{"id":52839,"date":"2010-09-09T00:01:37","date_gmt":"2010-09-08T22:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52839"},"modified":"2023-04-15T15:06:48","modified_gmt":"2023-04-15T13:06:48","slug":"unter-kanonverdacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/09\/09\/unter-kanonverdacht\/","title":{"rendered":"Unter Kanonverdacht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Um mit Gespenstern umzugehen, muss man sie k\u00f6dern mit Fleisch der Gegenwart.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Ruth Kl\u00fcger<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur ist in erster Linie frei, bestenfalls ist sie an \u00e4sthetische Regelsysteme gebunden, nicht aber an eine ausser\u00adli\u00adte\u00adrarische Realit\u00e4t. Zudem ist es nicht \u00fcblich, Verantwortlichkeit f\u00fcr \u00e4sthe\u00adtisches Sprechen ein\u00adzu\u00adfor\u00addern. Problematisch wird es jedoch immer dann, wenn literarische Entw\u00fcrfe und Fi\u00adgu\u00adrationen des Moralischen zu be\u00adwer\u00adten sind. Bei den Zombies geht es dar\u00fcber hinaus um das komplexe Verh\u00e4ltnis von k\u00fcnstlerisch-fiktionalen Ausdrucksformen und deren politisch-moralischer Bedeutung. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andrascz_Weigoni\">A.J. Weigoni<\/a>s literarischen Arbeiten widersetzen sich jedweder Vorstellung von einem <em>ordentlichen<\/em> Werk. Seine Erz\u00e4hlungen haben mit der K\u00e4lte seines Erz\u00e4hlens die erforderliche Betriebstemperatur erreicht, dies liegt wahscheinlich daran, dass dieser Romancier in den Plot seiner Erz\u00e4hlungens die Schreckensthemen der Zeit und die Gegenst\u00e4nde unentschiedenen politischen Streits kunstvoll beil\u00e4ufig eingewebt hat. Gut und b\u00f6se, wahr und falsch sind keine verl\u00e4sslichen Gr\u00f6\u00dfen mehr, und jede Wahrnehmung ist in alle Richtungen offen f\u00fcr Manipulation und Suggestion, f\u00fcr L\u00fcge und Selbstbetrug, f\u00fcr Sinnlichkeit und Begehren. Seine S\u00e4tze sind produktive St\u00f6rfaktoren im vermeintlich Bekannten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wer braucht noch Untote, wenn die marodierenden Lebenden den Job allein erledigen?<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei den <em>Zombies<\/em>, deren K\u00f6rper man die Geister ausgetrieben hat, begegnen wir nur noch seinen sterblichen \u00dcberresten. Es sind die \u00dcberreste eines Exorzismus, auch eines Exorzismus der Geschichte.Weigoni leuchtet viele Winkel der deutschen Gesellschaft aus: kaputte Mittelstandsmilieus und Einwanderghettos und \u00f6de Spelunken. Zwischen gut gelauntem Nihilismus und satirischer Kulturkritik beschreibt Weigoni wie sich sich die westliche Gesellschaft h\u00e4utet. Ob sie sich dabei ihrer selbst entledigt oder aber zu einer neuen Form findet, bleibt abzuwarten. Das westliche Denken verschweigt die tats\u00e4chlichen Probleme der Gesellschaft. Wenige Intellektuelle haben sich bislang Gedanken \u00fcber den globalisierten Menschen, seinen Alltag, seinen K\u00f6rper, seine Sexualit\u00e4t, kurz gesagt: \u00fcber sein Leben gemacht. Die Skandale des Denkens beginnen erst jenseits des Schreckens, des Vorstellbaren. Sie sind aber bitter n\u00f6tig f\u00fcr die Psychohygiene des Literaturbetriebs und k\u00f6nnen nur von Au\u00dfenseitern inszeniert werden, kaum von Salon-Revolution\u00e4ren, wie man sie in zwischen Berlin, Leiptig und Hildesheim gerne ausstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Der Kapitalistische Realismus bringt lediglich Upgrades des Bestehenden hervor und pr\u00e4sentiert eine Zombie-Kultur auf immer h\u00f6her aufl\u00f6senden Bildschirmen.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Mark Fisher<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Erz\u00e4hlungen sind souver\u00e4ne Kanteng\u00e4nge in den Randzonen menschlicher Existenz und zugleich ein Gegenentwurf zu den Prolo\u2013Kom\u00f6dien, die als ungesch\u00f6nte Milieubilder\u00a0daherkommen, letztlich aber nur\u00a0Freakshows sind, die statt Menschen Witzfiguren zeigen. Es wird erz\u00e4hlt von Idiosynkrasien, vom verschrobenen Alltag, von Wahrnehmungsmaniacs, von leicht aus ihren Wirklichkeitszusammenh\u00e4ngen geworfenen Menschen. Und all das spiegelt sich in der kunstvollen Sprache wider. Die Realit\u00e4t wie in einem Vergr\u00f6sserungsglas. Diese Zombies demaskieren die Welt und deren Machtverh\u00e4ltnisse. Die kleinen Dinge des Lebens nehmen eine verzerrte Gestalt an, sie irritieren und melden sich zu Wort. Es sind Details und verkorkste Typen, die Weigoni interessieren, in denen seine Poetik und seine Poesie zu sich kommen. Die <em>Zombies<\/em> wissen durch alle Skurrilit\u00e4ten und Absurdit\u00e4ten die W\u00fcrde ihrer Protagonisten zu verteidigen. Das\u00a0Lachen \u00fcber sie ist immer empathisch, nie abf\u00e4llig.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Das Leben und seine Gestalten schweben noch vor ihm wie eine fl\u00fcchtige Erscheinung, wie dem Halberwachten ein leichter Morgentraum, durch den schon die Wirklichkeit durchschimmert.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Arthur Schopenhauer<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der menschliche Lebenswandel produziert seinen eigenen Tod auf Erden mit. Allerorten sind die Grenzen zwischen den Lebenden und den Toten br\u00fcchig &#8211; und somit erz\u00e4hlerisch produktiv geworden. Weigonis Erz\u00e4hlungen haben nicht nur &#8211; wie guter Wein &#8211; einen K\u00f6rper, sie haben ein satirisches Bewu\u00dftsein, das sie mit jeder Silbe ausd\u00fcnsten, das alle S\u00e4tze atmosph\u00e4risch umh\u00fcllt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Zombies<\/strong>, Erz\u00e4hlungen von\u00a0A. J. Weigoni, Edition Das La\u00adbor, M\u00fclheim an der Ruhr 2010.<\/p>\n<div style=\"width: 152px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=52839&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/ZombiesCover3.jpg\" alt=\"\" width=\"142\" height=\"207\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Anja Roth<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchend\u00a0\u2192<\/strong> KUNO \u00fcbernimmt einen Artikel von Karl Feldkamp aus <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/08\/07\/tote-lebende\/\">Neue Rheinische Zeitung<\/a> und von Jo Wei\u00df von <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/02\/18\/turbokapitalistischer-realismus\/\">fixpoetry<\/a>. Betty Davis sieht darin die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/03\/18\/zur-gegenwartslage-der-literatur\/\">Gegenwartslage der Literatur<\/a>, Margaretha Schnarhelt kennt den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/01\/18\/bissfest\/\">Ausgangspunkt<\/a> und Constanze Schmidt erkennt literarische <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/10\/23\/polaroids-von-den-schattenseiten-der-gesellschaft\/\">Polaroids<\/a>. Holger Benkel beobachtet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/10\/25\/kleine-damonen-auf-tour\/\">Kleine D\u00e4monen auf Tour<\/a>. Ein Essay \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2010\/01\/18\/der-sudelbuchschreiber\/\">Unlust am Leben, Angst vor\u2019m Tod<\/a>. F\u00fcr Jesko Hagen bleiben die Untoten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/12\/die-untoten-sind-lebendig\/\">lebendig<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um mit Gespenstern umzugehen, muss man sie k\u00f6dern mit Fleisch der Gegenwart. Ruth Kl\u00fcger Literatur ist in erster Linie frei, bestenfalls ist sie an \u00e4sthetische Regelsysteme gebunden, nicht aber an eine ausser\u00adli\u00adte\u00adrarische Realit\u00e4t. 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