{"id":51256,"date":"2020-12-11T00:01:00","date_gmt":"2020-12-10T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51256"},"modified":"2020-12-11T00:18:16","modified_gmt":"2020-12-10T23:18:16","slug":"das-unentdeckte-land","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/12\/11\/das-unentdeckte-land\/","title":{"rendered":"Das unentdeckte Land"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\" data-aside-score=\"-4\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Wir sind die Borg. Ihre biologischen und technologischen Besonderheiten werden den unsrigen hinzugef\u00fcgt. Widerstand ist zwecklos.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" data-aside-score=\"-4\"><span style=\"color: #999999;\">Star Treck<\/span><\/p>\n<div class=\"teads-inread\"><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=51256&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignright\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/textland.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/textland.jpg 2601w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/textland-300x114.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/textland-768x293.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/textland-1024x391.jpg 1024w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"101\" \/><\/a>Gestern meldeten wir, da\u00df <em>fixpoetry<\/em> mangels Finanzierung zum Ende diesen Jahres <a href=\"https:\/\/www.fixpoetry.com\/feuilleton\/notizen\/2020-11-30\/fixpoetry\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">eingestellt<\/a>, bleibt aber als Archiv vorerst erhalten. KUNO blickt zur\u00fcck auf das <a href=\"http:\/\/www.textland-online.de\/index.php\">MAINLABOR-Blog<\/a>. Die Initiatoren gingen davon aus, da\u00df im deutschsprachigen Raum schon lange eine lebendige, hochklassige Literaturszene existiert, in der Texte entstehen, die gepr\u00e4gt sind vom kulturellen und sprachlichen Reservoir mehrerer Kulturen. Sie gaben diesen spannenden Entwicklungen im MAINLABOR den n\u00f6tigen Raum, sich zu entfalten, und f\u00f6rdert langfristig den weiteren Prozess. \u00dcber Grenzen gehen, zwischen verschiedenen Sprachen, Lebensentw\u00fcrfen und Kulturen &#8211; das setzt voraus, dass es feste nationale Identit\u00e4ten oder kulturelle Identit\u00e4ten, nicht mehr gibt. Das MAINLABOR bot eine \u00f6ffentliche B\u00fchne f\u00fcr transkulturelle, lebendige Begegnungen und Kontroversen. KUNO sprach mit einem der Initiatoren, Jamal Tuschick.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-4\">Hagedorn: Wir reden \u00fcber Literatur, die von einem Kulturwechsel gepr\u00e4gt ist. Fr\u00fcher nannte man sie \u201eGastarbeiterliteratur\u201c. Nach der sogenannten Wende in Osteuropa erweiterte sich der Fokus auf die \u201eMigrationsliteratur\u201c. Ist das <em>Fremdsprechen <\/em>ein zentraler Lebensnerv der deutschen Literatur geworden?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-2\">Tuschick: Wir erwarten Befruchtungen von den sozialen, ethnischen und geografischen R\u00e4ndern. Das Thema r\u00fchrt an einer humanen Konstante. Der Mensch braucht Diversit\u00e4t. Ich glaube, er produziert sie automatisch. Deshalb erscheinen ethnisch differente Autor*innen auf eine besondere Weise attraktiv, solange sie das auch im biologischen Schema sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Hagedorn: \u201eFiktion der Nichteinreise\u201c klingt wie eine Kurzgeschichte von Franz Kafka. Die Themen des MAINLABOR sind die dynamische Entwicklung der Sprache in der Einwanderungsgesellschaft, eigene und fremde Spracherfahrungen, Integration \/ Desintegration. Verwischen Fragen nach Identit\u00e4t und Heimat?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Identit\u00e4t l\u00e4sst sich nicht von der Platte fegen. Sie kommt vor Effizienz, das erkl\u00e4rt viele Anpassungsl\u00fccken. \u00dcber Heimat kann man sehr verschieden reden. F\u00fcr die zweite Einwanderungsgeneration war die Besetzung des Heimatbegriffs schieres Empowerment. Heute steht ein Horst im Weg. Nein, da steht niemand. Es steht alles zur freien Verf\u00fcgung. Jede Generation soll ihr Vergn\u00fcgen an Um- und Neudeutungen alter W\u00f6rter haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Desintegration ist eine Antwort auf Ablehnung, aber ihrem Wesen nach affirmativ. Desintegration hei\u00dft: Liebe Autochthone, wir lassen euch nicht im Stich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Hagedorn: Die Autoren und Autorinnen von Textland befinden sich auf Augenh\u00f6he mit der Gegenwart. Im MAINLABOR findet die Erfahrung von der widerspr\u00fcchlichen Vielstimmigkeit der Welt ihren Ausdruck in einer ad\u00e4quaten Vielstimmigkeit der Prosa. Wie finden Sie die Autoren und Autorinnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ich schreibe st\u00e4ndig Autor*innen an, von denen ich glaube, dass ihr narratives Fadenkreuz drei Linien verbindet: Feminismus, Migration, Anti-Leit(d)kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Hagedorn: Ob in der Bukowina, die Aktionsgruppe Banat oder der Krautgarten in Eupen, entwickelt sich die interessante Literatur an den R\u00e4ndern besonders gut? Geh\u00f6rt es zum Wesen der Literatur das Anderssein zu Literatur zu komprimieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ja, alle anderen k\u00f6nnen ihre Begabung nur auf Allgemeinpl\u00e4tzen verschwenden. Man braucht Differenz im Dutzend. Jede Spaltung schafft Phantasieprodukte und in der Literatur ist Phantasie ein Produktionsmittel \u2013 so etwas wie eine Maschine oder wie Geld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Die Bosch-Stiftung hat den Chamisso-Preis f\u00fcr Literatur 2017 zum letzten Mal vergeben: Der Preis habe bereits \u201eseine urspr\u00fcngliche Zielsetzung vollst\u00e4ndig erf\u00fcllt\u201c. Sehen Sie das auch so?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: Man wird immer wieder dahinkommen, die Migration f\u00fcr abgeschlossen zu erkl\u00e4ren und die Verarbeitung ihrer Erscheinungsformen der Vergangenheit zuordnen. Das sind soziale Fiktionen. Wir sind in einer V\u00f6lkerwanderung und wer sich auf Ahnen am Ort seines akuten Aufenthalts beruft, hat sein Zelt einfach nur schon sehr lange auf demselben Platz stehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Mit seiner Rede zur Bachmann-Rally hat Feridun Zaimoglu die Neuen Rechten aus dem Diskursraum der \u00d6ffentlichkeit verwiesen: &#8222;Es hilft nichts, den Rechten edle Motive zu unterstellen, wie es mancher Feuilletonist tut. &#8230; Der Rechte ist kein Systemkritiker, kein Abweichler und kein Dissident, er ist vor allem kein besorgter B\u00fcrger&#8220; und &#8222;es gibt keinen redlichen rechten Intellektuellen. Es gibt keinen redlichen rechten Schriftsteller. K\u00f6nnen Migranten als Autoren das Denken vollends ins Offene befreien?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: Vielleicht k\u00f6nnen sie das. Die Chancen mehrfacher kultureller Auswahl sorgen f\u00fcr Vorspr\u00fcnge. Zaimoglu ist \u00fcbrigens ein sehr deutscher Autor. Als er in den Neunzigern anfing, sich bemerkbar zu machen, haben ihn die damals jungen T\u00fcrken \u00fcberhaupt nicht begriffen, w\u00e4hrend der deutsche Literaturbetrieb ihn f\u00fcr den Malcolm X der zweiten und dritten Einwanderergeneration hielt. Er ist aber eher ein j\u00fcngerer G\u00fcnter Grass im Land der Studienr\u00e4tinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Ist ihnen die ethnische Differenz zur Mehrheitsgesellschaft bewu\u00dft oder f\u00fchlen sie sich im wiedervereinigten Deutschland integriert wie ein<em>Borg<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: Ich bin so deutsch wie Zaimoglu. Wir sind jetzt die Deutschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Hagedorn: A.J. Weigoni betreibt mit seinem neuen Roman <em>Lokalhelden <\/em>eine Revitalisierung des Begriffs \u201eHeimatliteratur\u201c. Sehen Sie das auch als ihre Aufgabe an?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: Das habe ich als junger Autor auf einem Grenzgang zwischen Achternbusch und Adorno getan. Heute ist mir das wurscht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Trotz aller sprachlichen Inklusion, wie weit sind migrantischeAutoren von einer wirklichen Teilhabe am Literatur-Betrieb entfernt?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: Sie sind im Beat und im Betrieb. Sie haben volle Teilhabe und \u00fcbernehmen vielleicht noch den ganzen Laden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Sie arbeiten sowohl als Schriftsteller, als auch als Journalist und neuerdings f\u00fcr den MAINLABOR-Blog. Worin besteht der Unterschied zwischen journalistischem Schreiben und der Fiktion?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Tuschick: F\u00fcr mich ist alles literarischer Journalismus. Manche meiner journalistischen Erfindungen sind in die Geschichtsschreibung eingegangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"0\">Hagedorn: Sprechen wir von den M\u00fchen der Textarbeit. Wie sollte man sich denn den Chronisten Jamal Tuschick bei der Arbeit vorstellen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ich schreibe mit links und wei\u00df nichts von Anstrengung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-2\">Hagedorn: In Ihrem Buch \u201eAufbrechende Paare\u201c steht der somnambule Satz: \u201eBeim Schreiben erreiche ich Zust\u00e4nde der Selbstvergessenheit, wie sonst nur im Schlaf.\u201c Geht Ihnen das manchmal \u00e4hnlich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-2\">Hagedorn: In den endlosen Weiten des Digitalen kann man sich verlieren und sich selbst fremd werden. Es herrscht die Annahme, das <em>Netzwerk <\/em>sei erst mit dem Internet erfunden worden, es gab jedoch eine Zusammenarbeit von Individuen bereits auf analoger Ebene, verliert sich das allm\u00e4hlich oder ist face to face wichtiger als Interface?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ich will niemanden sehen bei der Arbeit und ich bin immer im Dienst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-2\">Hagedorn: Geht der Inbegriff von Fremdheit \u00fcber die blo\u00dfe Frage von Sprachkenntnissen hinaus, ist er keine Eigenschaft einer bestimmten Gruppe \u2013 sondern eine grundlegende Dimension der menschlichen Existenz schlechthin?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Tuschick: Ich antworte mit Heiner M\u00fcller. Kommt ein Mann morgens in Bad und erkl\u00e4rt seinem Gesicht: Kenn ich nicht, wasch ich nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" data-aside-score=\"-1\">Hagedorn: KUNO dankt f\u00fcr Ein- und Ausblicke.<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p align=\"center\">* * *<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"center\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<div style=\"width: 232px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=51256&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 222px) 100vw, 222px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Kollegen_Cover-250x300.jpg 250w\" alt=\"\" width=\"222\" height=\"266\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Coverart: Almuth Hickl<\/p><\/div>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #000000;\">F\u00fcr die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1999\/01\/18\/kollegengespraeche\/\"><em>Kollegengespr\u00e4che<\/em><\/a> regte A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern an. Auf KUNO lebt die Reihe auf, wir brachten\u00a0\u00a0 den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2014\/12\/22\/die-nichtmuttersprachliche-deutschautorin\/\">Austausch <\/a>zwischen\u00a0Rumjana Zacharieva und Safiye Can. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/10\/03\/smart-citizens\/\">Heimat <\/a>fand zwischen dem polnischen Sauerl\u00e4nder Laik W\u00f6rtschel und dem rheinischen Ungarn A.J. Weigoni statt. Mit dem Burgenl\u00e4nder Dieter Scherr verhandelte Weigoni <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/10\/09\/schaltjahrsgeschichten\/\">kritischen Regionalismus<\/a>. Mit der Wienerin Sophie Reyer ging es um <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=19055\">:2= Verweisungszeichen zur Twitteratur<\/a>.<\/span><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind die Borg. 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