{"id":52834,"date":"2020-03-17T00:01:00","date_gmt":"2020-03-16T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52834"},"modified":"2022-03-01T12:48:29","modified_gmt":"2022-03-01T11:48:29","slug":"bildungsreise","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/17\/bildungsreise\/","title":{"rendered":"Bildungsreise"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine zwanzigt\u00e4gige Schiffsreise von Antwerpen bis Istanbul im Juli 1967 aus der Erz\u00e4hlperspektive eines Sechzehnj\u00e4hrigen, in der Form von Tageb\u00fcchern aufgezeichnet \u2013 das verspricht ein besonderes Lesevergn\u00fcgen, zumal der Roman des Heranwachsenden oft die Ebenen in der Wahrnehmung des Erz\u00e4hlers wechselt. Bereits die Ankunft im Hafen von Antwerpen gestaltet sich aus ungew\u00f6hnlich. St\u00e4ndig f\u00fchrt er Gespr\u00e4che mit seinem Papa, beschreibt dessen \u00c4u\u00dferes, fl\u00fcchtet sich in innere Monologe, kommentiert Papas Aussagen \u00fcber die bevorstehende Schiffsreise mit dem Frachtschiff <em>Albireo<\/em>, reflektiert seine wachsende Unruhe und diffuse Angst vor dem Kolo\u00df. Er tr\u00e4umt sich sogar in die Welt eines Hafenarbeiters hinein, solange, bis er aufwacht und seinen Papa aus einem Friseurladen abholt, in dem der sich f\u00fcr die lange Seereise aufpolieren l\u00e4sst. Selbst der langwierige Einstieg \u00fcber die Gangway in das Frachtschiff ist Gegenstand ihres Zwiegespr\u00e4chs, das langatmig, aber nicht langweilig ist. Es dient dem vorsichtigen Abtasten der Konturen des riesigen Schiffs, in dem sie l\u00e4nger als drei Wochen als Passagiere verbringen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der \u00e4u\u00dferen Wahrnehmung der <em>Albireo <\/em>folgt die intensive Inspektion der Schlafkabine, des Speisesalons und der vielen G\u00e4nge, die zum Deck oder in die Maschinenr\u00e4ume f\u00fchren. Doch damit nicht genug, auch die Besatzungsmitglieder werden bald in Gespr\u00e4che verwickeln, ihre zuf\u00e4lligen Kommentare benutzt der jugendliche Erz\u00e4hler in seinem Extra-Tagebuch, in dem er die Vorz\u00fcge und Verhaltensweisen seiner jeweiligen Bekanntschaften aufzeichnet. \u00dcberhaupt scheint ihm \u2013 auch mit Papas Hilfe &#8211; nichts zu entgehen. Kein Wunder, denn die beiden \u00fcbertreffen sich gegenseitig in ihren lehrreichen Kommentaren und wissensbeladenen Aussagen. Besonders wenn es um die <em>Odyssee\u00a0<\/em>von Homer geht, die sie in der Schiffsbibliothek entdeckt haben. Sie dient ihnen als antikes Vorbild f\u00fcr ihre Reise durch das Mittelmeer, dar\u00fcber reden sie st\u00e4ndig, um sich gegenseitig zu beweisen, wie l\u00fcckenhaft ihre Kenntnisse in Altgriechisch sind. Oder sie f\u00fcllen diese L\u00fccken, wenn der jugendliche Joannis zum Beispiel mal eine ganze Passage aus der <em>Odyssee\u00a0<\/em>auswendig zitiert. Da begreift der Leser sehr schnell, dass er es hier mit einem superklugen, sp\u00e4t pubertierenden jungen Mann zu tun hat und mit dessen allseitig gebildeten, immer auf der H\u00f6he seiner Zeit denkenden und handelnden Papa. Das merken auch Kapit\u00e4n, Erster Offizier und Schiffsingenieur sehr schnell, denn sie suchen immer \u00f6fter die N\u00e4he der beiden hochintelligenten Passagiere, um von ihren zu lernen, aber auch ihnen vieles aus ihrem Leben und von ihren Schiffsabenteuern preis zu geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stehen ihnen auch mit Rat und Tat bei, als der erste schwere Sturm aufzieht, der den jungen Ioannis ganz schlimm erwischt, sehr zum Erstaunen seines Vaters, der ganz der erfahrene Seemann, unger\u00fchrt in der Schlafkabine weiter in der <em>Odyssee<\/em>liest. \u00a0An seiner Stelle aber k\u00fcmmert sich Denis, der junge Steward, so r\u00fchrend um Ioannis, dass der Leser ein heimliches homoerotisches Verh\u00e4ltnis vermuten k\u00f6nnte, wenn es Papa nicht mit seinen lebensklugen Kommentaren gebe. Nach dem Sturm ist nicht alles wie vor dem Sturm. Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den gelehrten deutschen Passagieren und der Schiffsleitung verdichten sich so sehr, dass selbst Kapit\u00e4n Reckling viele private Geheimnisse \u00fcber sein Leben offenbart, so dass ihm der ger\u00fchrte Ioannis gesteht, dass Herr Reckling wohl die Freiheit \u00fcber alles liebe. Sp\u00e4testens an dieser Stelle des Romans ist der Leser endg\u00fcltig davon \u00fcberzeugt, dass er mit den Bekenntnissen eines \u00fcberreifen Heranwachsenden vertraut gemacht wird. Denn er wird mit so vielen doppelten und dreifachen Reflexionen aus dem intimen Tagebuch, den Aufzeichnungen seines Vaters (die der Autor nach seinen Angaben unmittelbar w\u00e4hrend der Reise geschrieben hat) und sogar den euphorischen Postkarten an die Mama konfrontiert, dass er manchmal ganz den \u00dcberblick \u00fcber den Reiseverlauf und die vielen lebensklugen Einsichten der handelnden Personen verliert. Erst als die <em>Albireo\u00a0<\/em>und Odysseus die schwersten St\u00fcrme \u00fcberstanden haben, gibt er sich ganz erleichtert der Erz\u00e4hlung \u00fcber die griechischen Landg\u00e4nge in Patros und Athen hin. Denn nun beginnt das griechische Liebesabenteuer mit der sch\u00f6nen Delia. St\u00fcrmisch, unbek\u00fcmmert (selbst nach Papas anf\u00e4nglicher Skepsis), leidenschaftlich und offenm\u00fctig \u2013 so schildert Ioannis seine erotischen Erlebnisse. Allerdings mit der Einsicht, dass er noch nicht reif f\u00fcr die gro\u00dfe Liebe sei. Eine Erkenntnis, die der Autor Ortheil in den beiden Erz\u00e4hlpassagen Sex 1 und Sex 2 (vgl. S. 471 -473) ebenso wie die zahlreichen Passagen aus den Reiseb\u00fcchern \u00fcber Athen augenscheinlich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt eingef\u00fcgt hat. Delias Liebe und Hinneigung zu Ioannis wird als Ausdruck eines emanzipatorischen Handelns der beiden jugendlichen Protagonisten geschildert. Rund f\u00fcnfzig Jahre nach der Tagebuch-Aufzeichnung k\u00f6nnte der Leser in dem ungest\u00fcmen Verlangen von Delia gegen\u00fcber \u201eihrem\u201c Ioannis eine indirekte Andeutung einer anzustrebende Auss\u00f6hnung zwischen Griechen und Deutschen erkennen. Eine Vermutung, die sich die durch die Tagebuch-Aufzeichnung von Ioannis am Schauplatz Athen erh\u00e4rten l\u00e4sst. Delia bringt dorthin ihre engste Verwandtschaft mit, um \u201eihrem\u201c Ioannis zu signalisieren, wie freundschaftlich die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen sind. Eine so herzliche Begegnung \u00fcberrascht auch den Rezensenten, der zu bedenken gibt, dass die Nazi-Verbrechen w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs in der griechischen \u00d6ffentlichkeit immer wieder der Gegenstand von Wut, Emp\u00f6rung und sogar Vergeltung waren und bis in die j\u00fcngste Gegenwart \u00f6ffentlich diskutiert werden. Insofern ist es bedauerlich, dass die langen Romanpassagen \u00fcber Athen und seine antiken Sch\u00e4tze keine Verweise \u00fcber die Kriegsverbrechen der Deutschen enthalten, sondern sich \u2013 neben fachlichen Kommentaren &#8211; in harmonischen Schilderungen \u00fcber griechisch-deutsche Freundschaft ergehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweifellos erweisen sich diese abschlie\u00dfenden Kapitel \u00fcber Athen und Istanbul (23.-30. Juli 1967) als au\u00dfergew\u00f6hnlich dicht in der Vermittlung von sinnlicher Wahrnehmung, w\u00e4hrend manche der vorausgehenden Kapitel \u00fcber die Seereise von nicht wenigen klugschw\u00e4tzerischen Dialogen beherrscht werden. Es sind Erz\u00e4hlverfahren, die aber auch die ironische Distanz zum Erz\u00e4hlten nicht ausschlie\u00dfen, wovon der \u00fcberreife Erz\u00e4hler in seinen zahlreichen, in Klammern notierten Erg\u00e4nzungen ausgiebig Gebrauch macht. Viel spannender noch ist der Gebrauch der verschiedenen narrativen Verfahren, die so manche subjektiv aufgeladene Aussage des Erz\u00e4hlers in Frage stellen, aber auch mit Fakten versehen, die dem Erz\u00e4hlten eine authentische Qualit\u00e4t verleihen. Das betrifft unter anderen wesentliche Geschehnisse aus der Kindheit des Autors. Sie betreffen seine Stummheit in der fr\u00fchen Kindheit und seine \u00fcberaus hoch entwickelte Musikalit\u00e4t in der Form einer Pianistenlaufbahn indirekt und direkt in den Roman einflie\u00dfen. Insofern verweist der Tagebuch-Roman auch auf wesentliche Passagen aus Hanns-Josef Ortheils Roman <em>Die Erfindung des Lebens<\/em>aus dem Jahr 2010. Sie verweisen auf eine Ich-zentrierte Erz\u00e4hlweise, die in der vorliegenden Mittelmeerreise vielschichtig hinterfragt werden und den erz\u00e4hlten Topoi eine hohe Plastizit\u00e4t vermitteln, sehr zur Freude des Lesers und manchmal auch zu dessen Verdru\u00df, weil ihm die st\u00e4ndigen superklugen Kommentare von Papa, ungeachtet ihrer sarkastischen Konnotationen ein wenig \u201eauf den Docht\u201c gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=52834&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover.jpg 1020w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover-300x291.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Cover-768x746.jpg 768w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"258\" \/><\/a><strong>Die Mittelmeerreise<\/strong>, Roman eines Heranwachsenden, von Hanns-Josef Ortheil. M\u00fcnchen (Luchterhand).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Eine zwanzigt\u00e4gige Schiffsreise von Antwerpen bis Istanbul im Juli 1967 aus der Erz\u00e4hlperspektive eines Sechzehnj\u00e4hrigen, in der Form von Tageb\u00fcchern aufgezeichnet \u2013 das verspricht ein besonderes Lesevergn\u00fcgen, zumal der Roman des Heranwachsenden oft die Ebenen in der Wahrnehmung des&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/03\/17\/bildungsreise\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1364,1158],"class_list":["post-52834","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-hanns-josef-ortheil","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52834","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=52834"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52834\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101369,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/52834\/revisions\/101369"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=52834"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=52834"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=52834"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}