{"id":52860,"date":"2010-03-18T00:01:15","date_gmt":"2010-03-17T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52860"},"modified":"2024-05-03T10:40:49","modified_gmt":"2024-05-03T08:40:49","slug":"zur-gegenwartslage-der-literatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/","title":{"rendered":"Zur Gegenwartslage der Literatur"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>A.J. Weigoni hat die Zombies von der puren Horrorfiktion in ernstzunehmende Gesellschaftskritik transferiert. Die Untoten dienen als Narrativ der Krise, sie sind in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit zu einer Metapher f\u00fcr die Erosion gesellschaftlicher Ordnung geworden.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Kunst dieser Erz\u00e4hlungen liegt oft im Detail. Bewegungsspielr\u00e4ume ergeben sich durch die Erweiterung der Realit\u00e4t und ihre groteske \u00dcberdehnung. Der beste Humor entspringt immer der Verzweiflung und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a> sp\u00fcrt der abseitigen Komik nach, die sich noch aus den ausweglosesten Konstellationen ergeben kann, in denen sich ihre Figuren verstricken. <em>Entfiktionalisierung<\/em>\u00a0 lautete einstmals die Losung der politischen Dichtung. Diese Erz\u00e4hlungen werfen Schlaglichter auf ein gro\u00dfes, verborgenes Gesamtbild, welches wiederum \u00fcber die reine Fiktion hinauszuweist. Diesen Erz\u00e4hlungen wohnt bei aller analytischen Sch\u00e4rfe eine Distanz inne. Die wahre Kunst der Fiktion jedoch besteht darin, Dinge zu erfinden, die real sind.\u00a0 Weigoni h\u00e4lt der Pasteurisierung unserer Lebenswelt die nackte Wahrheit des Daseins entgegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Auswegloses Leiden erregt kein Mitleid, sondern Abscheu.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gotthold Ephraim Lessing<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt Schriftsteller, die ihren Figuren nicht nur zu nahe kommen, sie machen sich mit dem Skalpell an die Arbeit. Die Haut stelle keine Grenze dar, sie wird aufgerissen und gebohrt und gestochert und geschnitten, bis alles darunterliegende ins grelle Licht ger\u00fcckt wird. Literatur ist eine Operation am offenen Herzen. Und das Gehirn wird auch sogleich mit auseinandergenommen. Das Problem einer Gesellschaft, die sich schleichend in einer Abstumpfungskultur eingerichtet hat, in der in erster Linie nur mehr die Schl\u00e4ge mit dem Holzhammer z\u00e4hlen, liegt im Verlust aller Differenzierungen. Zwischent\u00f6ne und Nuancen, Feinsinn und blo\u00df Angedeutetes gehen verloren. Wenn Literatur uns einen Spiegel vorh\u00e4lt, damit wir uns selbst ein bisschen besser verstehen lernen, dann sind diese <em>Zombies<\/em> angeranzt, und was die Leser darin sehen, ist meist grotesk verzerrt und stets erschreckend in seiner Wahrhaftigkeit. Diese <em>Zombies<\/em> erregen oft Abscheu, seltener Mitleid, seine Geschichten tun weh, aber sie haben auch etwas Wohltuendes, etwas seltsam Tr\u00f6stliches. Weil Weigoni dem in unserer Gesellschaft allzu oft Verdr\u00e4ngten, weil sie H\u00e4sslichkeit und Verfall und Schmerz eine Stimme gibt. Diese Erz\u00e4hlungen funktioniert als Gegengift zur sch\u00f6nen neuen Unwirklichkeit der Selbstoptimierer, in der Makel keinen Platz haben. Es geht darum, die Nabelschau zu entlarven und der selbstgerechten Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. Am Ende wird nur noch Aufsehen erregendes registriert.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Zombies erlebten ihre erste Bl\u00fctezeit in den Sechzigerjahren, als der wei\u00dfe Mann pl\u00f6tzlich Angst vor der Stra\u00dfe hatte, vor hungrigen schwarzen Massen, die marodierend in die sauberen Vororte eindringen. Es gibt da diese Figur in \u201cNight of the Living Dead\u201d, die sich aus Angst vor den Zombies total zur\u00fcckzieht, erst in sein Haus, dann in seinen Keller, wo er glaubt, endlich sicher zu sein. Aber die Zombies kommen dann nat\u00fcrlich aus dem Dunkel seines Kellers und nehmen ihn auseinander. Das wurde nach 9\/11 alles reaktiviert. Nur dass die Zombies in unseren Kellern jetzt die Araber und Mexikaner\u00a0sind.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Alexander Hermon<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zombie ist die Horrorgestalt der Haifischkapitalismus. Er wurde j\u00fcngster Vergangenheit kulturkritisch umorgelt. Es steckt eine Menge allegorisches Potenzial in den torkelnden, gehirnfressenden, zerlumpten Untoten: als Kommentar zum Aufstand der Massen, zur Schwarmintelligenz oder nat\u00fcrlich als Erz\u00e4hlung \u00fcber den Zustand des Kapitalismus, in dem sich der Mensch auf verlorenem Posten befindet und auf niedrigste \u00dcberlebensinstinkte zur\u00fcckf\u00e4llt. Das Ph\u00e4nomen des Horrors fungiert als \u00e4sthetischer Katalysator des von der Vernunftphilosophie Verdr\u00e4ngten. Das Unheimliche ist ein Gegenlager innerhalb des Aufkl\u00e4rungsdiskurses und dient nichtsdestoweniger einem aufkl\u00e4rerischen Zweck. Es handelt sich um virtuose Erz\u00e4hlweisen, von einer sprachlichen Qualit\u00e4t, wie sie von engagierterer Literatur nur selten erreicht wird. In <em>Zombies<\/em> wirft Weigoni die Frage auf, welche Stellung der Sprache in dieser bildmedialen Kultur noch zukommt. Die Wahrnehmung des Spektakul\u00e4ren, die Sensation wird zur Wahrnehmung schlechthin. Wo der Extremfall von Wahrnehmung zum Normalfall geworden ist, wird das Subtile in der Kultur ausgel\u00f6scht. Es ist nichts f\u00fcr Sch\u00f6ngeister, sich dieser hart am Rand der erz\u00e4hlten Wirklichkeit balancierenden Literatur auszusetzen. Es ben\u00f6tigt Zeit, Konzentration und Anstrengung. Genau das ist dem Schock und der \u00dcberw\u00e4ltigung fremd.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>B\u00f6s\u2013bissig\u2013ironische Texte. Mich haben sie erfreut!<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Dr. Edith Vukan, ORF<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Entweder sind projektive Mechanismen am Werk oder identifikatorische. Eine kleine Verschiebung der Perspektiven und schon ist in diesem Buch die Wirklichkeit in eine absurde Szenerie verwandelt. Weigoni ist mit der f\u00fcr ihn typischen Neugier auf der Suche nach dem Banalen. Er schreibt eine harte, wie gepflasterte Prosa. Diese Poesie ist n\u00fcchtern, beobachtend, fast dokumentarisch. Kurze S\u00e4tze, atemloses Pr\u00e4sens; die Kapitel sind nie l\u00e4nger als sieben Seiten, manchmal nur eine Seite. Er spitzt in den Erz\u00e4hlungen <em>Zombies<\/em> auf seine Weise zu, da\u00df Banalit\u00e4t zunehmend das Ma\u00df des Allt\u00e4glichen wird; er legt mit seinen Formulierungen die brutalen Implikationen des Normalen frei. Es geht\u00a0 um den ganz realen Horror, der einen im Allt\u00e4glichen anspringt. Diese Prosa geht \u00fcber die Imitation von Realit\u00e4t hinaus. Wirklichkeit ist bei dieser Art von Prosa eine Kombination von Distanz und N\u00e4he, von K\u00fcnstlichkeit und Wahrhaftigkeit, vor allem aber von Ekel und Faszination: etwas, das man sehen m\u00f6chte, obwohl man eigentlich gleichzeitig lieber weglaufen m\u00f6chte. Weigonis Sprache ist immer an der Grenze zum Ertr\u00e4glichen ist; \u00fcberschreiten wird er diese Grenze nicht. Poesie und H\u00e4rte, Abscheu und Einf\u00fchlsamkeit fa\u00dft er zu einer ungewohnten Einheit zusammen. Das schafft Aufmerksamkeit, ist allerdings keine Effekthascherei. Weigonis literarische Arbeit orientiert sich nicht an Kommerzialit\u00e4t. Das sichert ihm die innere Freiheit zu Kontinuit\u00e4t, die f\u00fcr seine Poesie einen hohen Stellenwert hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von\u00a0A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=52860&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Enrik Lauer stellt den Band unter <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/01\/unter-kanonverdacht\/\">Kanonverdacht<\/a>. Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A.J. 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