{"id":51165,"date":"2018-09-03T00:01:32","date_gmt":"2018-09-02T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51165"},"modified":"2021-01-09T19:26:33","modified_gmt":"2021-01-09T18:26:33","slug":"elektronische-post","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/09\/03\/elektronische-post\/","title":{"rendered":"Elektronische Post"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> F\u00fcr das Projekt <a href=\"http:\/\/www.vordenker.de\/kollegen\/kollegen.htm\">Kollegengespr\u00e4che<\/a> hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Die Redaktion weist daher gern auf den elektronischen Briefwechsel zwischen Wolfgang Kubin und Ulrich Bergmann hin, den der Bouvier Verlag gerade ver\u00f6ffentlicht hat:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Datum:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tue, 06 Jan 2015 12:03:34<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An:<\/strong>\u00a0\u00a0\u00a0 Ulrich Bergmann, Doris Distelmaier<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gigantin mit Gipfelst\u00fcrmer,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">danke f\u00fcr die reiche Post und den Mut, der mir gemacht wurde. Mir sind gestern Gedanken zum Buch gekommen. Neu an ihm sind die grandiosen Bilder von Doro, neu sind auch die chinesischen Zeichen und die Umschrift. Was mir Sorge macht, ist dass das Buch nicht auf ein Thema ausgerichtet ist. \u201eInsel\u201c w\u00fcrde das Buch sicherlich nehmen, wenn es z. B. dem Mond oder der Wildgans gewidmet ist. So habe ich den Eindruck, man hat von allem etwas. Oder irre ich mich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Morgen leider nicht dabei dank meiner Schusseligkeit (Doppeltermin). Untr\u00f6stlich wie immer Euer K.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">3.2.2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Wolfgang,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ich habe in deinem Band \u201eDas neue Lied von der alten Verzweiflung\u201c (2000) zwei wundersch\u00f6ne Gedichte (unter anderen) gefunden:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">DAS NEUE LIED VON DER ALTEN VERZWEIFLUNG ist das eine:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">keine Nachrichten mehr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">von Krieg und Vertreibung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind wehleidig genug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch grundlos vergie\u00dfen wir Tr\u00e4nen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nicht allein bei H\u00e4utung, Schlachtung<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">oder Speisung der Zehntausend<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mit eigenem Fleisch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">nichts mehr von Todesspringern,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">von Weltenbrand und Depression.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir ziehen das Nichts vor,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vor dem Leben und nach dem Tod,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vor dem Zweifel und nach der Verzweiflung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bitte<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">keine Fragen mehr nach Sinn und Verstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Stein ist gl\u00fccklicher,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">eine Wolke und ihr Luftzug.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nicht ungeboren oder \u00fcberlebt,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">m\u00f6chten zungenlos wir sein<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">ohne Auge und Ohr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In poetischer Polemik wird der Eskapismus als Verdr\u00e4ngung des Lebens verurteilt. Es ist indirekte, aber wirkungsvolle Anklage falschen Lebens. Das Gedicht schreit nach Analyse der Welt und ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine bessere Welt, um die wir bem\u00fcht sein sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">SCHLOSS WIEPERSDORF (S. 38) ist das andere, tiefere:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>F\u00fcr Yang Lian<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Baum ist eine Uhr,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">jedes Gras ein Spiegel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gr\u00e4ber wollen sommers gen Himmel,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">sie fallen aufw\u00e4rts<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">durch die Bilder<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">der ersten Stunde zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230; Die zum Himmel und durch die Zeit fallenden Gr\u00e4ber evozieren die ganze Geschichte eines Menschen, der in der Natur um ihn herum aufgehoben ist, und assoziieren sogar den Auferstehungsgedanken, die \u00dcberwindung des Todes, die allerdings nur gedanklich gelingt &#8230; Melancholie, wie Joachim Sartorius sagt, ist nur ein Aspekt deines realistischen Sehens und Denkens. Dein poetisches Sehertum empfinde ich in diesem Gedicht als vollkommen frei von elegischen Spuren. Die Widmung f\u00fcr Yang Lian ist auch inhaltlich absolut passend (mal ganz abgesehen von biografischen Details: Wiepersdorf, Yang Lian. Die philosophierte Physik (das Aufw\u00e4rtsfallen der Bilder zur\u00fcck in die erste Stunde) erinnert mich an das gro\u00dfartige Gedicht Yang Lians, \u201eDie H\u00f6he des Traums\u201c, wo die ewige Musik des Seins dem Tod entgegengestellt wird. Allerdings sieht Yang Lian in seinem tats\u00e4chlich eher elegischen Gedicht den Tod am Ende als Erl\u00f6sung, die wir annehmen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst: Dein Ulrich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4.2.2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">danke f\u00fcr die \u00dcberraschung. Da sprang mein Herz vor Freude. Bis heute abend. Dankbar<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein Wolfgang<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">6.2.2015<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Wolfgang,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">interessant, dass Jonathan Stalling das gleiche Gedicht w\u00e4hlte wie ich. Im Deutschen klingt es viel st\u00e4rker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Portr\u00e4t inklusive Foto gratuliere ich dir!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Interessante Details: Dein Weg zur Sinologie \u00fcber die Theologie, Germanistik, Ezra Pound und klassische Dichtung Chinas. (Ich studierte erst Germanistik und Geschichte, dann ev. Theologie &#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich habe den Eindruck, wenn ich dich so lese, dass ein Sinologe vor einigen Jahrzehnten gar nicht das moderne Chinesisch beherrschen, also flie\u00dfend sprechen musste, um Professor zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(In Qingdao traf ich einen Anglistik-Professor, der kaum Englisch sprechen konnte &#8230;)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">die Sinologen zwischen 1945 und 1979 konnten in der Regel kein modernes Chinesisch (sprechen). Es gab in der Zeit nur eine klassische Ausbildung! So wie bei uns, die wir Latein, aber kein Italienisch konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mich freut Dein Urteil zu Zhang Zao. Danke!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dein K.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Wolfgang,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">mir war auch gar nicht so klar, wie schlimm die Situation nach Maos Kulturrevolution war, auch f\u00fcr dich; umso erleichterter bin ich, dass ALLE Chinesen, die ich bisher sprach (Li Min, alle meine Studenten in Q., Chinesen in Bonn), sich gut auskennen in den chinesischen Mythen und Philosophien, auch in der Geschichte aller Dynastien &#8211; ich w\u00fcnschte mir das f\u00fcr uns in Deutschland, wo viele schon ahnungslos sind, was die Zeit vor 1933 angeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberraschend f\u00fcr mich der von dir festgestellte Einfluss der spanischen Literatur auf bedeutende chinesische Lyriker\/Literaten, etwa Bei Dao (\u201e&#8230; ein spanischer Dichter mit chinesischer Zunge\u201c). Und auch auf dich als Lyriker &#8230; Unglaublich fast, dass die Literatur des Kahlschlags (B\u00f6ll) so bedeutend war f\u00fcr Bei Dao. Hochinteressant die Bemerkungen zu Yang Lian, Gu Cheng und Zhang Zao.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mir bleibt, mich noch in die Dichtung der beiden Letztgenannten zu vertiefen. Jedenfalls macht es mir eine gipfelst\u00fcrmerische Freude, deine Bezirke, wenigstens partiell, aber doch im Wesentlichen, immer besser kennenzulernen. Es bereichert mich sehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst: Dein Ulrich<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Gesendet:<\/strong> Sonntag, 08. Februar 2015 um 07:55 Uhr<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Von:<\/strong> &#8222;Wolfgang Kubin&#8220; &lt;kubin@uni-bonn.de&gt;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>An:<\/strong> uli.bergmann@web.de<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Betreff:<\/strong> CLT<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Ulrich,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Du bist immer wieder f\u00fcr eine \u00dcberraschung gut. Dein neuerlicher Brief hat mir wieder gut getan. So sch\u00f6ne Dinge bekomme ich von meinen Kollegen nie zu h\u00f6ren. Die gehen \u00fcber diese Dinge schweigend hinweg. Danke f\u00fcr den Mut, den Du mir machst!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst Dein Wolfgang<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lieber Wolfgang,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">vielen Dank f\u00fcr DAS GROSSE LERNEN, ich habe schon das Vorwort mit Interesse gelesen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zhang Zaos BRIEFE AUS DER ZEIT (ein sehr sch\u00f6ner Titel) las ich ganz; er geh\u00f6rt zu den Lyrikern, dessen Gedichte &#8211; abgesehen von Tradition und einmontierten Anspielungen &#8211; der Leser erst in seiner eigenen Interpretation konstituiert. &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Herzlichst: Dein Ulrich<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=51165&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_0678.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 165px) 100vw, 165px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_0678.jpg 1905w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_0678-187x300.jpg 187w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_0678-768x1235.jpg 768w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/IMG_0678-637x1024.jpg 637w\" alt=\"\" width=\"165\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Dein K., heute aus Tsingtau<\/strong>. Briefwechsel (Mails) von \/ an Wolfgang Kubin und Ulrich Bergmann. Bouvier Verlag, 2018<\/p>\n<div style=\"text-align: justify;\">&#8222;endlich bin ich dazu gekommen, den Briefwechsel mit K. ganz durchzulesen &#8211; chapeau!\u00a0Die treffsicheren, polierten Schrifts\u00e4tze &#8211; Texte \u00fcber 10 Jahre auf 100 Seiten (!) &#8211; lassen\u00a0sich nicht nur leicht und bek\u00f6mmlich lesen, sie sind nach meinem Empfinden auch stilistisch\u00a0ein Genuss.\u00a0Zudem sind sie durch Bouvier hervorragend materialisiert.\u00a0Wo werden \u00fcberhaupt noch zeitgen\u00f6ssische Korrespondenzen mit literarischem Anspruch publiziert?&#8220; (Theodor Payk)<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auf KUNO auch Ulrich Bergmanns <i><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=34213\">Gedanken \u00fcber chinesische Lyrik und ihre \u00dcbersetzung ins Deutsche<\/a>. <\/i>Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. Wir nutzen diesen R\u00fcckblick um HEL in einem Briefwechsel mit Ulrich Bergmann n\u00e4her vorzustellen. Lesen Sie auch ein <em>Kollegengespr\u00e4ch<\/em> mit Ulrich Bergmann, bei dem A.J. Weigoni sein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=50056\">Recherchematerial<\/a> ausbreitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>\u00a0<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: F\u00fcr das Projekt Kollegengespr\u00e4che hat A.J. Weigoni einen Austausch zwischen Schriftstellern angeregt. Auf KUNO ist diese Reihe wieder aufgelebt. 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