{"id":51102,"date":"2013-12-12T00:01:05","date_gmt":"2013-12-11T23:01:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51102"},"modified":"2023-09-26T10:36:24","modified_gmt":"2023-09-26T08:36:24","slug":"der-hampelmann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/12\/der-hampelmann\/","title":{"rendered":"Der Hampelmann"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>ich bin ein kleiner hampelmann der leider nicht mehr strampeln kann<\/em> kinderreim kindervers kindheitstrauma kindergedicht bruchst\u00fcck bruchst\u00fccke der erinnerungen der hampelmann eine puppe ein <em>bojazl<\/em>wie wir diese puppe nannten in einem pyjama aus abgewetztem blauem stoff aber mit goldfarbenen kn\u00f6pfen vorne und einem langen spitzen hut wie ein judenhut aus dem mittelalter nach damaliger vorschrift ein mittelalterlicher judenhut die wirklichkeit in meiner kinderzeit aber war auschwitz sobibor bergen-belsen treblinka und wie diese vernichtungslager alle hie\u00dfen von denen wir erst viel sp\u00e4ter erfuhren samt all dem was diese namen bedeuteten wof\u00fcr diese namen chiffren waren der bojazl <em>ein hampelmann der leider nicht mehr strampeln kann<\/em>f\u00fc\u00dfe gebrochen oder etwas anderes r\u00fcckgrat vielleicht aber sonst heile sch\u00f6ne kinderwelt mitten im krieg an jedem abend rosenkranzgebet f\u00fcr die zwei \u00e4ltesten br\u00fcder die seit monaten <em>im feld standen<\/em>und dann in gefangenschaft waren der eine in ru\u00dfland lange zeit <em>vermi\u00dft <\/em>was habe ich mir denn unter diesen beiden termini <em>im feld stehen<\/em>und <em>vermi\u00dft<\/em>damals vorgestellt vorstellen k\u00f6nnen etwa da\u00df sie mitten in einem erd\u00e4pfel- oder krautacker standen zur bewachung der ernte damit niemand etwas stiehlt stehlen kann oder bei <em>vermi\u00dft<\/em>da\u00df er verlorengegangen ist verlegt worden ist wie ein schl\u00fcsselbund oder sonst etwas von dem niemand nichts wei\u00df das ist das was vermi\u00dft vielleicht bedeutet <em>im felde stehen<\/em>und dann <em>vermi\u00dft <\/em>sein das h\u00f6rte man ja \u00fcberall und auch st\u00e4ndig zu mittag aus dem radio weniger w\u00e4hrend der nazizeit sondern eigentlich erst viel sp\u00e4ter als die <em>heimkehrer <\/em>angesagt wurden mittags im radio nach den nachrichten und wir da immer am radio sa\u00dfen und zuh\u00f6rten ob nicht die namen <em>unserer buben<\/em>wie die eltern sagten mit dabei w\u00e4ren not und elend bekam ich wahrscheinlich doch schon w\u00e4hrend des krieges vor allem gegen sein ende irgendwie mit vor allem au\u00dferhalb des uns besch\u00fctzenden elternhauses immer wieder sah man ja frauen in schwarzen gew\u00e4ndern und m\u00e4nner in ebenso schwarzen uniformen nat\u00fcrlich auch in braunen die war man aber gew\u00f6hnt die waren nichts besonderes aber die m\u00e4nner in ihren schwarzen uniformen waren etwas anderes die waren gef\u00fcrchtet <em>unsere ehre hei\u00dft treue<\/em>und <em>gott mit uns <\/em>stand eingraviert aus dem bajonett das sie am g\u00fcrtel trugen oder auf der koppelschnalle am riemen bei der deutschen wehrmachtsuniform also <em>gott mit uns<\/em>wenn sie t\u00f6teten dachte ich schon damals und sp\u00fcrte da\u00df da etwas nicht zusammenpa\u00dfte <em>du sollst nicht t\u00f6ten <\/em>lautet ja das f\u00fcnfte gebot gottes das moses bekam auf dem berg sinai auf den zwei steintafeln geschrieben das ich schon sehr fr\u00fch kannte also da pa\u00dfte etwas nicht zusammen das sp\u00fcrte ich und das wurde und war mir bald klar und bewu\u00dft da\u00df da ein widerspruch zwischen den gottesgeboten und den nazispr\u00fcchen bestand das mit der ehre und was die treue mit der ehre zu tun hatte begriff ich sowieso nicht so recht naja das lied <em>wenn alle untreu werden<\/em>das kannte ich das sang man ja dann und wann und ich hatte es schon geh\u00f6rt auch treue war eigentlich etwas gutes und ehre sowieso ein unehrenhafter kerl war nichts gutes aber was ehre und treue ganz genau und in wirklichkeit und nicht nur in meiner vorstellung waren das begriff ich als kleiner bub als <em>dreik\u00e4sehoch<\/em>wie man zu mir sagte doch nicht so recht dann ging alles dem ende zu das sp\u00fcrte man auch und es gab anzeichen daf\u00fcr da und dort aber niemand redete dar\u00fcber schon gar nicht laut und nicht zu anderen sp\u00e4ter am sonntag das klavierspielen bei uns von meinen br\u00fcdern und an festtagen wir kinder im wei\u00dfen matrosenanzug welch eine idiotie wir hatten doch gar kein schiff und \u00fcberhaupt waren diese schiffe alle schon untergegangen weil versenkt durch feindliche flotten auch davon sprach man nicht man erfuhr es aber so unter der hand was ein u-boot war das wu\u00dfte ich denn es gab ja so kleine bildchen mit verschiedenen darstellungen unserer <em>heldenhaften k\u00e4mpfer an der front<\/em>oder den <em>tapferen k\u00e4mpfern und t\u00fcchtigen frauen an der<\/em><em>heimatfront<\/em>so viele erinnerungen die sich \u00fcberschneiden die sich an keine zeitlichen vorgaben oder einordnungsstrukturen halten bilder die aufleuchten kurz aufzucken vor allem jetzt in meinen alten tagen die aber sofort wieder verschwinden an die ich mich kaum erinnere wenn sie wieder weg sind an die ich mich willentlich oft gar nicht erinnern kann aber dann doch wieder einzelne bilder in meinem kopf der kleine silberne tiefflieger der bedrohlich n\u00e4herkommt und wir laufen wie die verr\u00fcckten um den vor uns liegenden wald noch rechtzeitig zu erreichen manchmal die silberstreifenb\u00fcndel die vom himmel herabfallen und die wir einsammeln um sie zu weihnachten als christbaumschmuck zu verwenden die hauchd\u00fcnne fallschirmseide die mein bruder mitbrachte und aus der f\u00fcr meine vier schwestern dann sommerkleider gen\u00e4ht wurden die sie voller stolz trugen mit einem wei\u00dfen unterkleid darunter die altmodische unterw\u00e4sche auf der w\u00e4scheleine hinter der kirche unf\u00f6rmige weiberunterhosen und b\u00fcstenhalter und einiges sonst noch von dem wir buben nicht wu\u00dften was es war und wozu es gut war wir tuschelten nur hinter vorgehaltener hand und lachten dann manchmal laut auf und jemand fragte streng und wie eine drohung aussprechend <em>was gibt es denn da zu lachen<\/em>und der meinte das gar nicht als frage sondern als zurechtweisung so als h\u00e4tten wir etwas ungeh\u00f6riges gesagt oder getan aber vielleicht war das ja auch so denn im krieg gab es nichts zu lachen und man hatte nicht zu lachen schon gar nicht nach der schlacht um stalingrad oder gegen ende des krieges als immer wieder das wort <em>frontbegradigung<\/em>fiel und au\u00dfer haus sollte man schon \u00fcberhaupt nicht lachen wehe wenn ihr euch drau\u00dfen \u00fcber irgend etwas lustig macht hatte man uns immer wieder eingesch\u00e4rft und tat das auch jetzt noch vor allem bei kriegsende versch\u00e4rft fast jeden tag wir werden euch das <em>einsch\u00e4rfen<\/em>ihr m\u00fc\u00dft euch das <em>einsch\u00e4rfen<\/em>sagte man uns und ich stellte mir dabei ein scharfes messer vor wie es gewetzt wurde ein neger ein jud sagte beim messerwetzen zwanzig jahre sp\u00e4ter so ein fetter steirischer alt-nazi der einmal gendarm gewesen und dann vom dienst <em>freigestellt<\/em>worden war so wie andere fr\u00fchere nazis auch die alle <em>dreck am stecken hatten<\/em>wie man sagte ohne genaueres zu wissen oder wissen zu wollen aber es waren sowieso nur wenige viel zu wenige die <em>dreck am stecken <\/em>hatten und die jetzt freigestellt waren als lehrer oder ehemalige polizisten oder sonstwas und nachher nach dem sogenannten <em>zuammenbruch<\/em>sa\u00dfen sie ja doch bald alle wieder auf ihren fr\u00fcheren posten der einbeinige ehemals fanatische nazi der beim einmarsch der k\u00e4mpfenden besatzungstruppen noch von einem dachfenster mit seinem revolver herabgeschossen haben soll gekl\u00e4rt wurde das niemals weil man nachher sowieso nichts kl\u00e4rte nichts mehr kl\u00e4ren wollte <em>da hatten wir andere sorgen<\/em>sagte mein vater der neue b\u00fcrgermeister auf mein fragen hin also dieser fesche einbeinige nazi von damals sa\u00df nachher als <em>kriegsversehrter<\/em>als gemeindebediensteter an einem schalter auf dem gemeindeamt und schnauzte mich an als ich eine <em>heimatrechtsbescheinigung<\/em>haben wollte und nicht gleich genau sagte konnte wof\u00fcr und warum und in wessen auftrag aber da waren wir dann ja schon \u00e4ltere buben gingen ins gymnasium oder anderswohin zur schule da war ja schon nachkriegszeit die zeit nach dem krieg nach dem zusammenbruch sp\u00e4ter ich als zehnj\u00e4hriger gymnasiast beim <em>einr\u00fccken<\/em>ins internat ich auf einem foto f\u00fcr einen ausweis f\u00fcr eine identit\u00e4tskarte ich schon mit wei\u00dfem hemd und ungeschickt gebundener krawatte und einem dunklen rock das haar mit wasser niedergeb\u00fcgelt der blick geradeaus ins irgendwohin gerichtet mein gesichtsausdruck alles anders als eine widerspiegelung von gl\u00fccklichsein und geborgenheit nein ein gesicht voller ablehnung voller <em>verstocktheit<\/em>wie vater das nannte nein ein gl\u00fcckliches kind war ich damals sicherlich nicht ein kindheitstrauma kindheitsreim kindergedicht <em>ein hampelmann der leider nicht mehr strampeln kann<\/em>jetzt mit bald achtzig jahren f\u00e4llt mir dieser reim am morgen beim aufwachen pl\u00f6tzlich wieder ein dazwischen liegt ein leben dazwischen liegen so viele schatten liegt eigentlich so wenig gl\u00fcck kein fr\u00f6hlichsein alles war stets von etwas dunklem \u00fcberschattet von etwas schwerem belastend zugedeckt und ohne sch\u00f6nes aufhellendes licht<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97941\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-e1645466064828.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Holger Benkel machte <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=13332\">gedanken \u00fcber das denken<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2013 unternahm Constanze Schmidt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/10\/gedankenspaziergaenge\/\"><em>Gedankenspazierg\u00e4nge<\/em><\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Gleichfalls in 2013 versuchte KUNO mit Essays <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/01\/02\/mit-essays-licht-ins-dasein-bringen\/\">mehr Licht ins Dasein zu bringen<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192 <\/strong>In 2003 stellte KUNO den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2003\/01\/01\/der-essay-als-versuchsanordnung\/\">Essay als Versuchsanordnung <\/a>vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; ich bin ein kleiner hampelmann der leider nicht mehr strampeln kann kinderreim kindervers kindheitstrauma kindergedicht bruchst\u00fcck bruchst\u00fccke der erinnerungen der hampelmann eine puppe ein bojazlwie wir diese puppe nannten in einem pyjama aus abgewetztem blauem stoff aber mit goldfarbenen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2013\/12\/12\/der-hampelmann\/\">Read more 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