{"id":5249,"date":"2012-06-01T00:30:08","date_gmt":"2012-05-31T22:30:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=5249"},"modified":"2019-04-10T08:50:35","modified_gmt":"2019-04-10T06:50:35","slug":"zwischen-ideologie-und-liebe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/06\/01\/zwischen-ideologie-und-liebe\/","title":{"rendered":"Zwischen Ideologie und Liebe"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Cover1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-5252\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Cover1-179x300.jpg\" alt=\"\" width=\"179\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Cover1-179x300.jpg 179w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/06\/Cover1.jpg 520w\" sizes=\"auto, (max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><\/a>Landflucht ist zurzeit nicht nur in Deutschland in. Viele streben in die St\u00e4dte. Der Arbeit, des\u00a0abwechselnden Kulturangebots wegen, und um in st\u00e4dtischer Anonymit\u00e4t der sozialen Kontrolle auf dem Land zu entgehen. Aber auch d\u00f6rfliche Langeweile und der Wunsch nach Abenteuer sind sicherlich Ausl\u00f6ser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marie, die Protagonistin in Leander Sukovs Roman, entflieht ihrem verschlafenen und idyllischen Ex-DDR-Dorf, dem Vater, der IM bei der Stasi war, und der Mutter, die \u00bbein Bein hinter sich herzieht\u00ab. Sie fl\u00fcchtet aus einem Land, in dem viele glaubten, sie w\u00e4ren von morgen, und die nach dem Scheitern des so genannten realen Sozialismus einsehen m\u00fcssen und nicht unbedingt wollen, dass sie doch Gestrige sein sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit Hilfe der Eltern zieht Marie ins \u203awiedervereinte\u2039 Berlin, in ein Gr\u00fcnderzeithaus mit Balkon zum Hinterhof. Vater und Mutter kehren danach in ihr Dorf zur\u00fcck, und sie versucht, ihr Leben in der Stadt, die \u00bbbunt und grau und laut\u00ab im Gegensatz zur ihrem Herkunftsort ganz und gar nicht schl\u00e4ft.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u00a0Marie f\u00fchlt sich bald einsam und will selbstverst\u00e4ndlich nicht einsam sein<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie macht sich auf den Weg. Lernt in Kneipen und auf der Stra\u00dfe vor allem M\u00e4nner kennen. Vom kleinen, aber unreifen Revoluzzer bis zum v\u00e4terlichen Freund. Mit allen geht sie ins Bett, s\u00fcchtig nach W\u00e4rme und N\u00e4he, doch unf\u00e4hig zu lieben. Auch in einer lesbischen Beziehung mit einer Gastwirtin sucht sie vergeblich tiefe Liebesgef\u00fchle. Und selbst, wenn sie aufrichtig geliebt wird, kann sie diese Liebe nicht erwidern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zugleich ist Marie ein politischer Mensch, der Widerstand gegen Ungerechtigkeit leistet und sich der sozialistischen Ideologie und dem Antifaschismus verbunden f\u00fchlt. Auf der Suche nach Wahrheit, die ihrer Suche nach wahrer Liebe entspricht,\u00a0 leidet sie immer wieder unter der Verlogenheit unserer gegenw\u00e4rtigen Verh\u00e4ltnisse, ohne selbst dieser Verlogenheit entgehen zu k\u00f6nnen. So macht sie vor allem in sexuellen Beziehungen immer wieder Liebe vorspielend mit, wie ihr Vater als IM aus Angst in der DDR Linientreue heuchelnd mitgemacht hat. Ihn verachtet sie daf\u00fcr, da er nicht aus \u00dcberzeugung handelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Sie selbst f\u00fchlt sich bei ihrer Heuchelei nicht wohl<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nachdem sie ein Opfer von Polizeigewalt bei einer Demonstration gegen Rechtsradikale wurde und sich dabei schwere Verletzungen einhandelte, findet sie endlich den Mann, der sie tr\u00e4gt und tragen kann. Bei ihm kann sie sich fallen lassen und zum ersten Mal echte Liebe sp\u00fcren. Damit hat der Roman ein Happy End. Allerdings verliert Marie den Geliebten kurz darauf unter tragischen Umst\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sukov hat eine dichtgedr\u00e4ngte ereignisreiche Liebesgeschichte einer jungen lebenshungrigen Frau geschrieben, die zwischen ideologischen Anspr\u00fcchen und emotionalen W\u00fcnschen einen Lebensweg sucht. Zwischen diesen Widerspr\u00fcchen ringt sie sowohl um die eigene politische als auch menschliche Glaubw\u00fcrdigkeit. Und im Epilog findet sie dann endlich zu einer Identit\u00e4t, mit der sie f\u00fcr sich feststellen und zugleich bitten kann:\u00a0 \u00bbNennt mich Marie. Ich bin keine von den Anderen\u00bb \u2026 \u00bbLasst mich allein.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sukovs Roman ist ein gelungener Versuch, die j\u00fcngere deutsche Vergangenheit belletristisch aufzuarbeiten. Er l\u00e4sst tiefe Einblicke in das Innenleben jener zu, die ihre Wurzeln in der vermutet gesellschaftlich fortschrittlichen DDR hatten und die sich jetzt dem Kapitalismus des Westens ausgeliefert sehen, der l\u00e4ngst einer ausbeuterischen Vergangenheit angeh\u00f6ren sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leser, die mehr und vor allem auch emotional von der nur bedingt gelungenen Vereinigung der einstigen beiden deutschen Staaten verstehen wollen, kann er eine \u00e4u\u00dferst erkenntnisreiche Lekt\u00fcre werden. Doch auch Leser, die eine ehrliche und moderne Liebesgeschichte lesen wollen, in der es um das Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit geht, werden den Roman mit gro\u00dfem Gewinn lesen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Warten auf Ahab oder Stadt Liebe Tod<\/strong>, von Leander Sukov. Kulturmaschinen Verlag, Berlin, 2012, 279 S., \u20ac 17,80<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Landflucht ist zurzeit nicht nur in Deutschland in. Viele streben in die St\u00e4dte. Der Arbeit, des\u00a0abwechselnden Kulturangebots wegen, und um in st\u00e4dtischer Anonymit\u00e4t der sozialen Kontrolle auf dem Land zu entgehen. 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