{"id":52228,"date":"2018-07-08T00:01:39","date_gmt":"2018-07-07T22:01:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52228"},"modified":"2021-10-24T00:08:02","modified_gmt":"2021-10-23T22:08:02","slug":"identitaeten-am-rande","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/08\/identitaeten-am-rande\/","title":{"rendered":"identit\u00e4ten am rande"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin der HERR DER RINGELsocken. Mit meinem StrohHUT<\/p>\n<p>sitze ich auf einer StufenMauer und schaue dem Leben zu.<\/p>\n<p>Den Revolver, mit dem ich im DrogenRausch meine Frau<\/p>\n<p>erscho\u00df, trage ich nicht mehr. Als Waffe benutze ich nun<\/p>\n<p>meine Brille mit KrankenKassenGeStell: Der BeOhbAchter<\/p>\n<p>gilt als gef\u00e4hrlich, weil er nicht mithilft<\/p>\n<p>die Welt und alles um sie herum zugrunde zurichten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zutiefst verunsichert singe ich HeimatLosenMelodien.<\/p>\n<p>Dichten im elekTHRONischen Netz kam f\u00fcr mich nicht<\/p>\n<p>in Frage, da ich mich als ThemenReiter und BauchSchl\u00e4fer<\/p>\n<p>der Erstellung der gaLEERie meiner toten Freunde ver-<\/p>\n<p>schrieben hatte: Sie wollte ich, ihrer und meiner<\/p>\n<p>Verg\u00e4nglichkeit zum Trotz, wiederaufLEBEN lasse,<\/p>\n<p>an sie wollte ich mich geb\u00fchrend erINNERN.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kraft der Bilder gab mir die W\u00f6rter zur\u00fcck:<\/p>\n<p>So machte ich mit BeTonung und WiederHolung<\/p>\n<p>aus einem MoTief mein LeidMoTief. Selbstr mein<\/p>\n<p>armseeliges Leben ohne AbendTeuer kann nun m\u00fcthologisch<\/p>\n<p>interpr\u00e4tiert werden. Doch durch meine GrossZ\u00fcgigKeit<\/p>\n<p>weht ein wenig Kummer: Mit dieser Einstellung wurde aus<\/p>\n<p>mir ein DurchSchnittsTyp mit grandioser Ausstrahlung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bunt und krampfhaft locker sichte ich<\/p>\n<p>L\u00fcderlichkeits-Material, meine vielseitigen Interessen<\/p>\n<p>lenken mich dabei vom WESENtlichen ab. VerGn\u00fcgungen<\/p>\n<p>aus einer anderen Zeit wurden mein NationalTheater:<\/p>\n<p>Durch HinEinSchl\u00fcpfen ins bANALe glaubte<\/p>\n<p>ich mich rigoros zu ver\u00e4ndern. Jedoch blieb ich immer<\/p>\n<p>das gleiche ArschLoch: Weiche Schaale ohne Kern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein PaNoRama der Nichtigkeit bereite ich \u00fcber<\/p>\n<p>mich aus. Zuerst \u00fcberREICHte ich meinem schWARM Briefe,<\/p>\n<p>doch sie wollte DiaManten. Dann schenkte ich ihr<\/p>\n<p>DiaManten, doch sie sehnte sich nach Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Als F\u00e4lscher unter F\u00e4lschern kam ich nur bis zu<\/p>\n<p>der j\u00e4mmerlichen Erkenntnis: Bin ich<\/p>\n<p>immer noch Buddhist oder schon TOTal reSIGNiert?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In L\u00fcmmelSchritten geh&#8216; ich durch&#8217;s Leben,<\/p>\n<p>so als sei ich der HERR DER RINGElsocken, mit einem<\/p>\n<p>StrohHUT und einer StufenMauer. Nat\u00fcrlich hatte ich<\/p>\n<p>noch nie einen Drogenrausch und schon gar nicht k\u00f6nnte<\/p>\n<p>ich meine Frau erschiessen. Ich hatte alle POINTen<\/p>\n<p>verstolpert und der ErFolg hatte mich auch nicht und<\/p>\n<p>nichts ver\u00e4ndert: Ich huldige den L\u00fcgen der TalEnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\">eine Leseprobe aus: <strong>Die Helden des R\u00fcckzugs<\/strong>, Gedichte von Bernd HARLEM Fischle, erschienen bei KILLROY <i>media<\/i><\/p>\n<p><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=49736&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/die-helden-des-ruckzugs_9783931140274.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 172px) 100vw, 172px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/die-helden-des-ruckzugs_9783931140274.jpg 419w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/die-helden-des-ruckzugs_9783931140274-194x300.jpg 194w\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der gedichtband enth\u00e4lt texte, die zwischen 1992 und 2009 entstanden und von randexistenzen handeln, die sich vor allem in der kneipe \u00bbBiereck\u00ab treffen. der name harlem verweist auf einen ursprung der identit\u00e4t des autors, der 1951 in stuttgart geboren wurde, 1986 ein neunmonatiges stipendium im new yorker stadtteil harlem hatte und sich als au\u00dfenseiter mit der dortigen afroamerikanischen kultur identifiziert. ich dachte beim lesen an den film \u00bbSchatten\u00ab von john cassavetes. in den texten erw\u00e4hnt oder auf fotos abgebildet finden sich, wenn ich alle richtig erkannt habe, paul bowles, william gaddis, rolf dieter brinkmann, g\u00fcnter bruno fuchs, hermann peter piwitt, franz josef degenhardt, john huston, rainer werner fassbinder, miles davis, bob dylan und neil young. mitunter denkt man auch an fr\u00fche lieder von hannes wader.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">fischles \u00bbHinterhofgedichte\u00ab beschreiben verh\u00e4ltnisse, zust\u00e4nde, lebensbedingungen und lebensformen der \u00bbW\u00fcrglichkeit\u00ab von randexistenzen und wecken so ein verst\u00e4ndnis f\u00fcr die \u00bbF\u00fclle des Abseitigen, Sch\u00e4bigen und Unerh\u00f6rten\u00ab. \u00bbMeine Helden leben in \u00e4rmlichen Zimmern und verbringen \/ die N\u00e4chte in BIERECKEN: Sie fristen das anTRIEBsschwache Leben von EigenBr\u00f6tlern. Zwischen kindlich unbefangener \/ EuForie und rasiermesserscharfer SelbstAnal\u00fcse \/ erwarten sie baldiges Gl\u00fcck und sp\u00e4tes AnSehen.\u00ab, \u00bbDurch meine faustgro\u00dfen L\u00f6cher in den HosenTaschen \/ entWICH der Zwang zum Gl\u00fcck, der Hang zur PerFektion.\u00ab, \u00bbMelancholie, fl\u00fcsterte meine \/ PommesLiebe, sei f\u00fcr uns Trauer ohne Thema.\u00ab, \u00bbWer weggeht, tr\u00e4umt, sagte ich mir, und wer tr\u00e4umt kann \/ soviel l\u00fcgen wie er m\u00f6chte, denn ihm glaubt mann sofort.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der leser findet dialoge wie: \u00bbWir seien der globalisierte \/ Stammtisch, raunzte unser kommunistischer KNURRhund: Arbeitslose \/ aus aller Herren L\u00e4nder. Na, denn PROUST, grinste VorStadtHeinz.\u00ab andere figuren des lokals, die in einer selbstironischen umgangssprache miteinander reden und die welt kommentieren, hei\u00dfen \u00bbBierErnst\u00ab, \u00bbW\u00fcrfelRudi\u00ab oder \u00bbFreizeitJ\u00fcrgen\u00ab. der autor selbst ist der \u00bbNegerDichter\u00ab. so formiert sich eine kultur der abgedr\u00e4ngten, die weder hochkultur noch kleinb\u00fcrgerlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">diese gedichte sind gewollt kunstlos im ton. bernd harlem fischle versucht gar nicht erst, sie kunstvoll zu machen, hat keine illusionen gegen\u00fcber seinen texten und vielmehr \u00bbRespekt vor grandioser Erfolglosigkeit.\u00ab wie er schreibt, sagt er selber: \u00bbin einer Mischung aus GossenSprache und zusammengelesenen Weisheiten.\u00ab an einer stelle konstatiert er: \u00bbMein Schreiben berichtete immer wieder vom zwanghaften Festhalten \/ an der Oberfl\u00e4che: ich war nicht gl\u00fccklich, aber cool.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">allein schon das schriftbild einer alten schreibmaschine, wobei zudem noch einzelne w\u00f6rter und zeilen sichtbar korrigiert und \u00fcberklebt wurden, verweist auf das randst\u00e4ndige von autor und gedichten. er erkl\u00e4rt, da\u00df er kein perfektionist sein wolle, weil das ungl\u00fcck immer perfekt, das gl\u00fcck jedoch meist unperfekt sei. h\u00e4ufig werden w\u00f6rter durch hervorhebungen von buchstaben verfremdet, so bei \u00bblebensF\u00fclloSoffie\u00ab, \u00bbbeWUNDert\u00ab, \u00bberINNERN\u00ab oder \u00bbKuLissen\u00ab. das sind also durchaus kunstgriffe und manche formulierungen sogar sprichw\u00f6rtlich zitierbar: \u00bbRealit\u00e4t ist die sch\u00f6ne Illusion, die durch AlkoholMangel entsteht.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich bin der HERR DER RINGELsocken. 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