{"id":51088,"date":"2022-04-20T00:00:00","date_gmt":"2022-04-19T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=51088"},"modified":"2022-02-24T07:09:51","modified_gmt":"2022-02-24T06:09:51","slug":"die-hitler-bilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2022\/04\/20\/die-hitler-bilder\/","title":{"rendered":"Die Hitler-Bilder"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberall verschwanden sie pl\u00f6tzlich bei Kriegsende: die Hitler-Bilder. Zuerst in den Privath\u00e4usern, dann auch an und in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden. Man entsorgte sie so schnell es nur ging und sagte, es d\u00fcrfe kein Hitler-Bild von der Besatzung gefunden werden, am allerwenigsten von den Russen. Und so hing man die Hitler-Bilder ab. Wo fr\u00fcher eines gehangen war, dort war an der Wand nun ein wahrnehmbarer Fleck so gro\u00df wie fr\u00fcher das Bild. In manchen Herrgottswinkeln, wo vorher das Kreuz mit dem gekreuzigten Jesus gehangen oder gestanden und dann durch ein Hitler-Bild ausgetauscht worden war, hing oder stand nunmehr wieder das alte Kreuz, das man vom Keller oder Dachboden geholt hatte. Und alles hatte somit wieder seine Ordnung; so glaubten viele.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die meisten Hitler-Bilder fanden sich am <em>Dreispitz<\/em>auf dem <em>Scherbenhaufen,<\/em>dem Mistplatz des Ortes, wo man seinen M\u00fcll und sonstige Abf\u00e4lle deponierte, die dann mit einer Schichte Erde bedeckt wurden. Da fanden wir Buben pl\u00f6tzlich viele Hitler-Bilder; und diese brannten. Man hatte sie nach dem Hinbringen und noch vor dem Weggehen angez\u00fcndet, manchmal an mehreren Stellen gleichzeitig. Einige Bilder hatte man samt den Rahmen und noch unter Glas weggeschmissen und angez\u00fcndet. Die Leute, welche die Hitlerbilder auf dem Scherbenhaufen deponierten, vor allem dann, wenn keine Leute da waren, also sozusagen im Geheimen, erledigten das sehr schnell, oft kamen sie gar nicht mehr zum Anz\u00fcnden, sondern gingen gleich wieder weg. Sie wollten nicht gesehen werden. L\u00e4cherlich, weil man doch sowieso wu\u00dfte, wer alle diese Nazis waren. Nachher wollte keiner ein Nazi gewesen sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn die h\u00f6lzernen, lackierten Rahmen gut brannten, dann zersprang nach einer Weile das Glas durch die von den Flammen erzeugte Hitze. Das Zerbersten des Glases war f\u00fcr mich besonders interessant, weil es etwas Magisches an sich hatte. Ich erinnere mich, wie ich das an einem solchen Bild genau beobachtet hatte. Und als das Glas zerborsten und das Bild, eine gro\u00dfe Fotografie Feuer gefangen hatte, da rollte sich dieses Hitler-Bild, dieses Hitler-Gesicht langsam brennend zusammen. Das Fotopapier stank, es gab beim Verbrennen einen Geruch wie in einem Spital frei. \u201eDer Hitler rollt sich zusammen und verbrennt\u201c, sagte ich zu meinem Freund, mit dem ich auf dem Mistplatz war. Und ich empfang so etwas wie ein Triumphgef\u00fchl in mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir waren so oft wie m\u00f6glich jetzt auf dem Scherbenhaufen am Dreispitz. Dies vor allem deswegen, weil wir das Glas der gerahmten Hitler-Bilder sammelten, das hei\u00dft: zu sammeln versuchten. Denn dieses Glas konnten wir, wenn es ganz blieb, um ein paar Pfennige verkaufen; denn Glas war in jenen Tagen Mangelware. Aber es war sehr schwer, an dieses Glas der Hitler-Bilder heranzukommen, es so aus dem Rahmen zu l\u00f6sen, da\u00df es nicht zerbrach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Hitler-Bilder also verschwanden aus dem Ort. Vielleicht da\u00df der eine oder andere sein Hitler-Bild irgendwo gut versteckte, sozusagen als Andenken. Aber das Risiko war gro\u00df. Man konnte gro\u00dfe Scherereien bekommen, wenn es <em>nachher<\/em>gefunden wurde. Auch einige braune Uniformjacken fanden sich auf dem Scherbenhaufen, manchmal mit allerlei <em>Klimbim<\/em>daran. Schwarze Hosen fand man nicht; deren Stoff konnte man ja auch nachher verwenden; manchmal gewendet. Viele hatten nachher schwarze Hosen an, manchmal mit irgendwelchen Streifen in einer anderen Farbe verziert. Pl\u00f6tzlich waren auch wieder die Trachtenanz\u00fcge modern und die <em>Dirndln<\/em>; und zwar bei den Leuten, die vorher Uniform getragen hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs mu\u00df sich alles m\u00f6glichst schnell wieder normalisieren\u201c, war der Satz, den man oft h\u00f6ren konnte. Und so war es dann auch. Einige Monate nach der Nazizeit und dem Krieg fragte kein Mensch mehr nach, wer wann wo gewesen war und was er wo wie gemacht hatte. Fast jeder fand in einem Beruf zur\u00fcck. Es ging wieder aufw\u00e4rts; trotz der Nachkriegsnot. Im Radio wurden Namen verlesen, von Gefallenen und Vermi\u00dften, sp\u00e4ter dann von Heimkehrern. Alles normalisierte sich. Und pl\u00f6tzlich gab es manchmal wieder Butter aufs Brot. Und die Russen-Soldaten spielten Basketball vor unserem Haus. Und schrieen und lachten dabei wie die Lausbuben. Und freuten sich \u00fcber ihr Leben; und da\u00df alles jetzt so war, wie es war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97941\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Wiplinger-Peter-Pauljpg-e1645466064828.jpg\" alt=\"\" width=\"212\" height=\"300\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcber den dezidiert politisch arbeitenden Peter Paul Wiplinger lesen Sie hier eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=14676\">W\u00fcrdigung<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u00dcberall verschwanden sie pl\u00f6tzlich bei Kriegsende: die Hitler-Bilder. Zuerst in den Privath\u00e4usern, dann auch an und in \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden. 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