{"id":52088,"date":"2018-12-18T00:01:07","date_gmt":"2018-12-17T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088"},"modified":"2022-02-18T20:48:27","modified_gmt":"2022-02-18T19:48:27","slug":"heimatroman-der-tiefsinnigeren-art","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/18\/heimatroman-der-tiefsinnigeren-art\/","title":{"rendered":"Heimatroman der tiefsinnigeren Art"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Im rheinischen Brauhaus ist die Utopie der klassenlosen Gesellschaft zur Realit\u00e4t geworden.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer A.J. Weigoni uneingeschr\u00e4nkt Glauben schenken m\u00f6chte, wird bei der Lekt\u00fcre von seinem Roman <em>Lokalhelden<\/em> vorschnell annehmen, der wahre Rheinl\u00e4nder habe keine Heimat und sein eigentliches Zuhause sei dort, wo Oberg\u00e4riges ausgeschenkt werde \u2013 im rheinischen Brauhaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Der Rausch durch das \u201eLekker Oberg\u00e4rig\u201c f\u00fchrt die Rheinl\u00e4nder nirgendwo hin, diese Typen brauchen immer wieder eine zerst\u00f6rerische Verwirklichung, um \u00fcberhaupt zu existieren. <\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die tiefgr\u00fcndigen philosophischen und psychologischen Erkenntnisse \u00fcber K\u00f6lsche und andere Anwohner am mittleren Teil des deutschesten aller Fl\u00fcsse scheinen vor allem unter nicht immer geringem alkoholischen Einfluss der jeweiligen Bekenner beobachtet und aufgeschnappt worden zu sein. Und so mancher mehr oder weniger geschw\u00e4tzige Brauhaus-Gast ist, wenn der Autor Recht behalten sollte, offenbar mit einem schier unermesslichen Repertoire wissenschaftlicher Fachausdr\u00fccke gesegnet. (<span style=\"color: #999999;\">Redaktionelle Anmerkung<\/span>: Als Humanist h\u00e4lt Weigoni die Menschen nicht f\u00fcr d\u00fcmmer als sie wirklich sind.)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Er beherrscht die verlorene Kunst, kleinste Details herauszuarbeiten.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das l\u00e4sst nicht allein R\u00fcckschl\u00fcsse auf den schier unermesslichen Wortschatz des hochbegabten <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/?p=395\">Lyrikers<\/a> Weigoni zu und macht die Romanfiguren zun\u00e4chst eher unglaubw\u00fcrdig, schafft allerdings Typen, die durch den Autor intellektuell \u00fcberh\u00f6ht werden, ohne dadurch als solche real unvorstellbar zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber 25 Jahre hat Weigoni an diesem intellektuell anspruchsvollen und dennoch nicht abgehobenen Heimatroman gearbeitet. Dabei brachte er manches zusammen, was zun\u00e4chst unvereinbar wirkt, zumal er den Rheinl\u00e4nder u.a. als Meister einer Philosophie widerspruchsloser Widerspr\u00fcche darzustellen wei\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nicht nur dabei verbindet Weigoni manches, was in der Form kaum vorstellbar ist. F\u00fcr ihn wirkt der Rheinl\u00e4nder offenbar wie ein Sammelsurium unterschiedlichster Verhaltens- und Denkschemata. Was im \u00fcbrigen den echten Historiker kaum verwundert, da das Rheinland bereits in vorr\u00f6mischer Zeit nahezu unabl\u00e4ssig von fremden V\u00f6lkern durchwandert und erobert worden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Somit wurde bereits vor Jahrtausenden die rheinische Anpassungsf\u00e4higkeit und Toleranz immer und immer wieder herausgefordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da Deutschland im Herzen Europas ebenfalls Jahrtausende lang Durchzugsgebiet war, steht das Rheinland in vielem auch noch nach der sogenannten Bonner Republik f\u00fcr andere deutsche Lande.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Un\u00fcbersichtlich viele <em>Lokalhelden<\/em> l\u00e4sst der offensichtlich \u00e4u\u00dferst belesende Romanautor mit ihren jeweils ureigenen Ansichten auftreten &#8211; ganz im Sinne der heutigen Massengesellschaft, deren Mitglieder zugleich unbedingt als Individualisten gesehen werden m\u00f6chten und dennoch einer gewissen Spezies angeh\u00f6ren wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Die Rheinl\u00e4nder stehen fest auf dem Boden ihrer Instabilit\u00e4t.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu den Lebensstrategien der Rheinl\u00e4nder geh\u00f6ren nach Weigonis Wahrnehmung und Machart u.a., dass \u201eer sich durchs Leben treiben\u201c l\u00e4sst \u201eund hofft, dass ihm irgendwann klar wird, worauf er eigentlich wartet.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist durchaus vorstellbar, dass der Roman <em>Lokalhelden<\/em> eine \u00e4hnlich abwartende Entstehungsgeschichte hat. Immerhin hat der Autor ein Vierteljahrhundert ben\u00f6tigt, um seinen Roman zu jenem Ende zu bringen, auf das er vermutlich gewartet und zugearbeitet hat. Und in dieser Zeit m\u00f6gen ihm diverse rheinische Zeit-Genossinnen und Genossen begegnet sein, denen er in seinem Roman immer wieder ein Kurzaufnahme gew\u00e4hren konnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich waren dabei auch diverse Jecken bei unterschiedlichsten Karnevalsereignissen, die ihn einer seiner vielen, eher verst\u00e4ndnislosen Protagonisten fragen l\u00e4sst:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eKann eigentlich unsere zivilisierte Welt noch l\u00e4nger akzeptieren, dass Hunderte von Betrunkenen mit bemalten Visagen und lustigen H\u00fctchen durch die Stra\u00dfen marodieren, um eine Schneise der mentalen und \u00e4sthetishen Verw\u00fcstung zu schlagen?\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, denn hier hilft der nahezu zweitausendj\u00e4hrige rheinische Katholizismus. Er hat sich lebenspraktisch immer wieder bew\u00e4hrt und bietet ohne gr\u00f6\u00dferen Aufschub seine Hilfen an.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eMan h\u00f6rt sich schlechte Reden an oder h\u00e4lt sie selbst. Hinterher feiert man, dann ist es <em>futschikato<\/em>, wie nach der Beichte.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e\u201eDer Sumpf ist bereits trockengelegt, wozu noch mit Schlamm schmeissen? Es gibt eine Moral, auch im Morast und eigentlich gerade da\u201e, schlie\u00dft der Pastor den Abend\u201c im Brauhaus \u201esalbungsvoll, faltet die H\u00e4nde und ist mit sich und seiner Rolle zufrieden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kleriker dieser Art sind \u00e4u\u00dferst beliebt in den rheinischen Gefilden. Dogmatische Erzbisch\u00f6fe und ihre geistlichen Helfer bekannterma\u00dfen eher nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrlich l\u00e4sst Weigoni sich sprachlich wohl klingend, wie es sich f\u00fcr einen begabten Lyriker geh\u00f6rt, \u00fcber alle im ach so toleranten K\u00f6ln lebenden Minderheiten aus. Schwule, Lesben, Transen sind seinem und ihrem eigenen rheinischen Singsang und Charme erlegen. \u00a0Banker, Unternehmer, T\u00fcrken, diverse K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstler, Prostituierte, Sozialarbeiter und sogar \u201eHeteronormalverbraucher\u201c stromern durch die unz\u00e4hlige Romanszenen. Einen l\u00e4sst er gar \u201eim heiligen Unernst\u201c frauenemanzipatorische aufst\u00f6hnen:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eIhr Weiber seid intellektuell echt unterfordert und emotional \u00fcberfrachtet.\u201c<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber nicht selten eignen sich Weignonis Ausspr\u00fcche im Sinne kreativ rheinischer Redseligkeit auch als Aphorismen, Kalenderspr\u00fcche und andere Lebensweisheiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allein deswegen ist der Roman mehr als lesenswert. Daher wird hier inhaltlich nichts weiter von den noch so lebensklugen Spr\u00fcchen verraten. Bis auf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keine L\u00f6sung ist auch eine L\u00f6sung. Oft sogar die bessere. Auch wenn der Roman endet:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">\u201eEs l\u00e4sst sich nicht sagen, ob es (das Leben) besser wird, wenn es anders wird; aber so viel kann man wagen: Es muss anders werden, wenn es wirklich gut werden soll.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und nach der Lekt\u00fcre des Romans, den ich hier nicht nur Rheinl\u00e4ndern empfehle, kann es nur besser werden, liebe Leserinnen und Leser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\" align=\"center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Lokalhelden,<\/strong> Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2018 &#8211; Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover.<\/p>\n<div id=\"attachment_44658\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-e1551630453378.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-image-44658 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/CoverLokalhelden-210x300.jpg\" alt=\"\" width=\"210\" height=\"300\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-44658\" class=\"wp-caption-text\">Coverphoto: Jo Lurk<\/p><\/div>\n<p><strong>W<\/strong><strong>eiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesenswert das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34345\">Nachwort<\/a> von Peter Meilchen sowie eine\u00a0bundesdeutsche <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34388\">Sondierung<\/a> von Enrik Lauer. Ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=49303\"><em>Lektoratsgutachten<\/em><\/a> von Holger Benkel und ein Blick in das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=31462\">Pre-Master<\/a> von Betty Davis. Die Brauereifachfrau Martina Haimerl liefert <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44781\">Hintergrundmaterial<\/a>. Ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet. Constanze Schmidt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34331\">Ethnographie<\/a> des Rheinlands. Ren\u00e9 Desor mit einer Au\u00dfensicht auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=30641\">Bonner<\/a> Republik. Jo Wei\u00df \u00fcber den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34337\">Nachschl\u00fcsselroman<\/a>. Margaretha Schnarhelt \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34340\">kulturelle Polyphonie<\/a> des Rheinlands. Karl Feldkamp liest einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52088\">Heimatroman der tiefsinnigeren Art<\/a>. Walther Stonet lotet <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=54020\">Altbierperspektiven<\/a> aus. Conny Nordhoff erkundet die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34295\">Kartografie<\/a>. Zuletzt, ein\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47226\">Rezensionsessay<\/a> von Denis Ullrich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im rheinischen Brauhaus ist die Utopie der klassenlosen Gesellschaft zur Realit\u00e4t geworden. Wer A.J. 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