{"id":51097,"date":"1991-05-08T00:01:57","date_gmt":"1991-05-07T22:01:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51097"},"modified":"2022-04-07T14:16:56","modified_gmt":"2022-04-07T12:16:56","slug":"davongekommen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/05\/08\/davongekommen\/","title":{"rendered":"Davongekommen"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gleich nach der Nazizeit und nach dem Krieg sah man sie wieder: diese Gestalt, dieses Wesen, das weder nach Mann noch Frau aussah, eingeh\u00fcllt bis \u00fcber den Kopf hinauf, nur mit freiem Gesicht, in Decken, liegend in einer Art selbst gebasteltem fahrenden Liegestuhl, der von ihrer alten Mutter geschoben wurde. Weder reden konnte dieses Wesen, noch etwas wirklich verstehen, gehen nat\u00fcrlich sowieso nicht; eigentlich war dieser Mensch ein amorphes Wesen, vor wenigen Wochen noch h\u00e4tte man dieses B\u00fcndel Mensch als <em>lebensunwertes Leben<\/em>bezeichnet und dem <em>Gnadentod,<\/em>d.h. der Entsorgung durch Giftgas in der T\u00f6tungsanstalt Hartheim in Ober\u00f6sterreich oder anderswo zugef\u00fchrt; so wie es mit vielen tausenden solcher Menschen geschah.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich erinnere mich, da\u00df ich dieses bez\u00fcglich seines Alters undefinierbare Wesen einmal, als der Liegefahrstuhl vor einem Gesch\u00e4ft stand und die Frau Apothekerin in dem Gesch\u00e4ft einkaufen war, genauer betrachtet hatte. Das Gesicht war v\u00f6llig ausdruckslos, nichts reagierte auf einen Reiz von au\u00dfen. Das Zucken kam vom Innern dieses Wesens heraus; aus welchen Gr\u00fcnden, war sicher v\u00f6llig unklar. Ich sah nur den Speichel aus den Mundwinkeln rinnen, den jetzt die Frau Mutter nicht abwischen konnte; und mir ekelte davor. Nicht nur vor dem Speichel, sondern vor dieser ganzen Erscheinung; vor dieser Mi\u00dfgeburt, wie man das nannte. Ich dachte mir aber dabei weiter nichts, auch nicht \u00fcber die Bezeichnung; diese und das Vorhandene war f\u00fcr mich zwar au\u00dfergew\u00f6hnlich, aber andererseits wieder v\u00f6llig normal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich wu\u00dfte ja, wer das Wesen war, n\u00e4mlich das Kind des morphiums\u00fcchtigen Apothekers und seiner Frau. Und da\u00df er ein schon sehr fr\u00fcher, also ein <em>illegaler Nazi<\/em>gewesen war. Das rettete auch sein Kind, das rettete diesem Wesen sein Leben. Denn man \u201everga\u00df\u201c dieses Gesch\u00f6pf ganz einfach, f\u00fchrte es nicht dem sonst gewohnten Gang in die Euthanasie zu, registrierte es nicht f\u00fcr einen Abtransport &#8211; so wie andere aus dem Ort &#8211; sondern ignorierte von oben herab das Vorhandensein dieses <em>lebensunwerten Lebens<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es fiel ja niemanden &#8211; au\u00dfer der Apothekersfrau &#8211; zur Last, denn versteckt war es die ganze Nazizeit sowieso im Apothekerhaus. Und die Mutter betreute ihre mittlerweile l\u00e4ngst erwachsene Tochter aufopfernd, nicht nur aus Pflichtgef\u00fchl, sondern wie mir schien, auch aus Liebe. Jedenfalls sah das nach dem Krieg so aus, als man die beiden im Ort wieder wahrnehmen konnte und sie ein Bestandteil des Ortsbildes und des Ortsgeschehens waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Apotheker lebte zu dieser Zeit l\u00e4ngst nicht mehr. Was mit ihm geschehen war, wu\u00dfte ich nicht. Ob er infolge der Morphiumsucht oder sonstwie verstorben war oder vielleicht sogar woanders, m\u00f6glicherweise unter einem anderen Namen, lebte, war unbekannt. Es interessierte auch niemand und es wurde dar\u00fcber nicht gesprochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nur manchmal h\u00f6rte man eine fast bemitleidende Stimme im Zusammenhang mit diesem menschen\u00e4hnlichen Wesen. Dann hie\u00df es: \u201eEs w\u00e4re doch besser gewesen, wenn &#8230;\u201c. Aber der Satz wurde nicht beendet. Es wurde nicht ausgesprochen, was man dachte. Der Satz aber bewies, da\u00df man nicht nur sp\u00e4ter, sondern bereits <em>damals<\/em>wu\u00dfte, wovon man sprach: n\u00e4mlich von der Ermordung abertausender Menschen &#8211; M\u00e4nner, Frauen, Kinder &#8211; als <em>lebensunwertes Leben<\/em>. Und man nannte das damals und sp\u00e4ter mit dem besch\u00f6nigendem, die Wahrheit v\u00f6llig mi\u00dfachtenden und sie verleugnenden Wort <em>Euthanasie. <\/em>Diese Bezeichnung hatte einen Wohlklang, ganz anders als die Realit\u00e4t f\u00fcr diese Menschen in Wirklichkeit war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97941\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-e1645466064828.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gleich nach der Nazizeit und nach dem Krieg sah man sie wieder: diese Gestalt, dieses Wesen, das weder nach Mann noch Frau aussah, eingeh\u00fcllt bis \u00fcber den Kopf hinauf, nur mit freiem Gesicht, in Decken, liegend in einer Art&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/05\/08\/davongekommen\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":97941,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-51097","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51097","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51097"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51097\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100144,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51097\/revisions\/100144"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97941"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51097"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51097"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51097"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}