{"id":52878,"date":"2009-06-18T00:01:44","date_gmt":"2009-06-17T22:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52878"},"modified":"2022-02-18T20:16:37","modified_gmt":"2022-02-18T19:16:37","slug":"ein-fein-gesponnenes-psychogramm","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/","title":{"rendered":"Ein fein gesponnenes Psychogramm"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Pr\u00e4zision ist Suche, Sprache ist Wortsuche und Wortauswahl. Erz\u00e4hlung w\u00e4hlt aus, was in welcher Form zur Wahrnehmung gebracht wird.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Literaturwissenschaft bezeichnet man Vignetten als impressionistische, meist kurze Szenen, die auf einen Moment fokussieren oder einen Eindruck \u00fcber eine Figur, eine Idee oder einen Ort vermitteln. Diese <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=4\"><em>Vignetten<\/em><\/a> finden sich insbesondere bei Theaterst\u00fccken und Drehb\u00fcchern, aber auch in narrativen Texten wie beispielsweise bei Hemingways <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/In_Our_Time_(short_story_collection)\">In Our Time<\/a>, und gerade Heinrich von Kleist hat in diesem Zusammenhang etablierte Regeln des novellistischen Erz\u00e4hlens verletzt und so das klassische Gattungsverst\u00e4ndnis irritiert. Die Abfolge dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=4\"><em>Vignetten<\/em><\/a> unterliegt der geschlossenen Form, es ist eine straffe, \u00fcberwiegend einlinige Handlungsf\u00fchrung, ein gezielter Einsatz szenischer, filmschnittartiger Partien an den H\u00f6hepunkten. Weigonis Novelle grenzt an lyrische Formen, die ins Prosaische ausufern &#8211; als Referenz sei das Monodram <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44645\"><em>Senora Nada<\/em><\/a> genannt. Die Sprache seiner Poesie bietet einen Zufluchtsort, ein Reich der Imagination, eine Utopie jenseits der Wirklichkeit.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u00dcber den Rhein hinaus ins Weite einer Landschaft, die dem Auge keine Grenzen zu setzen scheint.<\/em><\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWeisen des Gl\u00fccklichseins\u201c nannte Borges das Lesen \u2013 und dies trifft uneingeschr\u00e4nkt zu auf die Lekt\u00fcre dieser <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=4\"><em>Vignetten<\/em><\/a> zu. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> praktiziert in dieser Novelle das Schauen, ohne hinzusehen, das ungesteuerte Wahrnehmen und l\u00e4dt das Sprachmaterial mit neuer Sinnhaftigkeit auf. Man erinnert sich an seinen wie beil\u00e4ufig klingenden Umgang mit biblischen und mythologischen Anspielungen, kennt diesen ganz besonderen, mit fingierter Naivit\u00e4t anhebenden, dann in Traumbildern von gro\u00dfer Plastizit\u00e4t ausschweifenden, stark rhythmisierten Erz\u00e4hlton. Max und Nataly gehen \u00fcber Metafiktionen im Sinne einer Autoren-Figuren-Interaktion weit hinaus. Eigentlich betreiben sie eine neue Form von Metafiktion. Der Lesende wird zu einem Verb\u00fcndeten, zu einem dritten Bezugspunkt in einer ohnehin schon verschachtelten Fiktion. Die Grenzen zwischen fiktionaler Erz\u00e4hlebene und ausserfiktionaler Realit\u00e4t l\u00f6sen sich fliessend dabei auf. Die Novelle entfaltet ihre volle Kraft im Augenblick des Schocks, wenn pl\u00f6tzlich &#8211; in einer Geste, einem Bild oder in einer kurzen, abrupten Formel &#8211; der Abgrund erkennbar wird, aus dem er seine Protagonisten f\u00fcr Momente ans Licht zieht.<em>\u00a0<\/em><\/p>\r\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die <em>Vignetten<\/em> sind ein fein gesponnenes Psychogramm<\/span><\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Kein Schreibakt wird vollzogen ohne eine selbstreflexive Pr\u00fcfung auf seine Bedingungen hin. Weigoni \u00fcbersetzt das H\u00f6rbare in Schrift, er erz\u00e4hlt nicht nur, sondern er gestaltet seine Geschichte, Buchstabe f\u00fcr Buchstabe, Seite f\u00fcr Seite, Figur f\u00fcr Figur. Bei ihm entsteht das Schreiben aus sprachlicher Verdichtung, seine Novelle ist eine bewegende Hommage an das Leben in und aus der M\u00f6glichkeitsform: das Lesen. Seine gleichsam magische Begabung liegt darin, sich alles, wof\u00fcr er Worte findet, spontan anverwandeln zu k\u00f6nnen. In seiner semantischen Mehrschichtigkeit zeigt er zugleich exemplarisch, was ihn als Prosa-Autor so heraushebt: eine poetische Genauigkeit und doch Offenheit der Sprache, die bewirkt, da\u00df sich jedem einzelnen Wort hinterher lauschen l\u00e4\u00dft, als enthalte es eine ganze Welt. &#8211; Folgen viele solcher Worte aufeinander, entsteht etwas, das am ehesten als eine Art assoziativer Klangraum bezeichnet werden k\u00f6nnte, ein schwer zu fassendes Ph\u00e4nomen, das eng mit der offensten aller K\u00fcnste, der Musik, verwandt ist. Lese-Musik im Kopf. Seltener als man glauben m\u00f6chte, gibt es unter Schriftstellern jene Solit\u00e4re, die vor allem ihrer inneren Stimme folgen und auf deren Werk der Markt und seine Moden oder die Eigenbewegung der Kunst nur wenig Einflu\u00df haben. Manche werden ber\u00fchmt, andere kommen und gehen weitestgehend unbemerkt.<\/p>\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Vignetten<\/strong>, Novelle von A.J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2009 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe als Hardcover.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein H\u00f6rprobe findet sich <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/taeger\/630.html\">hier<\/a>.<\/p>\r\n<div style=\"width: 184px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=52878&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 174px) 100vw, 174px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover.jpeg 623w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/VignettenCover-196x300.jpeg 196w\" alt=\"\" width=\"174\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermotiv: Peter Meilchen<\/p><\/div>\r\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Constanze Schmidt zur <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/11\/18\/wellenbewegungen\/\">Novelle<\/a> und zum <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/\">Label<\/a>. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/01\/18\/literaturgeografie\/\">Nachwort<\/a> von Enrik Lauer. KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/09\/bruchstuckhafte-morsezeichen\/\">Lyrikwelt<\/a> und aus dem <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/09\/lachfalten-im-gesicht-der-zeit\/\">Poetenladen<\/a>. Betty Davis konstatiert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/06\/18\/ein-fein-gesponnenes-psychogramm\/\">Ein fein gesponnenes Psychogramm<\/a>. \u00dcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/12\/18\/novelle_revisited\/\">Reanimierung<\/a> der Gattung Novelle und die Weiterentwicklung zum Buch \/ Katalog-Projekt <em>630<\/em> finden Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46549\">hier<\/a> einen Essay. Einen weiteren Essay zur Ausstellung <em>50 Jahre Krumscheid \/ Meilchen<\/em> lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21518\">hier<\/a>. Mit einer <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/hungertuch\/taeger2001.htm\">Laudatio<\/a> wurde der Hungertuch-Preistr\u00e4ger Tom T\u00e4ger und seine Arbeit im Tonstudio an der Ruhr gew\u00fcrdigt. Eine W\u00fcrdigung des Lebenswerks von Peter Meilchen findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12763\">hier<\/a>.<\/p>\r\n\r\n<p>&nbsp;<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4zision ist Suche, Sprache ist Wortsuche und Wortauswahl. Erz\u00e4hlung w\u00e4hlt aus, was in welcher Form zur Wahrnehmung gebracht wird. 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