uft noch umher, weil wir keine Vorstellung haben, was wir anders machen k\u00f6nnten.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">David Graeber<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Erz\u00e4hlungen sind vergn\u00fcglich zu lesende Et\u00fcden in Sarkasmus, allesamt dazu geeignet, die Zumutungen der Wirklichkeit zur Kenntlichkeit zu entstellen. Weigonis <em>Zombies <\/em>sind ein Meisterst\u00fcck der Disproportion, keine leichte Kost, er beschreibt die Menschen, aber bewertet sie nicht. Nichts passt hier zueinander, man r\u00e4tselt die ganze Zeit, wie diese heillos \u00fcberdrehten Irren eigentlich zusammengefunden\u00a0haben. Der Langsamschreiber Weigoni arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten unter dem Radar des Mainstream, er hofft, sich dem Wesenskern einer Sache immer weiter anzun\u00e4hern, zu pr\u00e4zisieren, zu verbessern. Das gilt besonders f\u00fcr die <em>Zombies<\/em>. Diese Erz\u00e4hlungen sind ein Gewebe, in das Bestandteile erfahrener Realit\u00e4t eingewoben sind, damit \u00fcberwindet dieser antikonformistische Manierist die spielerische Postmoderne und setzt sich mit realen Gesellschaftsproblemen auseinander, ohne bei der teilnehmenden Beobachtung der Entwertungsgeschwindigkeit auf Ironie zu verzichten. Weigoni weicht der gelebten Wirklichkeit nicht aus, er versteht es, aus den vielen Ungereimtheiten, die er im Alltag vorfanden, eine Poesie zu machen, die durch ihren Bildcharakter vorf\u00fchren, da\u00df die Widerspr\u00fcche den Sachverhalten oft immanent sind, sich gegenseitig bedingen, und in der Literatur nicht ausschlie\u00dflich mit dialektischer Eleganz darstellen lassen, es sei denn, man nimmt in Kauf, da\u00df die Wahr\u00adhaftig\u00adkeit, mit der sie im Leben vorkommen, g\u00e4nzlich zur Ausl\u00f6schung gebracht wird<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Gesellschaftskritische Erz\u00e4hlungen mit einer fazinierenden, reduzierten Sprache.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Nico Schoffer, Twitte<\/span>r<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die S\u00e4tze werden k\u00fcrzer, die Beobachtungen genauer. Weigoni begreift Schreiben als Attacke auf die Konsenskultur, auf die Toleranzh\u00f6lle des Westens. Bei den Motiven seiner Figuren verschmelzen Perversion und Normalit\u00e4t mit der vor allem das m\u00e4nnliche Geschlecht begleitenden ewigen Trinit\u00e4t von Gewalt, Sex und Suff; mit hilfloser Empathie und gerechtem Zorn, der nur selten fruchtet. Seine Lieblingsfeinde sind die sogenannten 68-er, ein grandioses Exempel daf\u00fcr, wie progressive gesellschaftliche Utopien, sobald sich ihre Realisierung als Chim\u00e4re erweist, in rigide autorit\u00e4re Systeme umschlagen und ihre Verfechter zu Handlangern totalit\u00e4rer Regime werden k\u00f6nnen. Dieser Romancier pflegt einen Stil, der Imagination mit Sachlichkeit, K\u00e4lte mit Empathie, Realismus mit Parodie, Reflexion mit Narration, Komik mit Utopie, Ironie mit Verzweiflung, Wahnsinn mit Trauer verbindet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=7442&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/ZombiesCover.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Parodie auf die unsch\u00f6ne Gutmenschenwelt Diese Zombies sind Fiktion, dabei ist kaum etwas\u00a0 erfunden. Die von A.J. 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