{"id":52073,"date":"2019-08-25T00:01:05","date_gmt":"2019-08-24T22:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=52073"},"modified":"2022-03-01T14:02:12","modified_gmt":"2022-03-01T13:02:12","slug":"ein-anti-held-der-amerikanischen-gegenwartsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/25\/ein-anti-held-der-amerikanischen-gegenwartsgesellschaft\/","title":{"rendered":"Fremdes Leben  \u2022 Revisited"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Buch Hiob 39,25 als Leitmotiv des Romans verweist nur vage auf den Schlamassel, in den der Ich-Erz\u00e4hler unvermittelt geraten ist, obwohl zun\u00e4chst nichts daraufhin deutet. Paul O\u2019Rourke, Zahnarzt und Facharzt f\u00fcr Prothetik, mit einer prosperierenden Praxis in der Park Avenue in New York, hat es geschafft, dennoch ist er nicht gl\u00fccklich mit seinem Leben. \u201cHalten wir fest\u201c, teilt er seinem Leser mit, \u201eWeder Arbeit noch Freizeit, noch die totale Hingabe an eine h\u00f6here Sache (meine Arbeit, Golf, die Red Sox) konnten alles sein, auch wenn sie den Augenblick perfekt ausf\u00fcllen.\u201c Die t\u00e4gliche Arbeit, das waren Zahnbehandlungen, bei denen die Zahnhygienikerin Mrs. Convoy wie auch Abby und Connie dem Chef assistierten. Ach ja, Connie, war seine ehemalige Ehefrau, die nach der Scheidung weiterhin in der Praxis arbeitete, weil sie als Dichterin kein Einkommen hatte. Und Golf spielen? Das war eine kurzweilige Besch\u00e4ftigung, die ebenso schnell f\u00fcr Paul vor\u00fcber war wie seine Begeisterung f\u00fcr die Baseballspieler der Red Sox, damals im Jahr 2011. Im Januar jenes Jahres passierte in der Praxis etwas sehr Merkw\u00fcrdiges. Paul hatte einem Patienten einen verfaulenden Eckzahn behandelt, als dieser ihm beim Verlassen der Praxis versicherte, er sei ein Ulm so wie er auch. Und nur wenig sp\u00e4ter passierten ungew\u00f6hnliche Dinge im Leben von Paul O\u2018Rourke.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages gratulierte ihm Connie, dass er nun endlich unter Dr. Paul C. O\u2019Rourke, Zahnchirurg, gemeinsam mit den abgebildeten Mrs. Convoy, Abby und Connie auch eine Website habe. Was ihn, der sich stets als Chaot und Mensch, nicht aber als Internet-Marke mit Profil betrachtete, sehr emp\u00f6rte. Doch weder seine Reklamation bei Google noch andere Recherchen auf der Suche nach dem mysteri\u00f6sen Doppelg\u00e4nger, der f\u00fcr ihn immer neue Daten \u2013 sogar eine Bio \u2013 auf seiner Website platzierte und zu allem \u00dcberfluss noch geheimnisvolle Passagen aus der Bibel hinzu f\u00fcgte, erwiesen sich als erfolgreich. Und selbst als O\u2019Rourke der anonymen Person schreibt, sie bittet, mit diesem Unsinn aufzuh\u00f6ren, gelangt er nicht ans Ziel seiner W\u00fcnsche. Ganz im Gegenteil! Der Website-Imitator macht sich lustig \u00fcber ihn, h\u00e4nselt ihn mit Details aus seinem t\u00e4glichen Alltag, so dass Paul sogar wegen der verbl\u00fcffenden Details seine Assistentinnen aus der Praxis verd\u00e4chtigt. In der Zwischenzeit verdichten sich auf der Website von O\u2019Rourke die Vermutungen, dass Pauls Vorfahren dem Stamm der Amalekiter (vgl. Hiob 24,20) angeh\u00f6rt h\u00e4tten. Diese Amalekiter seien von den Israeliten ausgel\u00f6scht worden, nur die Urur-Ahnen der O\u2018Rourkes h\u00e4tten \u00fcberlebt. Pauls Verwirrung ist umso gr\u00f6\u00dfer, weil er als Atheist nun mit j\u00fcdischen Vorfahren konfrontiert wird, von denen er keine Ahnung hat. Doch Aufkl\u00e4rung ist in Reichweite. Sein Rechtsanwalt, den er beauftragt hat, den l\u00e4stigen whisleblower \u00a0aufzust\u00f6bern, ist f\u00fcndig geworden. Einer seiner fr\u00fcheren Patienten, Al Frushtick, ist es. Doch ungeachtet seines Eingest\u00e4ndnisses, dass er O\u2019Rourke-Website eingerichtet habe und ihm diese Mails schicke, erh\u00e4lt Paul weiterhin seltsame Mail-Botschaften. Sein Handy, das er ver\u00e4chtlich Ich-Maschine nennt, wird immer wieder mit Meldungen \u00fcberflutet, wie z.B. er stamme von den Ulms ab, einem anderen biblischen Stamm. Paul l\u00e4sst sich nun auf heftige Widerrede mit der ihm unbekannten Person (nicht Al Frushtick!) ein, die ihn unter seinem Namen immer wieder mit provokanten Aussagen herausfordert. Paul f\u00fchlt sich entm\u00fcndigt und entschlie\u00dft sich, seine Web-Adresse vom Netz zu nehmen. Ein Schritt, der weitere Komplikationen zur Folge hat und in eine v\u00f6llig unerwartete Richtung f\u00fchrte \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem 1974 in Danville (Illinois, USA) geborenen Autor, mit bereits zwei international erfolgreichen Romanen \u201eIns Freie\u201c (2010) und \u201eWir waren unsterblich\u201c (2007) auch auf dem deutschen Buchmarkt vertreten, ist mit dem vorliegenden Roman in mehrfacher Hinsicht etwas gelungen, an dem es in der deutschsprachigen Literatur bislang mangelt. Mit der Figur des Paul O\u2019Rourke und dessen vermeintlichen Doppelg\u00e4nger, der ihm im Internet eine andere Identit\u00e4t vorgaukelt, entf\u00fchrt er seine Leser aus der New Yorker Welt eines Zahnarzt-Chirurgen in die mysteri\u00f6se Irrealit\u00e4t eines biblischen Stammes aus der Geschichte Israels. Der verf\u00fchrerische Reiz der schnoddrigen, dann und wann auch sexistisch aufgeladenen Alltagssprache des Protagonisten Paul, dessen zynischer Ausdrucksweise im Umgang mit seinem Beruf und Frauen, aber auch seine Hilflosigkeit bei der Handhabung der Internet-Schwindeleien machen aus ihm einen Anti-Helden der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft. Dass er infolge einer Internet-Gaukelei zu seinen j\u00fcdischen Wurzeln zur\u00fcckfindet und damit seine hypernerv\u00f6se, atheistische Gro\u00dfstadtexistenz aufgibt, verleiht ihm so viel Sympathie wie auch Rechtfertigung f\u00fcr seinen Entschluss, sein bislang fremdes Leben zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=52073&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Covr_Mein_fremdes-Leben.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 168px) 100vw, 168px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Covr_Mein_fremdes-Leben.jpg 316w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Covr_Mein_fremdes-Leben-190x300.jpg 190w\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Mein fremdes Leben<\/strong>. Roman von Joshua Ferris. Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay. M\u00fcnchen (Luchterhand) 2014.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Buch Hiob 39,25 als Leitmotiv des Romans verweist nur vage auf den Schlamassel, in den der Ich-Erz\u00e4hler unvermittelt geraten ist, obwohl zun\u00e4chst nichts daraufhin deutet. 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