{"id":51523,"date":"2018-08-21T13:01:05","date_gmt":"2018-08-21T11:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51523"},"modified":"2022-03-05T17:26:28","modified_gmt":"2022-03-05T16:26:28","slug":"sozialismus-mit-menschlichem-antlitz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/21\/sozialismus-mit-menschlichem-antlitz\/","title":{"rendered":"Sozialismus mit menschlichem Antlitz"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Wenn man dort einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz will, dann ist es nicht unser Recht, sich in diesen Weg einzumischen. Irgendwann mal war ich \u00fcberzeugter Kommunist, doch 1968 f\u00fchlte ich mich schon eher als Liberaler.<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Pawel Litwinow<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute vor 50 Jahren wurde der &#8222;Sozialismus mit menschlichem Antlitz&#8220; von sowjetischen Panzern niedergewalzt. Mit dem Begriff \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c verbinden sich zwei gegens\u00e4tzliche Vorg\u00e4nge: einerseits der Versuch, einen \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c zu schaffen, andererseits aber auch die gewaltsame Niederschlagung dieses Versuchs durch am 21. August 1968 einmarschierende Truppen des Warschauer Paktes. Die Bezeichnung \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c stammt von westlichen Medien und ist eine Fortf\u00fchrung des Begriffs Tauwetter-Periode, der wiederum auf den Titel des Romans <i>Tauwetter<\/i> von Ilja Ehrenburg zur\u00fcckgeht. Prag mit seiner politischen und kulturellen Aufbruchstimmung war f\u00fcr die Ostdeutschen, was Paris in dieser Zeit f\u00fcr die Westdeutschen war. Als sowjetische Soldaten in Tschechien einmarschierten und die Hoffnung auf einen &#8222;Sozialismus mit menschlichem Antlitz&#8220; begruben, kam es in der DDR zu keinen Massenprotesten, aber zu vielen individuellen Aktionen mit Losungen auf H\u00e4usern und Br\u00fccken, mit Flugbl\u00e4ttern. Es sollte bis zum November 1989 dauern, bis die B\u00fcrger der DDR zu einer &#8211; nicht durch die SED gelenkten &#8211; Massendemonstration zusammenkommen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In seinem ersten Roman <em>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/em> stellt Weigoni die Welt auf die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24403\">Verg\u00e4nglichkeitsprobe<\/a>. Zwischen November 1989 und M\u00e4rz 1990 komprimiert sich deutsche Geschichte unter dem Druck der Ereignisse. Die Inhumanit\u00e4t eines Zeitalters ist integrales Element einer Kunst, die dagegen ihre humanen Gegenkr\u00e4fte aufbietet. Weigoni vergegenw\u00e4rtigt diese Ph\u00e4nomene bis an die Schwelle unserer Gegenwart. Die Gattung des historischen Dramas wird auf seinen <em>historischen<\/em> Hintergrund hin ausgeleuchtet. Er richtet auf die <em>Wandlungen<\/em> der Protagonisten, die er als Analogon zum \u201e<em>Wandel<\/em> in Geschichte und Gesellschaft\u201c begreift, wie er durch die 89-Revolution ausgel\u00f6st. Immanuel Kant hatte als \u201eWiderstandsrecht\u201c gegen staatliche Herrschaft nur die \u201eFreiheit der Feder\u201c, nicht aber die physische und bewaffnete Gewalt gutgeheissen, eine \u00dcberzeugung, die der Kriegsdienstverweigerer Weigoni mit ihm teilt. Die Tyrannei der Fremdbestimmung ruft das Widerstandsrecht und damit die friedliche Revolution auf den Plan. Die Sprache kommt vor allem der Bewu\u00dftseinswandel, den Weigoni als einen Erkenntnisproze\u00df versteht. Die doppelte Optik der zeitlichen Bez\u00fcge, also die Spiegelung der Gegenwart im Gewand historischen Geschehens, wird auf R\u00fcgen anschaulich. In diesem Roman bringt er fiktive Realit\u00e4t und reale Fiktion in immer neuen Mischungsverh\u00e4ltnissen zum erz\u00e4hlerischen Siedepunkt, indem er die Spirale immer weiterdreht, dem Realismus immer neue ironische Dimensionen abringt. Literatur wird zu einem Passierschein in eine M\u00f6glichkeitswelt. Dieser Roman ist die Geschichte einer Erl\u00f6sung durch das Erz\u00e4hlen. Prosa wie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24403\">Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/a> kann man wom\u00f6glich nur eingeschr\u00e4nkt mit Befriedigung lesen, man sollte ihn geniessen, die Heftigkeiten des Texts ertragen, man muss sich ihren Besonderheiten ausliefern, ihre Bewegungen mitvollziehen, zur Not der inneren Weigerung zum Trotz. Der Ri\u00df durch die Gesellschaft und in den zwischenmenschlichen Beziehungen wird in dieser Prosa deutlich. Es war seine Lust, die Paradoxien des Daseins durchzuspielen und dabei jede Art von Gewissheit zu pulverisieren: Wir sind, was uns unterl\u00e4uft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Abgeschlossenes Sammelgebiet<\/strong>, Roman von A. J. Weigoni, Edition Das Labor, M\u00fclheim 2014 \u2013 Limitierte und handsignierte Ausgabe des Buches als Hardcover<\/p>\n<div style=\"width: 182px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=51523&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Sammelgebiet_Cover-1-e1523975024523.jpeg\" alt=\"\" width=\"172\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Postwertzeichen erschienen zum 20. Jahrestag der DDR. Entwertet am 9. November 1989<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Zur historischen Abfolge, eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25344\">Einf\u00fchrung<\/a>. Den Klappentext, den Phillip Boa f\u00fcr diesen Roman schrieb lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24425\">hier<\/a>. Eine Rezension von Jo Wei\u00df findet sich <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24394\">hier<\/a>. Einen Essay von Regine M\u00fcller lesen Sie <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24412\">hier<\/a>. Beim <em>vordenker<\/em> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/10\/09\/lebensabschnittsgefaehrten\/\">entdeckt<\/a> Constanze Schmidt in diesem Roman einen Dreiklang. Auf <span data-offset-key=\"cphj4-0-0\">der vom Netz gegangenen<\/span> <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/26\/parallelfuehrung-der-liebesverhaeltnisse\/\">Fixpoetry<\/a> arbeitet Margretha Schnarhelt einen Vergleich zwischen A.J. Weigoni und Haruki Murakami heraus. Eine weitere Parallele zu <em>Jahrestage<\/em> von Uwe Johnson wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24922\">hier<\/a> gezogen. Die Dualit\u00e4t des Erscheinens mit Lutz Seilers \u201cKruso\u201d wird <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=26315\">hier<\/a> thematisiert. In der Neuen Rheinischen Zeitung <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/08\/13\/liebe-sinnlich-ideologisch\/\">w\u00fcrdigt<\/a> Karl Feldkamp wie A.J. Weigoni in seinem ersten Roman den Leser zu Hochgenuss verf\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man dort einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz will, dann ist es nicht unser Recht, sich in diesen Weg einzumischen. Irgendwann mal war ich \u00fcberzeugter Kommunist, doch 1968 f\u00fchlte ich mich schon eher als Liberaler. Pawel Litwinow Heute vor 50&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/08\/21\/sozialismus-mit-menschlichem-antlitz\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":257,"featured_media":98410,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[628],"class_list":["post-51523","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-a-j-weigoni"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51523","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/257"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51523"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51523\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101524,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51523\/revisions\/101524"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98410"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51523"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51523"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51523"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}