{"id":52849,"date":"2012-09-01T00:01:32","date_gmt":"2012-08-31T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52849"},"modified":"2022-02-19T14:43:45","modified_gmt":"2022-02-19T13:43:45","slug":"der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/","title":{"rendered":"Illusion der Willensfreiheit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Man ging nach Aussen, in alle Richtungen, statt in sich zu gehen, wo jedes R\u00e4tsel zu l\u00f6sen ist.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Schopenhauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben. Wirklichkeit ist in diesen\u00a0Novellen nicht nur ein Konstrukt, auch ihre Konstruktion ist konstruiert und als solche Thema. Weigoni interessiert sich nie nur f\u00fcr Computer, sondern immer f\u00fcr den Kontext, in dem sie operieren, die Beziehungen zwischen technologischen, gesellschaftlichen und rechtlichen Systemen. Zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit spinnt dieser Romancier ein Netz von Bez\u00fcgen, die sich um herk\u00f6mmliche Wirklichkeitsversicherung nicht k\u00fcmmert. Eigentlich ist virtuelle Realit\u00e4t nichts anderes als der Versuch, diese alte Weisheit in Praxis umzusetzen, statt sie an die Wand zu pinnen. Die Literatur ist k\u00f6rperlos und dieser Schriftsteller, tut sein M\u00f6glichstes, um diesen Prozess der Abl\u00f6sung von der Materie zu bef\u00f6rdern. Diese K\u00e4ltetendenz r\u00fchrt vom Eindringen der Physik in die moralische Idee. Eine Psychose resultiert nicht mehr in einem, in letzter Instanz unwiderruflichen, Bruch mit dem Realit\u00e4tsprinzip, sondern lediglich in einem ausgeformten Prosawerk. Auch wenn den Lesern die Inhalte vielleicht nicht immer gefallen, weil sie nicht gef\u00e4llig sind, sondern die Realit\u00e4t hinter der Maske von Schein zeigen, das Scheinbare zum offensichtlichen Phantom degradieren, sollte man diese literarische Qualit\u00e4t sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Ist aus der Demokratisierungsmaschine Internet eine Geldmaschine geworden?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines der wesentlichen Merkmale von Weigonis Prosa ist ein dekonstruktivistischer Ansatz, der im Zerlegen und neuen Zusammensetzen kultureller Erscheinungen besteht. F\u00fcr ihn ist jedes Buch ein Ort, den er mit seiner Sprache durchwandert. Das Lesen seiner Prosa ist weniger ein Akt des Verstehens und Dechiffrierens als so etwas wie Versenkung und Kontemplation. Diese Prosa ist gepr\u00e4gt von einem erkennbaren Rhythmus und einem hohen Grad an Sprachreflexion. Im beziehungsreichen Metaphernspiel n\u00e4hrt Weigoni zwar den Anschein, die zwischenmenschliche Verst\u00e4ndigung mithilfe der Sprache h\u00e4tte ihren Sinn verloren, zugleich aber reduziert er den allm\u00e4chtigen W\u00f6rterschwall der herrschenden Poesie auf ein Minimum. Er glaubt bei allem schwarzen Pessimismus an die Unverf\u00fcgbarkeit der Seele, die kein Zwangseingriff zum Schweigen bringen kann und n\u00e4hert sich den Trivialmythen aus der Perspektive des Connaisseurs, beutet den popkulturellen Rohstoff aus, beschw\u00f6rt den anarchistischen Geist des Rock\u2019n\u2019Roll und verhandelt seine Lebensthemen: Anderssein und Ausbruch, Repression und Libertinage, Rausch und Sexualit\u00e4t. Mythen sind der Pop von fr\u00fcher. Die Gleichung gilt auch umgekehrt: Die Mythen von heute sind weitgehend Hervorbringungen der Popkultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Kapitalismus bleibt \u00fcbrig, wenn Rituale oder elaborierte Symbolwelten kollabiert sind und nur noch der Zuschauer\u2013Konsument durch die Ruinen und Relikte wandert.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Heimcomputer erwies sich zu Beginn als ein Verst\u00e4rker des Geistes. Die Technologien entwickeln sich so rasant, da\u00df wir kaum zum Reflektieren kommen. Es gab immer wieder solche Phasen in der Geschichte, in denen der Fortschritt dem Denken vorausgeeilt ist. Und die Folgen waren meist katastrophal schlecht. Die Menschen sind auf den Wandel, den die neuen Technologien mit sich bringen, \u00fcberhaupt nicht vorbereitet, was die meisten von ihnen technologisch f\u00fcr Elite halten, wirkt gegen sie. Weigoni schreibt mit Wirklichkeitsbesessenheit in einer k\u00fcnstlichen Welt und pr\u00e4sentiert ein Panoptikum digitaler Krankheitsbilder. Er betrachtet die Mutationen menschlicher Kommunikation im World Wide Web und sch\u00f6pft alle Strategien des Erz\u00e4hlens aus, untersucht wo die Grenzen von Fiktion liegen und wann die Wirklichkeit verschwimmt. Der Leser kann sich nicht sicher, ob es um die Fiktionalisierung der Realit\u00e4t oder die Realisierung einer Fiktion geht. Dieser Romancier begegnet der Immaterialit\u00e4t zirkulierender Objekte und Zeichen mit einer ganz eigenen Sprache der Abstraktion, einer Fiktion, die nicht nur die Sprache, sondern auch die Erz\u00e4hlung sowie die Figuren und ihre Beziehungen untereinander betrifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Fr\u00fcher befragten die Menschen GOtt, heute fragen sie bei Google nach.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Forscher im Bereich der k\u00fcnstlichen Intelligenz setzen darauf, da\u00df Computer von den Millionen Netzsurfern endlich erfahren, wie Menschen denken, um zu lernen, wie Menschen zu denken. Das Internet ist das neueste Werkzeug, das Nerds entwickelt haben, um die Menschheit bei ihrem Verst\u00e4ndnis des Lebens auf der Welt voranzubringen. Ungl\u00fccklicherweise wird es von privaten und politischen Interessen \u00fcbernommen. Deshalb bekommen die Menschen vom Internet nicht das, was sie voranbringen w\u00fcrde. Es ist eine kommerzialisierte und nationalisierte Infrastruktur geworden. Ihnen steht ein Kampf darum bevor, wof\u00fcr sie diese Technologie benutzen wollen. Ein gro\u00dfer Zweig der westlichen Kultur folgt der Auffassung, dass Wissen derartig speicherbar und damit auch neuerdings als Daten in elektronischen Datenbanken speicherbar ist und leitet daraus gleichsam ein Problem und eine Hoffnung ab:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>&#8222;Wie k\u00f6nnen wir in den immensen Datenvorr\u00e4ten das ben\u00f6tigte Wissen finden?&#8220;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und wenn, dann etwa so wie es Klaus Mainzer in seinem analytischen Buch &#8222;Die Berechnung der Welt: Von der Weltformel zu Big Data&#8220; geschrieben hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>&#8222;Was l\u00e4sst sich mithilfe der Kombination der Wissensinhalte von Datenbanken erreichen, was \u00fcber den einzelnen Datensatz hinausgeht?&#8220;<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geist ist das Programm, das im Gehirn als besonders komplizierte Software l\u00e4uft. Erst wenn uns die Computerprogramme das Denken abnehmen, erscheinen Zweifel angebracht. Kreativit\u00e4t, Innovation und k\u00fcnstlerische Sch\u00f6pfung nur im Kontext des brillanten Individuums denkbar, das durch den &#8222;digitalen Maoismus&#8220;, wie ihn das Internet hervorbringt, gef\u00e4hrdet ist. Hieraus leitet sich f\u00fcr Jaron Lanier ein weiterer Kritikpunkt ab: Freie und Open-Source-Software habe auch versagt, weil sie einigen wenigen Firmen erm\u00f6glicht habe, gro\u00dfe, zentralisierte Dienste und Datenbanken zu entwickeln, um im Folgenden von der Verarbeitung und Ausbeutung der Nutzerdaten zu profitieren. <em>In Cyberspasz schreibt Weigoni <\/em>gegen die Dehumanisierung des Menschen an, er spielt die Wirksamkeit der Asimov&#8217;schen Gesetze der Robotik durch und der Leser erkennt, da\u00df der Sprung der k\u00fcnstlichen Intelligenz zum Bewu\u00dftsein und damit zum Verlangen nach Selbstbestimmung unabwendbar ist. Die Behauptung Zeit, Entfremdung sei durch Flexibilit\u00e4t ersetzt worden und Identit\u00e4t durch Netzwerke, ist eine L\u00fcge, die allein der Steigerung des Umsatzes dient. Wovon immer diese Cyborgs tr\u00e4umen, harmlose elektrische Schafe sind es wahrscheinlich eher nicht. Es ist ein best\u00e4ndiges Rauschen von Stimmen in der Prosa von Weigoni, der mit liebensw\u00fcrdigen Einf\u00e4llen bezaubert und mit seinem Sprachwitz \u00fcberzeugt. Ein Finder und Erfinder von Geschichten, in der gro\u00dfen wie der kleinen Form.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Die Zukunft ist l\u00e4ngst hier, sie ist nur noch nicht gleichm\u00e4ssig verteilt.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mark Fisher<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Wort zu einem anderen zu f\u00fcgen und dabei beide gegenseitig sich hinterfragen zu lassen, stetig zu hinterfragen, das verm\u00f6gen nicht viele. Auch wenn es manchmal anstrengend ist, diese Prosa zu lesen,\u00a0<em>Cyberspasz, a real virtuality<\/em> ist ein besonders lohnender Gegenstand literaturkritischer Er\u00f6rterung, weil das intellektuelle Material, das sich hinter all diesen dystopischen Erfindungen, futuristischen Schreckensvisionen und einleuchtenden Figuren verbirgt, ebenso diskussionsw\u00fcrdig ist wie ihre poetische Gestaltung. Es ist halluzinogener Surrealismus, jedoch er ist hellsichtig und hat Nebenwirkungen in der Realit\u00e4t. Die \u00c4sthetik der Kunst besteht nur vordergr\u00fcndig in Vordergr\u00fcndigem, erst wer zum Hintergrund gelangt und die Beziehungen der verschiedenen Schichten und Verwerfungen zu erkennen vermag, wird zur wahren Sch\u00f6nheit gelangen. Dem <em>Cyberspasz<\/em> entkommt man, nicht bei mit einer Kritik der Vernunft, sondern durch Kontemplation, in der Kunst, in der Philosophie und schliesslich in der Verneinung des Willens durch Verzicht und Askese. Die Typen in diesen Novellen bewegen sich im Universum der Vorstellungen und werden das Gef\u00fchl nicht los, dass sie st\u00e4ndig ihr Aufwachen hinausz\u00f6gern. Aufwachen w\u00fcrde f\u00fcr sie bedeutet: endlich innezuwerden, was die Welt ist, ausser, dass sie ihre Vorstellung ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Cyberspasz, a real virtuality<\/strong>, Novellen von A.J. Weigoni, Edi\u00adtion Das Labor, M\u00fclheim an der Ruhr 2012.<\/p>\n<div style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=8114&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz.jpeg 657w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Cyberspasz-194x300.jpeg 194w\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Covermontage: Jesko Hagen<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">KUNO \u00fcbernimmt Artikel von Jo Wei\u00df aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/10\/05\/turbokapitalistischer-realismus\/\">Kultura-extra<\/a>, von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/08\/09\/alles-klappt-in-ihrem-leben-doch-nichts-gluckt\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von <span class=\"vcard author\"><span class=\"fn\">Christine Kappe<\/span><\/span> <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">aus der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/01\/ein-buch-ist-eine-stadt\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht in <em>Cyberspasz<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/12\/26\/eine-ebenso-poetische-wie-praezise-geschichtsprosa\/\">pr\u00e4zise Geschichtsprosa<\/a>. Margaretha Schnarhelt erkennt in der <em>real virtuality<\/em> eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/30\/cyberzomb\/\">hybride Prosa<\/a>. Enrik Lauer deutet diese Novellen als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/09\/01\/der-cyberspace-als-wille-und-vorstellung\/\">Schopenhauer<\/a>s Nachwirken im Internet. In einem Essay betreibt KUNO <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/16\/dystopische-zukunftsforschung\/\">dystopische Zukunftsforschung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man ging nach Aussen, in alle Richtungen, statt in sich zu gehen, wo jedes R\u00e4tsel zu l\u00f6sen ist. Schopenhauer Alles was wir sind, ist ein Resultat dessen, was wir gedacht haben. 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