{"id":51094,"date":"2020-09-01T00:01:49","date_gmt":"2020-08-31T22:01:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51094"},"modified":"2021-06-14T12:32:39","modified_gmt":"2021-06-14T10:32:39","slug":"panzerfaeuste","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/01\/panzerfaeuste\/","title":{"rendered":"Panzerf\u00e4uste"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein anderes Bild, das mich schon mein ganzes Leben lang, seit meiner fr\u00fchen Kindheit begleitet, sehe ich wieder einmal vor mir:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sitze am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett in der Wohnung der Eltern meines sp\u00e4teren Schulfreundes, dem Zinsmeister Rudi, und schaue vom letzten Stock des Tante Paula-Hauses hinunter auf den Platz vor der Mariens\u00e4ule. Das Wohnzimmer samt K\u00fcche ist sehr gro\u00df, hat einen dunklen, vielleicht einge\u00f6lten Holzboden, ist karg eingerichtet; es riecht intensiv nach Zigarettenrauch, weil der Herr Waldmeister, wie ich ihn nenne, st\u00e4ndig raucht. Er ist nicht der echte Vater vom Rudi, seine Mutter, eine liebe, g\u00fctige Frau hat ihn in diese Lebensgemeinschaft als Lediges mitgebracht; sie sind nicht verheiratet, leben in \u201eWilder Ehe\u201c. Sie gehen auch nicht in die Kirche. Sie sind Atheisten, Freigeister, Sozialisten; Sozis, eingefleischte Sozis, wie man hier sagt, auch die ganze Nazizeit hindurch. Das wei\u00df jeder hier im Ort, nat\u00fcrlich auch mein Vater, der \u201eTief-schwarze\u201c, der letzte B\u00fcrgermeister vor den Nazis. Man sieht es in meiner Familie nicht gern, da\u00df ich mit dem Rudi, dem \u201eSozibuam\u201c, einem von dem \u201eRoten Gsindel\u201c, wie sie von den Schwarzen vorher genannt wurden, befreundet bin, und zwar so eng, da\u00df wir unzertrennliche Spezis sind. Oft bleibe ich beim Zinsmeister Rudi auch zum Mittagessen, das sehr einfach ist, meist gekochte Erd\u00e4pfel mit Kraut oder eingebrannte Erd\u00e4pfel oder Erd\u00e4pfelgulasch oder sonst irgendwas dazu, wenn\u2019s was zum Dazugeben gab. Ich f\u00fchle mich bei der Frau Zinsmeister, die wie eine Mutter zu mir ist, und beim Herrn Waldmann, wie er wirklich hei\u00dft, sehr wohl. Und sie m\u00f6gen mich auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Fenster aus sehe ich hinunter auf dem Unteren Marktplatz, auf die Mariens\u00e4ule wischen den beiden Ahornb\u00e4umen und dem kleinen Blumenbeet vor dem Sockel der S\u00e4ule. Das hat man gelassen. Ansonsten ist ja jede \u00f6ffentliche Zeichensetzung f\u00fcr ein Religionsbekenntnis\u00a0 von den Nazis gleich verboten worden, nachdem sie die Herrschaft \u00fcbernommen hatten; das war nun schon vor einigen Jahren. \u201eJetzt geht\u2019s langsam zu Ende\u201c, sagen manche ganz leise hinter vorgehaltener Hand, aber nur zu jemandem, den sie gut kennen, dem sie vertrauen k\u00f6nnen. Aber Obacht: Vertrauen kann man jetzt niemandem, das kann schlecht ausgehen, man sagt jetzt am besten zu niemandem etwas, man h\u00e4lt den Mund; sagt auch nichts davon, was zu Hause geredet wird. Vielleicht ist der Herr Waldmann, der &#8211; wenn er zu Hause ist &#8211; rauchend und hustend im Zimmer auf- und abgeht &#8211; auch deshalb so schweigsam, aber ich glaube eher, da\u00df er das von Natur aus ist, weil er auch mit seiner Frau nicht viel redet, jedenfalls nichts vor uns beiden Buben, wenn wir da sind und miteinander spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist die Zeit um das Kriegsende. Der Feind steht schon l\u00e4ngst im eigenen Land, knapp vor dem Ort. \u201eDas letzte Aufgebot\u201c marschiert auf, zur Ortsverteidigung, wie man sagt. Es sind lauter alte M\u00e4nner und ganz junge Burschen. Sie alle tragen ein etwa ein Meter langes dickes Rohr geschultert und marschieren im Gleichschritt und auf Befehl. Die Befehle gibt der Vyslik, ein kleiner Mann. Er ist zwar nur etwa 1,55 Meter gro\u00df &#8211; wie der Dollfu\u00df, sagen manche -, aber er kommandiert mit schneidiger Stimme, als w\u00e4re er ein General oder zumindest ein Oberst; denn er ist ein ganz \u00dcberzeugter, ein Fanatischer, er war ein Illegaler von Anfang an; er ist ein Einschleimer und gef\u00fcrchtet, weil v\u00f6llig unberechenbar: man wei\u00df nie, woran man mir ihm wirklich ist. Er hat noch seine SA-Uniform und die schwarzen Stiefel an, die er schon, noch bevor das Naziregime in \u00d6sterreich wirklich etabliert war, zu Hause im Schrank vorsorglich vorbereitet hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser Vyslik-Zwerg marschiert nun also neben der Truppe der alten m\u00fcden M\u00e4nner und der zweiten, der unsicheren etwa F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen fast wie im Stechschritt nebenher und kommandiert\u201erechts &#8211; links &#8211; geradeaus!\u201c mit schneidiger Stimme, die gar nicht seine ist, sondern nur eine Imitation eines Schreistils, der bei den Nazis, vor allem bei den Reichsdeutschen, \u00fcberall verbreitet war, und den man besser sich aneignete, um als einer der ihren und nicht als \u201eschlapper Ostm\u00e4rkler\u201c enttarnt zu werden und somit als etwas Minderwertiges zu gelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist ein tr\u00fcber Vormittag, als ich diese m\u00fcde Truppe, dieses letzte Aufgebot, die Panzerfausttr\u00e4ger vom Fenster aus dem letzten Stock der Waldmann-Wohnung sehe. Alle diese M\u00e4nner und Burschen schauen irgendwie gleich aus, auch ohne einheitliche Uniformen; sie haben alle irgendwelche grauen Kleider an und auf der rechten Schulter, mit der rechten Hand gehalten, dieses dicke Rohr mit einem Kopf, eben die Panzerfaust. Diese Truppe von etwa 60 Panzerfausttr\u00e4gern &#8211; 30 Alte und 30 Junge &#8211; marschieren direkt unten auf dem Platz an der Mariens\u00e4ule vorbei in Richtung Ortsdurchfahrtstra\u00dfe. Anscheinend geht es hinaus auf die Linzerstra\u00dfe oder auf die Roanastra\u00dfe. Dort sind auch schon die Panzersperren aufgebaut und irgendwo dahinter haben sie sich in ausgehobenen Gr\u00e4ben zu verstecken, um dann die n\u00e4herkommenden Panzer des Feindes mit der Panzerfaust abzuschie\u00dfen. Dazu werden sie vom Vyslik und einem Reichsdeutschen in schwarzer Uniform instruiert. Die in den schwarzen Uniformen, oft ganz junge Burschen, manche auch \u201eWehrw\u00f6lfe\u201c genannt, sind besonders gef\u00e4hrlich. An denen geht man am besten schnell vorbei, man vermeidet es, ihre Wege zu kreuzen. Nur der Vyslik hat anscheinend mit denen etwas zu tun, denn vor denen mu\u00df er stramm stehen und tut das auch; so wie die Panzerfausttr\u00e4ger, ob alt oder jung, vor ihm stramm stehen m\u00fcssen, wenn er einen Befehl schreit. Und das genie\u00dft der Vyslik. Ja, jetzt ist er wer; sp\u00e4ter, nach dem Zusammenbruch war er wieder ein Niemand, halt der Fahrradmechaniker in einer kleinen Werkst\u00e4tte am Ortsausgang in der Linzerstra\u00dfe, der unsere kaputten Fahrr\u00e4der reparierte und \u00e4u\u00dferst freundlich zu uns war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe also am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett und schaue auf den Marktplatz und die unten vorbeimarschierende Truppe hinunter. Und pl\u00f6tzlich sehe ich die hagere Gestalt des alten kranken Waldmann unten in dieser Truppe, m\u00fcde mitmarschierend. Am anderen Fenster stehen der Rudi und seine Mutter, die Zinsmeisterin. Pl\u00f6tzlich schluchzt sie auf und sagt seufzend: \u201eNa sowos, jetzt hom\u2019s mir a no mein Mann g\u2019holt; die hom oafoch ned gnua.\u201c Und f\u00fcgt nach einer Pause hinzu: \u201eSo a Schand!\u201c Da\u00df man sowos erlebm mua\u00df!\u201c. Und dann weint sie wieder. Der Rudi versucht sie zu tr\u00f6sten. Mir ist die Situation peinlich weil zu familienintim. Ich verdr\u00fcck mich mit irgendeiner Ausrede &#8211; \u201ees ist dahoam zum Essen\u201c &#8211; aus dem Zimmer; bin aber auch ger\u00fchrt, und mir kommen gleichfalls die Tr\u00e4nen, warum, wei\u00df ich nicht, eben einfach so. Irgendwann schnappe ich dann noch am kurzen Nachhauseweg zum Oberen Marktplatz hinauf den Satz auf \u201eJetzt vahoazns de oidn Mauna und de jungen Buam a nu\u201c. Zu Hause sage ich von all dem nichts. Es ist sowieso schon zum Mittagessen und somit Zeit f\u00fcrs Mittagsgebet. Wir stehen im Raum rundum und beten: \u201eDer Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geiste&#8230;\u201c. Was die Heilige Maria vom Heiligen Geiste empfing, verstand ich nun \u00fcberhaupt nicht, wagte auch nicht, danach zu fragen. Was das soeben gesehene Geschehen aber bedeutete, das war mir weitgehend klar. Das war bedrohlich und eine Gefahr. Genauso wie das Panzerfaustlager in unserem Haus, das uns die Ortsnazis und wahrscheinlich der Vyslik oder der Herr Ortsgruppenleiter vielleicht mit Hilfe der schwarzen Totenkopftr\u00e4ger in einen Raum, der von der Stra\u00dfe aus \u00fcber drei Stufe betretbar war, eingelagert hatten &#8211; \u201edamit der Schwarze Wiplinger samt seiner Brut in die Luft fliegt, wenn\u2019s kracht.\u201c Mutter hat aber vor dem Beschu\u00df des Ortes durch den Feind und noch vor dem Zusammenbruch diese Panzerf\u00e4uste selber unter Lebensgefahr auf den Marktplatz hinausgetragen, um das Haus und uns Kinder zu retten, falls es \u201ezu was kommen sollte\u201c; was dann ja auch der Fall war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Vyslik und alle anderen Ortsnazis hatten nach dem Zusammenbruch dann einmal etwas Pause; dann etablierten sie sich wieder. Es mu\u00dfte ja endlich Frieden sein und eine Ruh &#8211; wie sie alle sagten; sogar mein Vater, der dann wieder B\u00fcrgermeister war &#8211; wie vor den Nazis und vor dem Krieg. Und dann redete niemand mehr \u00fcber solche \u201ealte Sachen\u201c. Nur der Herr Waldmann schien um Jahre gealtert und starb dann irgendwann, wahrscheinlich an dem vielen Rauchen. Er war ganz schweigsam geworden. Ging aber aufrecht in seiner Wohnung auf und ab; hinaus ging er kaum noch. Seine Frau, die liebe Zinsmeisterin, hat ihn um Jahrzehnte \u00fcberlebt. Den Rudi habe ich, da ich aus dem Ort fort ins Gymnasium nach Linz kam, aus den Augen verloren. Nur einmal haben wir uns &#8211; dies nach vielen Jahrzehnten &#8211; in unserem Heimatort wiedergesehen, bei einem Wirten; ich habe mich dazugesetzt auf ein Kleines Bier. Wir haben aber kaum was miteinander geredet. Wir waren einander v\u00f6llig fremd, So als h\u00e4tte es uns und das alles damals nie gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div id=\"attachment_19167\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-image-19167 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/Wiplinger-Peter-Paul-2008-10-19-Copyright-Annemarie-Susanne-Nowak_sw-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-19167\" class=\"wp-caption-text\">Wiplinger Peter Paul, Portr\u00e4t von Annemarie Susanne<\/p><\/div>\n<p><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ein anderes Bild, das mich schon mein ganzes Leben lang, seit meiner fr\u00fchen Kindheit begleitet, sehe ich wieder einmal vor mir: Ich sitze am Fenster oder knie auf dem Fensterbrett in der Wohnung der Eltern meines sp\u00e4teren Schulfreundes, dem&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2020\/09\/01\/panzerfaeuste\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":98,"featured_media":19167,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1142],"class_list":["post-51094","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-peter-paul-wiplinger"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51094","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/98"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=51094"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/51094\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=51094"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=51094"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=51094"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}