{"id":52868,"date":"2012-12-26T00:01:33","date_gmt":"2012-12-25T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52868"},"modified":"2022-02-19T14:41:02","modified_gmt":"2022-02-19T13:41:02","slug":"eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/","title":{"rendered":"Eine ebenso poetische wie pr\u00e4zise Geschichtsprosa"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er \u00fcberall Wege.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Walter Benjamin<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Poesie ist f\u00fcr A.J. Weigoni ein Instrument, engagiert an der Welt teilzuhaben. Er ist der\u00a0 Chronist der <em>hypermodernen<\/em> Paranoia, erweist sich in seiner kunstfertige Novellendystopie als Meister der coolen slides. Man kann diesem Romancier nicht vorhalten, seine B\u00fccher spielten in einer heilen Welt. Im Gegenteil, es ist etwas verl\u00e4\u00dflich Ungem\u00fctliches an seinen Szenarien, etwas unterschwellig Bedrohliches, das seine Leser hellh\u00f6rig macht f\u00fcr Katastrophen. Selten nehmen sie bei Weigoni konkrete Gestalt an, eher sind sie gegenw\u00e4rtig in der Zeitform der Angst. Diese Novellen sind ein Schlag gegen das Textkino. Filme altern, Literatur dagegen ist stets Vergegenw\u00e4rtigung. Erz\u00e4hlungen, in denen Kunst vorkommt fordern das Imaginationsverm\u00f6gen heraus; ein Verm\u00f6gen, das in der Branche der Textfixierten ein wenig verk\u00fcmmert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Buch ist so frisch und direkt, so, als br\u00e4uchte dieser \u201ePre-Pop-Essayismus\u201c noch keine Post-Post-Bemerkungen und mindestens weniger Selbstreferentialit\u00e4t und Attit\u00fcde.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Qualit\u00e4t dieser Novellen, ihre sinnliche Kraft und ihre Verst\u00e4ndlichkeit erweisen sich in ihrer Verschaltung. Kunstwirklichkeit hat nur Sinn, wenn sie die Wahrhaftigkeit der Welt, in der wir uns bewegen, trifft. Weigonis literarische Preziosen sind Kabinettst\u00fcckchen, an denen man nicht zuletzt auch erfahren kann, was eine moderne Novelle ist: immer noch die Darstellung von unerh\u00f6rten Ereignissen. Immer wieder finden sich Momente von gro\u00dfartiger Konsequenz, besonders dann, wenn Weigoni auf den Sieg der detektivischen Vernunft \u00fcber das Durcheinander der Wirklichkeit setzt, andererseits darf diese Vernunft sich an beliebigen Wirklichkeiten abarbeiten und an ihnen auch scheitern. Seine Novellen bringen zwar Licht ins Dunkel, aber dieses Dunkel wird durch das Licht erst definiert. Ein anderes Licht h\u00e4tte es mit einem anderen Dunkel zu tun. Die moralische Un\u00fcbersichtlichkeit spiegelt sich in der \u00e4u\u00dferen Un\u00fcbersichtlichkeit ebenso wie die \u00e4u\u00dfere in der inneren. Das Ende der Welt ist auch das Ende aller Verbindlichkeiten. Die Zivilisation erf\u00e4hrt ihre letzte Niederlage in der Konfrontation mit der Natur. Kultur wartet auf Ausl\u00f6schung. Man kann nicht sicher sagen, was die Wahrnehmung der Welt entschiedener beeinflusst: Die Sprache oder die Bilder? Sie durchdringen einander. Die Energie kommt mutma\u00dflich aus gleicher Quelle.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Viel gelebt und wenig geschrieben. Besser als umgekehrt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Johann Gottfried Seume<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\">Zombies<\/a> <\/em>und in<em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=229\">Cyberspasz<\/a>, a real virtuality<\/em> schlagen sich die epochentypischen urbanen Bedrohungstopoi nieder, Krieg, Terrorismus, Finanzkrise und anderes mehr. Nicht da\u00df Weigoni die Angst sch\u00fcrt &#8211; daf\u00fcr ist sein Blick auf die Dinge zu distanziert, geradezu abst\u00e4ndig. Mal schaut der Autor aus dem Weltraum auf das irdische Geschehen, mal geht er wie mit dem Seziermesser an die Ereignisse heran, immer aber hat man das Gef\u00fchl, der Erz\u00e4hler bewahre eine konstitutive Fremdheit gegen\u00fcber seiner Welt. Die Welt mag schrecklich sein, aber solange es jemanden gibt, der sie mit dieser Klarheit, K\u00fchle und Sch\u00e4rfe beschreibt, kann sie nicht verloren\u00a0sein. Weigoni ist auch deshalb ein so suggestiver Erz\u00e4hler, weil er sich auf die Kunst des einzelnen Satzes versteht. Immer wieder stehen, leuchtend isoliert, S\u00e4tze in seinen Erz\u00e4hlungen, die ohne Anschluss sind: <em>F\u00fchlende Maschinen sind nicht auf komplexe Software angewiesen, sondern auf Benutzer, die ein emotionales Verh\u00e4ltnis zu ihnen aufbauen<\/em>, hei\u00dft es einmal. Solche S\u00e4tze verst\u00e4rken den Geist der Einsamkeit, den diese Texte verbreiten, gerade wenn sie unter die Menschen gehen. Nat\u00fcrlich bergen solche einsamen S\u00e4tze auch eine Gefahr. Sie \u00fcberh\u00f6hen eine Leere, die tats\u00e4chlich von einer Schw\u00e4che k\u00fcndet, die Erz\u00e4hlung mit konventionellen, also wahrscheinlichen Mitteln weiter zu\u00a0entwickeln. <em>Zombies<\/em> und <em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em> sind reich an Zeitdiagnostik und vor allem -prognostik.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Tr\u00e4umen Androiden von elektrischen G\u00f6ttern?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seine Erz\u00e4hlungen und Novellen weisen unverkennbar ein Beziehungspepflecht auf, sie sind in ihrer leisen, latenten Dramatik und ihrer Art, eine Bedrohungs- und Gefahrenlage zu umspielen, unschwer miteinander in Beziehung zu setzen. Trotzdem handelt es sich dann manchmal tats\u00e4chlich nur um kleine, atmosph\u00e4risch starke, aber inhaltlich nicht besonders ergiebige Erz\u00e4hlungen. Weigoni konzentriert sich ganz auf die Beschreibung des Abstandes, der den Leser von dem beobachteten Geschehen trennt. Diese Novellen verf\u00fcgen \u00fcber den unbe\u00addingten Willen zur Gegen\u00adw\u00e4rtig\u00adkeit. Es ist eine pr\u00e4zise, lakonische, hyperrealistische Prosa mit vielen Dialogen und extrem zugespitzten Stimmungsbildern. Man merkt in jedem Satz, in jedem Wort, dass die Globalisierung etwas Zerst\u00f6rerisches hat. Das Grauen wird auf bedr\u00e4ngende Weise zwischen den Zeilen evoziert. Es ist frappierend, mit welch avanciertem Formverst\u00e4ndnis Weigoni operiert und durch Auslassung, durch Verknappung eine ungeheure Wirkung erreicht. Dabei gelingt es Weigoni das Schwere leicht und das Leichte schwer zu machen. Apokalypse paart sich mit Heiterkeit, Phantastik mit Pr\u00e4zision, dialogischer Witz mit Zitat und Selbstironie. In virtuos ineinander verschachtelten, zwischen historischen Ereignissen springenden Erz\u00e4hlp\u00e4ckchen f\u00fchrt dieser Romancier s\u00e4mtliche Schicksale und Handlungsstr\u00e4nge die er in den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12913\"><em>Zombies<\/em><\/a> ausgelegt hat in <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=229\"><em>Cyberspasz <\/em><\/a>zusammen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=8114&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von Jo Wei\u00df aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Christine Kappe<\/span><\/span> <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">aus der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht in <em>Cyberspasz<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt in der <em>real virtuality<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet diese Novellen als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er \u00fcberall Wege. Walter Benjamin Die Poesie ist f\u00fcr A.J. Weigoni ein Instrument, engagiert an der Welt teilzuhaben. 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